Hallo, mein Name ist Dorie, ich leide an einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses...
Walt Disney würde sich im Grabe umdrehen. All die entgangenen Marketing-Möglichkeiten! Statt seine frühen Trickfilm-Erfolge richtig auszuschlachten, nahm er immer neue wahnwitzige Projekte in Produktion. Dabei hätte allein die Origin-Story von Schneewittchens sieben Zwergen über Jahre stabile Umsätze garantiert. Ganz zu schweigen von "Die spannenden Abenteuer von Jiminy Cricket" oder "Die Kindheit des Gepetto" über die beliebten Pinocchio-Figuren. Stattdessen verschwendete er seine Zeit mit psychedelisch bebilderten Klassikkonzerten und verschreckte die Jugend mit fliegenden Elefanten und Rehkitz-Waisen.
Oh, Sand! Ich liebe Sand, er ist so schön matschig!
Bald nach Walts Tod 1966 wurde zum Glück die Videokassette erfunden, und der Disney-Konzern produzierte prompt zu jedem Hit billige, uninspirierte Fortsetzungen für die Flimmerkiste im Wohnzimmer. Ob Pocahontas II, Simbas Abenteuer, Kleine Strolche - selbst eine Fortsetzung des Glöckners von Notre Dame war für ein paar Dollars gut.
Hallo, mein Name ist Dorie, könnt ihr mir helfen, meine Eltern zu finden?
Endlich sieht sich auch Pixar in dieser Tradition des Mutterstudios und produziert zu jedem Hit teure, uninspirierte Fortsetzungen. Einzig Toy Story 2 übertraf dabei das Original, aber das ist lange her. Und doch: Die Rechnung scheint aufzugehen: Fast jeder zehnte Amerikaner hat schon ein Ticket für Finding Dory gelöst. Weltweit ist die Milliardengrenze in Dollars fast erreicht, vielleicht wird in der Jahresbilanz sogar noch das (originelle und trotzdem grauenhafte) Produkt des Mutterkonzerns Zoomania überholt.
Muscheln! Ich liebe Muscheln! Meine Mutter mochte besonders die violetten!
Was soll ich gegen solche Zahlen und immer noch einen Metascore von 7,7 anschwimmen? Anbringen, dass Dorie als Sidekick toll war, als Hauptfigur allerdings schnell nervt? Dass ich keinen Spannungsbogen erkennen konnte und der Film in Einzelepisoden zerfällt? Dass die "zufälligen" Begegnungen jedwede Glaubwürdigkeit strapazieren? Dass es verstörend wirkt, dass Nemo nach einem Jahr erst halb so gross wie sein Vater ist - und das bei einer Lebenserwartung von 6-9 Jahren? Dass die Aquariumbilder inzwischen so realistisch gerendert sind, dass Nemos lyrische Qualität völlig verlorengegangen ist? Und was, um Avatars willen, hat Sigourney Weaver hier verloren?
Hallo, wisst Ihr den Weg nach nirgendwo?
Und dann die fragwürdigen Botschaften! Spoiler: Hatten Dories Eltern wirklich all die Jahre nichts anderes zu tun, als in ihrem Unterseehäuschen zu hocken, Muschelspuren zu legen und auf ihre verschollene Tochter zu warten? Welch eine Verschwendung, diese Loser mit den Altstars Diane Keaton und Eugene Levy zu besetzen! Und Familie ist Familie, aber wenn man seine Familie vermisst, muss man Familie suchen, nur um am Ende festzustellen, dass Freunde Familie sind - aber hat man dann zwei Familien? Welche ist überzählig?
Hallo, mein Name ist Dorie, ich leide an einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses...
Was würde Dorie tun? Wahrscheinlich eher das charmante Original nochmals anschauen, gern in der nachträglich veröffentlichten 3D-Version. Auch ein Besuch des Aquariums im heimischen Zoo wäre vorzuziehen. Allein der Septopus Hank (gesprochen vom Modern-Family-Patriarchen Ed O'Neill) und der herzallerliebste Vorfilm Piper machen den Kinoabend noch erträglich (4/10). Und wehe, Pixar kommt uns in ein paar Jahren mit "Findet Hank"!
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