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Samstag, 16. September 2017

Klassiker auf Blu-ray #19: Eins, zwei, drei (Billy Wilder, 1961)

Sitzen machen!
Mr. MacNamara (James Cagney), der Leiter der Berliner Coca-Cola-Niederlassung, hat seine Angestellten im Griff. Nur das Habacht-Stehen und Hackenknallen seines Adjutanten Assistenten Schlemmer (Hanns Lothar) geht ihm auf die Nerven, und so hofft er sehnsüchtig auf seine Versetzung aus dieser "halben Stadt" nach London, als Europa-Leiter. Den für einen britischen Gentleman passenden Regenschirm hat er bereits erstanden, doch natürlich kommt alles anders. Dafür sorgt die 17jährige Tochter seines Chefs, die er für einige Monate babysitten muss, was diese allzu wörtlich nimmt...
Raus machen!
Natürlich wusste Wilder, was er da schrieb. Gut 25 Jahre nach seiner Emigration hatte der Starregisseur seine Muttersprache noch nicht verlernt. 13 Jahre nach Eine auswärtige Affäre begab er sich erneut an seine alte Wirkungsstätte und teilte fleissig aus. Kapitalisten und Kommunisten, Arme und Reiche, Ost und West, Amerikaner, Russen und Deutsche bekamen ihr Fett ab. Als Schauplätze sind das Brandenburger Tor, die Gedächtniskirche und der Flughafen Tempelhof zu sehen. Dann ist da das Ost-Berliner Hotel Potemkin (vormals Göring, vormals Bismarck) und natürlich die Coca-Cola-Zentrale in Lichterfelde. Heute würde man wohl eine Firma erfinden und der Satire damit die Schärfe entziehen. Auch damals gab es Unmut, etwa von einer gewissen Joan Crawford, Aufsichtsrätin von Pepsi, derzuliebe Wilder immerhin einen Schlussgag am Getränkeautomaten hinzufügte. Schlemmer!
Schneller machen!
Es war eine Tour de Force des 62jährigen James Cagney, der in den 30ern durch Gangsterfilme bekannt geworden war, seinen Oscar dann aber 1943 in der Musikbiographie Yankee Doodle Dandee eintanzte. Auch sein MacNamara (für den er eigentlich 10 Jahre zu alt war) hat Rhythmus im Blut, spätestens im hektischen Finale, als er über Nacht einen Kommunisten in einen Grafen verwandelt und dazu die besten Schneider, Hutmacher, Barbiere und Maler (für das Wappen) der Stadt herankommandiert (mit virtuosem Fingerschnippen). Später beklagte sich Cagney über den herrschsüchtigen Perfektionisten Wilder, sah das Ergebnis dann aber doch als würdigen Abschied (erst 20 Jahre später konnte ihn Milos Foreman zu einem Cameo im leider nicht überzeugenden Ragtime überreden). Wie schön, dass ihm Wilder zwei nostalgische Momente gestattete, erst mit einem Zitat von Edward G. Robinsons Kleinem Cäsar ("Is this the end of Rico?"), dann, indem er ihn sein Mündel mit einer Pampelmuse bedrohen lässt, in Erinnerung an die Szene aus Der öffentliche Feind, die 1931 Amerika schockierte. Auch gibt es erneut ein kurzes Musik-Intermezzo mit Bandleader Friedrich Hollaender (Ausgerechnet Bananen). Ansonsten liefert sich Cagney tolle Wortgefechte, u.a. mit der Komödiantin Arlene Francis als seine patente Ehefrau Phyllis (den doppelten Nerzmantel bekommt allerdings nicht sie, sondern die Putzfrau)  und der äusserlich hübschen, ansonsten unscheinbaren 19jährigen Pamela Tiffin als die ihm anvertraute Scarlett, die dann auch prompt wie vom Winde verweht ist. "You're underage, and I'm under orders!°



Als jener sozialistischer Wendehals, der erst die Millionärstochter verführt und dann dem Kapital zum Opfer fällt (am Ende hat er 10.000 Dollar Schulden), ist übrigens der 28jährige Horst Buchholz zu sehen. Frisch nach seinem Erfolg bei den Glorreichen Sieben ging er mit seinen Starallüren wohl vor allem Cagney auf die Nerven, konnte dem Veteranen aber keineswegs die Schau stehlen. Einige der herrlichsten Szenen hat der andere deutsche Co-Star: Lilo Pulver als fesche Sekretärin mit platinblonder Perücke und Wonderbra, die ihrem Chef den Umlaut nahebringt, ist einfach wunderbar, gerade weil sie gegen ihr Image besetzt war - nach Ich denke oft an Piroschka und den Spessart-Komödien war sie eher für Hosenrollen berühmt. Kein Wunder, dass sie den drei russischen Kommissaren den Kopf verdreht. Die verpflanzte Wilder übrigens fast unverändert aus der geistesverwandten, aber viel romantischeren Lubitsch-Komödie Ninotchka von 1939 mit der unvergleichlichen Garbo. Am Drehbuch war er damals schon maßgeblich beteiligt, also warum nicht daraus stehlen? Diesmal liefern sich die Funktionäre, darunter der Österreicher Leon Askin und der spätere Sam Hawkens Ralf Wolter, eine rasante Verfolgungsjagd, mit vorhersehbarem Sieg der Mercedes-Limousine vor ihrem Trabant-ähnlichen Vehikel, welches fast das Brandenburger Tor zum Einsturz bringt. Übrigens war dies wohl (zum Glück) ein Nachbau in den Münchner Studios, nachdem die Kommunisten zum Ärger der Filmemacher über Nacht die Grenze zugemauert hatten.



Das war übrigens auch der (verständliche) Grund, warum der Film in Deutschland zunächst kein Erfolg war (Anerkennung kam erst mit der Wiederaufführung 1985). Über eine Ost-West-Komödie konnte man plötzlich nicht mehr lachen. Das ist zumindest die offizielle Lesart. Zusätzlich glaube ich, dass Wilders zynische Sicht auf das Nachkriegsdeutschland 1961 dort ohnehin nicht besonders populär gewesen wäre. So entpuppt sich ein neugieriger Reporter als ehemaliger SS-Offizier, während Assistent Schlemmer im Krieg im "Untergrund" war, nämlich beim U-Bahn-Bau, und daher gar keinen Adolf kannte. Jawoll!



Der Misserfolg in den USA ist schon schwerer zu erklären. Noch ein Jahr zuvor war schließlich die beinhart sozialkritische Komödie Das Apartment gefeiert worden und brachte Wilder seinen zweiten Regie-Oscar und dritten Drehbuch-Oscar ein (und seinen insgesamt sechsten und letzten Oscar für den Besten Film). War es der Spott über das zu dieser Zeit jämmerliche amerikanische Raketenprogramm, der Kapitalismus im Zerrspiegel (in der Kuckucksuhr war der Kuckuck durch einen fahnenschwingenden Yankee Doodle Dandy ersetzt) oder doch ein ungutes Gefühl ob des düsterer werdenden Kalten Krieges?



Pauline Kael konnte mit dem Film nichts anfangen, sie fand die Witze schal und die Darsteller chargierend - aber sie mochte Wilder ohnehin nicht (für Manche mögen's heiss fand sie zähneknirschend ein paar anerkennende Worte). Für mich persönlich ist Wilders Reihung von vier Komödienknallern in Folge beispiellos in der Filmgeschichte. Dabei war er eigentlich für sehr diverse Werke bekannt, zu meinen Lieblingsfilmen gehören u.a. Die Frau ohne Gewissen (Schwarze Serie, 1944), Das verlorene Wochenende (Alkoholiker-Drama, 1945) und Boulevard der Dämmerung (Hollywood-Drama, 1950). Aber nach den (sehr unterschiedlichen) Meisterwerken Zeugin der Anklage (1957, mit Charles Laughton und Marlene Dietrich), Manche mögen's heiß (1959) und Das Apartment (1960) hatte der deutsche Trailer vielleicht Recht, Wilder als Komödienspezialist zu verkaufen. Eins, Zwei, Drei ist leider das Stiefkind des Quartetts, das es heutzutage wegen der Schwarzweiss-Bilder ohnehin schwer hat, neue Freunde zu finden (Das Apartment war das letzte Schwarzweiss-Werk, das als Bester Film ausgezeichnet wurde, zumindest bis Schindlers Liste und The Artist). Wilder drehte noch ein paar schöne Filme (am überzeugendsten davon fand ich Avanti, Avanti) von 1972, aber Eins, Zwei, Drei ist für mich sein letzter herausragender (9/10), den es bisher übrigens auf Blu-ray nur als US-Import mit Regionalcode A zu kaufen gibt, dafür aber in perfekter Bildqualität. Nicht nur für Berliner zu empfehlen!

Zugabe: Meine 15 Jahre alte Amazon-Kritik zur DVD von "Manche mögen's heiß":


Niemand ist perfekt - aber wenn man die perfekte Komödie küren wollte, dann wäre "Some Like It Hot" der erste Anwärter auf die Krone. Selten waren die Oscars so unverdient wie die Preise von 1960 für "Ben-Hur". In der AFI-Liste der besten amerikanischen Filme taucht "Some Like It Hot" auf Platz 14, "Ben-Hur" nur auf Platz 72 auf; späte Genugtuung für Billy Wilder, der hier quasi im Vorübergehen ein zweites Mal (nach "The Seven Year Itch") die Monroe so in Szene setzte, wie sie es öfter verdient gehabt hätte. Aber genug von Marilyn - die Hauptdarsteller hießen Tony Curtis und Jack Lemmon, und beiden hätte man den Oscar (und den Millionärsgatten, und Sugar Cane) gegönnt. Und natürlich dem vielleicht spritzigsten Drehbuch seit "Leoparden küßt man nicht". Es ist fraglich, ob man mehr unvergeßliche Szenen und Dialoge in einen Film packen kann, und der einzige Kritikpunkt ist denn auch, daß die zwei Stunden viel zu schnell vorüber sind...

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