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Montag, 16. Mai 2016

Hugo-nominiert: Neal Stephensons "Seveneves"

Der 1959 geborene Amerikaner Neal Stephenson schlug vor 25 Jahren wie ein Meteor im Science-Fiction-Genre ein. Seine drei Romane Zodiac (1988), Snow Crash (1992) und Diamond Age (1995) vereinten Originalität, naturwissenschaftliches Verständnis und einen reichhaltigen und doch präzisen Sprachstil. Das drittgenannte Werk, ein futuristisches Cyberpunk-Abenteuer im viktorianischen Stil, gewann 1996 den Hugo für den Besten Roman (bei starker Konkurrenz durch Baxter, Brin, Sawyer und Willis). Danach allerdings verfiel Stephenson in meinen Augen in eine Art megalomanische Selbstverliebtheit - die technischen Ideen wurden wichtiger als die Geschichten. Der  Nachfolger Cryptonomicon, 2000 für einen Hugo nominiert, war bereits ein Wälzer von über 900 Seiten. Die anschließende, etliche tausend Seiten umfassende "Barock"-Trilogie habe ich mir bislang gespart, und das 2009 nominierte, wieder über tausend Seiten lange (für 1€ erstandene) Anathem liegt jetzt schon fast zwei Jahre ungelesen in meinem Kindle-Eingangsordner. Dagegen sind die 860 Seiten seines nunmehr vierten nominierten Romans Seveneves fast ein Klacks (Kurzgeschichten von Stephenson gibt es übrigens nur wenige).

Die meisten Autoren hätten die drei Teile von Seveneves wahrscheinlich als Trilogie veröffentlicht, und das hätte der Ausarbeitung insbesondere des Abschlusses sicher gut getan. Die Geschichte beginnt in naher Zukunft mit einer ungeklärten Katastrophe, durch die der Mond in sieben Teile zerbricht. Das wird für einige Wochen als Kuriosum betrachtet, bis Wissenschaftler die resultierenden exponentiellen Prozesse analysieren und erkennen, dass die Lebensgrundlagen der Erde binnen zwei Jahren in einem gewaltigen Feuersturm und Meteoritenbombardement untergehen werden - was immerhin nach wenigen Jahrtausenden in einen attraktiven Trümmerring münden wird. Die internationale Gemeinschaft lenkt daher alle irdischen Ressourcen in den Aufbau einer schwarmartigen Orbitalarche um die internationalen Space Station ISS (mit dem knuffigen Spitznamen Izzy), die inzwischen an einen kleinen eisenerzhaltigen Asteroiden angekoppelt ist.

Es ist schwer vorstellbar, wie eine Menschheit, die schon den gut belegten Klimawandel nicht wahrhaben will, derart rational auf die Vorhersage eines solchen Armageddons reagieren würde. Wenn man diese Pille aber erstmal geschluckt hat, macht es schon Spaß, den brillant beschriebenen technischen Herausforderungen und Lösungen zu folgen. Auch einige der eingeführten Figuren wissen zu überzeugen, insbesondere die weiblichen, so die Kommandantin der ISS Ivy und die Roboterspezialistin Dinah, deren von Nano bis Makro variierenden Maschinen zum wichtigsten Werkzeug der neuen Weltraum-Menschheit werden sollen. Zum Ende des ersten Teils beobachten etwa 2.000 Überlebende die Auslöschung der erdgebundenen Zivilisation aus dem All.

Im zweiten Teil kämpft nun diese sehr heterogene Gemeinschaft im geosynchronen Orbit ums Überleben. Insbesondere unberechenbare Boliden bilden eine ständige Gefahr, und die Ressourcen sind knapp. Ein kleines Team versucht daher, einen Eiskometen mittels eines Atomreaktors in eine angepaßte Umlaufbahn zu bringen. Zu allem Überfluß gibt es jetzt (endlich?!) politische Differenzen und Intrigenspiele, natürlich auch Depressionen, Selbstmorde und Kämpfe um die Ressourcenverteilung und die Langzeitstrategie. Hier wird allerdings eine traurige Wahrheit veranschaulicht. Politiker wissen zwar Statistiken gekonnt für sich zu manipulieren, vertrauen aber statt statistischen wissenschaftlichen Berechnungen (etwa der Wahrscheinlichkeiten für Bolidentreffer) lieber ihrer Intuition. Der insbesondere durch eine gewisse amerikanische Politikerin ausgelöste Machtkampf führt schließlich zu einer durch Menschen ausgelösten Katastrophe, und die Zahl der Überlebenden schwindet. Ohne zu viel verraten zu wollen, erreichen zum Ende des zweiten Teils zumindest einige Protagonisten einen sicheren Hafen. Hier gibt der Romantitel einen gewissen Hinweis...

Gerade wenn es spannend wird, nerven nun die detailverliebten Schilderungen der sicher wohlrecherchierten technischen Anstrengungen. Ohne ein grundsätzliches naturwissenschaftliches Verständnis ist hier der Leser schnell abgehängt, und selbst Fans von Hard SF überschlagen hier wohl so manche Seite mit Beschreibungen. Trotzdem Respekt dem Autor, der inzwischen auch als "Futurist" für Technologieunternehmen arbeitet. Er ist zwar immer noch typischer Technikoptimist (wie auch viele seiner Kollegen, etwa David Brin), aber in seiner Vorstellungskraft und dem grundsätzlichen Verständnis etwa Andy Weirs Marsianer (mir nur in der Verfilmung bekannt) weit voraus. Was die Charaktere betrifft, stellt sich nun eine gewisse Ermüdung ein, auch durch die (allerdings plausible) Sterblichkeitsrate.

============================== SPOILER ==============================

Den dritten Teil kann man ohne Spoiler nicht so recht zusammenfassen, geschweige denn kritisieren. Wir machen einen Zeitsprung von 5.000 Jahren. Die Orbitalgemeinschaft besteht aus etwa drei Milliarden Menschen, alles Nachkommen der ursprünglichen sieben Evas, die sich in den ersten Generationen im wesentlichen klonen mussten, so dass sieben klar unterscheidbare "Rassen" entstanden, inklusive zweier rivalisierender Supermächte, hier Rot und Blau genannt. Seit einigen hundert Jahren haben sie begonnen, die Erde wieder bewohnbar zu machen (ReTerraForm), u.a. mittels Beschuss durch wasserhaltige Kometen und den Kickstart der Ökosphäre durch künstlich erzeugte Organismen.

Es ist natürlich immer schwer, derart weit in die Zukunft zu spekulieren und doch im Rahmen des wissenschaftlich Plausiblen zu bleiben. Trotzdem war ich ein wenig enttäuscht von dieser recht unwahrscheinlichen Konstellation. Das betrifft das Vertrauen in gezielte genetische Manipulationen noch mehr als die ingenieurtechnischen Husarenstücke. Dazu kommt, dass das Szenario weder soziologisch plausibel ist noch mit überzeugenden Figuren aufwarten kann. Trotzdem gibt es dann einige Spannungsmomente, wenngleich aufmerksame Leser die großen "Enthüllungen" sicher lange vorhersehen können.

============================== Ende SPOILER ==========================

Am Ende hatte ich eher das Gefühl, eine Leseaufgabe bewältigt zu haben, ohne im Ausgang der Geschichte eine angemessene Belohnung zu spüren. Wenn ein kluger Lektor den Autor zur Kürzung auf die Hälfte des Umfangs gedrängt hätte, wäre vielleicht ein Meisterwerk dabei herausgekommen. Dem dritten Teil hingegen wäre mehr Arbeit an den Figuren zugute gekommen, vielleicht hätte man ihn tatsächlich besser als Folgeroman konzipiert. Stephenson hat angeblich übrigens keine Fortsetzung im Sinn, auch wenn der eigentliche Auslöser des ganzen (die Zerstörung des Monds) nicht geklärt wird. So geht die Nominierung vielleicht in Ordnung, aber einen würdigen Gewinner habe ich auch hier nicht gesehen.

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