1955 war ein "Computer" noch ein Mensch, der Berechnungen vornahm. Bei Asimov half ihm dabei immerhin ein "Computaplex", das mit Lochkarten gefüttert wurde. Während solche technischen Details nach 60 Jahren eher zum Schmunzeln einladen, fasziniert die Grundidee von Das Ende der Ewigkeit auch heute noch. Im 23. Jahrhundert entdeckt die Menschheit die Möglichkeit von Zeitreisen, zwar nicht in die Zeit vor dieser Entdeckung, dafür beliebig weit in die Zukunft. Es wird eine eigene Organisation gegründet, die "Ewigkeit", die fortan auf einer Ebene unabhängig von der Menschheitsgeschichte existiert und diese durch sorgfältig geplante Eingriffe steuert. Ihre Mitglieder rekrutieren sich aus Männern, die nachweislich in ihrer eigenen Zeitschiene keinen Einfluß auf ihr Zeitalter haben und deren "Entnahme" daher keine Konsequenzen hat (Frauen scheinen vielleicht aufgrund ihrer potentiellen Mutterrolle ungeeignet). Die Arbeit in der Ewigkeit ist durch eine rigide Bürokratie geprägt, die aus Beobachtern, Computern, Technikern und anderen Spezialisten besteht.
Andrew Harlan wird als Teenager aus dem 95. Jahrhundert rekrutiert und macht zunächst eine vielversprechende Karriere. Durch sein ungewöhnliches Hobby, ein geschichtliches Interesse an den unerreichbaren Jahrhunderten vor der Gründung der Ewigkeit, wird er sogar zum Protogé des Vorsitzenden des Ewigkeitsrats, Laban Twissell. Aber dann verliebt er sich in Noÿs, eine Frau aus dem 482. Jahrhundert, und sein Weltbild und sein Berufsethos werden auf eine harte Probe gestellt. Denn diese Beziehung ist zwar, wenn nicht verboten, so doch zum Scheitern verurteilt, denn jegliche noch so kleine Realitätsveränderung durch die Techniker der Ewigkeit kann zur Veränderung oder gar zum Verschwinden eines einzelnen Menschen aus dieser Zeitebene führen.
Asimovs Roman ist zunächst, wie Mitte des letzten Jahrhunderts weit verbreitet, von einer deterministischen Sichtweise geprägt. Die Auswirkungen eines Eingriffs in die Menschheitsgeschichte sind für Jahrhunderte im voraus kalkulierbar. Den Planeten gefährdende Entwicklungen werden so im Keim erstickt, das Überleben der menschlichen Zivilisation ist oberste Priorität. Diese Aufgabe der Ewigkeit findet allerdings streng im Verborgenen statt. Offiziell ist die Ewigkeit eine Handelsorganisation, die Waren und Wissen zwischen den Jahrhunderten vermittelt. Es werden der Menschheit jedoch zum Schutz eines stabilen Geschichtsverlaufs viele Entdeckungen vorenthalten, vom Heilmittel gegen Krebs bis zur Entwicklung interstellarer Raumfahrt. In der Ewigkeit selbst sammeln sich das Wissen und die Kunstwerke vieler Epochen an, die durch die Manipulation des Zeitverlaufs "vernichtet" wurden.
In der Auflösung stellt Asimov die Annahmen des Lesers geschickt auf den Kopf. Noÿs, der Gegenstand von Harlans Liebe, ist gar nicht so passiv wie vermutet, die Ewigkeit ist keine perfekte Heilsorganisation, und die Entscheidungen des Ewigkeitsrates über das Schicksal der Menschheit erscheinen plötzlich recht fragwürdig. Gerade in dieser Hinsicht ist der Roman immer noch modern, indem er den Zufall als wichtigen Faktor der sozialen Evolution anerkennt. Diesen Gedanken könnte man sogar analog auf das aktuelle Thema genetischer Manipulationen anwenden. Das Resultat gliedert den ansonsten alleinstehenden Roman übrigens beiläufig in Asimovs berühmten (und IMHO leicht überschätzten) Foundation-Zyklus um ein galaktisches Imperium ein. Das ändert für mich aber nichts an seinem Stellenwert in Asimovs umfangreichen Werk - wobei dieses immer noch gekrönt wird durch seinen brillanten Hugo-Gewinner von 1973, "Lunatico, oder die nächste Welt" (The Gods Themselves).
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