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Samstag, 2. September 2017

Fatal: The Fate of the Furious (1/10)

Zugegeben, ich mag Vin Diesel nicht. Meine erste Begegnung halte ich in schaudernder Erinnerung, eine Sneak Preview von Riddick: ein lächerliches Machwerk, das des SF-Genres nicht würdig ist. Diesel schwitzt reines Testosteron aus. Mimisch verfügt er über vielleicht zwei Gesichtsausdrücke, nennen wir sie "verstopft" und "dämlich". Im Film wird ein Fahndungsfoto eingeblendet, in dem sein Körperbau "muskulös" genannt wird - auf den gerade 50 gewordenen Glatzkopf dürfte inzwischen eher "fleischig" zutreffen. Seine Mutter ist Astrologin - gerade im Zuge des aktuellen Diesel-Skandals sollte sie ihm bestätigen können, dass sein Stern sich im Sinkflug befindet. Da hilft auch seine neueste Marvel-Sprechrolle nicht, für die er wahrscheinlich eine Million pro Wort verdient: "I am Groot!"



Die "Fast & Furious"-Reihe ist so ziemlich das unerwartetste Milliarden-Franchise des Jahrhunderts. Erst 2009 nahm es mit Teil Vier Fahrt auf, wobei dem deutschen Verleih übrigens ausnahmsweise mal ein passender Untertitel einfiel. "Neues Modell. Originalteile" bezog sich natürlich auf die Rückkehr von Paul Walker und Vin Diesel, der nun auch Produzentenstatus bekam.Trotz mehr und mehr mechanischer Drehbücher von Chris Morgan explodierten ab nun die Umsätze, mit der siebten Episode als kommerziellem Höhepunkt, der mit gut 1,5 Milliarden Umsatz momentan Platz Sechs der erfolgreichsten Filme der Welt einnimmt (entscheidender Faktor war wohl der inszenierte Abschied von Star Paul Walker, der bei einem von ihm unverschuldeten Autounfall starb). Natürlich sind diese Kinoumsätze ein Klacks im Vergleich zu den Einnahmen der geistesverwandten Computerspielreihe "Grand Theft Auto" (GTA), welche die Milliardengrenze gewöhnlich schon wenige Tage nach der Veröffentlichung einer neuen Version knackt.



Zunächst fand ich die Auto-Pornos durchaus spaßig. Da gab es wohldurchdachte, nachvollziehbare Actionszenen, die trotz Computerunterstützung noch einigermaßen realistisch wirkten. Dazu kam eine Riege durchaus sympathischer Darsteller, allen voran Dwayne "The Rock" Johnson, der sein Debut im für mich unterhaltsamsten Teil 5 gab.. Der ehemalige Wrestler ist vergleichbar mit dem Schwarzenegger der 80er. Er stellt seine Muskelberge durchaus selbstironisch zur Schau und macht seine mangelnde schauspielerische Bandbreite mit seinem absolut entwaffnenden Grinsen wett. In diesem Jahr ist musste er den ersten Platz als bestbezahlter Schauspieler der Welt zwar an "Transformer" Mark Wahlberg abgeben, steht aber immer noch vor Vin Diesel, was möglicherweise mit zu den kolportierten Reibungen der beiden Alphamännchen geführt hat. Meist auf dem Beifahrersitz finden sich allerdings die Frauen wieder, von denen Letty (Michelle Rodriguez) immerhin ab und zu selbst zuschlagen darf, meist aber doch von den Herren der Schöpfung gerettet werden muss. Aus ihrem Posing liest man dann auch eher "Schau mal, wie toll mein Mann ist!" heraus.



Die nunmehr achte Fortsetzung, The Fate of the Furious, hat zwar auch die Milliardengrenze an den Kinokassen überschritten, gilt aber auch bei vielen Fans als Enttäuschung. Zu sichtbar sind die Retorteneffekte aus dem Computer, zu groß die Logiklöcher. Wenn die Schurkin per Fernsteuerung drei Autos aus einem Parkhaus hätte stürzen lassen, wäre das vielleicht pfiffig gewesen. Bei 300 Autos wirkt das nur noch ermüdend. Die Naturgesetze werden derart nachlässig auf den Kopf gestellt, dass kaum jemand noch zur Suspension of Disbelief fähig ist. Am Ende gibt es ein Wettrennen auf dem Eis, zwischen dem Team in verschiedenen Sportwagen und, um die Fallschirmabsprünge (der Autos!) aus Teil 7 zu toppen - einem U-Boot! Da scheint der unsichtbare Aston Martin aus Bond 20 plötzlich technisch plausibel...



Schwerer wiegt für mich, wie weit die Übertreibungen in eine andere Richtung gehen. Nehmen wir die Anfangsszene in Rio, das Wettrennen über die brasilianische Meile (welches gefühlt wenig rekordverdächtige fünf Minuten dauert). Das geht mitten am Tage durch die Stadt - ein paar Motorräder sorgen für Adhoc-Verkehrsregelungen. Zum Glück sind alle Unbeteiligten geistesgegenwärtig und agil genug, um rechtzeitig aus dem Weg zu springen. Egal, ob das Rennen über den Bügersteig oder verstopfte Kreuzungen geht, kein Fußgänger und kein Fahrer kommt zu Schaden. Will uns der Film glauben machen. Wirklich? GTA auf den Straßen von Rio? Das ist nicht nur unsensibel im Angesicht von zunehmenden terroristisch motivierten Mordfahrten in den Hauptstädten unserer Welt, sondern ist auch unrühmliches Vorbild für illegale Autorennen, die zunehmend Todesopfer in Kauf nehmen.



Ein weiteres Franchise-Übel ist, dass kein Bösewicht zurückgelassen wird. Hobbs (Dwayne Johnson) war zunächst Gegenspieler des Teams, dann war Deckard (Jason Staham) der Big Bad. Beide arbeiten nun mit dem Team zusammen. Unglaublich, wie sich die Actionstars aufplustern, wie sie posieren und sich in der Rolle des coolsten Typs behaupten wollen. Leider reiht sich da auch Charlize Theron als neueste Schurkin Cipher ein. Trotzdem haben die jungen Möchtegernhelden alle keine Chance, denn mit seinem kurzen Auftritt als Mr. Nobody zeigt Altstar Kurt Russell allen, was Coolness wirklich bedeutet. Auch wenn ich schon wieder vergessen habe, ob er nun einen Kriminellen oder einen Regierungsagenten darstellen soll. Nicht dass seine Handlungen und Motive weniger lächerlich wären. So veranstaltet er ein ungeprobtes Ausbruchsrennen aus einem Hochsicherheitstrakt zwischen Hobbs und Deckard, mit Stunts, die Captain America Ehre gemacht hätten. Nur: Niemand nimmt Dwayne Johnson ab, dass er mit seiner beachtlichen Muskelmasse auch noch athletische Purzelbäume schlagen kann (später stellt sich raus, dass er mit dem kleinen Finger sogar einen Torpedo umlenken kann). Selbst Wonder Woman käme ins Staunen, sie wurde allerdings in Teil 6 verschrottet, um - nun ja, Wonder Woman zu werden. Übrigens fließt hier wie auch sonst kein Blut, nicht einmal Kunstblut, obwohl dutzendweise Mithäftlinge und Wärter niedergemetzelt werden. Na dann kann man das ganze wohl ab 12 freigeben...



Lohnt es sich, die Handlung zu beschreiben? Ok, ich versuche es - SPOILER ahead (sofern man einen solchen Unsinn spoilern kann). Also, Dom verbringt mit Letty glückliche Zeiten in Rio (dämlich), bis er von Cipher mit einem Filius ex machina erpresst wird und sich gegen sein Team stellen muss (verstopft). Die Kameraden sind ganz unglücklich, können ihn aber nicht stoppen, denn er ist ein ganz toller Fahrer (aber immer noch verstopft).  Hobbs und Deckard brechen aus dem Knast aus, denn nur ihr vereinter Testosteronspiegel kann Doms das Wasser reichen. Misandei und Ludacris (oder Tyrese Gibson?) hacken für Mr. Nobody God's Eye (warum nicht den dreiäugigen Raben fragen?), um Dom zu finden, werden aber von Cipher überfallen, die aber alle am Leben lässt, weil sie sonst nicht für die Fortsetzung bezahlt würde. Keine Inder da, um die Computer zu bedienen - so müssen halt die Schwarzen ran, weil sie sonst gar keine Handlungsfunktion hätten. Dom (verstopft dämlich) trifft sich heimlich mit der Queen Mum Helen Mirren und heckt einen Plan aus, um Cipher auszutricksen. Bis dahin muss er aber immer noch Verstopfung vortäuschen. Deckard wird von Ciphers Henchman Tormund Giantsbane erschossen. Dom ist todtraurig (verstopft), alle Übeltaten Deckards im Vorgängerfilm sind vergessen. Dom überfällt fast im Alleingang eine russische Arktisstation, um ein U-Boot zu stehlen (verbissen verstopft). Das Team versucht ihn zu stoppen, unzählige russische Rebellen verlieren blutlos ihr Leben. Deckard ist doch nicht tot und entführt mit seinem hierfür aus dem Koma reanimierten Bruder Doms Sohn aus Ciphers Flugzeug, in einer plumpen Hommage an John Woos Actionklassiker Hard Boiled, dank kugelsicherem Babysitz. Dom rettet sein Team (und die Welt), denn er ist ja der Tollste (dämlich), das Team rettet ihn, weil er ja der Produzent ist (immer noch dämlich). Am Ende sind alle eine glückliche Familie (ganz doll dämlich).



Das Schicksal der furiosen Sieben wendet sich also wenig überraschend zum Guten. Unser Schicksal scheint es zu sein, noch mindestens zwei weitere Fortsetzungen ertragen zu müssen. Aber irgendwann wird sich die Reihe schon totfahren. Ärgerlich (1/10).

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