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Sonntag, 28. Mai 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Novellen

Spät passe ich mich dem offiziellen Sprachgebrauch an. Für den Hugo-Gernsback-Award nominieren darf jedes Mitglied des WeltCons bis zu fünf Werke pro Kategorie. Die Finalisten sind diejenigen mit den meisten Nominierungen. Nach einer klugen Regeländerung sind dies nun sechs Gesetzte, aus denen der Gewinner gewählt wird.

Noch wichtiger, es greift nun eine Regeländerung, die Slate-Voting in diesem Jahr ziemlich erfolgreich verhindert hat, so dass nur wenige Puppy-Kandidaten ins Rennen gehen. Allerdings setzt sich der Trend zur Bevorzugung von Minderheiten und LGBT-Autoren fort. Für den Besten Roman (dazu später vielleicht mehr) sind 2017 nominiert: eine amerikanische Transgender-Frau, ein Chinese, ein Korea-amerikanischer Transgender-Mann, eine schwarze amerikanische Frau, und zwei weitere weisse Amerikanerinnen, deren Werke zumindest Gender-bewusst sind. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen schränkt es vielleicht ebenfalls die künstlerische Vielfalt ein.

Die seit Jahren zunehmende Konzentration auf Fantasy spiegelt hingegen lediglich den Buchmarkt wieder. Trotzdem ist es ein trauriger Rekord, dass in diesem Jahr alle sechs Novellen (mit jeweils einer Länge von ca. 100-200 Seiten) dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Im einzelnen sind dies (in meinem Stimmzettel entsprechend aufsteigender Reihenfolge):

 (6) This Census-Taker, by China Miéville 


Der Brite China Miéville ist einfach nicht mein Fall. "The City & the City" gewann 2010 als vierter seiner fünf nominierten Romanen den Hauptpreis, aber stilistisch und erzählerisch kann ich mit seinen Büchern nichts anfangen. Da diese Fantasy-Novelle zudem dem Voters Package nur als PDF beiliegt, habe ich mir das Lesen gespart.

 (5) The Ballad of Black Tom, by Victor LaValle


Die erste von zwei Lovecraft-Nacherzählungen mit Twist in dieser Kategorie handelt von einem 20jährigen schwarzen Blues-Gitarristen im New York der 20er, der zwischen die Fronten mächtiger Zauberkräfte gerät. Atmosphärisch, aber trotz der Kürze unfokussiert erzählt und dadurch nicht besonders fesselnd. Der Twist ist natürlich die gelungene Perspektive des Jugendlichen aus Harlem. Der Assistenzprofessor an der Columbia University Victor LaValle ist in Queens aufgewachsen und schreibt offenbar nur im Nebenjob - daran gemessen ist er recht erfolgreich.

 (4) Penric and the Shaman, by Lois McMaster Bujold


Meine SF-Lieblingsautorin geht langsam auf die 70 zu, und darin liegt vermutlich der Grund für diese kürzeren Ausflüge in ihre Fantasy-Welt der Sechs Götter (inzwischen sind bereits zwei weitere Novellen um Pendric und Desdemona erschienen). Spannende, sympathische Unterhaltung ohne viel Tiefe.

 (3) The Dream-Quest of Vellitt Boe, by Kij Johnson


Diese zweite Lovecraft-Adaption der 57jährigen Akademikerin Kij Johnson hat es in sich. Eine Mathematik-Professorin versucht einer ausgebüxten Schülerin aus der "Traumwelt" in die reale Welt zu folgen und sie zur Rückkehr zu bewegen, bevor deren Großvater, ein seniler Gott, aus Wut ihre Heimat zerstört. Die durchaus spannende Erzählung lebt von der übersprudelnden Phantasie der Autorin, die die mysteriöse Traumwelt mit immer neuen Details ausschmückt, dabei allerdings bis auf die Hauptfigur keine überzeugenden Charaktere aufbaut. Für meinen Geschmack ein zu komplexer Weltenaufbau für eine kurze Erzählung. Der Twist ist hier die weibliche Perspektive. H.P. Lovecraft, 1890 - 1937, wurde postum als Meister des Horros verklärt, seine Welten sind aber wie die seiner meisten Zeitgenossen männlich und zumindest Rassen-elitär (dies nur aus dritter Hand erschlossen).


 (2) A Taste of Honey, by Kai Ashante Wilson


"A Taste of Honey" ist eine "Romeo & Julius"-Geschichte in einer komplexen Fantasy-Welt verschiedener Rassen, Kulturen und Götter, die Kai Ashante Wilson bereits in einem Roman eingeführt hatte. Die Erzählstruktur ist ein wenig kompliziert, mit vielen Zeitsprüngen, und der Stil des schwarzen New Yorkers ist gelegentlich allzu selbstverliebt, mit Zitaten in Latein und Sprüngen zwischen Umgangssprache und Hochsprache. Im Mittelpunkt steht die Kontemplation einer wegweisenden Entscheidung im Leben des Protagonisten (für die Familie oder den Geliebten) und ist trotz erzählerischer Holprigkeiten überaus anrührend. Trotzdem bin ich nicht besonders auf den zugehörigen Roman erpicht.

 (1) Every Heart a Doorway, by Seanan McGuire


Seanan McGuire, die auch als Mira Grant schreibt, ist sicher eine der sympathischsten und rührigsten Autorinnen des Genres. Die 39jährige Kalifornierin ist dieses Jahr auch in der neuen (fragwürdigen) Kategorie "Beste Serie" Finalistin. "Every Heart a Doorway" gewann in diesem Jahr bereits den Nebula Award der amerikanischen Autorenschaft, und ein erster Hugo wäre ihr wirklich zu gönnen. Ihre sprachlichen Mittel sind im Vergleich zur Konkurrenz eher einfach, ihre Erzählstruktur konventionell, und doch ist ihre Geschichte keineswegs trivial, und die stets überzeugend weibliche Perspektive der Autorin nicht selbstverständlich.

Die 17jährige Nancy trifft in einem Internat für "gestörte" Kinder ein; "gestört" jedenfalls in den Augen der Eltern - tatsächlich sind dies alles Jugendliche (zumeist Mädchen), die ähnlich wie "Alice im Wunderland" eine Zeit in einer Phantasiewelt verbracht haben, von den Erwachsenen interpretiert als traumatische Entführungen. Die meisten betroffenen Kinder möchten nichts lieber als wieder in ihre jeweilige Welt zurückkehren, aber dies ist offenbar nur selten möglich. Im Internat lernen sie nun, dass sie in ihrem Schicksal nicht allein sind, auch wenn es sehr verschiedene Phantasiewelten gibt. Tatsächlich kann man diese grob anhand eines Kompasses mit den Hauptrichtungen Logik, Unsinn, Tugend und Laster einordnen (die Welt von Alice liegt wohl klar in Richtung Unsinn). Doch bevor sich Nancy auch nur richtig eingelebt hat, wird bereits ihre Zimmerkameradin ermordet, und sie findet sich im Zentrum der Untersuchung wieder...



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