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Sonntag, 29. März 2015

Gentleman der Folkgitarre: John Renbourn 8.8.1944 - 26.3.2015

1998 durfte ich ihn live erleben, beim ersten Open Strings Festival in Osnabrück. Da wirkte er schon älter als seine 54 Jahre, mit schütterem grauen Haupthaar, passendem Kinnbart und diesem vom Leben gezeichneten, ungemein sympathischen Gesicht. Man munkelte, er habe sich Mut antrinken müssen, um sich vor das Fachpublikum zu trauen. Das war natürlich unnötig - er war damals bereits eine Legende, und sein Gitarrenspiel floß elegant wie eh und je. Den einen oder anderen falschen Ton hat man ihm gern verziehen, seine launischen Ansagen machten das spielend wett. Einige waren enttäuscht, daß er den Workshop am nächsten Tag für einen musikhistorischen Vortrag nutzte - aber alles andere wäre vor über hundert interessierten Hobbypickern auch wenig praktikabel gewesen. So erzählte er von den frühen Londoner Tagen, vom britischen Folk-Revival, von Davey Graham und Bert Jansch. Davon, wie er sich vom klassischen Wechselbass-Spiel (er illustrierte das mit ein paar Takten von Janschs großartigem "Needle of Death") zu lösen lernte, unter dem Einfluß u.a. von Grahams "Anji" (mit seiner unabhängigen Basslinie), wie er zunehmend horizontal (in Melodie- und Basslinien) statt vertikal (rein harmonisch) zu arrangieren versuchte.

Geschichte war ihm schon immer wichtig. Er löste sich schnell von seinen Blues-Wurzeln (die man in seinen frühen Aufnahmen mit Sängerin Dorris Henderson hören kann), "erfand" in seinen Duos mit Kumpel Bert Jansch den neuen Gitarrenstil des "Folk Baroque" und bestimmte schnell selbst die Geschichte der Folkgitarre, spätestens als er gemeinsam mit Bert Jansch, der exquisiten Soparanistin Jacqui McShee, dem unvergleichlichen Danny Thompson am Kontrabaß und dem vielseitigen Perkussionisten Terry Cox "The Pentangle" gründete, eine Supergruppe des Folk, bevor eine solche Definition denkbar war. Zwischen 1967 und 1973 nahmen sie sechs Alben auf, tourten die Welt und hatten für Folk-Verhältnisse einen erstaunlichen kommerziellen Erfolg.

"The Pentangle" waren für Renbourn aber nur eine von vielen Stationen, und so war er an der Reunion in den 80ern nur kurz beteiligt und wurde dann durch Mike Piggott und später durch Peter Kirtley ersetzt. Stattdessen beschäftigte er sich mit Renaissance-Musik (die er bereits 1968 auf seinem Album "Sir John Alot" für Stahlsaiten bearbeitete) und spielte in vielen verschiedenen Ensembles, so etwa in der John Renbourn Group, wieder mit Jacqui McShee, dazu kamen in einer Mischung aus Mittelalter und Moderne Flöten, Dudelsäcke, Krummhorn, Dulcimer und Tabla. Und immer wieder pflegte er mit Freunden die Kunst des Gitarrenduos, so mit Stefan Grossman, Robin Williamson (von der Incredible String Band), Duck Baker und John James. Erst 1992 kam es anläßlich des 65. Geburtstags von Derroll Adams ("Anniversary") zu einer erneuten Zusammenarbeit mit Bert Jansch und Danny Thompson.

Anders als Bert Jansch und besonders Wizz Jones (mit dem er kurz vor seinem Tode noch die Bühne teilte) mit ihren dröhnenden Bässen verzichtete der ursprünglich klassich ausgebildete Renbourn oft sogar auf den Daumenring und erreichte einen für Stahlsaiten sehr ausgewogenen Klang. Dazu paßte seine zurückhaltende, sanfte Singstimme, die sich gut in die Chorgesänge seiner Ensembles einpaßte, mit der er aber auch gern traditionelle Balladen zum Vortrage brachte. Zu seinen späten Lieblingsstücken gehörten etwa die Geschichte des Polarforschers Lord Franklin oder Great Dreams From Heaven (mit etwas dümmlichem Text, aber schönen Improvisationsmöglichkeiten). Anders als der bereits 2011 verstorbene Bert Jansch (der für mich ein überragender Songwriter war) komponierte er aber selten Lieder. In seinen Instrumentaltiteln bewegte er sich stilistisch scheinbar mühelos zwischen Folk und Jazz, Dowland und Mingus, ob in Eigenkompositionen oder Arrangements. Sein instrumentales "The Hermit" von 1976 ist für mich eines der schönsten und bedeutendsten Gitarrenalben überhaupt, er zeigt dort alle Register seines Könnens. Einzigartig ist seine Bearbeitung von Randy Westons Klavierstück "Little Niles", die in den letzten 20 Jahren zu seinem Standardrepertoire gehörte (leider hat die GEMA damit ihre Probleme...)


Renbourns Privatleben war wahrscheinlich ähnlich chaotisch wie sein professioneller Output. Laut seinem Nachruf hinterläßt er drei (vermutlich erwachsene) Kinder. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sein Manager. Die gut 30 CDs, die ich zu ihm in meinen Regalen finde, sind kunterbunt gemischt: Studioalben großer Verlage, Shanachie-Wiederveröffentlichungen, eine Aufnahme, die innerhalb von zwei Tagen in Japan entstand ("So early in the spring"), eine wunderbare DVD-Audio des schönsten Pentangle-Albums "Basket of Light". Eine Besonderheit ist die letzte (ursprüngliche) Pentangle-LP "Solomon's Seal", die ich dereinst auf Vinyl erstanden hatte, denn eine CD-Veröffentlichung erschien unwahrscheinlich - die Mastertapes waren nicht auffindbar. Erst vor einiger Zeit fand der gute John die Bänder wieder - er hatte sie all die Jahre als Stütze für sein Harmonium genutzt ;-)

Hier noch einige weitere Links:

Samstag, 28. März 2015

Tu felix Austria: Das ewige Leben (8/10)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Diesmal liegt allerdings zunächst kein Kriminal-, sondern ein Sozialfall vor. Brenner erfährt beim Arbeitsamt, daß er noch bis 83 arbeiten muß, um die Mindestrente zu erreichen. Was hat der Privatdetektiv die letzten acht Jahre gemacht? Er war selbständig, hat allerdings keine Einkommenssteuer gezahlt. Mag daran liegen, daß nix reingekommen ist. Jetzt bleibt ihm nur noch das verfallene Elternhaus in Graz, das allerdings bereits besetzt ist, als er ankommt. Aber die Katze stört es nicht, daß es reinregnet, und hielt es bisher auch nicht für nötig, sich Strom beim Nachbarn auszuleihen, um knisternde Vinylplatten anzuhören. Die Sache nimmt Fahrt auf, als Brenner bei einem Migräneanfall statt des unwillkommenen Hausgastes versehentlich sich selbst anschießt. Er wacht mit Amnesie im Krankenhaus auf und beginnt, den Mordversuch an sich selbst zu untersuchen. Tatwaffe: eine Walther PKK (Bond läßt nicht grüßen), von der auch einige Jugendfreunde Exemplare besitzen...

Das Ewige Leben ist bereits Brenners vierter verfilmter Fall, adaptiert nach ausgewählten Romanen von Wolf Haas, dessen erfolgreiche Krimireihe bereits acht Bände umfaßt. Haas war neben Regisseur Wolfgang Murnberger und Hauptdarsteller Josef Harder auch jeweils am Drehbuch beteiligt. Während der starke erste Teil Komm, süßer Tod 2000 noch als (wenngleich tiefschwarze) Komödie daherkam, wurde es bereits mit Silentium (2004) und Der Knochenmann (2009) zunehmend zynisch und düsterer. Nun sind weder viel Krimi noch Komödie übriggeblieben, dafür gibt es ganz viel Weltschmerz eines desillusionierten Mittfünfzigers, mit einigen nostalgisch-verschwommenen Jugenderinnerungen als Rückblenden. Trotzdem scheint immer noch Brenners störrischer Humor durch, was auch dank eines kleinen Lichtblicks am Ende dann doch keine allzu deprimierende Tragödie ergibt.

Der Kabarettist Josef Hader, in seinem Nebenberuf bereits 1993 als Gesundheitsinspektor in der schönen Satire Indien (nach seinem eigenen Bühnenstück) bekannt geworden, ist in seiner Heimat ein Star. In Deutschland laufen seine Filme in Schuhschachtelkinos. Das ewige Leben lockte in der ersten Woche hierzulande gerade 26.000 Zuschauer, hiesige Kinogänger haben halt eher Honig im Kopf. Vergleichbare deutschsprachige Qualitätsware kenne ich sonst nicht (wenngleich ich mir gelegentlich Untertitel gewünscht hätte, um dem Grazer Schmarrn besser folgen zu können). O glückliches Österreich! Sehr gut (8/10).

Samstag, 21. März 2015

Bond auf Acid: Kingsman (8/10)

Mit der Agentenkomödie Kingsman schenkt uns Regisseur Matthew Vaughn den ersten Knaller des Kinojahres. Und nachdem Colin Firth ja bereits Königsrollen hatte, darf er im zarten Alter von 55 Jahren nun zur Abwechslung mal als Actionheld Harry Hart glänzen. Dabei erinnert er mit britischem Understatement und präzisem Timing (u.a. in der Bedienung eines tödlichen Regenschirms) am ehesten an meinen Lieblingsbond Roger Moore. Dabei nehme ich gern hin, daß in Sir Colins Actionszenen wie weiland bei Sir Roger oftmals die Stuntdoubles deutlich zu erkennen sind.
Im Zentrum des Films steht allerdings der junge Kingsman-Anwärter Eggsy, den der 25jährige Neuling Taron Egerton mit überzeugendem Prol-Akzent und in amüsantem Kontrast zu seinem distinguierten Mentor Hart darstellt. Die supergeheime, internationale Spionageorganisation "Kingsman" hat sich zwar der Weltrettung verschrieben, rekrutiert ihre Agenten allerdings bevorzugt aus der Oxbridge-erzogenen Oberschicht und schwelgt in Codenamen, die der klassischen Tafelrunde entnommenen sind: Hart ist Galahad, der EDV-Mann (Mark Strong) Merlin, und der unermüdliche, gerade 82 gewordene Sir Michael Caine natürlich Arthur (in seiner laut IMDB 155. Rolle). Aber auch im Vereinten Königreich geht das Mittelalter langsam seinem Ende zu, und so darf sich um den freigewordenen Lancelot-Sitz neben einigen aristokratischen Schnöseln und dem Kuckucksei Eggsy auch die junge, immerhin wohlerzogene Roxy bewerben, besetzt mit der ebenfalls bisher unbekannten, erfrischend natürlichen 24jährigen Sophie Cookson.

Kein Spionagefilm kann ohne passende Schurken punkten, und Kingsman präsentiert uns ein beeindruckend böses Pärchen. Als ausführende Tötungsmaschine Gazelle mit prothetischen, tödlich scharfen Unterschenkeln tanzt die aparte Algerierin Sofia Boutella den Königsmännern auf der Nase herum und hätte bestimmt selbst den unlängst verstorbenen "Beißer" Richard Kiel schwer beeindruckt. Ihr Boss ist niemand anderes als Samuel L. Jackson, anderweitig auch als Nick Fury bekannt, hier herrlich abgedreht als Milliardär Valentine mit ökologisch korrektem Weltvernichtungskomplex, lispelnder Stimme und einer Blutphobie.

Ist Kingsman nun der bessere Bond? Keinesfalls würde ich den Film als Parodie sehen. Zwar erweist er den Bond-Filmen seine Referenz. So kommt auch hier jedes der eingeführten Hitech-Gadgets im Finale zum Einsatz. Aber natürlich würde die Queen (oder M - aber egal, Judy Dench ist ja beides) niemals eine Lizenz zum Töten an einen 25jährigen ausgeben. Und der Comic-Vorlage (Verzeihung: dem graphischen Roman) von Mark Millar (Text) und Dave Gibbons (Illustrationen) ist ein leichterer Ton geschuldet, mit überdeutlicher Übersteigerung der Realität: eher Ballett als Walzer. Auf diese Achterbahnfahrt muß man sich übrigens einlassen, denn je mehr man später über die Handlung nachdenkt, desto weniger Sinn ergibt sie. So akzeptiere ich gerade noch, daß Eggsy nach wenigen Monaten Training zum Überagenten wird. Daß der kugelsichere Anzug selbst unter Dauerbeschuß seine Bügelfalten nicht verliert, halte ich dann doch für zu weit hergeholt. Leider sind neben trockenen Einzeilern, vielleicht als Tribut an die Hangover-Generation, einige unnötig derbe Witzchen eingestreut, auf die ich persönlich verzichten könnte und die bei Bond sicher auch nichts zu suchen hätten.

Der gerade erst 44jährige Engländer Matthew Vaughn war bereits als Produzent u.a. der Gangsterfilme seines Freundes Guy Ritchie bekannt, als er 2004 mit Layer Cake (7/10, mit Daniel Craig) sein überzeugendes Regiedebut gab. Er war danach im Gespräch für den ersten Craig-Bond, woraus aber nichts wurde - er ist wohl bis heute aus mehr Projekten ausgestiegen, als er durchgezogen hat. Seine kongeniale Inszenierung von Neil Gaimans Der Sternwanderer ("Stardust", 2007, 9/10) ist für mich immer noch das schönste Leinwandmärchen der letzten zehn Jahre. Übrigens hat er darin Robert De Niro sein Image ähnlich  wunderbar auf die Schippe nehmen lassen wie nun Samuel L. Jackson. Es folgte 2010 mit Kick Ass (3/10) seine erste Adaption (mit Kollegin Jane Goldman) eines ziemlich abgedrehten Mark-Millar-Werkes, mit welcher ich aber nicht viel anfangen konnte. Dann sollte er eigentlich die dritte X-Men-Folge inszenieren, das klappte aber nicht (schade: jeder hätte einen besseren Job als Brett Ratner abliefern können). Dafür zeichnete er dann in Zukunft ist Vergangenheit verantwortlich für die Einführung einer neuen X-Men-Generation. Das wirkte zwar noch etwas mechanisch und gestelzt im Versuch, jüngere Versionen der ikonischen Vorbilder zu etablieren, führte aber immerhin zum herausragenden Treffen der Generationen vom letzen Jahr (wo er nur noch als Autor beteiligt war, weil Meister Bryan Singer das Ruder wieder übernommen hatte).

Angeblich leidet Vaughn am Hyperaktivitätssyndrom ADHD, was ihm bei Actionfilmen heutzutage vielleicht eher zum Vorteil gereicht. Privat ist er übrigens mit einer gewissen Claudia Schiffer verheiratet (die beiden haben drei Kinder). Professionell hat er mit Kingsman einen weiteren Höhepunkt erreicht. Sehr gut (8/10).