Mit 71 Jahren ist Altmeister Martin Scorsese immer noch für Überraschungen gut. Wer hätte vom Neuerfinder des Krimis (Goodfellas, Casino, The Departed) und Schöpfer blutiger Sittengemälde (Taxi Driver, Die letzte Versuchung Christi, Gangs of New York) eine solch leichtfüßige Komödie erwartet, mit drei der kurzweiligsten, mehrfach zu lautem Lachen einladenden Kinostunden der letzten Jahre? Fast ist man erleichtert, daß das Wort "Fuck" angeblich über 500 Mal fällt, ohne daß Joe Pesci überhaupt mitspielt. Martys technische Brillanz fällt einem erst im Nachhinein auf, sie steht aber ganz im Dienst der Geschichte - und welch eine Geschichte dies ist!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
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