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Montag, 26. November 2018

Mamma Mia! Here We Go Again. (7/10)

Die beiden Mamma-Mia-Musicals sind randvoll mit guter Laune gefüllte Partyfilme, die man am besten leicht beschwipst genießt (mich haben ein paar Pinnchen westfälischer Pflaumenschnaps in Stimmung gebracht). Eine wirkliche Handlung gibt es nicht, stattdessen erfreut man sich an der herrlichen Insellandschaft (deren satte Farben auf den Zuschauer insbesondere in Dolby Vision einen zusätzlichen Extasy-Effekt haben), den schönen, ausgelassen tanzenden Menschen aller Generationen und natürlich den zeitlosen ABBA-Melodien, die von den Darstellern (teilweise mit erstaunlichem Erfolg) selbst geträllert und in den Arrangements erfreulicherweise weitgehend vom Disco-Gestampfe befreit wurden (unter der Regie Ihrer Hoheiten Björn Ulvaeus und Benny Andersson persönlich, die auch beide kleine Cameos haben).

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Der erste Film (der weitgehend dem Bühnenmusical entspricht) handelte von Sophie (Amanda Seyfried), die mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer kleinen griechischen Insel aufgewachsen ist. Zu ihrer Hochzeit mit Sky (Dominic Cooper), die im kleinen Touristenhotel des Gespanns stattfinden soll, lädt Sophie anhand vager Informationen aus Donnas alten Tagebuch heimlich ihre drei potentiellen Väter ein, dargestellt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard. Entsprechend komische Verwicklungen folgen...



Zehn Jahre später gibt es nun die Fortsetzung (Here We Go Again). Der hinzugezogene Romanzenspezialist Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Alles eine Frage der Zeit) ließ sich vom Paten, Teil II inspirieren und entwarf mit Regisseur Ol Parker (Autor des Best Exotic Marigold Hotel) und der Mamma-Mia-Erfindern Catherine Johnson und Judy Craymer eine Rückblendenstruktur, in der Lily James als junge Donna glänzt, während in der Gegenwart Sophie der Neueröffnung des Hotels entgegenfiebert. Den Hotelmanager gibt übrigens der Pate der dritten Generation, Andy Garcia (ob Pacino und DeNiro abgesagt hatten?) Donna ist inzwischen gestorben - vielleicht war Meryl Streep zu teuer, für ein Cameo an Schluß reichte es dann aber doch. Abgesehen von diesem ein Jahr zurückliegenden Trauerfall passiert natürlich wieder nix Schlimmes. Am dramatischsten ist noch der Sturm, der dafür sorgt, dass nicht die erhofften Millionäre, sondern nur eine Flotte gut gelaunter Fischersleute zur Eröffnung erscheinen. Plus Überraschungsgäste...



Ich vermute, es gibt kaum jemanden in der westlichen Welt, der nicht wenigstens eine Handvoll Lieder dieser zu den erfolgreichsten Bands unserer Zeit gehörenden Gruppe kennt: Waterloo, Dancing Queen, Thank You For The Music, ... In meiner Schulzeit war es nicht cool, ABBA zu hören. Aber einer gute Melodie konnte ich mich noch nie entziehen (na gut, bei den Bee Gees ziehe ich die Grenze). Es stimmt allerdings, dass die Disco-lastige Produktion so manche schöne Lieder verschandelt hat, etwa auf dem Album Super Trouper (1980). Was flüchtigen Hörern nicht so bewusst sein wird: Die Texte von Björn und (meist) Benny, gelegentlich unter Mitwirkung von Manager Stig Anderson entstanden, sind durchaus nicht alle oberflächliche Schlager. Viele ihrer besten Songs beschreiben persönliche Erlebnisse und Gefühle aus dem Leben der Musiker. Und die Liebeslieder haben oft einen pfiffigen Twist, etwa When I Kissed The Teacher:



Und Hand aufs Herz, wie viele Hörer wissen, dass The Winner Takes It All die Folgen einer Scheidung beschreibt? Mein Lieblingsalbum von ABBA war auch ihr letztes: The Visitors (1981). Es entstand, nachdem beide Bandehen in die Brüche gegangen waren und hat einen deutlich melancholischen Anstrich. Da erzählt dann Slipping From My Fingers die Gefühle der Mutter, die ihr Kind aufwachsen sieht, One of Us und When All Is Said And Done von Trennungsschmerz und Einsamkeit. Daneben gibt es aber auch eine letzte Elegie auf die Musik: I Let The Music Speak, und das witzige Two for the Price of One. Insgesamt ein perfektes Album für kalte Winterabende. Und wieviel Substanz die Melodien auch ohne Gesang und Band haben, kann man auf Benny Anderssons wunderschöner CD Piano hören (die auch Lieder des Ausnahmemusicals Chess und anderer Projekte beinhaltet).

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Für den zweiten Durchgang von Mamma Mia waren die großen Hits zwar fast schon abgegrast. Das hat aber den Vorteil, dass einige Lieder aus der zweiten Reihe zur Geltung kommen, die damit auch noch nicht so abgenudelt erscheinen, etwa Andante Andante, I've Been Waiting For You und (fast unkenntlich von der lokalen "Mariachi"-Band interpretiert) Hole in Your Soul.



Daneben gibt es einige Wiederholungen im neuen Kleid, neben dem Titelsong natürlich auch Dancing Queen, I Have a Dream und im grandiosen Finale (mit den Darstellern aller Generationen vereint) Super Trouper:



Aber in der ABBA-Schatztruhe waren durchaus auch noch ungenutzte Hits zu finden, so etwa Fernando, ein ungewöhnliches Liebeslied aus der mexikanischen Revolution, das nun mittels eines wackligen Kniffs in die Handlung eingebaut wurde. Was macht's, wenn niemand anders als Cher den Gesang übernimmt! Die inzwischen über 70jährige Sängerin war ja schon in den 60ern erfolgreich als Aushängeschild von Sonny & Cher (I Got You Babe). In den 80ern krönte sie eine kurze Schauspielkarriere mit dem Oscar für ihre Hauptrolle im märchenhaft-schönen Mondsüchtig (1987), bevor sie sich wieder (ähnlich erfolgreich) der Musik widmete (auch in Die Hexen von Eastwick und Meerjungfrauen küssen besser war sie toll). Trotz ihres leicht zombiehaften Auftretens hat sie immer noch eine tolle Stimme. Dass die Diva Donnas Mutter spielt, aber nur drei Jahre älter als Meryl Streep ist, darüber denkt man besser nicht nach.



Beim übrigen Cast muss ich zunächst mal die großartigen Gesangsstimmen der Damen herausheben. Von Meryl Streep wusste man das,  und Amanda Seyfried überzeugte bereits im ersten Film. Nun überrascht noch Lily James, die ich bislang nicht besonders mochte, nun aber gewillt bin, ihre farblosen Auftritte in Cinderella und insbesondere dem gruseligen Stolz, Vorurteil und Zombies zu vergessen. Einen weiteren Reiz der Fortsetzung macht die Besetzung der beiden Haupttrios in den unterschiedlichen Zeitebenen aus. Im Original waren es Donnas beste Freundinnen, die für Komik und Pfiff sorgten: Julie Walters (Molly Weasley) als Rosie und Christine Baranski (Cybill) als Tanya. In jungen Jahren werden sie nun von Alexa Davies und Jessica Keenan Wynn gespielt, wobei gerade letztere, Spross einer illustren Schauspielerdynastie, Baranskis Posen erheiternd genau imitiert.

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Die Väter ("Sam" Pierce Brosnan,  "Harry" Colin Firth und "Bill" Stellan Skarsgard) dagegen waren schon im Original vor allem Eye Candy, weniger Ohrenschmaus (auch wenn ich finde, dass gerade der emeritierte Bond trotz mangelndem Stimmtalent ganz viel Emotion in seine Gesangspassagen einbringen konnte). Bei der Besetzung ihrer jüngeren Versionen konnte man natürlich aus dem Vollen schöpfen, und so überzeugen Jeremy Irvine (Sam),  Hugh Skinner (Harry) und Josh Dylan (Bill) auch durch Gesangstalent. Hier fiel mir besodners der bereits TV-erfahrene Hugh Skinner mit seiner amüsanten Firth-Imitation auf.

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Auch wenn im zweiten Teil die Originalidee bereits ein wenig abgestanden ist und ein paar Tanzszenen doch eher gezwungen wirken, kann auch dieser noch prächtig unterhalten. Nochmals loben muss ich die Ton- und Bildqualität der UHD-Präsentation (beider Filme). Beim zweiten Teil haben es übrigens, ein seltenes Vorkommnis, alle Extras auch auf die UHD-Scheibe geschafft, so dass ich die beiliegende Blu-ray gar nicht einlegen musste. Da gibt es dann noch mehr Gesangsnummern und spaßige Interviews mit den Machern und Darstellern, die offenbar alle viel Freude an ihrem Unterfangen hatten, sowie zwei Kommentare und eine Sing-along-Variante (nichts für mich, aber trotzdem eine schöne Zugabe). Daher ziehe ich vom Original auch nur einen Stern ab und lande bei einem Gut (7/10).

Samstag, 10. November 2018

Erster! Aufbruch zum Mond (4/10)

Am 21. Juli 1969, ich war noch keine vier Jahre alt, weckten mich meine Eltern mitten in der Nacht und setzten sich mit mir vor den Fernseher. Da flimmerten nun die Bilder der ersten Mondlandung, natürlich noch von einer antiquierten Schwarzweiss-Röhre, Angeblich gab es weltweit 600 Millionen Zuschauer, gefühlt die Hälfte der Menschheit. Direkte Erinnerungen an das historische Ereignis habe ich trotzdem nicht, führe aber meine spätere Leidenschaft für Raumschiffe und Science Fiction durchaus auf diese frühkindliche Prägung zurück. Eigentor für meine Eltern, die diese Literaturgattung eher für schädlich hielten...



Zum historischen 49jährigen Jubiläum erzählt nun der jüngste Oscar-prämierte Regisseur Damien Chazelle (er ist erst 33) nach einer Drehbuch-Adaption von Oscar-Gewinner Josh Singer (Spotlight) den Aufbruch zum Mond. Oder tut er das?



Auf mich wirkte der Film eher wie ein dröges Familiendrama mit ein paar Ausflügen ins All. Der Originaltitel trifft es daher ein wenig besser: Ryan Gosling spielt tatsächlich den First Man. Nicht Adam, aber immerhin Neil Armstrong, den ersten Menschen, der seinen Stiefelabdruck in den Mondstaub setzte. Leider traf er nicht auf die Arkoniden Crest und Thora mit ihrem havarierten Raumschiff, was in einer Parallelwelt Perry Rhodan passierte (übrigens erst zwei Jahre später, gemäß "Kanonenherbert" K.H. Scheers vorsichtiger Vorstellungskraft). Aber die Realität wirkt im Finale des Films eindrucksvoll genug, schließlich hat man gewaltige IMAX-Kameras auf den Mond geschossen, um Armstrongs Giant Leap und Buzz Aldrins Tänzchen in der geringen Schwerkraft des Trabanten nachzustellen (Corey Stoll ist einer der wenigen Nebendarsteller, die einen Eindruck hinterließen). Trotzdem - bei diesem technischen Aufwand hätte ich schon erwartet, dass die eine oder andere Amazone auf der Leinwand verewigt worden wäre. Aber nein, wieder nur der Mann im Mond.



Leider hat das fulminante Finale das technische Budget wohl fast ausgeschöpft, denn für den Rest der 140 Minuten laangen Laufzeit konnte man sich offenbar nicht einmal ein Stativ leisten. Die Wackelkamera mit ihren überhasteten Schwenks, für die Raketenstarts durchaus ein passendes Stilmittel, verträgt sich nicht gut mit der IMAX-Leinwand (und sorgte bei vielen Zuschauern für Übelkeit). Im Kontrollzentrum und in der Vorstadtidylle der Astronautenfamilien ist sie erst recht fehl am Platz. Ähnlich sporadisch hat mich das Sounddesign überzeugt, das bei den Raketenstarts nicht den erwarteten Wumms hat, gelegentlich interessante ätherische Effekte bietet, aber ansonsten ähnlich motivationslos zusammengekleistert erscheint wie der Bildschnitt. Die Walzeruntermalung zu den Bildern im Orbit soll möglicherweise als Hommage an Kubrick verstanden werden, erzeugt aber nie den unnachahmlichen Sog des Weltraumballetts in 2001: Odyssee im Weltall. Spannend fand ich allerdings das akribisch nachempfundene Design der fast improvisiert zusammengenieteten Module, aus heutiger Sicht eher primitiv als futuristisch.

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Viel Geld ist immerhin noch in die Besetzung geflossen, darunter Kyle Chandler, Ciarán Hinds, Jason Clarke, Patrick Fugit und Lukas Haas. Die bekannten Gesichter sind aber auch notwendig, denn das Drehbuch gibt ihnen kaum Raum zur Entwicklung. Als (brüchiger) roter Faden dienen Armstrongs Hadern mit dem Krebstod seiner zweijährigen Tochter und die aus seiner nüchtern-zurückgezogene Haltung resultierenden Eheprobleme. Als seine resolute Ehefrau wirkt Claire Foy ziemlich anstrengend, was ich aber eher dem Buch als der Darstellerin anlasten möchte.

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Ansonsten kann ich eigentlich keinen Handlungsbogen erkennen. Es werden beliebige Ereignisse aus den Jahren 1961 bis 1969 aneinandergereiht. Dabei werden hochinteressante Wegmarken im NASA-Programm ausgespart, so das erste Umkreisen des Mondes 1968 (There is no dark side of the moon, really. Matter of fact, it's all dark). Es wird auch nicht klar, welche besonderen Fähigkeiten Armstrong hatte und warum er als Kommandant von Apollo 11 ausgewählt wurde. Man sieht ihn nur ein paar Schalter umlegen und einen Joystick bedienen, was die heutige Gamergeneration sicher nicht beeindrucken wird. Es mag Absicht sein, den Thriller-Aspekt des Wettrennens zwischen UdSSR und USA zu ignorieren, ebenso die Unterspielung der heroischen Momente. Aber wenn man auf traditionelle Erzählweisen und Stilmittel verzichtet, muss man dem Zuschauer doch einen angemessenen Ersatz bieten. Ansonsten verkommt Avantgarde zum reinen Trotzexzess.

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Kritikerliebling Damien Chazelle hat sich bei mir im Raktentempo zum unbeliebtesten Regisseur des letzten Jahrzehnts gemausert. Nach Whiplash und LaLaLand nun also Aufbruch zum Mond, nicht gerade Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten. Die technischen Herausforderungen der Raumfahrt sind viel besser in Hidden Figures thematisiert, das Abenteuer ist viel unterhaltsamer in Ron Howards Apollo 13 fühlbar, die Heldenbiographien prägnanter in The Right Stuff. Das Publikum ist diesmal auf meiner Seite, das (mittelschwere) 60-Millionen-Dollar-Projekt floppt gerade an den Kinokassen. Mit dem Oscar für Ryan Gosling wird es wohl wieder nichts, Favorit ist momentan ohnehin Rami Malek als Freddy Mercury (Bohemian Rhapsody habe ich mir ob lauer Kritiken vorerst gespart). First Man wird wohl trotzdem als Bester Film ins Rennen gehen. Für mich war's gerade noch Erträglich (4/10).