Lange bevor sich an Buffys Schule in Sunnydale die Ängste und Konflikte der Heranwachsenden in handfesten Dämonen manifestierten, erfand Stephen King die übernatürlichen Fähigkeiten seiner Figur Carrie als Metapher für ihren labilen seelischen Zustand. Buch und Film stellen die üblichen Horror-Klischees auf den Kopf, nach denen etwa im Exorzist (1973) ein Kind "vom Teufel besessen ist", der ausgetrieben werden muß. Dabei werden uns dann unabhängig vom sonstigen konfessionellen Hintergrund katholische Priester zum Gegenpol des "Bösen" präsentiert, bei meist extremer Beleidigung des intelligenten Zuschauers. In Carrie besteht der "Horror" allein in der grauenvollen familiären Situation, mit einer durchgeknallten bibelschwingenden Mutter, und dem Mobbing der Außenseiterin durch ihre unsensiblen Mitschülerinnen. Daher ist der deutsche Untertitel "Des Satans jüngste Tochter" auch besonders dämlich.
Brian de Palma legt seine Verfilmung wie eine schwarze Komödie mit Thrillerelementen an. Er zitiert dabei Versatzstücke aus der Filmgeschichte, aus denen hier aber ein erfrischend originelles Werk entsteht. Das beginnt mit zwar geschmackvollen, aber doch an Softpornos erinnernden Szenen in der Umkleide und Dusche, setzt sich mit Voyeurismus beim Schulsport fort und läßt bei einer Autofahrt mit John Travolta und Nancy Allen kurz sogar American-Graffiti-Romantik anklingen. Und natürlich leiht sich die Filmmusik mehrfach die vier "schneidenden" Akkorde aus der Duschszene von Hitchcocks Psycho aus. Im Unterschied zum großen Vorbild erzeugt de Palma seine Spannung nicht aus einem externen McGuffin, sondern läßt diese aus der Identifikation des Zuschauers mit der Hauptfigur entstehen. Es ist fast unerträglich, wie er die kurzen Glücksmomente Carries während des Schulballs zeitlupenartig verlängert und fast in eine Trance übergehen läßt, bevor die Situation kippt und buchstäblich explodiert.
Dem Regisseur gelingt eine verblüffende Balance zwischen den ins Komische überzogenen Darstellungen der Erwachsenen und dem eher naturalistischen der "Jugendlichen" (die meisten waren um die 25 Jahre alt). Zentral dabei ist natürlich Sissy Spaceks ergreifendes, mutiges Porträt der Hauptfigur, wofür sie mit einer (für einen "Horror"-Film beispiellosen) Oscar-Nominierung belohnt wurde. Gewonnen hat dann Faye Dunaway für Network (das war nach Nominierungen für Bonnie und Clyde und Chinatown wohl überfällig). Einige Jahre später holte sich Spacek dann die Trophäe für ihre bravouröse Darstellung der Loretta Lynn in Nashville Lady ("Coal Miner's Daughter"). Für ihre Nebenrolle nominiert war übrigens die nach Haie der Großstadt (1961) erstmalig wieder erscheindende Piper Laurie als Carries Mutter - ihre ekstatische Sterbeszene brennt sich ins Gedächtnis ein.
Leider ist de Palma nie wieder ein solch großer Wurf gelungen. Oft paarten sich in seinen Filmen technische Brillanz mit erzählerischer Beliebigkeit. Gebändigt vermochte er gutes Material kompetent zu inszenieren, aber meist verstieg er sich in Spielereien und Inkonsistenzen. Am gelungensten finde ich dabei Die Unbestechlichen (1987 - sein Al-Capone-Thriller mit DeNiro, Connery und Costner), Die Verdammten des Krieges (1989) und die erste Mission Impossible (1996). Berühmt, aber in meinen Augen vollkommen mißlungen ist sein Scarface-Remake mit Al Pacino und Michelle Pfeiffer von 1983. Enttäuschend, wenn man ihn mit seinen Kumpanen Coppola, Scorsese, Spielberg und Lucas vergleicht, die in den 70ern das amerikanische Kino nachhaltig revolutionierten. Aber wenigstens mit Carrie hinterläßt er uns einen der besten King-Verfilmungen, die nur von Kubricks The Shining und Frank Darabonts Die Verurteilten übertroffen wird. Herausragend (9/10).
Die technische Qualität der Blu-ray wird kontrovers diskutiert. Gerade vom Bild war ich zwar nicht begeistert, es gibt aber auch keine Schäden oder besonders auffällige Unschärfen, die vom Filmgenuß ablenken könnten. Gemessen am vielleicht schon nicht optimalen Ausgangsmaterial und den kaum vertretbaren Kosten für eine komplette Restauration muß man wohl recht zufrieden sein. Die Extras scheinen allerdings von früheren DVD-Ausgaben übernommen, wobei die 45minütige Retrospektive (u.a. mit Interviews von de Palma, Spacek, Piper Laurie und Amy Irving) mmer noch sehr informativ und sehenswert ist.
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