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Sonntag, 29. Dezember 2013

SF-Klassiker #4: Time and Again/Von Zeit zu Zeit (Jack Finney, 1970)

Jack Finney (1911 - 1995) war ein profilierter amerikanischer Autor von Krimis und Thrillern, der aber vor allem durch seine wenigen Ausflüge in die Science Fiction berühmt ist. Sein bekanntestes Werk, "Die Körperfresser kommen" bzw. "Invasion of the Body Snatchers" (1955), eine Art Horrorparodie auf die Kommunisten-Paranoia seiner Landsleute, wurde bisher viermal verfilmt, am erfolgreichsten 1978 durch Philip Kaufman (mit Donald Sutherland, Leonard Nimoy und Jeff Goldblum).

Im 1970 erschienenen "Von Zeit zu Zeit" reist der Ich-Erzähler, Simon Morley, in der wohl sanftesten vorstellbaren Weise durch die Zeit. Im wesentlichen durch Selbsthypnose bewegt er sich zwischen "seinem" New York und einem nur unvollkommen durch frühe Fotographien und Zeichnungen dokumentierten New York des Jahres 1882. Und es ist der Kontrast dieser "nur" 90 Jahre auseinander liegenden Perioden, der den Roman mit Leben und Spannung erfüllt. Dabei ist der wesentliche Unterschied nicht die Technologie, sondern die Einstellung der Menschen zu ihrer Zeit. In den 1880ern gibt es sicher eher mehr Armut, Krankheit und Elend als in unserer "modernen" Zivilisation. Aber es gibt auch noch eine alltägliche Gelassenheit und eine stille Freude am Leben, die späteren Generationen abhanden gekommen sind. Illustriert wird dies etwa durch einen geselligen Abend der Pension, in der Simon unterkommt. Ohne Ablenkung durch Fernsehen oder andere moderne Medien vergnügen sich die Bewohner mit Charaden, Musizieren und Zaubertricks. Gesprächsthemen sind der Zeitung entnommene Ereignisse: die Gerichtsverhandlung gegen einen notorischen Mörder, Modeentwicklungen, Klatsch.

So verstehe zumindest ich die These des Autors, die man weitere 40 Jahre nach Entstehung durchaus weiterspinnen kann. Der zugrundeliegende Kontrast hat sich seitdem ja noch deutlich verschärft. Stilistisch gesehen mag gerade die erste Hälfte des Romans dem heutigen Leser etwas zäh vorkommen. Finney beschreibt Situationen und Menschen gern bis in die kleinsten Details. Aber genau diese Detailversessenheit macht für mich den Sog der Geschehnisse aus. Der Lesegenuß entsteht daraus, sich entführen zu lassen in diese fast noch greifbare und doch so entfernte Welt des 19. Jahrhunderts, mit Schlittenfahrten und von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Erst im letzten Drittel spitzen sich die Ereignisse zum Thriller mit anschließender spannender Verfolgungsjagd zu. Die Figuren wirken plastisch, Charakterentwicklungen stehen aber nicht im Vordergrund. Nicht erwarten sollte man besonders feministische Positionen. Die Frauen sind durchaus sympathisch, erscheinen aber recht passiv und fremdbestimmt - wohl korrekt für 1882, vielleicht auch für 1970 noch die Norm. Manchmal scheint auch eine Art idealistischer Naivität durch: in merkwürdiger Erinnerung blieb mir eine Passage über "fröhliche kannibalistische Zulus" (Position 3541).

Während für H.G. Wells 1895 seine Zeitmaschine vor allem einen erzählerischer Kniff darstellte, mit dem er seine Allegorie auf die vorherrschenden Ideologien eine anschauliche Gestalt geben konnte, behandelten viele der späteren Zeitreisegeschichten wissenschaftlichen Aspekte und das Problem von Zeitparadoxen (Was passiert, wenn ich in die Vergangenheit reise und verhindere, daß meine Eltern sich kennenlernen?) Finneys Roman ist sich möglicher Paradoxen bewußt. Auf einer abstrakten Ebene ist er auch eine Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie, Laut IMDB ist erst jetzt eine Verfilmung in Planung - es bleibt abzuwarten, ob der Grundton der Vorlage erhalten bleibt, oder ob der Stoff nur zu einem weiteren futuristischen Thriller mit Twist verarbeitet wird.

Die Kindle-Edition ist tadellos formatiert und fehlerfrei aufbereitet. Sie enthält die aus verschiedenen historischen Quellen zusammengestellten Schwarzweiß-Fotografien und -Zeichnungen, die auf dem 6-Zoll-Bildschirm naturgemäß arg klein geraten (dafür empfiehlt es sich, parallel ein Tablet bereitzuhalten).

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