Nachdem die trisolare Invasionsflotte gestartet ist, bleiben der Menschheit 400 Jahre, Technologien zur Verteidigung der Erde zu entwickeln. Die "Sophons" der Aliens befinden sich bereits im Orbit und verhindern Fortschritte der theoretischen Physik und damit die Erschließung höherdimensionaler Quanteneffekte (sie verfälschen z.B. Experimente der Teilchenbeschleuniger). Daher bleibt nur die Fortentwicklung herkömmlicher Mittel: Atombomben, Kernfusion, bessere Space Shuttles, effektivere Computer. Zu diesem Zweck wird weltweit das Kriegsrecht ausgerufen, und unter der Führung der UNO und des neugegründeten PDC (Planetary Defence Council) gehen zunächst alle Anstrengungen in diese Richtung. Neben der technologischen Schranke muß die Menschheit jedoch auch mit zunehmendem Defätismus der Militärs und einer Escapismus-Bewegung ringen, die die Flucht eines kleinen (aber welchen?) Teils der Menschheit in Generationenschiffen plant.
Die Sophons erlauben den Trisolariern (und damit ihren menschlichen Verbündeten von der ETO) darüber hinaus eine vollständige Überwachung aller irdischen Planungen. Dagegen sollen die von der UN eingesetzten sogenannten "Wallfacers" steuern, vier ausgewählte Persönlichkeiten, die weitgehende Handlungsfreiräume und Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, ihre Pläne aber geheimhalten. Einer dieser Wallfacers ist Luo Ji, ein chinesischer Soziologe und die wichtigste Hauptfigur des Romans. Im Prolog begegnet er in einer schönen Staffelübergabe (übrigens aus der Sicht einer Ameise geschildert) der "Heldin" Ye Wenjie des ersten Romans. Ihm zur Seite steht außerdem Shi Qiang, der Polizist/Geheimdienstagent, der bereits in The Three-Body Problem eine Schlüsselrolle bei der Zerschlagung der ETO hatte. Er muß Luo Ji schnell mehrfach vor Anschlägen der Trisolarier schützen, denn diese scheinen ihn unverständlicherweise als größte Bedrohung ihrer Pläne anzusehen. Dabei ist Luo Jis Berufung als Wallfacer umstritten, denn er war zuvor in der Öffentlichkeit überhaupt nicht in Erscheiung getreten, weder als Wissenschaftler noch als Politiker. Und lange sieht es so aus, als ob Luo Ji seine Privilegien nur nutzt, um sich ein schönes Leben zu gönnen.
Eine weitere Hauptfigur ist Zhang Beihai, der einer der ersten Offiziere der neu gegründeten chinesischen Weltraum-Streitkräfte wird. Als "politischer Kommissar" ist er uns Westlern sicher am fremdesten. Der Autor versucht zwar Parallelen zu ziehen, etwa zum Kaplan einer christlichen Streitmacht, aber solche Ideologiewächter zeugen doch von einem kompett anderen Verständnis von Truppenmoral. Parallel beschreibt Liu episodenhaft die Stimmungslage beim einfachen chinesischen Volk. Für mich sind das wertvolle Einblicke in eine in Europa weitgehend unbekannte Gesellschaft, mit komplett anderer Generationendynamik. So tief gehen die Porträts der westlichen Figuren naturgemäß nicht (die anderen drei Wallfacers stammen aus USA, England und Venezuela). Der Autor bringt aber durchaus amüsante Referenzen an die westliche Popkultur an, bis hin zum Vergleich einer Situation mit einer Szene aus Wolfgang Beckers internationalem Kinohit Goodbye Lenin.
Die Gründung der Sternenflotte und die Anstrengungen der Wallfacer (die sich bald mit von Trisolar gesteuerten Gegenpolen, den Wallbreakern, gegenübersehen) bilden den ersten Teil des Romans, in einer Welt, die uns wenige Jahr in der Zukunft noch relativ vertraut vorkommt. Der zweite Teil jedoch spielt 200 Jahre später, als die erste Probe der Trisolarier das Sonnensystem erreicht. Luo Ji, Shi Qiang, Zhang Beihai und andere haben die Jahrhunderte im Kälteschlaf verbracht, um zu diesem ersten Krisenzeitpunkt eingreifen zu können. Sie wachen auf in einer völlig veränderten Umgebung, über die ich nicht viel verraten möchte, denn die Schilderung dieser detailliert ausgearbeiteten, in sich schlüssigen Utopie bietet eine der großen Lesefreuden des Romans. Die Kälteschläfer gelten als Relikte aus einer fernen Vergangenheit und werden mit ihren düsteren Vorahnungen von ihren Nachfahren lange nicht ernst genommen. Sie ahnen als einzige, daß die moderne Menschheit trotz aller technischen Fortschritte den Trisolariern vielleicht doch nur wie die Ameise des Prologs gegenübersteht. Aber Luo Ji hat noch einen Trumpf parat, denn er hat die Galaxis als jenen dunklen Wald erkannt, auf den sich der Titel des Romans bezieht.
"The Dark Forest" ist für mich viel mehr als eine Fortsetzung des aktuellen Hugo-Gewinners, es ist ein eigenständiges Meisterwerk in der Tradition von Vernor Vinge und David Brin, dessen Hugo-Nominierung für 2016 sicher sein sollte. Ich persönlich bin ja skeptisch, ob selbst eine solch klare Bedrohung von außen die Menschheit auf längere Sicht zur Zusammenarbeit bewegen würde (selbst ihre Bemühungen zur Eingrenzung des Klimawandels sind ja ziemlich jämmerlich). Aber Cixin Liu präsentiert plausible Szenarien und wartet mit einer Fülle faszinierender Ideen für die nähere und ferne Zukunft auf (eigentlich müßte man den Autor Liu Cixin nennen, in der Reihenfolge <Nachname Vorname>, wie es in China üblich und bei den Figuren der Fall ist). Ich bin schon sehr gespannt auf den Abschlußband, der im nächsten Jahr erscheinen soll.
Die Kindle-Edition ist bereits zu einem fairen Preis erhältlich und recht gut formatiert, auch wenn mich die grobe Kapitelaufteilung gestört hat, die allerdings der Vorlage entsprechen wird. Gelegentlich sind mir einige unerklärliche Druckfehler aufgefallen (z.B. "years" statt "ears" auf Seite 96), da sind vielleicht ein paar Passagen beim Korrekturlauf überschlagen worden. Schön ist inzwischen die Integration der Fußnoten durch Einblendfenster, die sich beim Klicken auf die Referenznummer direkt auf der aktuellen Seite öffnen.
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