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Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutscher Emmy-Gewinner: Deutschland 83

Alle jubeln im Moment über Maren Ades Toni Erdmann: Nominierung für den Golden Globe, Europäischer Filmpreis, Oscar-Favorit. Auch bei vielen amerikanischen Kritikern findet sich das peinlich-komische Drama oft in der Top10 der besten Filme von 2016. Ach, wenn mir das Ding doch nur gefallen hätte!


Es gibt aber in diesem Jahr noch einen weiteren deutschen Triumph, wenngleich nur auf der Mattscheibe. Erstmalig ging der seit 2002 vergebene internationale Emmy für die beste Drama-Serie nach Deutschland (die Verleihung erfolgt unabhängig von den Preisverleihungen der US-internen Primetime Emmys und Daytime Emmys).  In dieser Kategorie gaben bislang die Dänen, Briten (BBC, etwa Life on Mars) und Franzosen (Canal+, etwa Les Revenants) den Ton an. Nun reiht sich hier die RTL-Serie Deutschland 83 ein. Vielleicht gibt es kein besseres Indiz dafür, wie tot das deutsche Fernsehmodell wirklich ist: Schon vor der Erstausstrahlung hierzulande wurde die Serie in die USA verkauft, wo sie erfolgreich mit englischen Untertiteln lief. Bei RTL dagegen gab es Ende 2015 nur dürftige Einschaltquoten. Zum Glück gibt es inzwischen Alternativen - Amazon Prime zeigt alle acht Folgen der ersten Staffel und hat auch schon eine Fortsetzung in Auftrag gegeben ("Deutschland 86"), die übernächstes Jahr zu sehen sein wird.



1983 war ein spannendes Jahr in der deutschen Geschichte: Nachrüstungsbeschluss, Friedensbewegung, zunehmende Spannungen zwischen den Großmächten. Dies erleben wir aus der Perspektive des naiven 24jährigen NVA-Soldaten Martin Rauch, der als Oberleutnant Stamm in den Führungszirkel des Bonner Generals Wolfgang Edel eingeschleust wird. Hier soll er Informationen über die Pläne der NATO sammeln, denn die sowjetische Führung befürchtet einen Erstschlag des Westens. Im wesentlichen gibt es nun zwei Handlungsebenen. Im Zentrum stehen Martins Spionageabenteuer in Bonn und Brüssel, bei denen er der Familie des Generals auch privat näher kommt: Sohn Alex ist ein Offizierskamerad mit Sympathie für die Friedensbewegung, Tochter Yvonne gar Mitglied einer pazifistischen Kommune. Währenddessen erfährt Martins Freundin Annett in Ost-Berlin, dass sie schwanger ist, und kümmert sich um seine nierenkranke Mutter, die zudem wegen ihrer Vorliebe für westliche Literatur (Orwells 1984) in Konflikt mit der Stasi kommt (diese Handlungsebene wirkt leider ein wenig schematisch).



Natürlich hätte niemals ein DDR-Soldat ohne besondere Ausbilung über längere Zeit einen westdeutschen Offizier verkörpern können. Aber wenn man einmal die unmögliche Voraussetzung geschluckt hat, macht die Geschichte sehr viel Spaß, und man lernt nebenbei noch einiges über die historische Situation (oder frischt die eigene Erinnerung auf). Tatsächlich gilt das NATO-Manöver Able Archer als eine der kritischsten Situationen des Kalten Krieges. Wie schön zu wissen, dass ein kleiner DDR-Spion den drohenden Atomkrieg gerade noch abwenden konnte;-) Und wenn am Ende kurz das freundliche Gesicht des jungen Gorbatchov eingeblendet wird, werfen positive Entwicklungen ihre Schatten voraus, auch wenn damit die reale Bedrohung der Periode vielleicht ein wenig verharmlost wird. Und sicher war die Friedensbewegung nicht, wie in der Serie behauptet, ein von der Stasi gelenkter Haufen von Spinnern. Vor einen solchen Karren hätten sich Willy Brandt und Heinrich Böll nicht spannen lassen. Aber ansonsten wird die Stimmung der Zeit schon sehr deutlich.



Es ist schon geschickt, wie immer wieder Fernsehreden von Reagan, Kohl und Honecker eingeblendet werden, jeweils aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven der Tagesschau und der Aktuellen Kamera (in der UdSSR hatte gerade für kurze Zeit Yuri Andropov das Sagen, was ich selbst nachschlagen musste). Dazu kommen die sorgfältig recherchierte Ausstattung, authentische Kostüme. und liebevolle Details wie einer der ersten Sony-Walkmen oder eine 5 1/4-Zoll-Diskette. Letztere sorgt für viel Vergnügen, denn im Osten gab es noch gar keine passende Hardware, um den darauf vermuteten Geheimbericht auszulesen. Die wichtigste Verwurzelung ins Jahr 1983 bietet aber die Musikauswahl. Das beginnt am offensichtlichsten mit Nenas 99 Luftballons und Fischer Z's Berlin, wirkt manchmal etwas unbeholfen integriert, etwa Bowies China Girl nach Martins Prügelei mit einer asiatischen Spionin (ja, an Action fehlt es nicht), überrascht aber gern mit fast vergessenen "Klassikern" der Neuen Deutschen Welle (Fehlfarben, Ideal) und der britischen New Wave (Duran Duran, The Cure). Udo Lindenberg, dessen herrlicher Sonderzug nach Pankow damals tatsächlich im Radio rauf- und runterlief, bekommt dabei Extrawerbung (wer wäre schon drauf gekommen, wie gut sich Honecker auf "lecker" reimt - Yvonne Edel darf den Rocker sogar als Background-Sängerin nach Ost-Berlin begleiten). Ich persönlich war damals eher von BAP geprägt (Zehnter Juni, Wenn et Bedde sich lohne däät), das mag aber meiner rheinländischen Herkunft geschuldet sein.



Insgesamt hat Deutschland 83 im besten und im schlechtesten Sinn das Niveau amerikanischer Serien. Im besten Sinne, weil es Mut zur Unterhaltung hat, die Geschichte von den Figuren her aufbaut und sich nie zu ernst nimmt, im schlechtesten, weil oft Nuancen zugunsten von Schockeffekten geopfert, die Seifenopernelemente übertrieben und einfach zu viele Zutaten verwurstet werden. Mussten denn wirklich noch AIDS und der berüchtigte Terrorist Carlos in den Mix? Musste Martin in Bond-Manier wirklich von einem Bett ins nächste hüpfen? Für meinen Geschmack gab es auch ein paar Leichen zu viel, mit wenig Konsequenzen (auch in dieser fernen Vergangenheit kannte die deutsche Polizei schon Fingerabdrücke).



Gelungen ist auch die Besetzung mit einer Mischung aus erfahrenen Stars und vielversprechenden Jungdarstellern. Zunächst aber ein paar Worte zu den Leuten hinter der Kamera. Erfunden und hauptsächlich verfasst wurde die Serie von Anna LeVine Winger und Jörg Winger, über die die IMDB nicht viel hergibt. Ich kann nur vermuten, dass die beiden ein Ehepaar sind, bei RTL gibt es immerhin ein fünfminütiges Interview mit den beiden, für welches man allerdings vier (4!) Werbespots ertragen muss. Regie führten die TV-erfahrenen Edward Berger und Samira Radsi. Es scheint, dass das Projekt so ziemlich quer zu allen deutschen Fernsehkonventionen entstand, auch wenn am Ende mit Nico Hofmann ein seit Jahrzehnten erfolgreicher Produzent hinzukam.



Den "älteren" Stars (meiner Generation) merkt man die Freude an ihren vielschichtigen Rollen an. Da ist Maria Schrader als Martins Tante Lenora. Seit ihrem Durchbruch mit Doris Dörries Keiner liebt mich (1994) wird sie zumindest von den Zuschauern geliebt, und sie steuert die Stasi-Funktionärin gekonnt zwischen Sympathie und ideologischem Pflichtbewusstsein. Als ihr Vorgesetzter Schweppenstette (wunderbarer Name) ist Sylvester Groth, der schon in Codename U.N.C.L.E. und Sense8 den Schurken gab, auch hier weitaus skrupelloser, zeigt am Ende aber doch menschliche Schwächen, zumindest für Martins Mutter ;-) Dazu kommt Alexander Beyer (Sonnenallee, Good Bye Lenin) als schmieriger Bonner Professor und Leitfigur der westdeutschen Friedensbewegung. Auf der anderen Seite ist Ulrich Noethen als General Edel hervorzuheben, ideologisch zerrissen, von seiner Familie gebeutelt. Noethen ist mir seit seiner Rolle als Harry Frommermann in den Comedian Harmonists ans Herz gewachsen; im international berühmten Untergang spielte er Heinrich Himmler.



Das wäre alles nur Beiwerk ohne einen starken Hauptdarsteller, und den hat man im inzwischen 26jährigen Jonas Nay gefunden, der mir wie seine jungen Kollegen unbekannt war, aber offenbar schon seit zehn Jahren im Geschäft ist. Er vermittelt die notwendige Naivität, aber auch genug Kompetenz, dass man ihm seine Spionageeskapaden immer wieder abnimmt. Als Alex Edel steht ihm der zwei Jahre ältere Ludwig Trepte zur Seite (dessen Credits sogar bis 2001 zurückgehen), mit der vielleicht besten Leistung der Nebendarsteller in einer schwierigen Rolle. Bei den jungen Frauen hat mich Sonja Gerhardt als Martins zurückgelassene Freundin am meisten überzeugt. Annett glaubt verbissen an die Ideale der DDR und wird schnell als Spitzel rekrutiert. Erst gegen Ende begreift sie ein wenig, was sie da eigentlich angerichtet hat. Stark war auch die 1983 geborene Nikola Kastner als NATO-Sekretärin, die sich mti traurigen Konsequenzen von Martin verführen lässt. Am schwächsten ausgeführt ist die Generalstochter Yvonne, sie tut das, was der Handlung dient. Lisa Tomaschewsky ist zwar hübsch anzusehen, wirkt in dieser Rolle aber eher hohl.

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