Im Werbeprogramm wird ein Trailer für die im März drohende Vampir-Akademie gezeigt. Man sollte meinen, daß nach dem Ende der Twilight-Filmchen das Thema langsam ausgereizt ist, da läuft mit Dracula sogar noch eine neue (totgeborene) Fernsehserie an. Das einst so vielversprechende True Blood wird immer blutiger und absurder, die Teenager-Variante Vampire Diaries dreht sich seit Jahren im Liebesdreieck der Hauptfiguren. Nun bringt zumindest im Kino Jim Jarmusch den Untoten ihre Würde und ihr Mysterium zurück.
Vampire wurden in Literatur und Film ja nicht erfunden, um schmachtvolle Blicke auszutauschen oder als in Leder gekleidete Actionhelden möglichst cool rüberzukommen. Jarmuschs Adam und Eve vertragen kein Tageslicht und ernähren sich von Blut(-konserven). Alles übrige bleibt im Dunkeln; nur so behalten sie die Aura des Geheimnisvollen. Sie verfolgen die Entwicklung der Menschheit seit vielen Jahrhunderten und erfreuen sich an kulturellen und technologischen Errungenschaften: Eve verschlingt Literatur in Dutzenden von Sprachen, Adam ist Virtuose auf der Renaissance-Laute wie auf der Violine und Eddie Cochrans Gretsch (er liebt Vintage-Instrumente). Gelegentlich leisten sie selbst einen Beitrag: Adam schob Schubert das Adagio eines Streichquartetts unter, und Eves Mentor (John Hurt) schrieb im 16. Jahrhundert unter Pseudonym Theaterstücke...
Aber die "Zombies" (so nennen sie frustriert die Menschen des 21. Jahrhunderts) haben sich in eine Sackgasse manövriert - davon zeugen Detroits Industrieruinen genauso wie Tangers trostlose Gassen mit ihren aufdringlichen Händlern; unverseuchte Blutkonserven sind schwer zu beschaffen. Nach jahrzehntelanger Fernbeziehung per Skype macht sich Eve auf die Reise nach Detroit, um den depressiven Adam aufzumuntern. Für handfeste Probleme aber sorgt ihre Schwester Ava (Mia "Alice" Wasikowska).
Man weiß, daß in Jarmusch-Filmen nicht viel passiert. Das kann toll sein (Stranger Than Paradise - 1984), aber auch ziemlich langweilig (The Limits of Control - 2009). Viel hängt von den Hauptdarstellern ab. Tom "Loki" Hiddleston als Adam ist perfekt besetzt: gebeugt von der Last der Jahrhunderte, exzentrisch wie der ultimative Rockstar, charismatisch selbst im Schlaf. Tilda Swinton ("Social Services" aus Moonrise Kingdom) als Eve entspricht mit ihrem albinotischen Äußeren zwar genau dem Klischee, ist ansonsten aber eher gegen ihren Typ besetzt: geduldig, weise, warmherzig, ist sie die perfekte Ergänzung zu ihrem depressiven Ehemann (ihre dritte offizielle Hochzeit ist keine 150 Jahre her und damit frisch in Erinnerung). Natürlich hätte man sich auch eine attraktive Frau in der Rolle wünschen können, aber egal. Der dritte Star ist hier eindeutig die Ausstattung. Besonders Adams Musikerbude bietet staunenswerte Details von Vinylplatten und Röhrenverstärkern bis hin zu modernster Aufnahmetechnik (der Stromgenerator funktioniert auf Basis vergessener Erfindungen von Tesla).
Jim Jarmusch hat in den USA wohl kaum noch eine Fangemeinde (die IMDB bietet aktuell ganze zwei Nutzerrezensionen), in Europa halten noch einige dem inzwischen 60jährigen König der Independants die Treue. Inzwischen veröffentlicht er nur noch alle vier Jahre einen Langfilm. Only Lovers Left Alive ist sein bestes Werk seit Ghost Dog - Der Weg des Samurai von 1999. Herausragend (9/10).
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