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Freitag, 11. Oktober 2013

Brave Geschichtsstunde: Der Butler (5/10)

Der Butler teilt sein größtes konzeptionelles Problem mit seiner Hauptfigur. Cecil Gaines ist derart mit dem Aufrechterhalten einer würdevollen Fassade beschäftigt, daß sein übriges Leben dahinter fast verschwindet. Er selbst spricht von den zwei Gesichtern der Bediensteten, dem öffentlichen und dem privaten. Leider gelingt es Regisseur Lee Daniels nicht, eine Balance zwischen den Ebenen zu erreichen. Die politischen Stationen der Bürgerrechtsbewegung werden brav abgehakt. Manchmal werden die Entscheidungsprozesse mit dem eigentlichen Drama der tapferen Aktionisten zusammengeschnitten, aber nur selten haben diese Szenen die gewünschte emotionale Wirkung. Zwei Szenen um Cecils Sohn Louis sind mir im Gedächtnis geblieben, einmal die gemischtrassige "Besetzung" eines Cafes, zum anderen der Überfall auf den "Freiheitsbus" durch den Ku Klux Klan. Da wurden plötzlich die schreckliche Ereignisse fühlbar, die Phil Ochs damals mit der Liedzeile "Mississippi, find yourself another country to be part of!" kommentierte.

Und dann ist da das "Stunt casting" - die Besetzung vor allem der Präsidenten mit bekannten, wenngleich verfremdeten Gesichtern: Robin Williams als Eisenhower, James Marsden als Kennedy, John Cusack als Nixon (katastrophal fehlbesetzt) und Alan Rickman und Jane Fonda als Ronald und Nancy Reagan (wtf?). Das lenkt nur von den Geschehnissen ab, und leider bezieht sich dies auch auf Oprah Winfrey als Cecils Ehefrau, in einer undankbaren Rolle als weinerliche Alkoholikerin, in der sie nie jünger als 60 aussieht. Forest Whitaker in der Hauptrolle hat natürlich gute Momente, wie man es von einem der besten amerikanischen Schauspieler erwarten kann. Seine Figur altert auch am überzeugendsten.

Für Autor Danny Strong habe ich die größte Sympathie, der Karrieresprung von einer (zum Schluß imemrhin wichtigen) Nebenfigur in Buffy zum (wahrscheinlich) oscar-nominierten Drehbuchautor ist beeindruckend. Er ist immer noch der König der Nerds, und zudem hat er (im Kontext sei das erlaubt zu erwähnen) eine ziemlich blasse Haut, die ihn nicht gerade zum geeignetsten Chronisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung macht. Was Lee Daniels betrifft, konnte ich mich bereits mit seinem umjubelten Precious nicht anfreunden, obwohl ich es aufgrund seiner ehrlicheren Sentimentalität dem ähnlich gelagerten The Blind Side aus der gleichen Oscarsaison vorziehe. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was Spike Lee (der ursprünglich Regie führen sollte) aus diesem Stoff hätte rausholen können. Natürlich tendiert er inzwischen zur radikaleren Malcolm-X-Seite der Medaille, aber jedenfalls wäre das Wort "brav" in dieser Rezension nie aufgetaucht.

Es ist schwer zu sagen, was nun dem Drehbuch und was der Regie anzulasten ist. Da gibt es übertrieben sentimentale Momente, etwa der von rührseligen Geigenklängen begleitete Abschied der Eltern vom Sohn Louis, der ein College in den Südstaaten besuchen will. Und dann wieder sehe ich verpaßte Möglichkeiten, etwa wenn John F. Kennedy Cecil erklärt, er wisse von Louis' Aktivitäten und daß er im Gefängnis sitze, aber diese Vorkommnisse hätten seinem Bruder Bobby und ihm die Augen geöffnet. Das hätte Cecil seinem Sohn Louis ja durchaus mal erzählen können... Beeindruckend, aber viel zu spät das Staatsdinner, zu dem Cecil und Gloria als (Alibi-)Gäste geladen werden, so wie überhaupt in der Reagan-Ära spannende Fragen angedeutet werden. Durchaus möglich, daß Ronald Reagan wie so manche Galeonsfigur der Konservativen (z.B. auch John Wayne) privat ein netter Kerl war, der Schwarze durchaus als gleichberechtigt behandeln konnte (im Film ist er es, der den schwarzen Bediensteten endlich gleichen Lohn verschafft), während seine abstrakte Politik etwa durch das Veto von Sanktionen gegen das Apartheitsregime in Südafrika schäbig erscheint. Mehr solcher Ambivalenzen hätten dem Film gut getan.

Was bleibt, sind zwei mäßig unterhaltsame Geschichtsstunden, mit sehr unterschiedlichen Schauspielerleistungen dramaturgischen Schwächen und fragwürdiger Haltung. Annehmbar (5/10).

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