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Donnerstag, 4. August 2016

Nostalgisches von John Irving: Avenue of Mysteries

Die "Straße der Rätsel" liegt in Mexico Stadt und führt zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe. Der Legende nach erschien Guadalupe im Jahr 1531 dem Bauern Juan Diego. Die katholische Kirche beeilte sich, die dunkelhäutige Heilige als Inkarnation der Jungfrau Maria zu vereinnahmen. Der Roman spielt allerdings (in seinen mexikanischen Rückblicken) in der Kleinstadt Oaxaca und erzählt, wie dort eine überlebensgroße Marienstatue ihrer Nase verlustig wurde und diese später wiedergewann (nebst einer Nachdunklung ihrer Hautfarbe). Bin ich nicht hier, da ich doch Deine Mutter bin?



Hauptfigur ist Juan Diego, im Jahr 2010 ein weltberühmter Autor, der mit 14 Oaxaca verließ und nach Iowa zog. Nun ist er Mitte 50 und reist zu den Philippinen, um ein altes Versprechen einzulösen. Teilweise bedingt durch unkluges Experimentieren mit seinen Bluthochdruck-Medikamenten, verbringt er den Großteil seiner Reisewoche im verwirrten Traumzustand und erinnert sich an seine Jugend in Mexiko; ein Thema, welches er in seinen Romanen stets vermieden hatte. As I walked out in Laredo one day, I spied a young cowboy, all wrapped in white linen, Wrapped up in white linen and cold as the clay.



John Irving legt Wert darauf, dass sein Werk nicht autobiographisch ist. Er zieht als Beispiel die Shakespeare-Kontroverse heran, mit der strittigen Hypothese, nach der die Werke des Barden unmöglich alle aus dem Erfahrungsschatz einer einzigen Person herrühren können. Irving schlägt sich auf die Seite der Fantasie; er ist (wie Shakespeare) ein Autor, dessen Vorstellungskraft Figuren schaffen kann, die vielleicht nicht außerhalb seines Erfahrungshorizonts, aber doch weit jenseits seiner eigenen Biographie liegen. Trotzdem scheint mir, dass sich Irving mit Juan Diego besonders identifiziert. Er gibt seinem Protagonisten zwar seinen sehr spezifischen eigenen Werdegang, dazu aber seinen persönlichen schriftstellerischen Hintergrund mit (eine Reihe von Irvings Lieblingsautoren und -bücher werden im Roman genannt, siehe etwa die Liste aus der New York Times). Zudem sind die genannten Motive aus Juan Diegos Werk fast Zitate aus Irvings Oeuvre, vom Wassertrinker bis hin zum Abtreibungsdoktor. Auch die Handlung enthält bekannte Versatzstücke. Die transsexuelle Prostituierte Flor erinnert an Roberta aus Garp, wieder spielt ein Zirkus eine wichtige Rolle, und die Teilgeschichte um Juan Diegos Adoptiveltern ist fast eine Coda zu In One Person. Und dann gibt es die Obsession mit Betablockern und Viagra, die eher zu einem älteren Mann passen würde. Nur Bären kommen nicht vor - ein Umstand, der Irving sicher viel Überwindung gekostet hat. All dies erzeugt ein für Irving ungewöhnliches Gefühl der Nostalgie; ob sich hiermit der 74jährige Autor in der Verkleidung eines 54jährigen von seinen Lesern verabschiedet?



Bei aller Nostalgie hat Irving doch nichts von seinem Biss verloren und ist immer noch zu kraftvollen Neuschöpfungen fähig. Zunächst dachte ich, es ginge um das Thema Einwanderung. Aber wie im Werk von Juan Diego wird dies kaum thematisiert - sein Lebenslauf besteht einfach aus zwei verschiedenen Lebensabschnitten. Stattdessen steht die katholische Kirche im Mittelpunkt. Nachdem Irving bereits in Owen Meany den Theodice-Begriff ad absurdum geführt hatte, macht er sich nun über die Marienverehrung lustig. Dabei ist es geschickt, wie er auf der einen Seite seiner Verachtung des Katholizismus (insbesondere des polnischen Papstes Johannes Paul II.) Ausdruck verleiht und auf der anderen Seite einige Vertreter des Klerus in sympathisches Licht rückt, insbesondere Bruder Pepe, den Lehrer und Beschützer Juan Diegos, den er als "Müllhaldenleser" entdeckt und in seine Obhut genommen hatte. Aber auch die konservativen Priester Alfonso und Ocatavio sind keine Schurken (Pädophilie gibt es hier nur in Gestalt eines Löwenbändigers). Über Mexiko sonst erfährt man allerdings nicht besonders viel.

Die Philippinen dienen übrigens eher als Spiegel Mexikos, mit einer vergleichbaren Missionierungs- und Kolonialisierungsgeschichte, ähnlichem Klima (Geckos!) und besagter Marienverehrung - die Heilige Guadalupe wird auch in den Philippinen verehrt. Natürlich mögen die Ähnlichkeiten nur oberflächlich sein oder sich gar nur im gelegentlich delirischen Kopf von Juan Diego so darstellen. Die Geschehnisse in Manila sind ohnehin nicht so interessant wie die Rückblicke auf die Kindheit zwischen Waisenhaus und Müllhalde, deren Boss übrigens "wahrscheinlich" Juan Diegos Vater, aber "ziemlich sicher nicht" der Vater seiner kleinen Schwester (Guada)Lupe ist. Die Mutter ist, wie man fast erraten kann, Putzfrau und Prostituierte. In der Gestalt von Lupe (in den Rückblicken) und dem Mutter-Tochter-Gespann Miriam und Dorothy in der Gegenwart findet sich übrigens eine für Irving gehörige Portion von magischem Realismus (Marquez' Hundert Jahre Einsamkeit gehört zu Irvings und meinen Lieblingsromanen). Die neunmalkluge, unflätige, gedankenlesende Lupe, deren Kauderwelsch jedoch nur von ihrem Bruder verstanden werden kann, ist bei weitem die interessanteste Figur des Romans, und (wie bei Irving zu erwarten) auch die tragischste. Miriam und Dorothy dagegen sind eher komisch-erotisch angelegt. Zwar offenbar nicht komplett der Vorstellungskraft von Juan Diego geschuldet, scheinen sie eine Form von Succubi zu sein (wobei die Viagra-Tabletten von Nutzen sind). Dagegen verblassen auch die dem Müllhaldenleser gelegentlich erscheindenden Geister der amerikanischen Soldaten, die von den Vietkong zu Tode gefoltert wurden.



Wie immer man den Nostalgiefaktor versteht, mit Avenues of Mysteries hat mein Lieblingsautor erneut einen tollen Roman veröffentlicht. Es ist wohl kein Publikumsliebling wie Garp, und wie er die Welt sah oder das Hotel New Hampshire, sicher kein zeitloses Meisterwerk wie Gottes Werk und Teufels Beitrag oder A Prayer for Owen Meany, auch nicht so packend und emotional umwerfend wie der Vorgänger In One Person (2012), aber (wenn es so sein soll) auf jeden Fall ein würdiger Abgang. Nachdem mir Last Night in Twisted River (2009) überhaupt nicht gefallen hatte, war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Aber das war wohl nur ein einzelner Aussetzer. Auf die bedächtige, noch stärker als sonst von Wiederholungen geprägte Erzählweise in Avenida de los Misterios muss man sich einlassen; zu keinem Zeitpunkt ist sie sentimental - Empfindungen müssen im Leser selbst entstehen, wenn Irving etwa nüchtern und fast im medizinischen Fachjargon das Leiden einer 14jährigen nach einer verpfuschten Abtreibung schildert. Dies ist kein guter Moment für ein Erdbeben...

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