Geschichte war ihm schon immer wichtig. Er löste sich schnell von seinen Blues-Wurzeln (die man in seinen frühen Aufnahmen mit Sängerin Dorris Henderson hören kann), "erfand" in seinen Duos mit Kumpel Bert Jansch den neuen Gitarrenstil des "Folk Baroque" und bestimmte schnell selbst die Geschichte der Folkgitarre, spätestens als er gemeinsam mit Bert Jansch, der exquisiten Soparanistin Jacqui McShee, dem unvergleichlichen Danny Thompson am Kontrabaß und dem vielseitigen Perkussionisten Terry Cox "The Pentangle" gründete, eine Supergruppe des Folk, bevor eine solche Definition denkbar war. Zwischen 1967 und 1973 nahmen sie sechs Alben auf, tourten die Welt und hatten für Folk-Verhältnisse einen erstaunlichen kommerziellen Erfolg.
"The Pentangle" waren für Renbourn aber nur eine von vielen Stationen, und so war er an der Reunion in den 80ern nur kurz beteiligt und wurde dann durch Mike Piggott und später durch Peter Kirtley ersetzt. Stattdessen beschäftigte er sich mit Renaissance-Musik (die er bereits 1968 auf seinem Album "Sir John Alot" für Stahlsaiten bearbeitete) und spielte in vielen verschiedenen Ensembles, so etwa in der John Renbourn Group, wieder mit Jacqui McShee, dazu kamen in einer Mischung aus Mittelalter und Moderne Flöten, Dudelsäcke, Krummhorn, Dulcimer und Tabla. Und immer wieder pflegte er mit Freunden die Kunst des Gitarrenduos, so mit Stefan Grossman, Robin Williamson (von der Incredible String Band), Duck Baker und John James. Erst 1992 kam es anläßlich des 65. Geburtstags von Derroll Adams ("Anniversary") zu einer erneuten Zusammenarbeit mit Bert Jansch und Danny Thompson.
Anders als Bert Jansch und besonders Wizz Jones (mit dem er kurz vor seinem Tode noch die Bühne teilte) mit ihren dröhnenden Bässen verzichtete der ursprünglich klassich ausgebildete Renbourn oft sogar auf den Daumenring und erreichte einen für Stahlsaiten sehr ausgewogenen Klang. Dazu paßte seine zurückhaltende, sanfte Singstimme, die sich gut in die Chorgesänge seiner Ensembles einpaßte, mit der er aber auch gern traditionelle Balladen zum Vortrage brachte. Zu seinen späten Lieblingsstücken gehörten etwa die Geschichte des Polarforschers Lord Franklin oder Great Dreams From Heaven (mit etwas dümmlichem Text, aber schönen Improvisationsmöglichkeiten). Anders als der bereits 2011 verstorbene Bert Jansch (der für mich ein überragender Songwriter war) komponierte er aber selten Lieder. In seinen Instrumentaltiteln bewegte er sich stilistisch scheinbar mühelos zwischen Folk und Jazz, Dowland und Mingus, ob in Eigenkompositionen oder Arrangements. Sein instrumentales "The Hermit" von 1976 ist für mich eines der schönsten und bedeutendsten Gitarrenalben überhaupt, er zeigt dort alle Register seines Könnens. Einzigartig ist seine Bearbeitung von Randy Westons Klavierstück "Little Niles", die in den letzten 20 Jahren zu seinem Standardrepertoire gehörte (leider hat die GEMA damit ihre Probleme...)
Renbourns Privatleben war wahrscheinlich ähnlich chaotisch wie sein professioneller Output. Laut seinem Nachruf hinterläßt er drei (vermutlich erwachsene) Kinder. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sein Manager. Die gut 30 CDs, die ich zu ihm in meinen Regalen finde, sind kunterbunt gemischt: Studioalben großer Verlage, Shanachie-Wiederveröffentlichungen, eine Aufnahme, die innerhalb von zwei Tagen in Japan entstand ("So early in the spring"), eine wunderbare DVD-Audio des schönsten Pentangle-Albums "Basket of Light". Eine Besonderheit ist die letzte (ursprüngliche) Pentangle-LP "Solomon's Seal", die ich dereinst auf Vinyl erstanden hatte, denn eine CD-Veröffentlichung erschien unwahrscheinlich - die Mastertapes waren nicht auffindbar. Erst vor einiger Zeit fand der gute John die Bänder wieder - er hatte sie all die Jahre als Stütze für sein Harmonium genutzt ;-)
Hier noch einige weitere Links:
- Pentangle before Pentangle
- Pentangle, The Hunting Song
- John Renbourn Live at Letterkenny Arts Centre (typisch für seine späten Konzerte)
- John Renbourn & Wizz Jones
- Ship of Fools (1989)
- John Renbourn & Stefan Grossman
- Bert Jansch 60. Geburtstag