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Sonntag, 20. September 2015

Wolfgang Beckers dritter Streich: Ich und Kaminski (8/10)

Vor knapp zwei Jahren hat es mich (ausgerechnet in Luxemburg) in eine Vorstellung von Fack ju Göhte (im Ausland auch bekannt als "Suck Me Shakespeer") verschlagen. Obwohl ich eigentlich 20 Jahre zu alt für den Spaß war, habe ich mich trotzdem köstlich amüsiert (und mir daraufhin im Heimkino sogar noch den ebenfalls sehenswerten Vorgänger von Regisseur Bora Dagtekin, Türkisch für Anfänger, angeschaut). In die mit allgemein mäßigen Kritiken gestartete Fortsetzung mit dem wenig phantasievollen Namen Fack ju Göhte 2 (meine Alternativvorschläge: "Masafacka Schilla" oder "Dämm ju Lässing") strömen gerade Millionen von bildungsfernen Jugendlichen, während ich mich in den zum Premierentag kaum halbgefüllten Saal 3 des Berliner Zoopalastes schleiche, um deutsche Filmkunst zu bestaunen. Regissuer Wolfgang Becker hat in 20 Jahren nur drei Filme gemacht, aber Das Leben ist eine Baustelle (1997) mit Jürgen Vogel und Christiane Paul und Good Bye Lenin! (2003) mit Daniel Brühl, Katrin Saß und Chulpan Khamatova setzten Glanzpunkte des deutschen Kinos. Nun hat er mit Ich und Kaminski einem offenbar eher mittelmäßigen Roman von Daniel Kehlmann ein Maximum an Unterhaltungswert und Gehalt entrungen.

Gleich zu Beginn lernen wir in einer brillanten Collage den fiktiven Maler Manuel Kaminski kennen, Schüler von Matisse, "der einzige Künstler des 20. Jahrhunderts, der nicht von Picasso beeinflußt wurde". In der Popart-Szene der 60er wurden seine Werke plötzlich weltberühmt, nicht zuletzt durch die Werbung eines übereifrigen Galeristen ("diese Bilder wurden von einem Blinden gemalt"). Man sieht historische Filmaufnahmen von Kaminski mit Warhol, den Beatles, Hitchcock - die Eingangssequenz ist eine Hommage an den Historienulk Zelig, dessen Schöpfer  Woody Allen hier auch selbst als Mitglied des Rateteams bei der amerikanischen "Was bin ich"-Vorlage "What's My Line?" auftaucht.

Was bringt es schon, die Geschichte vom blinden Künstler und seinem selbsternannten Biographen hier auszubreiten? Das gesamte deutsche Feuilleton stemmt sich vergebens gegen den Untergang dieses Kleinods im Kino. Es hat zwar keine Sympathieträger zu bieten - das muß eine Satire auch nicht - und es ist trotzdem fesselnd, dem Kotzbrocken Sebastian Zöllner mit seinem arroganten Bärtchen und seinen Großstadt-Allüren zuzuschauen, wie er sich bei Kaminski mit allen Tricks einschleicht und ihn schließlich zum Rendezvous mit der Jugendliebe in Richtung (belgischer) Küste entführt, während sein Kartenhaus aus in Rückblenden gezeigten fragwürdigen Interviews mit zwielichtigen Zeitzeugen mehr und mehr in sich zusammenbricht.

Ich und Kaminski mutet eher europäisch als deutsch an, erinnert mit seinem handwerklichen Geschick bei der Integration von Kaminskis Gemälden in die Filmbilder ein wenig an Wes Anderson. Dazu passen die handverlesenen Darsteller, von Daniel Brühl als Zöllner und Bond-Oberbösewicht Jesper Christensen als Kaminski bis hin zu den Cameos, etwa Josef Hader als uriger Zugschaffner oder Jördis Triebel (die patente Bäuerin aus Emmas Glück) als Zöllners Ex-Freundin. Und zum Schluß verblüfft Geraldine Chaplin nicht nur mit soliden Deutschkenntnissen, sondern auch einem komischen Timing, das ihrem Vater alle Ehre macht. Sehr gut (8/10).

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