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Samstag, 7. Dezember 2019

Jetzt auch als Augwurm: Last Christmas (8/10)

Oft ist es am besten, einen Film ohne viel Vorwissen zu erleben. Drei Wochen nach Bundesstart (der ohnehin saisonal so verfrüht war wie Lebkuchen im November) übernahm ich also spontan den Altersvorsitz im kleinen Saal 6 des Cinestar Original im Sony Center für eine Vorstellung von Last Christmas. Ich verlinke diesmal bewusst keinen Trailer, denn der verrät schon viel zu viel über dieses weihnachtliche Kleinod, das leider kein großer Hit geworden ist. Selbst das weibliche Publikum, auch an diesem Abend traditionsgerecht in der Überzahl, strömte nicht wie erhofft in die Kinos. Dabei waren in diesem Jahrzehnt gelungene romantische Komödien Mangelware. Vielleicht sind Gefühle einfach aus der Mode gekommen.



Mag auch sein, dass das Konzept zu clever war, das Emma Thompson über Jahre hinweg gemeinsam mit ihrem Ehemann Greg Wise entwickelt hatte. (Er war übrigens der Schuft Willoughby in Sinn und Sinnlichkeit (1995), für dessen Adaption sie einen Oscar gewann.) Es ist in ungewöhnlicher Weise von Whams Weihnachtsklassiker inspiert. Nicht, dass der Erzählrahmen für die Romanze oder der "Twist" besonders originell wären, aber es kommt eben auf die Details und die Figuren an. Und dafür hat Dame Emma ein gutes Händchen. Und es gelingt ihr nebenbei auch auf unaufdringliche Weise ein Stimmungsbild der Brexit-Hauptstadt. In Paul Feig (Susan Cooper Undercover, Ghostbusters), dem britischsten aller amerikanischen Regisseure, fand sie einen gleichgesinnten Ausführenden für diese in London gefilmte Produktion. Wer den Paradiesvogel einmal in einem Making Of erlebt hat, weiß, dass er jeden Tag mit einem neuen Anzug zum Dreh kommt, ansonsten aber für jeden Schabernack zu haben ist. Er steht einfach für Eleganz und Esprit (auch wenn mir Brautalarm gar nicht gefallen hat). Wer allerdings George Michaels Popschnulzen gar nicht ertragen kann, ist hier falsch.

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Romanzen stehen und fallen mit ihren Hauptdarstellern, und ach, Emilia Clarke, die gerade 33 geworden ist, aber locker für 26 durchgeht, könnte von mir aus jedes Jahr zwei davon drehen. Niemand hat so ausdrucksstarke Augenbrauen und ein solch entwaffnendes Lachen wie die Drachenmutter außer Dienst. Und wer hätte gedacht, dass sie auch eine schöne Singstimme hat? Wie im Cape macht ihre Kate auch im Elfenkostüm eine gute Figur. Ihr Partner Tom ist überraschend mit Henry Golding besetzt, dem reichen Schönling aus Crazy Rich Asians, was aber fabelhaft funktioniert, wie überhaupt das ungewöhnliche Casting zum Gelingen des Films beiträgt (und den Kitsch in Grenzen hält). Höhepunkt ist erwartungsgemäß Emma Thompson selbst als Kates, Verzeihung, Katarinas Mutter, Immigrantin aus Jugoslawien (Kroatien, offenbar) mit komödiantisch gebrochenem Akzent. Ähnlich wunderbar ist Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Kates Chefin "Santa". Lustigerweise hatte sie in Crazy Rich Asians Henry Goldings Mutter gespielt.

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Eigentlich nur als Ersatz für Woody Allens A Rainy Day in New York, den das Cinestar leider nicht zeigt, bin ich mit Last Christmas im regnerischen London gelandet. Bereut habe ich das keineswegs, insbesondere weil die Heimkino-Auswertung ja erst in der warmen Jahreshälfte erfolgen wird, und dafür ist die Geschichte vielleicht doch zu sentimental. Also vergebe ich ein festliches Sehr gut (8/10).

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Bonus: meine DVD-Rezension zu Sinn und Sinnlichkeit:

"Sinn und Sinnlichkeit" oder vielleicht besser "Verstand und Gefühl", dieser Titel steht für die beiden Schwestern Elinor und Marianne, grandios gespielt von Emma Thompson und Kate Winslet. Aber natürlich ist die Sache nicht ganz so einfach - Elinor bleibt nicht gefühllos, und Marianne kommt zum Schluß auch noch zu Verstand. Doch bis es soweit ist, martern uns Emma Thompson (Drehbuch) und Ang Lee (Regie) in Vertretung von Jane Austen fast mit falschen Hoffnungen, Mißverständnissen, peinlichen Situationen, versöhnen uns dann aber doch wieder mit Witz, Lebensmut und Poesie. Wer dies alles übersteht, wird am Ende reich belohnt und braucht sich seiner Tränen nicht zu schämen. Jede Nebenrolle ist hier perfekt besetzt, man achte besonders auf Alan Rickman als Colonel Brandon, der als Bösewicht ("Die Hard") bekannt wurde und zuletzt eine recht mürrische Stimme Gottes in Kevin Smiths Bravourstück "Dogma" abgab. Hier ist er plötzlich zerbrechlich und herzenswarm; wunderbar, wie gut manchmal eine Besetzung gegen den Typ aufgeht. Und am stammelnden Hugh Grant ("Excellent", "Perfect"), dem einzigen Briten der Welt mit lupenreinem Queens-English, kann man sich sowieso nie sattsehen. Man hat jederzeit das Gefühl, daß hier das Optimum aus diesem Stoff herausgeholt wurde - gäbe es doch mehr Literaturverfilmungen diesen Ranges (9/10).

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