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Samstag, 20. Oktober 2018

Lady Gaga: A Star Is Born (8/10)

Wie ich höre, ist Lady Gaga bei Jugendlichen bereits seit Jahren recht beliebt. Trotz des albern-provokanten Namens wird ihr Stern nun wohl auch bei Erwachsenen aufgehen. Was zu putzigen Normalisierungsversuchen führt, wenn etwa die IMDB-Biographie den Bühnenalias in Vor- und Nachnamen zerlegt ("Gaga was born in 1986..."). All I hear ist Radio Gaga. Welch eine tolle Stimme der Paradiesvogel hat, konnte man spätestens bei den Academy Awards 2015 erleben, als sie mit ihrem Medley zum 50jährigen Jubiläum von The Sound Of Music Dame Julie Andrews zu Tränen rührte.



Die erste Verfilmung von A Star Is Born gab es bereits 1937, damals mit Janet Gaynor und Fredric March. Sie war noch nicht im Musikgeschäft, sondern im Hollywood-Sumpf angesiedelt. Was folgte, würde ich nicht als Remakes sehen, sondern als den jeweiligen Zeitgeist spiegelnde Neuverfilmungen dieser archetypischen Geschichte des alternden Stars und des jungen Starlets (ähnliches gilt übrigens in einem ganz anderen Genre auch für die diversen Varianten von Die Invasion der Körperfresser). 1954 gab es dann bereits Gesangseinlagen, selbstverständlich, da die fabelhafte Judy Garland die Hauptrolle spielte (neben James Mason, der glücklicherweise aufs Singen verzichtete). Das Ergebnis gehört nicht zu meinen Lieblingsfilmen mit Judy, dafür ist es zu traurig. In beiden Filmen waren die Hauptdarsteller jeweils für Oscars nominiert, was sich 1976 definitiv nicht fortsetzte. An die nun fest im Music Business verwurzelte Variante mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson kann ich mich nicht erinnern, es muss aber ein ziemliches Debakel gewesen sein. Trotzdem hat sich Bradley Cooper nun bei seiner eigenen Verfilmung (er führte Regie und schrieb auch am Buch mit) wohl grob an diesem Vorbild orientiert. Macht nichts, es kommt ja aufs Ergebnis an.

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Barbra Streisand war 1976 kein Hollywood-Neuling, ihr Debut hatte sie bereits 1968 in Funny Girl mit einer erstaunlich naturalistischen Darstellung der Komödiantin Fanny Bryce, für die sie gleich einen Oscar gewann (den sie sich kurioserweise mit Katharine Hepburn "teilen" musste). Wie auch immer, sie hat nie wieder mit ähnlicher Leichtigkeit agiert wie in ihrem Erstling. Lady Gaga hat mit Streisand zumindest die nicht normgerechte Nase gemein (wird im Film thematisiert, nur dass niemand meint, ich würde jetzt gehässig Details kommentieren). Mal sehen, wie ihr es in Zukunft ergeht. Für die Neuauflage A Star Is Born gut 40 Jahre später scheinen jedenfalls die Oscar-Nominierungen für die beiden Hauptdarsteller sicher.



Zumindest die erste Stunde des Films ist sensationell. Die erste Überraschung: Bradley Cooper gibt einen absolut überzeugenden Country-Rocker ab, mit charismatischem Gesang und solider (gemimter?) Gitarrenarbeit. Auch Jacks Sprechstimme hat Cooper deutlich tiefergelegt und erinnert überhaupt nicht mehr an den galaktischen Waschbären Rocket. Jackson "Jack" Maines' Bühnenshow hat Cooper wohl mit Willy Nelsons Sohn Lukas einstudiert, und es hat sich gelohnt. Die knackigen Gitarren und präzise handgemachten Rhythmen machen einfach Spaß. Dann, wie aus einer Parallelwelt, entdeckt Jack in einer Schwulenbar, in die er sich auf der Suche nach einem Drink verirrt, die singende Kellnerin Ally. Ihrem "La Vie en Rose" mangelt es vielleicht ein wenig an Subtilität, dafür schmettert Lady Gaga Edith Piafs berühmtes Chanson kraftvoll und mit ordentlicher französischer Aussprache. Wie sich Jack und Ally zögerlich ineinander verlieben, ist so wunderschön mit der musikalischen Entdeckungsreise der beiden verquirlt, wie man es seit Once nicht mehr gesehen hat. Und die Wirkung verdoppelt sich noch, weil der Zuschauer gemeinsam mit Jack diese ungewöhnliche Frau kennenlernt, die (auch abgesehen von der Nase) so gar nicht den Hollywood-Idealen entspricht und doch eine magische Ausstrahlung hat (ich bin versucht, sie mit der Garbo zu vergleichen, aber ich will mich auch nicht komplett blamieren).



Leider rückt dann irgendwann Jacks Alkohol- und Drogensucht in den Mittelpunkt (hier kann der Sexiest Man Alive von 2011 aus persönlichen Erfahrungen schöpfen). Man merkt, dass dies Bradley Coopers Prestigeobjekt ist, welches ihm endlich (nach vier Nominierungen) den Oscar bringen soll. Das ist alles kompetent erzählt, aber es zwingt Lady Gaga in der zweiten Hälfte fast in eine Nebenrolle. Und trotz der Laufzeit von 136 Minuten wirkt die Entwicklung plötzlich überhastet. Wir bekommen ein wenig Küchenpsychologie präsentiert, dabei hätten Jacks Gehörprobleme als Motivation völlig ausgereicht. Auch Jacks Beziehung zu seinem älteren Bruder Bobby bleibt trotz des grandiosen Sam Elliott (der Cowboy aus The Big Lebowski) vage. Und wie steht der Film zu Allys schauderhaften "Performance" bei Saturday Night Live (präsentiert von Alec Baldwin)? Ist das der Ausverkauf, den ich darin sehe, oder der umjubelte Publikumserfolg, der zum Grammy-Gewinn führen soll? Dass Allys Haare am Ende rot statt blond sind, kann ja kaum als Triumph gefeiert werden. Jedenfalls hat mich die Tragödie der zweiten Hälfte lange nicht so bewegt wie die Romanze der ersten. Daher ist meine Wertung ein wenig zwiespältig: Sehr gut (8/10).

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Montag, 15. Oktober 2018

Original: Bad Times at the El Royale (8/10)

Das El Royale hat tatsächlich schon bessere Zeiten gesehen. Das Hotel ist 1969 genauso heruntergekommen wie das Jahrzehnt der Liebe. Nixon erklärt im Fernsehen, warum in einem Guerilla-Krieg kein Waffenstillstand möglich ist, gottgleiche Musikproduzenten wie Phil Spector beuten ihre Künstlertalente aus und verhunzen ihre Werke, und die Manson-Morde versetzen der Hippie-Kultur den Todesstoß. Die Luxusherberge mit vielleicht einem Dutzend Zimmern wird inzwischen von einem einzelnen einsamen Bediensteten betreut. Die Begrüßungsrede des jungen Concierge Miles (Bill-Pullman-Spross Lewis) wirkt entsprechend gezwungen, ist aber im Preis inbegriffen. Es muss die Demarkationslinie zwischen Kalifornien und Nevada erklärt werden: Die Zimmer in Kalifornien kosten 50 Cent extra - vielleicht aus Steuergründen? Die Ausstattung erinnert mich an SF-Filme der 50er, von einer eleganten Jukebox (die selbstverständlich Vinylplatten abspielt, mit einem raffinierten Mechanismus, der die Nadel von unten auf die ausgewählte Scheibe setzt) bis zum automatischen Kuchenspender (gegen Münzen).

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Aber die Stars wie Marilyn Monroe, deren Fotos in der Lobby hängen, kommen schon längst nicht mehr hierher. An diesem stürmischen Abend checken jedoch gleich vier exzentrische Gäste ein: der windige Staubsaugervertreter Sullivan (Mad Man Jon Hamm), die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo), der altersverwirrte Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und die arrogante Hippiebraut Emily (Dakota Johnson). Alsbald gesellen sich noch ein paar weitere Gestalten hinzu, aber es bleibt bei einem Kammerspiel, das sich auf seine wenigen Figuren konzentriert. In den durch Titelkarten angekündigten Anfangskapiteln lernen wir durch kurze Rückblenden die Gäste näher kennen, bevor sich die Ereignisse dramatisch zuspitzen. Schon der blutige Prolog, der zehn Jahre vorher spielt, gibt einen Vorgeschmack auf die überraschenden und potentiell für alle tödlichen Ereignisse. Übrigens verlinke ich mit Absicht nicht den Trailer, der für meinen Geschmack schon zuviel von der Handlung preisgibt.

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Nicht nur die Struktur erinnert an Tarantino, der allerdings schon lange nichts außergewöhnliches präsentiert hat (sein nächstes Projekt ist übrigens in derselben Ära angesiedelt). Die präzis konstruierte Handlung könnte auch von den Coen-Brüdern stammen, insbesondere wenn man an ihr pfiffiges Debut Blood Simple denkt. Aber Drew Goddard, der hier nach seiner Zusammenarbeit mit Joss Whedon bei der herrlichen Horror-Satire Cabin in the Woods erstmalig als alleiniger Autor und Regisseur agiert, trifft einen ganz eigenen Ton, mit starken Anklänge an die Schwarze Serie ("Noir"), insbesondere in der archetypischen Figurenzeichnung und den abrupten Gewaltausbrüchen. Er zeigt ein wunderbar detailliertes Miniaturuniversum, mit stimmigen Dialogen, untermalt von zeitgenössischen Motown-Hits, sowohl vom Plattenteller als auch live und acapella (nur von einem Metronom unterstützt) von der erstaunlichen Cynthia Erivo dargeboten. Allerdings wirkt das Ganze mit 140 Minuten doch etwas aufgebläht. Dass es nicht langweilig wird, ist dann auch das Verdienst des hervorragenden Ensembles.

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Herausheben muss man sicher die Debutantin Cynthia Erivo, die am Broadway vor einigen Jahren für die Hauptrolle im Musical Die Farbe Lila einen Tony gewinnen konnte. Sie zeigt das bewegende Portrait einer Künstlerin, die sich trotz Diskriminierung und Demütigungen die Freude an ihre Musik bewahrt, auch wenn sie in einem kleinen Schuppen vor zehn Zuhörern auftritt. Jon Hamm variiert seine Paraderolle als John Draper mit einem süffigen Südstaatenakzent und schmieriger Attitude - das Jahrzehnt hat er natürlich im Blut. Dakota Johnson, Tochter von Miami-Vice-Schönling Don Johnson und Melanie Griffith, spricht mich nicht besonders an, passt hier aber mit ihren kalten Augen und ihren unattraktiv-hübschen Zügen gut zur Rolle. Wie sie mit ihrer verkitschten Sadomaso-Trilogie Fity Shades of Grey zum Star werden konnte, erschließt sich mir immer noch nicht.

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Dafür taucht irgendwann die junge Cailee Spaeny als ihre Schwester Ruth auf. Sie erinnerte mich mit ihrem ausdrucksstarken Gesichtchen an die junge Carey Mulligan (An Education), kein übler Vergleich. Die anspruchsvolle Rolle des von Dämonen gequälten Pagen Miles füllt der 25jährige Lewis Pullman erstaunlich souverän mit Leben - auch für ihn ist dies die erste größere Rolle (er hatte bereits einen kleinen Part im Kampf der Geschlechter). Als Überraschungsgast schließlich hat der gerade von den Avengers entmuskelte Chris Hemsworth offensichtlich großen Spaß als verführerischer Schurke mit Silberzunge. Ihn hatte Goddard bereits in Cabin in the Woods ins perfekte Licht gerückt.

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Aber trotzdem - ohne Zweifel heißt der Star des Film Jeff Bridges. Der 68jährige zeigt nach einigen Routinedarstellungen mal wieder, warum Pauline Kael ihn bereits in den 70ern als besten amerikanischen Schauspieler bezeichnete (ihre Hyperbole muss man allerdings mit Vorsicht sehen - ähnliches schrieb sie damals, durchaus nachvollziehbar, auch über Morgan Freeman). Sein Father Flynn ist die vielschichtigste und nebe Darlene auch die spannendste Figur. Man erwischt den Dude ja nie beim Schauspielern, aber ihm bei der Verkörperung einer neuen Figur zuzusehen ist mal wieder ungeheuer faszinierend. Ob es für seine achte Oscar-Nominierung reichen wird? Ich vermute übrigens, dass bei den anstehenden Preisverleihungen alle Parts als Nebenrollen gewertet werden.

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Es ist mal wieder traurig zu sehen, wie die Zuschauer (auch die deutschen) in einen öden, stachellosen Langweiler wie Venom strömen, mit einem grimassierenden, überschätzten Publikumsliebling, während ein wirklich originelles Werk wie Bad Times at the El Royale nur unter "Ferner liefen..." zu finden ist. Na ja, vielleicht wird Drew Goddards zweiter Film ja noch zum Kultobjekt. Ich fand's Sehr gut (8/10)!

Samstag, 6. Oktober 2018

Klassiker auf Blu-ray #22: Gosford Park (Robert Altman, 2001)


Gosford Park war Robert Altmans letztes Meisterwerk. Mit dem schönsten Film seines anglophilen Landsmanns James Ivory, (Wiedersehen in) Howards End (1992), hat es gemein, dass es nach einem Herrschaftshaus benannt ist, und mit dessen kongenialer Ishiguro-Verfilmung Was vom Tage übrig blieb (1993), dass es eine Upstairs-Downstairs-Geschichte erzählt. Anders als für seinen drei Jahre jüngerer Kollege (der mit 90 Jahren immer noch aktiv ist), blieb dies der einzige Ausflug des amerikanischen Urgesteins in die britische Klassengesellschaft. Der englischer Autor Julian Fellowes dagegen, der für das Drehbuch einen Oscar gewann, walzte später das Format mit der erfolreichen Fernsehserie Downton Abbey auf Seifenoperlänge aus (ich entschuldige mich bei den Fans, aber ich persönlich konnte mit der erfolgreichen Prestigeserie einfach nichts anfangen).



1932 war das englische Klassenmodell noch einigermaßen intakt. In Gosford Park findet sich zu einem Jagd-Wochenende eine gemischte Gesellschaft zusammen. Sie besteht in der Hauptsache aus der Familie des reichen, grantigen Gastgebers Sir William ("Dumbledore" Michael Gambon) und seiner besonders exzentrischen Frau Sylvia (Kristin Scott Thomas, Vier Hochzeiten und ein Todesfall). Zusätzliche Würze gibt der Runde ein kleine Gruppe Amerikaner, angeführt von Morris Weissman (Bob Balaban, der mit Altman auch die Idee zum Film hatte und produzierte). Der entfernte Cousin ist verantwortlich für die beliebten Charlie-Chan-Filme, sein Job "Filmproduzent" gilt bei den englischen Snobs aber eher als Schimpfwort. Er bringt einen Bediensteten mit Geheimnis (Ryan Phillippe) und seinen Freund Ivor Novello mit. Den gutaussehenden Musik- und Schauspielstar gab es wirklich, er wird sogar als Drehbuchautor eines frühen Hitchcock-Films (Abwärts, 1927) gelistet. Darsteller Jeremy Northam gibt im Film mit zartschmelzender Stimme und kompetenten Pianokünsten ein paar schöne Beispiele seiner selbstkomponierten Lieder zum besten. Wie dereinst John Ford und Howard Hawks, lässt Robert Altman selten eine Gelegenheit für musikalische Zwischenspiele aus.




Die Begeisterung für das Hollywood-Idol durchbricht allerdings mühelos die Klassenschranken, und so lauscht auch die Dienerschaft den Darbietungen, natürlich versteckt hinter den Türen, in den Vorzimmern und Treppenhäusern. Und wenn Altmans Collage von Eindrücken und Situationen einen roten Faden besitzt, dann findet man den am ehesten Downstairs, beim Schicksal der Bediensteten. Viele haben sich mit ihrer Situation arrangiert, aber etliche leiden auch unter dem Joch ihrer arroganten Arbeitgeber. Einige können ihre Gefühle nicht länger unterdrücken, was am Ende zu einer bewegenden, tränenreichen Katharsis führt. Diese Ebene war  jedenfalls mir als Zuschauer wichtiger als der Mord, der so nach etwa zwei Dritteln der Handlung passiert. Aber wie Altman es ausdrückte, war er weniger am Whodunnit interessiert als vielleicht am Whatdunnit. Was führte zum Mord, und wie wurde er bei den Beteiligten aufgenommen? Zu diesem Zeitpunkt werden dann zwei weitere spannende Figuren eingeführt, nämlich der ermittelnde Inspektor (Stephen Fry), der sich selbst eher Upstairs verortet, ohne zu bemerken,wie der Adel auf ihn herabblickt, und sein pragmatischer Constable (Ron Webster), dessen Faktensuche ignoriert wird.



Es ist eines der Vergnügen beim Wiedersehen eines "älteren" Werks, bekannte Schauspieler in frühen Rollen zu beobachten. Die Oscar-Nominierungen gingen zwar an die damals bereits zweifach prämierte Grande Dame Maggie Smith und die spätere Gewinnerin Helen Mirren (welch eine Karriere: binnen sechs Jahren von der Hausdame zur Queen). Aber genauso gut gefielen mir der spätere Bond-Kandidat Clive Owen (Sin City, Shoot 'em Up) in seiner ersten größeren Kinorolle, Kelly MacDonald (Trainspotting) als persönliches Nadelkissen von Dame Maggie Smith und Emily Watson (Der Boxer) als fehlgeleitete Geliebte des Hausherrn. Dazu gesellten sich die Bühnenveteranen Derek Jacobi, Alan Bates und Dame Eileen Atkins. Und das war erst das Untergeschoss! Darüber muss man neben den Gastgebern noch James Wilby (Howards End), "Tywin Lannister" Charles Dance und Tom Hollander nennen (er ärgerte Keira Knightley in Fluch der Karibik 2+3 sowie als Mr. Collins in Stolz und Vorurteil). Welch ein Ensemble! Einzig Ryan Phillippe, damals Teenie-Schwarm (Eiskalte Engel) und mit Kollegin Reese Witherspoon verheiratet, konnte mich nicht 100%ig überzeugen - vielleicht lag's auch am Drehbuch, gerade was seine merkwürdigen Avancen gegenüber den jungen Hausmädchen betrifft.



Robert Altman ist nie die Anerkennung seiner Mitstreiter wie Coppola, Scorsese und Allen zuteil geworden, mit denen er in den 70ern das Hollywood-Kino erneuerte (ganz zu schweigen von Spielberg). Er tobte sich mit wechselhaftem Erfolg in den unterschiedlichsten Genres aus, sammelte auch eine Handvoll Oscar-Nominierungen, war dem heimischen Publikum aber meist zu sperrig. Nach seinem Überraschungserfolg M.A.S.H. (1970: da war er bereits 45) scheiterte er mit einigen Kritikerlieblingen am dumpfen amerikanischen Publikum, so etwa 1971 mit seiner subversiven Westerntragödie McCabe & Mrs. Miller (um dies zu verhindern, gab es sogar einen seltenen Talkshow-Auftritt der berühmten Kritikerin Pauline Kael, die Altmans Werk über alles liebte - siehe die Criterion-Veröffentlichung). Ähnliches galt zwei Jahre später für Der Tod kennt keine Wiederkehr, eine Chandler-Verfilmung, in der Elliot Gould als Philip Marlowe mit langem Gesicht durch eine sinnlose Krimihandlung stolpert. 1975 dann hatte er die Ehre, mit seinem ersten großen Meisterwerk Nashville im vielleicht besten Kinojahr des neuen Hollywoods anzutreten. Mitkonkurrenten waren damals Hundstage ("Dog Day Afternoon", Sidney Lumet), Barry Lyndon (Stanley Kubrick) und Der weiße Hai (Steven Spielberg). Es gewann ein anderes Werk für die Ewigkeit: Einer flog übers Kuckucksnest (Milos Forman). Pech für Altman, Glück für die Zuschauer.



Nach dieser Enttäuschung ging es dann recht wechselhaft weiter. Manche seiner Experimente gingen gnadenlos daneben, so etwa 1980 seine alberne Popeye-Komödie mit Robin Williams. Überhaupt hatte er in den 80ern keine glückliche Hand, so daß sein nächster Erfolg, die nette Hollywood-Satire The Player, 1992 schon als Comeback gefeiert wurde. Dem ließ er sein nächstes Meisterwerk folgen: Short Cuts verquirlte einige Kurzgeschichten von Raymond Carver und folgte grob einem ähnlichem Rezept wie Nashville oder eben später Gosford Park. Aber diese drei Eckpfeiler von Altmans Oeuvre haben genauso viele Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Niemand konnte Altman vorwerfen, dass er sich wiederholte. Und wenn, dann scheiterte er auch spektakulär, siehe etwa: H.E.A.L.T.H. (1979), Prêt-à-Porter (1994), Dr. T und die Frauen (2000). Aber dazwischen gelang ihm doch so viel, und wenn Altman gut war, dann war er einfach außergewöhnlich gut!



Als Altman 2006, kurz vor seinem Tod, endlich ein Ehrenoscar verliehen wurde, war er nur ein wenig bitter, aber doch auch dankbar. Dann enthüllte er, dass er zehn Jahre zuvor eine Herztransplantation erhalten habe. Ich persönlich bin eigentlich gegen teure lebensverlängernde Transplanationen, die doch nur einem privilegierten Promille der Menschheit zu gute kommen, aber in diesem Fall hat es sich gelohnt. Nach der Operation gelangen Altman neben Gosford Park noch zwei sehr unterhaltsame kleinere Komödien, nämlich 1999 Aufruhr in Holly Springs ("Cookies Fortune") und 2006 sein melancholischer Abschiedsfilm Robert Altmans Last Radio Show ("A Prairie Home Companion"). Und so bleibt Altman für mich einer meiner Lieblingsregisseure, auch wenn ich Pauline Kael in ihrer Verteidigung selbst seiner mittelmäßigen Projekte nicht unbedingt folgen kann.



Gosford Park erscheint jetzt erstmalig, sogar auch in Deutschland, auf Blu-ray, als einer von wenigen so erhältlichen Filmen (die meisten genannten Werke musste ich aus den USA importieren). Nach dem Kinobesuch 2002 und der kurz darauf erschienenen DVD hatte ich den Film aus den Augen verloren. Das Warten hat sich jedenfalls gelohnt, die Bildqualität ist nach meinem Empfinden hervorragend. Zudem wurden zudem nach meiner Erinnerung alle interessanten Extras der DVDs übernommen (was heute leider nicht selbstverständlich ist).

Bonus: Meine damalige DVD-Kritik zu "Cookies Fortune"


Da hat's der Altmeister noch mal allen gezeigt. Nachdem man "Prête à Porter" zu Recht vorwerfen konnte, die Erzählweise, die Altman in "Short Cuts" so eindrucksvoll perfektioniert hatte, nur noch zu kopieren, aber nicht mehr mit genug Inhalt zu füllen (auch wenn Mastroianni und die Loren ein wunderbares Paar abgaben), so folgte nun eine ruhig und abgeklärt erzählte Geschichte, in der alles so ausgeht, wie man es sich wünscht, ohne daß man sich darüber ärgert. Wie immer versammelt Altman ein glänzendes Ensemble: Glenn Close spielt die Rolle, für die sie berühmt ist, nämlich die unsympathische Furie. Julianne Moore ist als ihre passive Schwester perfekt besetzt (was selten passiert, da ihre Wandlungsfähigkeit weit überschätzt wird). Liv Tyler und Chris O'Donnell geben ein wunderbar-erfrischendes junges Paar ab. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht aber Charles S. Dutton, der als Willis Wärme und Weisheit ausstrahlt und quasi synchron zum wunderbar relaxten Soundtrack von David A. Stewart agiert. Alles in allem ein großes Kinovergnügen zum Zurücklehnen und Genießen (8/10).