Jenseits der Hoffnung liegt Aki Kaurismäkis Finnland. Es besteht aus schäbigen Einzimmerwohnungen, scheusslichen Hotelzimmern und schummrigen Kneipen. Dazu kommen vermüllte Straßen, trübe Hafenlandschaften, trostloses Großstadt-Flair. Bevölkert ist es von Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern und einem derart lakonischen Gefühlsleben, dass sie südlich von Berlin wahrscheinlich als Zombies durchgehen würden. Alkohol fließt in verqualmten Räumen wie anderswo Leitungswasser. Und doch brodelt es unter der abweisenden Oberfläche, es laufen wortlose Dramen ab, und es gibt unerwartete Wendungen, die nur durch Herzenswärme erklärbar sind. So trübe die Ausgangssituation, so beherzt stemmen sich Kaurismäkis Figuren gegen ihr Schicksal, und oft ist ihnen am Ende ein bescheidenes Happy-End vergönnt.
So kann es Kenner der finnischen Regielegende auch nicht überraschen, dass sich der vom Hemdenverkäufer zum Restaurantbesitzer umorientierte 60jährige Wikström und der etwa halb so alte, aus dem syrischen Aleppo geflüchtete Khaled nach einem ritualistischen Faustkämpfchen zusammenraufen. Solidarität wird hier nicht thematisiert, sondern gelebt - den wenigen Besitz kann man genauso gut auch teilen. Natürlich ist Khaled nicht gerade ein typischer Araber. Der Verlust seiner Familie hat ihn traumatisiert und zum Atheisten gemacht, sein Temperament hat sich schnell den finnischen Gegebenheiten angepasst. Und so passt er vortrefflich zur Mannschaft des "Goldenen Krugs" ("bei dem Namen bekommt man doch sofort Durst!") und wundert sich auch nicht, wenn (in der witzigsten Szene) mal schnell auf Sushi-Betrieb umgeflaggt wird und der gepökelte Hering mit viel japanischem Senf veredelt auf den Tellern landet (immerhin eine Verbesserung zur halb geöffneten Sardinendose, die zuvor mit ein paar Kartoffeln als Menü kredenzt wurde).
Viel geredet wird nicht bei Kaurismäki, aber wenn, dann entfaltet sich die beste Wirkung im Original mit Untertiteln. Die finnische Sprache steuert eine ganz eigene Würze bei. Sie enthält mindestens so viel Vokale wie das finnische Bier Kohlensäureblasen und klingt genauso fremdländisch wie Khaleds Arabisch. Gesungen entwickelt sie ein besonderes Eigenleben, und folkloristische Pop-Musik spielt bei Kaurismäki stets eine große Rolle, nicht nur bei seinen "berühmten" Musikfilmen um die Leningrad Cowboys. Auch Die andere Seite der Hoffnung bietet unterhaltsame Auftritte von urigen Straßen- und Kneipencombos. Übrigens tut man dem Regisseur Unrecht, wenn man seinen jüngsten Film nun "politisch" nennt - so platt ist Kaurismäki nie. Er zeigt Alltagssituationen und lässt den Zuschauer seine eigenen Schlüsse ziehen. Insofern ist er subtiler als sein ansonsten wesensverwandter britischer Kollege Ken Loach.
Wichtig für seinen Erfolg ist auch Kaurismäkis Darstellerriege, in der immer wieder die gleichen eindrucksvollen Gesichter auftauchen. Die großartige Kati Outinen (Das Mädchen aus der Streichholzfabrik) hat diesmal nur einen Gastauftritt, aber Sakari Kuosmanen als Wikström ist bereits Kaurismäki-Veteran. Die Wunschbesetzung wäre natürlich Matti Pellonpää gewesen, der traurige Clown mit dem Walrossbart, der zwischen 1983 und 1994 neunmal mitspielte, u.a. als herzloser Manager der Leningrad Cowboys. Leider hat sich Pellonpää bereits 1995 zu Tode gesoffen, da war er erst 44. Aki Kaurismäki ist diese Woche immerhin 60 geworden. Für seinen Silbernen Bären hat er es bei der diesjährigen Berlinale allerdings nicht bis zur Bühne geschafft, weil er zu betrunken war.
Finnland kenne ich nur aus den Filmen von Aki Kaurismäki, und Aki Kaurismäki personifiziert selbst dann Finnland, wenn er in Paris (La Vie de Bohème, 1992) oder London (I Hired a Contract Killer, 1990) dreht. Aki Kaurismäki bedient die gängigen Klischees, und durchbricht sie dann immer wieder. Wahrscheinlich gilt er damit sowohl als Segen als auch als Fluch der finnischen Filmindustrie. Tatsächlich gibt es da noch seinen älteren Bruder Mika (L.A. without a Map, 1998), dessen Werk ein vielseitigeres Spektrum abdeckt und doch lange nicht so intensiv ist (ich kenne allerdings nur wenig von ihm). Finnisches Kino ist für mich somit gleichzusetzen mit den Filmen von Aki Kaurismäki. Sein Mann ohne Vergangenheit war 2003 auch der einzige finnische Beitrag, den die amerikanische Akademie jemals für einen Oscar nominierte. Die andere Seite der Hoffnung ist sein 18. Langfilm und gefällt mir weitaus besser als der mir müde erscheinende Vorgänger Le Havre von 2011. Sehr gut (8/10).
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