Von den drei in diesem Jahr nominierten Fantasy-Romanen ist dies sicherlich der ungewöhnlichste, und mit seinen fühlbaren Einflüssen von SF auch am schwersten einzuordnen (meine Hugo-Favoritin Naomi Novik schrieb eine positive, wenngleich ziemlich vage Kritik für die New York Times). Er spielt in einer seismisch instabilen Welt, deren Bewohner ständig von Erdbeben und Vulkanausbrüchen bedroht sind. Nimmt ein solches Ereignis katastrophale Ausmaße an, läutet es eine sogenannte fünfte Jahreszeit ein, die Jahre dauern kann und die Menschheit immer wieder an den Rand des Aussterbens bringt. Das mächtige Imperium Sanze mit seiner am Äquator gelegenen Hauptstadt Yumenes hat allerdings die menschliche Zivilisation schon über mehrere solche Leidenszeiten aufrechterhalten. Nun aber wird (bereits im Prolog) Yumenes zerstört, und es beginnt die vielleicht längste und tödlichste fünfte Jahreszeit.
Neben sorgfältig geplanter Vorratshaltung bedient sich das Imperium des Könnens der sogenannten Orogene, Mutanten, die seismische Ereignisse auslösen und beeinflussen können. Sie werden aufgrund ihrer potentiell zerstörerischen Kräfte von den sogenannten Guardians in Schach gehalten, die selbst über geheimnisvolle Fähigkeiten verfügen. Die Versklavung der Orogene und der schizophrene Umgang mit ihren Kräften ist das zentrale Thema dieser Geschichte.
Sie beginnt mit jenem kryptischen Prolog, der zwar praktisch alle beteiligten Personen und Machtkonstellationen vorstellt, aber für sich vollkommen unverständlich ist (es empfiehlt sich, ihn am Ende erneut zu lesen). Dann teilt sie sich in drei Erzählstränge auf, die in drei Zeitebenen jeweils eine orogenische Frau im Mittelpunkt haben und (was ich schon nicht besonders mag) alle in der Gegenwartsform stehen: Damaya, die als Teenager in das Fulcrum, das imperiale Zwangsinternat für Orogene, gebracht wird; Syenite, eine bereits erfahrene "Gesellin", die mit dem erfahrenen Fulcrum-Agenten Alabaster einen Auftrag erledigen soll und sich nebenbei ein Kind von ihm zeugen lassen soll; Essun, die ihre Fähigkeiten verheimlichend in einem kleinen Dorf lebt, bis ihr Ehemann ihren dreijährigen Sohn zu Tode prügelt und ihre Tochter entführt. Essuns Geschichte ist zu allem Überfluss in der zweiten Person geschildert. Hätte es nicht genügt, diese (offenbar nach allen anderen, nämlich nach der Zerstörung von Yumenes spielende) Handlungsebene in der Gegenwartsform zu erzählen? So setzt die Autorin dem Leser zusätzlich stilistische Hindernisse in diesem ersten Band einer Trilogie, in der man sich schon inhaltlich nur langsam zurechtfindet. Auch die verspielten Kapitelüberschriften (die immerhin die jeweilige Handlungsebene klären) haben mich eher irritiert: "Damaya at the fulcturm of it all", "Syenite, cut and polished", "you plus one is two"...
Hat man all diese Hindernisse genommen, entwickeln sich durchaus spannende Abenteuergeschichten, deren Figuren vielleicht nicht sofort sympathisch erscheinen, mit denen man aber durchaus mitfühlen kann. Leider wirken diese gelegentlich eher wie Archetypen als Menschen aus Fleisch und Blut. Auch manche Situationen (gerade Damayas Auseinandersetzung mit neidischen Mitschülern) erscheinen schablonenhaft. Vor dem Hintergrund einer gut ausgedachten exotischen Welt ergab das trotzdem genug Lesevergnügen, dass ich mit dem nächsten Band (der für August angekündigt ist) fortfahren werde. Entscheidend beigetragen haben dabei auch die SF-Elemente, so die geheimnisvollen Obelisken, Überbleibsel einer vergangenen Zivilisation, die vielleicht mit der seismischen Instabilität der Welt (und der Zerstörung des Mondes???) zusammenhängen.
Die in New York lebende Afroamerikanerin N.K. Jemisin war bereits 2011 für ihren ersten Roman "The Hundred Thousand Kingdoms" Hugo-nominiert, ebenfalls der erste Band einer Fantasy-Trilogie, die ich mir aufgrund gemischter Kritiken damals gespart hatte. Sie setzt sich in ihrem Werk gezielt mit der Unterdrückung von Minderheiten auseinander. In "The Fifth Season" tauchen beiläufig bisexuelle und Transgender-Charaktere auf, was zwar generell lobenswert ist, aber in einer eher mittelalterlich geprägten Gesellschaft ein klein wenig unglaubwürdig erscheint. Wie auch immer, sie ist als schwarze Frau mit liberalen Ansichten eine beliebte Zielscheibe der Rechtsaußen-Populisten um Puppy-Initiator Vox Day (Theodore Beale), dessen rassistische Ausfälle gegen Jemisin zu seinem Ausschluss aus der Organisation der amerikanischen SF-Autoren (SFWA) führten.
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