Sie sind keine Jungs mehr, und die fabelhaften Zeiten sind auch längst vorbei. Die Baker-Brüder Jack und Frank (Jeff & Beau Bridges) tingeln seit fünfzehn Jahren durch zweitklassige Hotelbars und andere Kleinbühnen, mit gefälliger Salonmusik für zwei Pianos. Das hat bisher für ein stetes Einkommen gesorgt, mit dem Frank seine kleinbürgerliche Existenz (Frau, Kinder, Haus) unterhält, während Jack - einfach nur vor sich hin lebt (er ist das Enigma des Films). Nachdem nun langsam auch die kleineren Auftrittsmöglichkeiten wegbrechen, beschließen die beiden, ihren Act mit einer Sängerin aufzupeppen. Die folgende Audition ist dann ein erster urkomischer Höhepunkt. in dem sich die 37 Kandidatinnen, angeführt von einer umwerfenden Jennifer Tilly ("Monica Moran", aber eigentlich heiße ich "Blanche"), in einer immer frentischer werdenden Collage durch diverse Standards krächzen, säuseln und stöhnen. Showtalent gibt es also genug, nur die Töne trifft leider keine von ihnen. Natürlich ist es dann die Nummer 38, die engagiert wird. Sie kommt neunzig Minuten zu spät, im zerfledderten Kleid und mit abgebrochenem Absatz, und als erstes entfährt ihr ein "Goddammit". Sie macht keinen Hehl daraus, dass sie bislang für einen (AAA-)Escort-Service gearbeitet hat, aber wenn sie singt, schmelzen die Pianotasten dahin. Doch nein, es folgt keine konventionelle Dreiecksgeschichte...
Michelle Pfeiffer war im Vorjahr bereits für Dangerous Liaisons für einen Oscar nominiert, aber ihre Susie Diamond hätte sie eigentlich zum Superstar machen müssen (statt nur die zweite von bisher drei Nominierungen, dazu immerhin einen Golden Globe, abzuwerfen). Stattdessen wurde ein Jahr später Julia Roberts mit dem Kitschprodukt Pretty Woman zu America's Darling, die ich allerdings höchstens in Erin Brockovich toll fand. Michelle Pfeiffer war wohl zu schön und zu talentiert und zu klug, um ähnliche Klischees zu bedienen. Roger Ebert stellte sie damals in eine Reihe mit Rita Hayworth in Gilda und Marilyn Monroe in Manche mögen's heiss und spricht mir damit aus der Seele. Man vergleiche nur Susie Diamond mit der unschuldigen Madame Tourvel aus den Gefährlichen Liebschaften oder Selina Kyles feliner Sinnlichkeit in Batmans Rückkehr. Michelle Pfeiffer war und ist für mich die schönste Hollywood-Schauspielerin ihrer Generation, und doch tut man ihr großes Unrecht, sie auf ihr Aussehen zu reduzieren. Sie brillierte in Kostümfilme genauso wie in albernen Komödien. Sie konnte würdevoll oder albern, stark oder zerbrechlich, intelligent oder dämlich sein. Sie inspirierte Scorsese in seinem Meisterwerk Zeit der Unschuld (an der Seite von Daniel Day-Lewis) zu seiner schönsten und komplexesten Frauenfigur, verzauberte Sean Connery (Das Russland-Haus) und Al Pacino (Frankie & Johnny) und verulkte Jeff Goldblum (Kopfüber in die Nacht) und Jack Nicholson (Die Hexen von Eastwick). Inzwischen macht sie sich rar, hat sich offenbar ohne Skandale ihrer Familie gewidmet, taucht aber doch immer wieder in hochwertigen Projekten auf, so 2007 gleich in zwei herausragenden Späßen: dem Ulkmusical Hairspray und dem Gaiman-Märchen Der Sternwanderer. Demnächst können wir uns über ein Wiedersehen freuen in der Star-gespickten Neuauflage vom Mord im Orient-Express und als Evangeline Lillys Mutter in Ant-Man and the Wasp.
Unangefochten stammt das zentrale, unvergessliche Bild von Michelle Pfeiffers Karriere aus den Baker Boys: wie sie sich im roten Kleid auf Jacks Piano räkelt und "Making Whoopee" darbietet. Und, anders als Rita Hayworth, sang Michelle Pfeiffer selbst. Was ihrer Stimme an Substanz fehlte, machte sie mit Emotion wett, aber auch mit Präzision - das war lange vor der Erfindung von Autotune, dem modernen Helferlein, welches jüngst auch Emma Stone und Ryan Gosling in La La Land zur Seite stand. Das Pianospiel allerdings wurde vom Komponisten Dave Grusin beigetragen, auch wenn Jeff und Beau die Stücke gekonnt fingersynchron nachspielen konnten. Grusins Soundtrack, in dem seine eigenen melancholischen Kompositionen gleichberechtigt mit den wohlausgesuchten Klassikern erklingen, muss man sicher als vierte Hauptfigur werten. Dies ist einer der seltenen Fälle, dass neben dem Film auch der Soundtrack in meinem Regal steht.
Kaum vorstellbar, dass zunächst die von mir ebenfalls hochgeschätzte Debra Winger für die Hauptrolle vorgesehen war, auch wenn sie ähnliche Qualitäten mitgebracht hätte. Trotzdem glaube ich genauso wenig wie Jack an seine Aussage, wenn er sagt: "There's always another girl." Was allerdings geworden wäre, wenn die Brüder Dennis und Randy Quaid als die Baker Boys besetzt worden wären, wage ich mir nicht vorzustellen. Niemand hätte Jack und Frank mit solchen Nuancen darstellen können wie die so unterschiedlichen Söhne der Legende Lloyd Bridges (Airplane!). Die Karrieren der Brüder spiegeln sehr gut ihre Charaktere wieder. Beau Bridges ist der solide Charakterdarsteller, seine beste weitere Kinorolle war wohl der Familienvater in der herrlich schrägen Irving-Verfilmung Hotel New Hampshire. Ansonsten war er vor allem im Fernsehen zu sehen und kann dafür bereits drei Emmys vorweisen. Sein acht Jahre jüngerer Bruder Jeff dagegen gilt seit seinem Durchbruch 1971 in Die letzte Vorstellung als einer der talentiertesten Darsteller Hollywoods. Pauline Kael schätzte ihn sehr und schrieb einmal, seine Darstellung allein lohne einen Kinobesuch. Tatsächlich ist er ein Naturtalent in der Tradition von Spencer Tracy, dem man auch nie anmerkte, dass er schauspielerte - eine nicht leicht zu erreichende Qualität. Jeff Bridges musste nach Hauptrollen in spannenden Projekten (Starman, Der König der Fischer) zunächst zur Kultfigur werden (The Dude), bevor ihm 2010 endlich ein Oscar zugesprochen wurde, übrigens auch für einen Musikfilm, diesmal als Gitarre-spielender Countrysänger in Crazy Heart.
Wenn man einmal zuschauen möchte, wie ein cleverer Regisseur eine Liebesszene ohne Körperkontakt inszenieren kann, wird bei den Baker Boys fündig. Jack und Susie haben benachbarte Hotelzimmer und teilen sich ein Badezimmer (Frank musste aufgrund einer Familienkrise nach Hause reisen). Zunächst sieht man Susie, wie sie Jacks Utensilien, insbesondere seinen Rasierpinsel beschnuppert. Kurz darauf ist es Jack, der sich an ihrem Parfumflakon zu schaffen macht. Das ist nur eine von vielen fabelhaften Sequenzen, mit der Kamera eingefangen übrigens vom im April verstorbenen Berliner Michael Ballhaus. der hierfür eine seiner drei Oscar-Nominierungen bekam (leider hat er die Trophäe nie gewonnen, trotz beeindruckender Filmographie mit Highlights von Fassbinder bis Scorsese). Schade, dass Autor Steve Kloves nur noch ein weiteres Mal (bei einem Flop) Regie führte und sich dann aufs Schreiben konzentrierte, wobei 2001 für Wonder Boys immerhin eine Oscar-Nominierung heraussprang. Danach zeichnete er erfolreich für die meisten Harry-Potter-Adaptionen verantwortlich, was sicher auch seinem Bankkonto zugute kam.
Ich bin selbst verwundert, wie mich Die Fabelhaften Baker Boys nach fast dreissig Jahren immer noch begeistern können. Ich hatte auch vergessen, wie komisch vor allem die erste Hälfte ist, allerdings nicht, welchen Eindruck Michelle Pfeiffer und die Musik auf mich machten. Natürlich besaß ich seit langem die DVD, aber eine Blu-ray ist erst seit kurzem als Spanien-Import erhältlich, mit ordentlichem Stereoton und gutem 16:9-Bild mit erkennbarem Filmkorn, das allerdings schärfer und farbenfroher sein könnte. Vielleicht gibt es zum 30jährigen Jubiläum doch noch eine verdiente Restaurierung. Bis dahin bin ich mit dem Import zufrieden, auch wenn er keine Extras bietet und nur ein spanischsprachiges Menü. Der Film ist ohnehin: Herausragend (9/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 26. August 2017
Mittwoch, 23. August 2017
Basic poetry: Paterson (6/10)
There are plenty of Jarmusch films in my collection
I used to prefer the earlier ones
But recently he has made some pretty great ones
Paterson is not one of those
It is slightly boring, like this poem
Though I liked Paterson's kooky wife
Somewhat
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