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Montag, 23. Dezember 2013

Rätselhaft, wenig authentisch und depressiv: Inside Llewyn Davis (5/10)

Inside Llewyn Davis ist ein deprimierendes Porträt eines Musikers, der niemals gelebt hat, und ein Zerrspiegel einer Zeit, die es niemals gab. Das Drehbuch soll auf den Erinnerungen von Dave Van Ronk beruhen und spielt zu  Beginn des Folkrevivals Anfang der 60er. Nach dem wenigen, das ich über diesen Folksänger weiß, war er zwar kommerziell tatsächlich wenig erfolgreich, aber mit seinem charismatischen Auftreten und einfallsreichen Repertoire Vorbild für etliche spätere Stars (er war Mitte der 90er Mitwirkender beim Nostalgie-Event Lifelines von Peter, Paul & Mary). Der bisher recht unbekannte Oscar Isaac spielt (durchaus kompetent) einen mittelmäßigen, desillusionierten Folksänger, der überhaupt nicht in diese Zeit des Aufbruchs paßt. Die New Yorker Szene in Greenwich Village kann damals unmöglich so dröge wie im Film dargestellt gewesen sein. Wo ist die Begeisterung des Neuanfangs geblieben, aus der sich Ikonen der 60er wie Joan Baez und Peter, Paul & Mary (die übrigens Millionen von Alben verkauften) etablierten, die den Nährboden für eine Generation hervorragender Liedermacher wie Phil Ochs, Eric Anderson,Tom Paxton  und Paul Simon und den Pop-Folk der späten 60er bildete, mit den Lovin' Spoonful, den Byrds, den Mamas & Papas?

Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis  jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).

Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und  Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.

Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).

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