Eines der größten Vergnügen für den Kinozuschauer ist es, wenn ein Film historische Figuren zum Leben erweckt. Ohne das hätte z.B. Scorseses Aviator nur halb so viel Spaß gemacht: Leonardo DiCaprio beeindruckend als Howard Hughes, Jude Law schmissig als Errol Flynn, Cate Blanchett technisch perfekt als Katherine Hepburn (Oscar!), sogar Kate Beckinsale als Ava Gardner zumindest optisch angemessen. Für Schauspieler sind solche Aufgaben Traum und Albtraum zugleich. Die Erwartungshaltung ist groß, und der Spott bei Mißlingen ebenso. Den mußte jüngst sogar Oscar-Preisträger Adrien Brody für sein Cameo als Salvadore Dalí in Woody Allens Midnight in Paris einstecken. Meist erinnern wir uns aber an gelungene, oft preisgekrönte Porträts, die Drehbuchschwächen vergessen machen und auch mittelmäßigen Filmen einen besonderen Glanz verleihen können - zuletzt etwa Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln, Colin Firth als King George VI. und Michelle Williams als Marilyn Monroe,
Bei der Darstellung von Figuren der jüngeren Geschichte kommen oft sehr spezifische Erwartungen ins Spiel. Es sind Fotos, Ton- oder sogar Filmaufnahmen bekannt, manchmal sind sie in der Öffentlichkeit bis zur Legende verklärt. Anthony Hopkins als Alfred Hitchcock in Hitchcock und Bill Murray als Franklin D. Roosevelt in Hyde Park on the Hudson gelingen eindrucksvolle Porträts, Momentaufnahmen, die ikonische Figuren nicht einfach kopieren, sondern plausible Einblicke in die Menschen jenseits des offiziellen Bildes konstruieren. Die schärfsten Kritiker der beiden Filme hadern mit ihren nicht erfüllten Erwartungen. Es ist aber nicht fair, an möglicherweise falschem Marketing einen Mißerfolg festzumachen. Hitchcock ist trotz des Titels eher die faszinierende Geschichte von Alma und Alfred, kein reines Porträt des genialen Regisseurs und schon gar keine Dokumentation seiner einzigartigen Arbeitsweise. Hyde Park am Hudson zeigt keinen idealisierten, fast schon als nationales Heiligtum kanonisierten Präsidenten, sondern einen Menschen mit Schwächen und Fehlern.
Anthony Hopkins sieht trotz Makeup und Figuranpassung nicht wirklich wie der medienpräsenteste Regisseur des 20. Jahrhunderts aus, trifft dessen markante Sprechweise auch nur annähernd. Trotzdem habe ich mich gern auf dieses Spiel eingelassen und nie Hannibal Lector oder eine andere von Hopkins' berühmten Figuren gesehen. Der Film zeigt Hitchcock an einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Gerade 60 geworden, hatte er mit Der unsichtbare Dritte sein erfolgreichstes (und für mich auch bestes) Werk abgeliefert. Die amerikanische Kritik, die seine Kunst ja schändlicherweise nie anerkannt hatte, bezweifelte, ob er diesen Erfolg wiederholen könne. Er selbst wollte keine weiteren Filme nach dem gleichen Schema drehen. Er spürte wohl das Nachlassen seiner Energie, wollte es aber zumindest einmal noch allen zeigen, und das ausgerechnet mit einem Horrorfilm, zum Schrecken der Finanziers und der Zensurbehörde.
Hopkins zeigt all diese widersprüchlichen Emotionen und wird dabei kongenial unterstützt von Helen Mirren (Oscar für Die Queen) als Alma Reville, Hitchcocks Ehefrau und Mitstreiterin. Filmemachen ist ja keine einsame Kunst, sondern erfordert konstruktive Zusammenarbeit und die Schaffung einer kreativen Atmosphäre in allen Stadien des Prozesses. Das Beiträge Almas insbesondere zu Script und Post Production sind nicht zu unterschätzen, und obwohl Schauspieler lt. dem Meister "wie Vieh behandelt werden sollten", merkt man doch, daß Hitch auch Inspiration von seinen Darstellern bezog. Hervorzuheben hier Scarlett Johannson als Janet Leigh und James D'Arcy als Anthony Perkins. Und was wäre die Duschszene ohne Bernard Hermanns stechende Musik? Ob die vom Drehbuch stipulierte Ehekrise tatsächlich der Realität entspricht, ist für den Erfolg des Films unwesentlich. Sie illustriert in einer gelungenen Parallele die kreativen Probleme und ist daher Teil der filmischen Wahrheit. Sehr gut (8/10).
Bill Murray zeigt als FDR eine abgeschwächte Form der humorvollen Lebensüberdrüssigkeit seiner Figur aus Lost in Translation, allerdings gepaart mit einem scharfen Verstand und charismatischem Auftreten. Ihm ebenbürtig Samuel West und Olivia Colman als das britische Königspaar, nicht so glamourös wie Firth und Bonham-Carter in Die Rede des Königs, dafür mit mehr Humor und genauso authentisch. Herrlich das Hin und Her zur Frage, ob ein Monarch einen Hot Dog essen sollte, und bewegend das Zwiegespräch zwischen dem lahmen Präsidenten und dem stotternden König. Zur Besetzung frage ich mich allerdings schon, ob die an sich wunderbare Olivia Williams nicht effektiver als Königin denn als Eleanor Roosevelt gewesen wäre: eine undankbare Rolle, in der sie recht blass wirkt. Genauso kommt Laura Linney als FDRs Geliebte Daisy nicht so recht zum Zuge, was aber auch an der schlecht strukturierten Geschichte liegt. Hier hätte das Drehbuch die überlieferten Fakten (DaisysTagebuch wurde nach ihrem Tod veröffentlicht) in eine filmische Wahrheit wandeln müssen. Nach kurzweiligen, eher episodischen 90 Minuten vermißt man doch einen roten Faden. Gut (7/10).
Beide Filme sind gerade als Blu-rays erschienen.
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