Jimmy Kimmel brachte es bei der Oscar-Verleihung auf den Punkt. Nachdem sein Moonlight-Witz nur zaghaftes Gelächter auslöste, stellte er fest, dass dieses später am Abend im zweiten Versuch als Bester Film des Jahres ausgezeichnete Werk wohl kaum jemand gesehen habe. Und tatsächlich wird wohl so manches Akademiemitglied das für lächerliche 1,5 Millionen Dollar in wenigen Wochen abgedrehte Drama über einen schwulen Schwarzen wohl nur aus politischem Kalkül auf dem Stimmzettel platziert haben. Unter den mehr als 5.000 Stimmberechtigten finden sich zwar auch dollarjonglierende Exekutivmanager und Werbefuzzis, aber gerade bei den vielbeschäftigten berühmten Schauspieler darf man Terminprobleme unterstellen. Der Hollywood Reporter hat in den letzten Jahren immer wieder anonym Ranglisten kommentieren lassen ("Brutally honest Oscar ballot"), und da kamen oft Begründungen wie "den Film habe ich zwar nicht gesehen, aber viel Gutes darüber gehört" (so etwa letztes Jahr zu Pixars Alles steht Kopf). Daher ist die bestimmt knappe Entscheidung in diesem Jahr ein Glücksfall im doppelten Sinne.
Der Witz übrigens war auch ein Seitenhieb auf die oft deprimierenden Mitkandidaten: Moonlight sei der einzige Film mit "Happy Ending", was sich auf die zarte, sehr vorsichtig inszenierte Liebesszene am Strand zwischen den Teenagern Chiron und Kevin bezog. Es ist die einzige romantische unter vielen eindrucksvollen Sequenzen des Dramas in drei Teilen. Das auf einem unproduzierten, von der eigenen Biographie inspirierten Theaterstück von Tarell Alvin McCraney beruhende Drehbuch verteilt die Hauptrolle an die überzeugenden Darsteller Alex R. Hibbert (ca. 10 Jahre), Ashton Sanders (als Teenager) und Trevante Rhodes (als Erwachsener). Nur Naomie "Moneypenny" Harris als Chirons Mutter taucht in allen drei Akten auf und wurde für ihre emotionale, in drei Tagen abgedrehte Darstellung mit einer Oscar-Nominierung belohnt. Heimlicher Star ist allerdings Mahershala Ali (preisgekrönt für die Beste Nebenrolle) als Chirons väterliches Vorbild Juan. Ali glänzt eher mit seiner würdevollen Leinwandpräsenz, zeigt aber durchaus subtile Zerknirschung, als er von Chiron mit seinen Drogendeals konfrontiert wird (das ist der Clip, der in allen Preisverleihungen gezeigt wurde).
Ein wenig schwierig fand ich es, die äußeren Zusammenhänge zu erfassen. Dazu kam, dass ich mangels Kontext manche Dialoge nicht komplett verstanden habe. Bis zum erwähnten Gespräch hätte ich Juan eher für einen Sozialarbeiter oder gar einen Undercover-Cop gehalten. Für meinen Geschmack ist die Erzählweise zu elliptisch - viele nennen das poetisch, aber mir fehlt dadurch eine universell verständliche Ebene. Gerade der dritte Teil leidet unter mangelnder Exposition. Begrüßt habe ich allerdings, wie das Sozialdrama immer wieder durch technische Tricks gebrochen wird, so etwa durch Unterdrückung der Dialoge und gegensteuernde Musikauswahl. Und das Finale fand ich atemberaubend spannend und bewegend. Die von vielen gelobte Kameraführung war hingegen nicht so mein Ding. Das Drehen mit (oft wackeliger) Handkamera kann man noch mit Kostengründen erklären, aber die vielen Schwenks, so etwa die Einführungsszene von Juan mit ihrer Kreiselbewegung, schienen mir affektiert und vor allem anstrengend. Mag sein, dass dies auf jüngere Augen anders wirkt (aber auch in einigen IMDB-Kommentaren wird das als übelkeiterregend geschildert).
Moonlight wird also wohl nicht jeden Zuschauer ansprechen, aber sicher nicht nur schwule Schwarze aus Miami. Aus Kosten-Nutzen-Sicht ist es zwar ein Hit, die Umsätze in den USA von inzwischen ca. 25 Millionen Dollar sind vergleichbar mit denen von B-Horror-Filmen. Rogue One allerdings hat dort 20mal, Hidden Figures immer noch fünfmal so viel eingenommen. Typisch ist die Diskrepanz zwischen Kritikermeinungen (Metascore: 99/100) und der IMDB-Gemeinde (momentaner Schnitt: 7,7), wobei dort zusätzlich viele unqualifizierte Hasskommentare zu finden sind. Aber was soll man schon halten von diesem Mob, der Hugh Jackmans brutal-oberflächlichen Schwanengesang Logan zur Filmkunst verklärt. In Deutschland wird wohl höchstens der Oscar-Gewinn einige Neugierige ins Kino treiben - dabei könnten auch wir von Moonlight noch etwas über Real Men lernen (wenn ich mal Joe Jacksons wundervollen Hit aus den 80ern zitieren darf). Sehr gut (8/10).