Für die Realisierung dieses kleinen britischen Films mußte Neil Jordan lange kämpfen. Zur Überraschung der Studioprofis wurde daraus ein weltweiter Hit, und Jordan gewann den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Und dieses Buch hat es tatsächlich in sich. Dabei meine ich nicht so sehr das zentrale Gimmick, sondern den überhaupt unvorhersehbaren Verlauf der Geschichte. Sie handelt zunächst von einer unmöglichen Freundschaft und dann von einer unmöglichen Liebe. Je weniger man darüber weiß, desto mehr Freude hat man beim Zuschauen. Aber auch das Wiedersehen ist noch ein Erlebnis. Das liegt wohl an Jordans romantisch-magischer Sicht auf die Welt. Er schafft eine melancholische und doch lebensbejahende Atmosphäre. The Crying Game ist damit thematisch eine Fortsetzung seiner früheren Filme Mona Lisa (mit dem jüngst verstorbenen wunderbaren Bob Hoskins) und Miracle - Geheimnis eines Sommers. Aufgrund dieses Erfolgs wurde ihm das (durchaus gelungene) Interview mit einem Vampir anvertraut, aber weitere Höhepunkte seiner Karriere blieben danach aus.
Ein großes Verdienst haben natürlich die wunderbar natürlich agierenden Darsteller: Stephen Rea als warmherziger IRA-Soldat, ein junger Forest Whitaker (Ghost Dog, Der letzte König von Schottland) als die IRA-Geisel und der vielbeschäftigte Jim Broadbent als Barkeeper, dazu Jaye Davidson als Dill (danach nur in einer einzigen Folgerolle zu sehen, nämlich als Ra in Stargate). Und dann ist da natürlich noch der Titelsong, ursprünglich in den 60ern ein kleiner Hit für Dave Berry. Vom Gesang her ziehe ich die Boy-George-Version vor, die zu den Endcredits läuft, auch wenn sie unter der typischen 80er-Produktion (Pet Shop Boys!) leidet.
Dieser herausragende Film ist bisher leider nur auf einer niederländischen Blu-ray erschienen, allerdings mit tollem Bild (im Originalformat 2.35:1) und tadellosem Originalton, mit optionalen niederländischen (keinen englischen!) Untertiteln. Keine Extras.
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 29. November 2014
Sonntag, 23. November 2014
Klassiker auf Blu-ray #11: Martin Scorseses "Zeit der Unschuld"
Mit schöner Bildqualität, aber leider ohne Extras ist jüngst Martin Scorseses Kostümfilm Zeit der Unschuld ("Age of Innocence") als Blu-ray erschienen. Bereits vor zehn Jahren schrieb ich zum Film:
Welch eine Geschichte, welch eine Umsetzung! Selten hatte ich bei Scorsese das Gefühl, daß er sein formales Genie derart in den Dienst des Stoffes gestellt hat wie in diesem Meisterwerk (neben Howards End vielleicht die beste Literaturverfilmung der 90er). Bei den Kritikern nicht so gut angekommen, lautete der Hauptvorwurf wohl, die Schauspieler hätten die Gefühle nicht "rübergebracht". Tatsächlich sind die Figuren perfekte Abbilder ihrer Zeit, unfähig, einfache Wahrheiten auszusprechen, selbstbeherrscht bis zum Masochismus. Die Tragik wird uns vom Regisseur auf andere Weise vermittelt: durch Kameraperspektiven, kurze Traumsequenzen (quasi Gefühlssprünge), farblich verfremdete Überblendungen, und nicht zuletzt durch die wohldosierte Musikuntermalung (in die zumeist zeitgenössische Auswahl fügt sich das einzige moderne Stück von Enya nahtlos ein). Die besten Augenblicke aber kommen ohne Musik, ja manchmal fast ohne Ton aus. Wenn die Kamera im Opernhaus plötzlich auf Daniel Day-Lewis und Michelle Pfeiffer fokussiert, entsteht ein Moment von seltener Magie, und keine erklärenden Worte sind nötig. Dann wieder setzt die ironische Erzählstimme ein und erklärt uns eine vergangene Welt, die keine Verherrlichung lohnt und der doch eine gewisse Nostalgie anhaftet.
Ein weiteres Mal ist hier Michelle Pfeiffer bei den Oscar-Nominierungen übergangen worden. Ihre erstaunliche Leistung weiß man noch mehr zu würdigen, wenn man sich ihre vollkommen anders gelagerte und doch ebenso perfekt ausgeführte Rolle in jenem Wunderwerk von 1988, "Dangerous Liaisons" (Gefährliche Liebschaften), vergegenwärtigt. Daniel Day-Lewis war ihr ein würdiger Widerpart, und die damals 21jährige Winona Ryder hervorragend, wie übrigens alle weiteren Nebendarsteller. Gute Schauspielerei heißt halt mehr als exaltiert in Tränen ausbrechen zu können oder sich in Wutanfällen zu ergehen. Hier waren kleine Gesten gefragt, und die hat Scorsese zuhauf eingefangen.
Welch eine Geschichte, welch eine Umsetzung! Selten hatte ich bei Scorsese das Gefühl, daß er sein formales Genie derart in den Dienst des Stoffes gestellt hat wie in diesem Meisterwerk (neben Howards End vielleicht die beste Literaturverfilmung der 90er). Bei den Kritikern nicht so gut angekommen, lautete der Hauptvorwurf wohl, die Schauspieler hätten die Gefühle nicht "rübergebracht". Tatsächlich sind die Figuren perfekte Abbilder ihrer Zeit, unfähig, einfache Wahrheiten auszusprechen, selbstbeherrscht bis zum Masochismus. Die Tragik wird uns vom Regisseur auf andere Weise vermittelt: durch Kameraperspektiven, kurze Traumsequenzen (quasi Gefühlssprünge), farblich verfremdete Überblendungen, und nicht zuletzt durch die wohldosierte Musikuntermalung (in die zumeist zeitgenössische Auswahl fügt sich das einzige moderne Stück von Enya nahtlos ein). Die besten Augenblicke aber kommen ohne Musik, ja manchmal fast ohne Ton aus. Wenn die Kamera im Opernhaus plötzlich auf Daniel Day-Lewis und Michelle Pfeiffer fokussiert, entsteht ein Moment von seltener Magie, und keine erklärenden Worte sind nötig. Dann wieder setzt die ironische Erzählstimme ein und erklärt uns eine vergangene Welt, die keine Verherrlichung lohnt und der doch eine gewisse Nostalgie anhaftet.
Ein weiteres Mal ist hier Michelle Pfeiffer bei den Oscar-Nominierungen übergangen worden. Ihre erstaunliche Leistung weiß man noch mehr zu würdigen, wenn man sich ihre vollkommen anders gelagerte und doch ebenso perfekt ausgeführte Rolle in jenem Wunderwerk von 1988, "Dangerous Liaisons" (Gefährliche Liebschaften), vergegenwärtigt. Daniel Day-Lewis war ihr ein würdiger Widerpart, und die damals 21jährige Winona Ryder hervorragend, wie übrigens alle weiteren Nebendarsteller. Gute Schauspielerei heißt halt mehr als exaltiert in Tränen ausbrechen zu können oder sich in Wutanfällen zu ergehen. Hier waren kleine Gesten gefragt, und die hat Scorsese zuhauf eingefangen.
Montag, 17. November 2014
Aufgeblähtes Weltraumabenteuer: Interstellar (4/10)
Lang, aber nicht wirklich langweilig - das ist schon das beste, was ich über Interstellar sagen kann. Christopher Nolan hat nach dem Erfolg seiner Dark-Knight-Trilogie einen derart geschickten Marketingapparat und eine solch riesige Fangemeinde (die den Film bereits auf Platz 12 der IMDB-Top-250 gehievt hat), daß kaum jemand an seinem Lorbeer zu kratzen wagt. Es kann einem schon übel werden von den Lobhudeleien, die über Interstellar veröffentlicht werden.Dabei legt das Projekt schonungslos Nolans Schwächen als Filmemacher bloß - es ist clever, aber nicht mitreißend, starbesetzt, aber wenig eindringlich gespielt, technisch, aber nicht wissenschaftlich, geschätzig, aber nicht philosophisch. Viele aufwendige Bilder, aber: WO BLEIBT DER SPASS?
Was bleibt, ist ein recht humorloser Abenteuerfilm im Weltall mit vorhersehbaren Twists, die kaum eine emotionale Reaktion hervorrufen können. Und dabei habe ich generell durchaus meine Freude an Shuttle-Flügen, Bildern von Raumschiffen, Dockingmanövern und haarsträubenden Landungen auf fremden Planeten (sonst hätte ich mir kaum den ersten Star-Trek-Film freiwillig mehrfach angeschaut). Aber Interstellar hängt irgendwo im Nichts zwischen der Fantasietechnik à la Star Trek/Star Wars/Galactica und der aus heutiger Sicht realistischen Technik von Gravity - selbst Armageddon war darin überzeugender. Jetzt habe ich tatsächlich Lust, mir jene bodenlos schlechte SF-"Perle" nochmals anzuschauen, die bereits vor 35 Jahren ein Schwarzes Loch präsentiert hat.
Geradezu ketzerisch finde ich die Vergleiche mit dem sicher nicht perfektem Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltall, in dem Stanley Kubrick gemeinsam mit Arthur C. Clarke eine atemberaubende Vision präsentierte. Ja, streckenweise war das langweilig, aber allein für den unsterblichen Raumschiffwalzer und HALs Sterbeszene lohnte sich die Geduld. Und während Nolans Auflösung praktisch keine Fragen offen läßt, begann mit dem Ende von 2001 erst das Rätseln. Nolan bleibt (wie übrigens auch J.J. Abrams) an der Oberfläche, und wählt als Mittelpunkt (dies vielleicht ein Überbleibsel aus der Phase, als dies noch ein Spielberg-Projekt war) zwei banale Vater-Tochter-Beziehungen. Ansonsten ist es schon verblüffend, wie bei drei Stunden Laufzeit zwei der vier Expeditionsmitglieder nur als farblose Redshirts rüberkommen. Ganz zu schweigen vom längeren Cameo eines zombiehaft agierenden Matt Damon (falsches Genre!). Und dann ist da noch die "Musik", von der mir vor allem das bedeutungsschwere Dröhnen in vermeintlich "wichtigen" oder "mystischen" Szenen in Erinnerung blieb. Subwoofer bis zum Anschlag ausreizen und Kirchenorgeln fürs Metaphysische - mehr fällt unserem Landsmann in Hollywood Hans Zimmer offenbar nicht mehr ein.
Hier noch ein Gedanke, der mich trotz des Films beschäftigt: Ist es ethisch korrekt, für ein Überleben der Spezie um jeden Preis zu kämpfen? Sollte für die Menschheit nicht genauso für ein Individuum gelten, daß es auch darauf ankommt, wie man (über)lebt? Wenn man allerdings nach den SF-Filmen der letzten Jahre geht, sollte die Menschheit vielleicht einfach das Handtuch werfen.
Dies ist für mich nun der dritte mäßige Film mit Überlänge in Folge (Finchers Gone Girl hat auf mich eher wie ein Grippeanfall als ein Film gewirkt, so daß ich mir eine Kritik verkniffen habe). Interstellar? Kann man sich anschauen - schließlich schalten auch noch Millionen Deutsche "Wetten daß..." ein. Erträglich (4/10).
Was bleibt, ist ein recht humorloser Abenteuerfilm im Weltall mit vorhersehbaren Twists, die kaum eine emotionale Reaktion hervorrufen können. Und dabei habe ich generell durchaus meine Freude an Shuttle-Flügen, Bildern von Raumschiffen, Dockingmanövern und haarsträubenden Landungen auf fremden Planeten (sonst hätte ich mir kaum den ersten Star-Trek-Film freiwillig mehrfach angeschaut). Aber Interstellar hängt irgendwo im Nichts zwischen der Fantasietechnik à la Star Trek/Star Wars/Galactica und der aus heutiger Sicht realistischen Technik von Gravity - selbst Armageddon war darin überzeugender. Jetzt habe ich tatsächlich Lust, mir jene bodenlos schlechte SF-"Perle" nochmals anzuschauen, die bereits vor 35 Jahren ein Schwarzes Loch präsentiert hat.
Geradezu ketzerisch finde ich die Vergleiche mit dem sicher nicht perfektem Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltall, in dem Stanley Kubrick gemeinsam mit Arthur C. Clarke eine atemberaubende Vision präsentierte. Ja, streckenweise war das langweilig, aber allein für den unsterblichen Raumschiffwalzer und HALs Sterbeszene lohnte sich die Geduld. Und während Nolans Auflösung praktisch keine Fragen offen läßt, begann mit dem Ende von 2001 erst das Rätseln. Nolan bleibt (wie übrigens auch J.J. Abrams) an der Oberfläche, und wählt als Mittelpunkt (dies vielleicht ein Überbleibsel aus der Phase, als dies noch ein Spielberg-Projekt war) zwei banale Vater-Tochter-Beziehungen. Ansonsten ist es schon verblüffend, wie bei drei Stunden Laufzeit zwei der vier Expeditionsmitglieder nur als farblose Redshirts rüberkommen. Ganz zu schweigen vom längeren Cameo eines zombiehaft agierenden Matt Damon (falsches Genre!). Und dann ist da noch die "Musik", von der mir vor allem das bedeutungsschwere Dröhnen in vermeintlich "wichtigen" oder "mystischen" Szenen in Erinnerung blieb. Subwoofer bis zum Anschlag ausreizen und Kirchenorgeln fürs Metaphysische - mehr fällt unserem Landsmann in Hollywood Hans Zimmer offenbar nicht mehr ein.
Hier noch ein Gedanke, der mich trotz des Films beschäftigt: Ist es ethisch korrekt, für ein Überleben der Spezie um jeden Preis zu kämpfen? Sollte für die Menschheit nicht genauso für ein Individuum gelten, daß es auch darauf ankommt, wie man (über)lebt? Wenn man allerdings nach den SF-Filmen der letzten Jahre geht, sollte die Menschheit vielleicht einfach das Handtuch werfen.
Dies ist für mich nun der dritte mäßige Film mit Überlänge in Folge (Finchers Gone Girl hat auf mich eher wie ein Grippeanfall als ein Film gewirkt, so daß ich mir eine Kritik verkniffen habe). Interstellar? Kann man sich anschauen - schließlich schalten auch noch Millionen Deutsche "Wetten daß..." ein. Erträglich (4/10).
Samstag, 15. November 2014
Rätselhafte Impressionen eines Meisters: Mike Leighs "Mr. Turner" (5/10)
"Schmutziges gelbes Geschmiere", so soll Queen Victoria das Spätwerk des bedeutenden Landschaftsmalers Turner beschimpft haben. Als Beschreibung dieser Filmbiographie mag das zu harsch sein, aber es ist schon sehr rätselhaft, was uns Altmeister Mike Leigh hier auftischt. Insbesondere der Zuschauer ohne Vorkenntnisse wird hineingeworfen in eine viktorianische Kulisse mit Figuren, die aus einem Dickens-Roman stammen könnten, deren Verhältnis zueinander aber lange unklar bleibt. So erkenne ich erst langsam, daß Turners jovialer Assistent wohl sein Vater ist (nicht hilfreich, daß die Darsteller nur zehn Lebensjahre trennen). Und ist die Haushälterin nun seine Geliebte oder die Ehefrau, die ihm den Haushalt führt? Überhaupt frage ich mich über eine halbe Stunde lang, ob die Geschichte nun chronologisch erzählt wird. Mit dem Tod des Vaters (den Turner am Sterbebett - ist das anachronistisch? Daddy nennt) löst sich zumindest dieses Rätsel, aber der Verlauf der wohl 25 letzten Jahre des Malers erschließt sich nur sporadisch. Natürlich kann man später alles bei Wikipedia recherchieren, aber Voraussetzung für einen Filmgenuß sollte das kaum sein.
Bisher eher auf urige Nebenrollen abonniert (er gab als Peter Pettigrew eine überzeugende Ratte in den Harry-Potter-Filmen), dominiert Leigh-Stammspieler Timothy Spall mit seiner sauertöpfischen Miene, dem schiefen Grinsen und seiner - nun ja - barocken Figur zweifelsohne die Szenerie. Aber nur selten erlaubt ihm das Buch (das der Regisseur wie üblich mit seinen Darstellern erarbeitet hat), seiner Figur sympathische Züge einzuhauchen. Der Kontrast zwischen dieser grobschlächtigen, gefühlskalten Person und seinem einfühlsamen Werk mag interessant sein, kann aber kaum über 150 Minuten fesseln. Gefühlte neunzig Prozent der Zeit kommuniziert Turner (immerhin Mitglied der Royal Academy) mit unbilligem Gegrunze, wenn er nicht im affektierten Oberschichten-Englisch Platitüden von sich gibt. Dies und erst recht der schwer verständliche Cockney-Akzent der Bediensteten wird dem Film übrigens keine Freunde in den USA machen, so daß ich eher wenig Oscar-Chancen sehe.
Stärke entwickelt der Film immerhin dann, wenn er Turner die kraftvollen europäischen Landschaften entdecken läßt, die er in seinen Ölgemälden und Aquarellen in der Tat meisterlich einzufangen vermochte. Das ist Leigh und seinem Stamm-Kameramann Dick Pope tatsächlich beeindruckend gelungen. Daneben bleiben einige Szenen im Gedächtnis, die die Möglichkeiten des Stoffes erahnen lassen. Warum sieht man mehr vom (zugegeben kunstvollen) Zusammenrühren der Farben als vom eigentlichen Schöpfungsakt (Spall hat angeblich zwei Jahre lang Malunterricht genommen)? Die Verwandlung eines roten Farbklecks in eine Boje zumindest macht Lust auf mehr. Der ansonsten vermißten Spitzbubenhumor des Regisseurs blitzt in einer Konversation einer kleinen Gesellschaft auf, die die klimatischen Bedingungen der Brombeerzucht erschöpfendend diskutiert, bevor sie in eine peinliche Lobhudelei zugunsten des (noch) hochgeschätzten Malers ausufert. Aber welche Signifikanz hat der stockende, abgelesene Vortrag in der Akademie (?) - war Turner Lehrer, hatte er Einfluß, Schüler? und wie steht es um das Experiment zur Magnetisierung einer Nadel mittels eines Prismas, oder die Entdeckung der Daguerrographie? Leider sind dies isolierte (mögliche) Höhepunkte in einem überlangen, formlosen Geschmiere.
Für mich ist diese zweite Filmbiographie (nach dem überwiegend gelungenen Gilbert & Sullivan-Opus Topsy Turvy von 1999) des großen britischen Sozialsatirikers Mike Leigh also eine Enttäuschung, so wie ich auch mit den meisten seiner jüngeren Werke (Happy-Go-Lucky, Another Year) nicht viel anfangen kann. Hoffentlich wird bals sein bester Film auf Blu-ray veröffentlicht, die herrliche, berührende Komödie Lügen und Geheimnisse von 1996 (schon damals mit Timothy Spall). Mr. Turner? Annehmbar (5/10).
Bisher eher auf urige Nebenrollen abonniert (er gab als Peter Pettigrew eine überzeugende Ratte in den Harry-Potter-Filmen), dominiert Leigh-Stammspieler Timothy Spall mit seiner sauertöpfischen Miene, dem schiefen Grinsen und seiner - nun ja - barocken Figur zweifelsohne die Szenerie. Aber nur selten erlaubt ihm das Buch (das der Regisseur wie üblich mit seinen Darstellern erarbeitet hat), seiner Figur sympathische Züge einzuhauchen. Der Kontrast zwischen dieser grobschlächtigen, gefühlskalten Person und seinem einfühlsamen Werk mag interessant sein, kann aber kaum über 150 Minuten fesseln. Gefühlte neunzig Prozent der Zeit kommuniziert Turner (immerhin Mitglied der Royal Academy) mit unbilligem Gegrunze, wenn er nicht im affektierten Oberschichten-Englisch Platitüden von sich gibt. Dies und erst recht der schwer verständliche Cockney-Akzent der Bediensteten wird dem Film übrigens keine Freunde in den USA machen, so daß ich eher wenig Oscar-Chancen sehe.
Stärke entwickelt der Film immerhin dann, wenn er Turner die kraftvollen europäischen Landschaften entdecken läßt, die er in seinen Ölgemälden und Aquarellen in der Tat meisterlich einzufangen vermochte. Das ist Leigh und seinem Stamm-Kameramann Dick Pope tatsächlich beeindruckend gelungen. Daneben bleiben einige Szenen im Gedächtnis, die die Möglichkeiten des Stoffes erahnen lassen. Warum sieht man mehr vom (zugegeben kunstvollen) Zusammenrühren der Farben als vom eigentlichen Schöpfungsakt (Spall hat angeblich zwei Jahre lang Malunterricht genommen)? Die Verwandlung eines roten Farbklecks in eine Boje zumindest macht Lust auf mehr. Der ansonsten vermißten Spitzbubenhumor des Regisseurs blitzt in einer Konversation einer kleinen Gesellschaft auf, die die klimatischen Bedingungen der Brombeerzucht erschöpfendend diskutiert, bevor sie in eine peinliche Lobhudelei zugunsten des (noch) hochgeschätzten Malers ausufert. Aber welche Signifikanz hat der stockende, abgelesene Vortrag in der Akademie (?) - war Turner Lehrer, hatte er Einfluß, Schüler? und wie steht es um das Experiment zur Magnetisierung einer Nadel mittels eines Prismas, oder die Entdeckung der Daguerrographie? Leider sind dies isolierte (mögliche) Höhepunkte in einem überlangen, formlosen Geschmiere.
Für mich ist diese zweite Filmbiographie (nach dem überwiegend gelungenen Gilbert & Sullivan-Opus Topsy Turvy von 1999) des großen britischen Sozialsatirikers Mike Leigh also eine Enttäuschung, so wie ich auch mit den meisten seiner jüngeren Werke (Happy-Go-Lucky, Another Year) nicht viel anfangen kann. Hoffentlich wird bals sein bester Film auf Blu-ray veröffentlicht, die herrliche, berührende Komödie Lügen und Geheimnisse von 1996 (schon damals mit Timothy Spall). Mr. Turner? Annehmbar (5/10).
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