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Samstag, 15. November 2014

Rätselhafte Impressionen eines Meisters: Mike Leighs "Mr. Turner" (5/10)

"Schmutziges gelbes Geschmiere", so soll Queen Victoria das Spätwerk des bedeutenden Landschaftsmalers Turner beschimpft haben. Als Beschreibung dieser Filmbiographie mag das zu harsch sein, aber es ist schon sehr rätselhaft, was uns Altmeister Mike Leigh hier auftischt. Insbesondere der Zuschauer ohne Vorkenntnisse wird hineingeworfen in eine viktorianische Kulisse mit Figuren, die aus einem Dickens-Roman stammen könnten, deren Verhältnis zueinander aber lange unklar bleibt. So erkenne ich erst langsam, daß Turners jovialer Assistent wohl sein Vater ist (nicht hilfreich, daß die Darsteller nur zehn Lebensjahre trennen). Und ist die Haushälterin nun seine Geliebte oder die Ehefrau, die ihm den Haushalt führt? Überhaupt frage ich mich über eine halbe Stunde lang, ob die Geschichte nun chronologisch erzählt wird. Mit dem Tod des Vaters (den Turner am Sterbebett - ist das anachronistisch? Daddy nennt) löst sich zumindest dieses Rätsel, aber der Verlauf der wohl 25 letzten Jahre des Malers erschließt sich nur sporadisch. Natürlich kann man später alles bei Wikipedia recherchieren, aber Voraussetzung für einen Filmgenuß sollte das kaum sein.

Bisher eher auf urige Nebenrollen abonniert (er gab als Peter Pettigrew eine überzeugende Ratte in den Harry-Potter-Filmen), dominiert Leigh-Stammspieler Timothy Spall mit seiner sauertöpfischen Miene, dem schiefen Grinsen und seiner - nun ja - barocken Figur zweifelsohne die Szenerie. Aber nur selten erlaubt ihm das Buch (das der Regisseur wie üblich mit seinen Darstellern erarbeitet hat), seiner Figur sympathische Züge einzuhauchen. Der Kontrast zwischen dieser grobschlächtigen, gefühlskalten Person und seinem einfühlsamen Werk mag interessant sein, kann aber kaum über 150 Minuten fesseln. Gefühlte neunzig Prozent der Zeit kommuniziert Turner (immerhin Mitglied der Royal Academy) mit unbilligem Gegrunze, wenn er nicht im affektierten Oberschichten-Englisch Platitüden von sich gibt. Dies und erst recht der schwer verständliche Cockney-Akzent der Bediensteten wird dem Film übrigens keine Freunde in den USA machen, so daß ich eher wenig Oscar-Chancen sehe.

Stärke entwickelt der Film immerhin dann, wenn er Turner die kraftvollen europäischen Landschaften entdecken läßt, die er in seinen Ölgemälden und Aquarellen in der Tat meisterlich einzufangen vermochte. Das ist Leigh und seinem Stamm-Kameramann Dick Pope tatsächlich beeindruckend gelungen. Daneben bleiben einige Szenen im Gedächtnis, die die Möglichkeiten des Stoffes erahnen lassen. Warum sieht man mehr vom (zugegeben kunstvollen) Zusammenrühren der Farben als vom eigentlichen Schöpfungsakt (Spall hat angeblich zwei Jahre lang Malunterricht genommen)? Die Verwandlung eines roten Farbklecks in eine Boje zumindest macht Lust auf mehr. Der ansonsten vermißten Spitzbubenhumor des Regisseurs blitzt in einer Konversation einer kleinen Gesellschaft auf, die die klimatischen Bedingungen der Brombeerzucht erschöpfendend diskutiert, bevor sie in eine peinliche Lobhudelei zugunsten des (noch) hochgeschätzten Malers ausufert. Aber welche Signifikanz hat der stockende, abgelesene Vortrag in der Akademie (?) - war Turner Lehrer, hatte er Einfluß, Schüler? und wie steht es um das Experiment zur Magnetisierung einer Nadel mittels eines Prismas, oder die Entdeckung der Daguerrographie? Leider sind dies isolierte (mögliche) Höhepunkte in einem überlangen, formlosen Geschmiere.

Für mich ist diese zweite Filmbiographie (nach dem überwiegend gelungenen Gilbert & Sullivan-Opus Topsy Turvy von 1999) des großen britischen Sozialsatirikers Mike Leigh also eine Enttäuschung, so wie ich auch mit den meisten seiner jüngeren Werke (Happy-Go-Lucky, Another Year) nicht viel anfangen kann. Hoffentlich wird bals sein bester Film auf Blu-ray veröffentlicht, die herrliche, berührende Komödie Lügen und Geheimnisse von 1996 (schon damals mit Timothy Spall). Mr. Turner? Annehmbar (5/10).

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