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Sonntag, 24. Juli 2016

Hugo-nominiert: Jim Butchers "The Aeronaut's Windlass"

Aeronauten? Die Menschheit lebt in kilometerhohen Habitaten im Luftraum über einem lebensfeindlichen Planeten, den sogenannten "Cinder Spires" (etwa "Betontürme"). Die Technologie beruht im wesentlichen auf gezüchteten Kristallen, mit deren Hilfe Elektrizität erzeugt wird, die aber auch als zu Waffen verarbeitet werden. Ihr wichtigster Einsatz ist der Antrieb der zivilen und militärischen Luftschiffe eben jener Aeronauten, die den Luftraum beherrschen. Aufgrund des frühindustriellen Status dieser Zivilisation ordnen viele diesen Fantasy-Roman dem sogenannten Steam Punk zu, ein Untergenre, das nach dem Technikniveau von Dampfmaschinen benannt ist.

Ich würde diesen ersten Band einer angeblich auf neun Bände ausgelegten Reihe zunächst aber eher der militärischen SF zuschlagen. Er beginnt mit einem Luftkampf und endet mit einer ausgedehnten Luftschlacht. Zentrale Figur dabei ist Kapitän Grimm, ein für den Autor typisch aufrechter, aber missverstandener Held, der auch mit gebrochenem Arm noch klaglos weiterkämpft. Unehrenhaft aus dem Militärdienst geworfen, lenkt er nun das Piratenschiff Predator, steht aber selbstverständlich auf der Seite der "Guten". Welche wären: der Spire Albion, eine einigermaßen demokratische, brav kapitalistische Gesellschaft, in der sogar die Ganoven einem Ehrenkodex folgen. Sie steht im Konflikt mit dem Spire Aurora, dessen System seine Bewohner unterdrückt und wirtschaftlich in relativer Armut hält. Zumindest bisher scheint mir das eine ziemlich schablonenhafte Kopie des Kalten Krieges zwischen den USA und der UdSSR zu sein.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive der Hauptfiguren geschildert. Ausser Grimm wären da noch die 16jährige Gwen, Erbin des mächtigen Hauses Lancaster; Benedict, ihr Cousin und durch seine Raubkatzengene ein geborener Kämpfer; Bridget, Tochter eines fast vergessenen Hauses, deren Vater als besserer Metzger sein Brot verdient. Das sind alles fürchterlich gute Menschen, denen gerade genug (und leider vorhersehbare) Charakterfehler mitgegeben werden, dass sie nicht todlangweilig werden: Gwen ist arrogant, Benedict leidet unter den Vorurteilen wegen seiner Hybrid-Gene, und Bridget schämt sich ihrer ärmlichen Herkunft.

Zum Glück gibt es noch Meister Ferus und seinen Lehrling Folly. Sie sind Etherealisten, die Magier-Variante in den Spires, die Kristallenergie auch ohne technische Hilfsmittel bündeln und sogar gelegentlich in die Zukunft blicken können. Ihre Fähigkeiten haben allerdings den Preis, dass sie sich mental irgendwo zwischen Exzentrik und Wahnsinn bewegen. Meister Ferus z.B. ist nicht mehr in der Lage, Türgriffe zu bedienen, und Folly kann nicht mehr direkt mit anderen kommunizieren (sie spricht aber laut mit ihrer Kristallsammlung, die sie stets mit sich führt). Jedenfalls sind die beiden mit ihren Merkwürdigkeiten die unterhaltsamsten Figuren der Erzählung.

Und dann gibt es noch Rowl, Beschützer und Freund von Bridget und Erbe der Dynastie der Samtpfoten. Diese Figur richtet sich an alle Leser, die mit Vergnügen das Internet nach Katzenvideos durchstöbern und glauben, dass Katzen die besseren Menschen sind. Butcher nimmt diesen Scherz ernst, und so unterhält sich Rowl mit Bridget in der Katzensprache, versteht sich als ihr "Besitzer" und verhält sich ansonsten genau so, wie es all die witzigen Internet-Fotos erwarten lassen. Ich selbst bin bei der Beurteilung dieser Figur ein wenig zwiespältig.

Jim Butcher versteht es natürlich, Spannung aufzubauen, und das letzte Drittel des Buchs ist wie erwartet eine atemlose Action-Achterbahn. Leider sind die Charaktere selbst für seine Verhältnisse sehr holzschnittartig. Seine Dresden Files sind auch nicht gerade Dostojewski, aber in jener wunderbaren Urban-Fantasy-Reihe und auch in seinem gelungenen, der klassischen Fantasy zugehörigen Codex-Alera-Zyklus fand ich Figuren und Situationen deutlich überzeugender. The Aeronaut's Windlass ist tadellos konstruiert, wirkt aber irgendwie müde und wenig originell. Preiswürdig ist das nun wirklich nicht, und ich bin skeptisch, wie sich die Serie über neun Bände hinweg entwickeln soll. Lesenswert ist das bisher trotzdem. In gewisser Hinsicht sind Butchers Romane das Pendant zum hirnlosen Actionkino à la Fast & Furious. Man kann sich davon widerstandslos unterhalten lassen, aber es hinterlässt bei Überdosierung doch ein hohles Gefühl. Und so wie ich F&F nur fürs Heimkino ausleihe, so warte ich bei den Cinder Spires, bis aufgrund der Taschenbuchveröffentlichung der Kindle-Preis akzeptabel ist.

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