Hollywood, vom Mulholland Drive aus betrachtet. Unzählige Lichterketten, Reichtum und Macht locken, aber auch dunkle Abgründe. Wege zum Ruhm oder Vorhof der Hölle, Traum oder Alptraum?
Eine alternde Künstlerin singt eine spanische Version von Roy Orbisons Hit "Crying". Sie intoniert die schmerzlichen Textzeilen offenbar aus tiefster Seele, bringt sich und das Publikum zum Schluchzen - und tritt plötzlich vom Mikrofon zurück. Das Lied erklingt weiter, es kommt vom Tonband. "No hay una banda", "Es gibt keine (Live-)Band". Was, wenn auch das Leben zum Playback wird?
Der "Cowboy", eine geheimnisvolle Gestalt mit "elektrischer" Aura, stellt eine wichtige Frage: Ist der Lebensweg des jungen Regisseurs von seiner Einstellung zu einer einzelnen Besetzungsfrage abhängig? Offenbar geht es um ein Angebot, das er nicht ablehnen kann...
Ein Mann, der im "Weenie's" am Sunset Bvd sitzt, ist zu Tode verängstigt. Er ist überzeugt, daß hinter dem Haus eine furchterregende Erscheinung auf ihn wartet, die ihm im Schlaf bereits begegnet ist. Aber war es Traum oder selbsterfüllende Vorahnung?
Ein Vorsprechtermin. Alle sind erfreut, einander kennenzulernen. Die hilfreiche Anweisung des ausgebrannten Regisseurs: Laß es nicht wirklich werden, bevor es wirklich ist! Und was bei der Probe mit der Freundin noch wie ein heftiger Streit wirkte, ist auf einmal eine zärtliche Liebesszene...
Sorgfältig werden die Fingerabdrücke von der Waffe gewischt, bevor sie dem Toten in die Hand gelegt wird. Oh je, da löst sich versehentlich noch ein Schuß! Im Nebenraum ein Aufschrei: die Putzfrau glaubt, sie sei gebissen worden. Also wartet noch mehr Arbeit auf den Killer...
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Mit einem erstaunlichen kleinen Werk voller Schönheit und milder Versponnenheit, der geradlinigen Straight Story, hat sich David Lynch eine beachtliche neue Fangemeinde geschaffen. Doch mehr noch als sein Wüstenplanet (der übrigens nicht so schlecht ist wie sein Ruf) war jenes Roadmovie untypisch für den unabhängigen Amerikaner, der zuvor eher durch verwirrende Visionen à la Blue Velvet und Wild at Heart bekannt war. Mit Mulholland Drive erreicht er einen Höhepunkt seines Hauptwerkes. Kaum verwunderlich, daß in der (ohnehin spärlich besuchten) Vorpremiere etliche Besucher vorzeitig den Saal verließen - die gebotene Kost entsprach wohl nicht der Erwartungshaltung.
Tatsächlich dauert es eine Weile, bis man sich in diesem "Mystery Thriller" (so das Plakat) orientiert hat. Stück für Stück muß man die puzzleartig dargebotene Handlung für sich zusammenbauen. Wenn man später merkt, daß die Teile nicht reibungslos ineinandergreifen, ist man bereits derart gefesselt, daß dies keine Rolle mehr spielt. Viele Einzelszenen (einige habe ich zu Beginn skizziert) sind intensiver als die meisten Hollywood-Blockbuster des Jahres zusammengenommen. Lynch hat eine einmalige Begabung, emotionale Spannungen aufzubauen, mit der andere vielleicht triefenden Kitsch produzieren würden. Ihm geht es aber darum, Unbehagen zu erzeugen Erwartungsstrukturen aufzubrechen. Seine Werkzeuge sind u. a. irrsinnige Kameraperspektiven, morbide Musikuntermalung, in ihrer Wirkung beängstigende Schnitte und beunruhigende Kamerafahrten durch schattendurchsetzte Zimmerfluchten. Dabei gelingt ihm ein fabelhaftes schwarzhumoriges Abbild der hollywoodschen Alptraumfabrik.
Trotzdem empfindet man Sympathie, wenigstens Mitleid mit den meisten Figuren. Das ist auch den großartigen Schauspielern zu verdanken, sämtlich unbekannte Gesichter, von denen man noch viel erwarten kann. Die (blonde) Debütantin Naomi Watts muß man dabei hervorheben, sie hat bereits mehrere Preise für ihre Rolle gewonnen. Als Betty ist sie zu Beginn herzzerreißend naiv und begeisterungsfähig, als Diane im zweiten Teil desillusioniert und verzweifelt, beides mit hoher Glaubwürdigkeit. Ihr dunkelhaariger Gegenpart Laura Elena Harring hat es im weniger dankbaren Part etwas schwerer, weiß aber durchaus zu überzeugen. Justin Theroux als weltfremder Künstler stolpert souverän staunend durch den Hollywood-Dschungel und sieht zudem Steven Soderbergh recht ähnlich, einem möglichen Vorbild für diese Figur.
Nun mal ein paar Kritikpunkte. Die Struktur, das "Puzzle, das nicht aufgeht" (übrigens das in den vorhandenen Kritiken am häufgisten benutzte Bild), ist zwar hochinteressant und schafft nie endenden Gesprächsstoff. Trotzdem hätte ein wenig Straffung dem ganzen durchaus gut getan. Einige Episoden passen nur bedingt in die Handlung, das erklärt sich offenbar aus der Entstehungsgeschichte. Das ursprünglich Konzept war für eine Fernsehserie entwickelt worden, eine Form, die naturgemäß von offenen Handlungssträngen genauso wie von wiederkehrenden Elementen lebt. Und 140 Minuten Beklemmung können einem emotional ganz schön zu schaffen machen. Viele Bilder brennen sich im Gedächtnis fest. Ich muß gestehen, daß ich nach diesem Kinoerlebnis nicht besonders gut geschlafen habe. Nun ja, so ging es mir auch nach Kubricks letztem Meisterwerk, The Shining. Das Horror-Genre ist eigentlich nicht mein Ding, umso bemerkenswerter, wenn mir mal ein Film mit Horror-Elementen gefällt.
David Lynch wird wahrscheinlich keinen Oscar für Mulholland Drive gewinnen (auch wenn ich auf seine dann dritte Nominierung tippe), so wenig wie das vor ihm etwa Spike Lee oder Jim Jarmusch mit ihren besten Beiträgen gelungen ist. Aber festzustellen ist, daß trotz aller Widrigkeiten auch heute noch solche Abweichler vom amerikanischen Mainstream entstehen können und sogar ihr Publikum finden. Dies haben im vergangenen Jahr außerdem Christopher Nolan mit Memento und Terry Zwigoff mit Ghost World bewiesen. Und wer die Abwechslung liebt und sich vom Kino anregen und nicht nur unterhalten lassen möchte, ist hier goldrichtig. Herausragend (9/10).
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