Vielleicht ist die Nominierung dieses überzeugenden Romans ein Hoffnungsschimmer bei den leidgeplagten diesjährigen Hugos, ermöglicht erst durch den mutigen Rückzug von Marko Kloos. Selten werden ins Englische übersetzte Werke aufgestellt, dann gilt aber die Veröffentlichung in den USA als Nominierungsfenster. In China erschien dieser erste Teil einer Trilogie des 1963 geborenen und offenbar in seiner Heimat profiliertesten SF-Autors bereits 2008 und war dort überaus erfolgreich. Die Übersetzung übernahm der seit seinem 11. Lebensjahr in den USA lebenden Ken Liu (dessen erster eigener Roman gerade veröffentlicht wurde). Er wird sich auch den Abschlußband vornehmen, die für nächstes Jahr angekündigte Übersetzung des Mittelteils liegt in anderen Händen.
Sprachlich scheint mir die Übertragung sehr gelungen. Der Text fließt ohne übertrieben poetische Floskeln (die ich wohl aufgrund eines Vorurteils von einem Chinesen erwartet hätte), aber auch ohne Wissenschafts-Jargon. Besonders die Figuren, aber auch die gesellschaftlichen Zustände sind sehr plastisch geschildert. Einzig die (eher seltenen) Dialoge fand ich etwas gestelzt und unnatürlich. Ob das an der Vorlage oder der kulturellen Barriere liegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.
Die Geschichte beginnt mit einem Prolog aus dem Jahr 1967 und kehrt später in Rückblenden zu den Folgejahren zurück. Am Höhepunkt der Kulturrevolution mußte Ye Wenjie als Teenager erleben, wie ihr Vater (ein Astrophysiker) von ihren Altersgenossinnen als reaktionärer Akademiker zu Tode geprügelt wurde. Als Physikstudentin ist sie selbst verdächtig, wird zur Umerziehung bei Rodungsarbeiten eingesetzt und einige Jahre später zwangsrekrutiert und interniert an einer militärisch abgeschirmte astronomischen Station. Dort macht diese vom Schicksal geschlagene Frau eines Tages eine Entdeckung, die fatale Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit haben kann...
In der "Gegenwart" folgt die Erzählung dem Materialforscher Wang Miao (er entwickelt gerade eine Nano-Faser), der von der Regierung (und, wie sich herausstellt, sogar einer übernationalen Allianz) als Krisenberater rekrutiert wird. Es liegt eine Bedrohung durch Außerirdische in der Luft, und ausgerechnet zu diesem kritischen Zeitpunkt scheint die wissenschaftliche Forschung der Menschheit zum Stillstand gekommen zu sein (Teilchenbeschleuniger liefern plötzlich widersprüchliche Resultate). Fast wie in einem Krimi versucht Wang u.a. mit Hilfe des zwielichtigen Polizisten Da Shi die Hintergründe zu ermitteln. Dabei muß er eine internationale anti-wissenschaftliche Organisation infiltrieren, was ihn schlußendlich zur inzwischen 65jährigen Ye Wenjie führt, deren hochbegabte Tochter sich gerade unter mysteriösen Umständen das Leben genommen hat. Und dann gibt es noch das merkwürdige titelgebende Computerspiel, eine komplexe virtuelle Realität namens "Drei-Körper-Problem". Soll diese etwa eine Simulation der Alien-Heimat darstellen?
Auf der einen Seite handelt es sich bei diesem Roman um (im besten Sinne) altmodische Science Fiction, in der wissenschaftliche Ideen extrapoliert werden, um eine fantastische Zukunftsvision zu entwerfen (der Autor hat eine Ausbildung in Computerwissenschaften). Auf der anderen Seite reflektiert der Roman aber auch sehr feinsinnig den Zustand der Menschheit und natürlich insbesondere der heutigen chinesischen Gesellschaft. Die Verteufelung (und teilweise Ausrottung) einer kompletten Wissenschaftsgeneration hat deutliche Spuren hinterlassen, und vielleicht ist vor diesem Hintergrund die pessimistische Grundeinstellung verständlich. Ohne zu viel verraten zu wollen, führen Überbevölkerung, ökologische Verwüstung unseres Planeten und die Unausweichlichkeit kriegerischer Konflikte im Roman zu einer Haltung, in der eine Alien-Invasion von intellektuellen Extremisten als heilbringende Lösung gesehen wird. Im Nachwort zieht der Autor Parallelen zur Invasion fremder Kontinente in der Menschheitsgeschichte und hinterfragt das Bild der wohlgesonnenen Aliens à la Star Trek.
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