Schrödinger's Gat ist, wie der Titel schon andeutet, ein quantenphysikalischer Roman, der sich natürlich auf Schrödingers "halbtote" Katze bezieht und in der Abwandlung mit "Schrödingers Knarre" übersetzt werden könnte (es ist u.a. ein Spruch von Hawking vorangestellt, sinngemäß "Wenn ich von Schrödingers Katze höre, ziehe ich meine Waffe."). Es ist ein durchschnittlich spannender Thriller mit der Andeutung einer Liebesgeschichte, in Ich-Form erzählt von einem depressiven Englischlehrer in San Francisco, der zufällig über die physikalisch-metaphysischen Forschungen eines Wissenschaftlers stolpert. Es stellt sich heraus, daß dieser scheinbar durch praktische Anwendung der Quantentheorie gewalttätige Ereignisse beeinflussen kann. Eingestreut in die Erzählung sind erhellende, populärwissenschaftlich gestaltete Exkurse zu den physikalischen Grundlagen (Schrödingers Katze, das Doppelspalt-Experiment, ein Atom in zwei Boxen etc.). Das erfordert etwas Konzentration, lohnt aber den Aufwand und bietet knapp 200 Seiten anspruchsvolle Unterhaltung.
Ich wünschte mir, es gäbe mehr Science Fiction dieser Spielart. Die "harte" SF in der Tradition von Clarke und Asimov begann mehr mit Spekulationen über künftige Ingenieurskunst, bevor Einsteins Relativitätstheorie der nächsten Generation von Autoren Inspiration lieferte, die das neue Verständnis des "Raum-Zeit-Kontinuums" den Massen nahebrachten. Die philosophischen Implikationen der Quantentheorie sollten eigentlich Stoff für ein komplettes Subgenre bieten. (Ausnehmen möchte ich einmal die sich hartnäckig haltende Idee von Paralleluniversen, die sich bei jeder Entscheidung abzweigen, so daß jeder noch so unwahrscheinlichen Gang der Ereignisse sich in irgendeinem Universum realisiert. Wäre das der Fall, hätten wir die totale Beliebigkeit, und jede Entscheidung wäre sinnlos.) Die Quantenmechanik hat das kollektive Bewußtsein unserer Zivilisation noch nicht so recht erreicht. In der Schule werden uns noch die Newtonsche Physik und die mechanistische Chemie mit Atomen als Miniaturplanetensystemen eingebleut, nur damit wir dann vielleicht in der Oberstufe erfahren, daß das alles eigentlich nicht stimmt. Das liegt auch daran, daß die meisten Physiklehrer das Wesen eines Modells nicht klar verstehen, das ja kein Abbild der Natur ist, sondern kaum mehr als eine Veranschaulichung nicht beobachtbarer Vorgänge (was allerdings bis zu einem gewissen Grad Vorhersagen über ihr Verhalten möglich macht). Trotzdem werden auch auf der subatomaren Ebene weiterhin "Teilchen" postuliert. Die physikalische Forschung z.B. mittels Teilchenbeschleunigern scheint mir ein fast verzweifeltes Festhalten an solchen deterministischen Modellen.
Robert Kroese (ausgesprochen "Krusi") war einer der ersten Autoren, die vom eBook-Boom und insbesondere von Amazons Kindle profitierten (daher wird der Kindle im Buch auch mehrfach erwähnt). Aufmerksam wurde ich auf ihn durch seine herrliche Sammlung von humoristischen Anekdoten und Beobachtungen (tatsächlich bearbeitete Auszüge aus seinem Blog) The Force is middling in this one (toller Titel übrigens). Danach erschien eine nette Romantrilogie um den gefallenen Engel Mercury, in der es u.a. um die "himmlische" Bürokratie und irdische Esoterik-Profiteure geht. Kroese ist kein großer Stilist, ist aber durch seine klare, schnörkellose Sprache angenehm zu lesen. Sowohl seine eher auf Witz ausgelegten Mercury-Satiren in der Tradition von Douglas Adams als auch der vorliegende, übrigens per Kickstarter in Abschnitten entstandene Roman zeichnen sich durch einen leichten Ton, einige wohlgesetzte pophistorische Referenzen und sympathische, wenngleich noch etwas schematische Charaktere aus. Inzwischen hat Amazon seine Werke auch als Taschenbücher verlegt, allerdings bisher nur in Englisch.
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