Suche im Blog

Samstag, 4. August 2018

Monströse Action: Mission Impossible - Fallout (7/10)

Mission: Impossible - Fallout ist ein Monster von einem Actionfilm, das durch seine Set Pieces rast wie ein plutoniumgespeister Ultraschallflieger und auf den Zuschauer 147 Minuten lang einen Höhepunkt nach dem nächsten niederregnen lässt. Das spiegelt das monströse Ego des inzwischen 56jährigen Tom Cruise, der in Regisseur Christopher McQuarrie endlich den perfekten Erfüllungsgehilfen gefunden hat. Der schrieb vor langer Zeit mal pfiffige Drehbücher, hatte zuletzt allerdings auch Mitschuld an der jämmerlich gefloppten, unfreiwilligen Komödie Die Mumie. Sein neues Motto scheint zum Zeitgeist zu passen: Glaubwürdigkeit war gestern, und schlüssige Figuren interessieren nicht. Aber wenn alle fünf Minuten jemand aus dem Flugzeug springt, über Dächer sprintet oder Stuntleute verprügelt, igelt sich das Gehirn des Zuschauers vor Reizüberflutung ohnehin verschreckt im Schädel ein.

Embed from Getty Images

Aber die Action... Der sechste unmögliche Auftrag ist eine Art Best-Of-Collection, die Elemente der Vorgänger aufnimmt und zu toppen versucht. Da gibt es die Verfolgungsjagden per Auto und Motorrad, Schusswechsel und Messerattacken, Parkour-Akrobatik über den Dächern von London, Hubschrauber-Zerstörungsorgien, und am Schluss nochmals Freeclimbing. Unterwasser-Stunts sind dagegen nur angedeutet, davon gab's ja genug im Vorgänger. Da ich mich mal wieder nicht vorher informiert hatte, ist der spektakuläre HALO-Stunt ein bisschen an mir vorbeigerauscht. High Altitude, Low Opening: Tom Cruise hatte ein Jahr lang trainiert, um höchstpersönlich aus fast acht Kilometern Höhe (mit Sauerstoffmaske) aus einem Flugzeug zu springen. Ob der Hallodri sich dabei auch selbst von einem Blitz hat treffen lassen, konnte ich nicht herausfinden. Klar ist jedenfalls, dass er bei Olympischen Spielen in seiner Altersklasse Titelchancen beim 100-Meter-Rennen hätte. Sprinten kann er wie kein anderer.

Embed from Getty Images

Daneben gibt es die üblichen Reversals und Twists, für Kenner der Materie fast alle leicht vorhersehbar. Diesmal darf Benji mal eine Gesichtsmaske aufsetzen - Ethans Chance vergeht, als die notwendige Hardware bei einer Prügelei Schaden nimmt. Das Team mit Benji (Simon Pegg) und Luther (Ving Rhames) sowie Chef Hunley (Alec Baldwin) rückt ein wenig in den Hintergrund, dafür wird mit August Walker (Superman mit Schnäuzer Henry Cavill) eine neue Figur höchst holprig eingeführt. Schuld ist auch Hunleys undurchschaubare Vorgesetzte Erica Sloan (Angela Basset), die dem Team ihren Liebling Walker aufdrängt. Ethan sei das Skalpell, Walker der Hammer - also ich würde mich von Ethan nicht operieren lassen... Jedenfalls hat Walker am Ende eine leicht vorhersehbare McGuffin-Funktion und gibt mit seinem marmornen Körper (wie Alec Baldwin neidisch zu Protokoll gab) einen idealen Prügelknaben ab.

Embed from Getty Images

Dann taucht auch noch Ilsa Faust (Rebecca Ferguson) aus Rogue Nation auf, die als britische Agentin mal für, mal gegen das MIF-Team auftritt, aber trotz Drehbuchdefiziten eine willkommene Erscheinung ist (ich erinnere mich mit Schaudern an Paula Patton, die in Ghost Protocol grottenschlecht war). Nachdem die Superspionin sich lange ihres Kollegen James Bond würdig zeigt, muss sie sich am Ende der Dramaturgie zuliebe leider von einem über 50jährigen Waldschrat überwältigen lassen, der zuvor jahrelang angekettet in diversen Hochsicherheitsgefängnissen verbracht hatte. Na ja, vielleicht liegt's daran, dass die feurige Schwedin zur Drehzeit schwanger war... Als zweite Femme Fatale tritt eine gewisse Weiße Witwe auf, die nun wirklich zum Pingpongball der atemlosen Handlung wird (von ihrem Bruder wollen wir gar nicht erst sprechen). Immerhin hat Darstellerin Vanessa Kirby (bekannt als Prinzessin Margaret aus The Crown) ein paar hübsche Grübchen und macht mit Mikrofon und Messer gleichermaßen eine coole Figur.

Embed from Getty Images

Was fehlt, ist der sorgfältige Spannungsaufbau des CIA-Einbruchs, der den ersten Films so ikonisch machte (Jean Reno seilt Tom Cruise ab und muss gegen Niesanfälle und Ratten bestehen), der emotionale Faden, der den zweiten und dritten Film durchzog (Damsels in Distress Thandie Newton und Michelle Monaghan) und das coole Teamwork aus dem vierten Teil. Auch die sonst üblichen Witzeleien kommen zu kurz, nur gegen Ende blitzt dann notwendigerweise Galgenhumor auf. Und wieder darf Tom Cruise Motorrad ohne Helm fahren, diesmal mitten durch Paris. Was dann auch sämtliche französischen Flics auf einmal in Rage bringt. Immerhin kann er sich am Ende charmant entschuldigen: Je suis désolé. Neben Paris und London spielt die Handlung übrigens auch kurz in Berlin, Ramstein Air Base und dann irgendwo in den asiatischen Karpaten, wofür Norwegen und Neuseeland doubeln mussten. Typisch für das amerikanische Geographieverständnis scheint mir, dass man die Kurzstrecke Ramstein-Paris per HALO-Jump bewältigt...

Embed from Getty Images

Aufgrund der merkwürdigen Figurenkonstellationen war ich zu Anfang recht reserviert. Musste insbesondere in der ersten Hälfte die Weltuntergangsstimmung derart betont werden? Der Schotte Lorne Balf (Ghost in the Shell, Terminator Genisys) jedenfalls schlägt beim Score bei jeder Gelegenheit tragische Töne an. Zudem sind die Schurken radikale Atheisten (ein Widerspruch in sich), mehr oder weniger Überbleibsel aus dem Vorgänger Rogue Nation (inklusive Sean Harris als Solomon Lane). Da ist es auch nebensächlich, dass an sich eine fundamentale philosophische Frage erörtert wird: Rette ich ein Teammitglied und gefährde damit die Mission, oder rette ich Millionen Menschen, aber auf Kosten meiner Methoden (oder, um es mit Spock auszudrücken: "Do the needs of the many outweigh the needs of the one")? Leider ist dieses Thema so unmöglich in die Action verwurschtelt, dass es kaum sinnvolle Diskussionen auslösen wird. Wir sind es halt gewohnt, dass Superhelden zunächst sich selbst (und Martha) retten, dann aber doch noch die Welt.

Embed from Getty Images

Aber was macht das alles, wenn die letzte Stunde des Films plötzlich unglaublich spannend und berührend wird? Nachdem alle Twists aus dem Weg geräumt sind, muss das Team einfach nur noch die Welt retten, mit ein bisschen Hilfe von Ethans Ex Julia (Michelle Monaghan). Und natürlich muss man James Bond ausstechen, der die Bomben immerhin beim Countdown 007 zu stoppen wusste. Hier kommt es auch noch auf die letzten Sekunden an...

Embed from Getty Images

Dies ist übrigens das einzige Porträtfoto von Ving Rhames, das Getty Images zu bieten hat. Entweder ist der Luther-Darsteller Publicity-schüchtern, oder das Studio schämt sich seines Quotenschwarzen, der mit seiner wuchtige, warmherzigen Präsenz immerhin als einziges Teammitglied neben Ethan alle sechs Teile veredelt hat.


Wie soll man dieses Monster nun bewerten? Immerhin ist es nicht so müde-routiniert wie der Vorgänger. Und im Heimkino werden die 147 Minuten sicher auch nicht so anstrengend sein wie im Kinosaal, von der 3D-Brille, dem überteuerten Mineralwasser und der Zwangspause ganz zu schweigen. Dann bin ich mal großzügig: Gut (7/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.