Suche im Blog

Sonntag, 14. Mai 2017

Klassiker auf Blu-ray #17: Comedian Harmonists (1997)

🎝VEEEEronika!
🎝Veronika, Veronika, der Lenz ist da!



🎝Veronika, der Lenz ist da,
🎝die Vöglein singen Trallalla
🎝die ganze Welt ist wie verhext
🎝Veronika, der Spargel wächst

Moment mal, was? Das kann man denken, aber doch nicht singen! Sagte angeblich Ari Leschnikoff, das bulgarische Mitglied der Combo, der deutschen Sprache kaum mächtig, aber mit seinem zartschmelzenden Jahrhunderttenor und verschmitzten Charme doch der Frauenschwarm unter seinen Kollegen, die für kurze Jahre die Welt verhexten mit ihrem respektlosen Trallalla. Wie so oft war es eine Mischung starker Individuen, die im Ergebnis weit mehr als die Summe ihrer Teile ergab: Die Comedian Harmonists (1927 - 1935). Da war Erich Collin, präziser zweiter Tenor, dessen klare Stimme Leschnikoff ergänzte und kontrastierte; der Polen-stämmige Roman Cycowski, dessen kraftvoll-schöner Bariton die Brücke schlug zum sonoren, oft humoristisch polternden Bass des Berliner Urgesteins Robert Biberti; der junge (zu Beginn gerade 21jährige) Begleitpianist Erwin Bootz mit seinen leichtfüßig tanzenden Fingern; und natürlich der Gründer und Arrangeur Harry Frommermann, nominell dritter Tenor, klanglich angesiedelt irgendwo zwischen Vöglein und Flügelhorn (das Duell in Duke Ellingtons "Creole Love Call" zwischen Bibertis Posaune und Frommermanns krächzender Trompete, die bald in eine geschmeidige Klarinette übergeht, wäre allein schon den Eintrittspreis wert).


Die Comedian Harmonists waren für einige Jahre eine der Hauptattraktionen auf den europäischen Bühnen. Ihr Repertoire bestand großenteils aus bekannten Schlagern ihrer Zeit, aber ihre Interpretationen transzendierten selbst die banalsten Volkslieder. Und welchem Schlagertexter würde heute noch wie Fritz Löhner-Beda vor 90 Jahren in der "Bar zum Krokodil" einfallen, "Ramses" auf "da ham'Ses" zu reimen! Umwerfend komisch, gelegentlich auch mit Pathos vorgetragen, immer originell und unterhaltsam - ein paar Auftritte in Kinofilmen (etwa 1930 in Die Drei von der Tankstelle) lassen ihre damalige Wirkung wohl nur erahnen. Ein Stück deutscher Kulturgeschichte, das dem Dritten Reich zum Opfer fiel und lange Zeit vergessen war. Bis dann...


50 Jahre später Eberhard Fechner für den NDR eine dreistündige Dokumentation über die Comedian Harmonists mit dem Untertitel Sechs Lebensläufe produzierte (auch das Begleitbuch ist lesenswert). Vier der sechs Originalmitglieder konnte er noch befragen, leider starb Frommermann kurz vor Beginn der Dreharbeiten (er und der 1961 verstorbene Collin sind durch Partner und Geschwister vertreten). Selten ist eine derart packende Musikdokumentation gelungen, mit komischen und tragischen Aspekten, getragen immer wieder von jenen herrlichen historischen Aufnahmen. Am glücklichsten hatte es Cycowski getroffen, für den sich eine lange Karriere als angesehener Kantor in San Francisco anschloss. Am traurigsten ist der Werdegang des genialen Frommermann (später Frohman), der nach dem Krieg nie wieder richtig Fuß fasste und zeitweise in einer Fabrik am Fliessband arbeiten musste! Faszinierend, wie in den Gesichtern von Bootz und Biberti nach all den Jahren ihre Persönlichkeitsfehler auch äußerlich sichtbar geworden waren. Überhaupt entsteht gerade in den Widersprüchen der Interviews ein plastisches Bild jener Zeit, in der die Musiker mit ungeheurer Energie und Fleiss über sich hinauswuchsen, viel Freude dabei hatten, aber auch unter zunehmenden Spannungen innerhalb der Gruppe litten, so dass die Trennung wahrscheinlich auch ohne die äußeren Umstände unausweichlich erscheint. Man weiss es nicht - es waren die Nazis, vor denen die drei Juden Cycowski, Frommermann und Collin schließlich fliehen mussten. 20 Jahre nach der Ausstrahlung der Dokumentation im deutschen Fernsehen kam sie übrigens in zwei Teilen wieder ins Kino, aus Anlass...



Des wiederauflebenden Interesses aufgrund Joseph Vilsmaiers Biographie, die 1997/98 mit um die drei Millionen deutschen Zuschauern überaus erfolgreich war. In zwei Stunden wurde hier die Geschichte der Comedian Harmonists erzählt, linear und konventionell, aber liebevoll ausgestattet und mit geschickt integrierten, überzeugend restaurierten Originalaufnahmen gespickt. Das Drehbuch hangelt sich von Anekdote zu Anekdote und konzentriert sich ansonsten auf die Spannungen zwischen Frommermann und Biberti. Es bleibt damit an der Oberfläche, die Geschehnisse an sich bieten aber genug Substanz, so dass sich durchaus eine kleine Geschichtslektion aus dem (wie heute noch recht provinziellen) Berlin der 30er entwickelt, gelegentlich plakativ, aber trotzdem bewegend. Unvergesslich der Schock des nationalkonservativen Musikalienhändlers Grünbaum (Rudolf Wessley), als er von Polizisten als "Judensau" beschimpft wird. Ein ausgelassener Höhepunkt dagegen ist die Hochzeit Cycowskis, bei der Klezmermaestro Giora Feidman persönlich zum Tanz aufspielt (er war in den 90ern in Deutschland omnipräsent, siehe auch Jenseits der Stille). Ansonsten sind die Mitglieder der Comedian Harmonists zufällig durchaus repräsentativ, von den Nazi-Mitläufern Bootz und Biberti bis zu den so unterschiedlichen Juden: der fromme Cycowski, der weltliche Frommermann und der getaufte, nur durch seine Herkunft gebrandmarkte Collin. Die Frauen an ihrer Seite sind dabei eher Staffage.



Als Darsteller engagierte Vilsmaier sympathische, durchweg etwas zu alte Typen, denen schauspielerisch nur wenig abverlangt wurde, die technisch allerdings hart arbeiten mussten, um als (Playback-)Sänger und Entertainer zu überzeugen. Damals war das eine Mischung aus bekannten Gesichtern und Neulingen, heute sind sie fast alle berühmt: für Ulrich Noethen (Frommermann) war es fast ein Debut; für Heino Ferch (Cycowski) und Ben Becker (Biberti) war es der Durchbruch; Kai Wiesinger (Bootz) war bereits aus Kleine Haie und Der bewegte Mann bekannt; Max Tidof und Heinrich Schafmeister waren als Nebendarsteller bereits Veteranen. Dazu gesellten sich Meret Becker (Bens Schwester als Spielball zwischen Frommermann und Biberti mit der größten Frauenrolle) und Katja Riemann (Mary Cycowski), ebenfalls seit Kleine Haie und Der bewegte Mann ein Star, sowie Vilsmaiers Muse Dana Vavrova als irgendeine der übrigen Partnerinnen. Wie in jedem bedeutenden deutschen Film taucht auch irgendwann Otto Sander auf (übrigens der Stiefvater der Beckers).



Als erstes nenneswertes deutsches Vokalensemble ihrer Art hatten die Comedian Harmonists viele Nachahmer. Ich persönlich kann z.B. die münsterschen Sechszylinder und der Berliner Männerwirtschaft nennen. Aber in all den Jahren hat niemand diesen Grad an Perfektion erreicht. Inzwischen sind sie ein Teil der deutschen Popkultur geworden, mit Bewunderern von Loriot bis Otto. Der Kinofilm bietet nur ein blasses Abbild dessen, und doch ist er als Ganzes viel besser als die Summe seiner Teile. Obwohl nicht für den Oscar eingereicht, wurde er in Arthouse-Kreisen als "The Harmonists" auch in den USA bekannt, selbst der damalige Präsident Bill Clinton soll ihn geschätzt haben. Jetzt ist endlich eine Blu-ray-Edition erschienen, die diesem Kleinod in glanzvollem Bild und Ton wieder gerecht wird (das Bild der DVD-Ausgabe war grauenhaft beschnitten und unscharf). Leider hat es nicht mal die 20minütige Doku der DVD auf die Blu-ray geschafft, in der immerhin der greise Roman Cycowski kurz zu Wort kam (er starb ein Jahr später). Fechners Dokumentation erzielt als DVD immer noch Fantasiepreise und ist demnach einer der größten Schätze in meinem Regal. Eine ordentliche Zusammenstellung der Aufnahmen auf CD ist leider immer noch nicht in Sicht, so dass man nach wie vor mit einem Sammelsurium von "Best of"-Ausgaben leben muss.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen