Kiki ist eine dreizehnjährige Hexe und muß für ihre Ausbildung ein Jahr lang ihr Glück in einer fremden Stadt versuchen. Sie schwingt sich also mit ihrem Kater Jiji auf ihren Besen und braust davon - nun ja, der Start gerät noch etwas holprig, und unterwegs sucht sie auch schon mal Schutz vor Regen in einem Güterzug. Aber dann findet sie eine Großstadt am Meer, die ihr gefällt. Zwar sind ihre ersten Begegnungen nicht vielversprechend, daber dann kommt sie bei einer freundlichen Bäckerin unter und versucht, mit ihrer einzigen Hexenbegabung - dem Fliegen - einen Lieferservice aufzubauen.
Bereits in den ersten Momenten zaubert der Überschwang des jungen Mädchens ein Lächeln ins Gesicht des Zuschauers, das dann 90 Minuten lang höchstens mal ein paar Tränen der Rührung weichen muß. Kiki erlebt einfache und doch packende Abenteuer in einer verklärten europäischen Welt mit Straßenbahnen und Automobilen, in denen eine fliegende Hexe nur ein weiteres Kuriosum ist. Zeppeline sind im Flugverkehr die Norm, und Teenager bauen eigene Flugapparate auf Fahrradbasis. Die beschwingte (und uns Westlern recht zugängliche) Musik von Joe Hisaishi und natürlich die farbenprächtigen, mal eher impressionistischen, mal sehr detailreich realistischen Animationen des Teams vom japanischen Studio Ghibli erzeugen eine wunderbar märchenhafte Stimmung.
Regisseur Hayao Miyazaki, geboren 1941 in Tokyo, wird gern der japanische Walt Disney genannt. Er hat japanische Anime-Traditionen und unterschiedliche europäische Einflüsse zu einem einmaligen eigenen Stil verbunden und ist wie einstmals Disney ein begnadeter Erzähler. Seine Filme sind immer noch handgemalt, obgleich inzwischen zusätzliche Computertechniken zum Einsatz kommen, und gehören nach dem durch Pixar eingeläuteten Siegeszug der Computeranimation wohl zu den letzten ihrer Art. Miyazakis junge Helden behaupten sich in perfekt inszenierten Fantasiewelten. Als Grundthema könnte man die Suche nach Harmonie betrachten, oft in einem ökologischen Kontext. Die meisten seiner Filme sind komplett der Fantasy zuzuordnen, die besten davon Nausicaa (1984, 9/10), Prinzessin Mononoke (1997, 8/10) und das oscargekrönte Chihiros Reise ins Zauberland (2001, 8/10).
Meine Lieblingsfilme des japanischen Meisters sind aber Kikis kleiner Lieferservice (1989) und sein vielleicht sogar noch besserer Vorgänger, Mein Nachbar Totoro (1988). Sie enthalten nur leichte Fantasy-Elemente, sind für Kinder und Erwachsene gleichsam geeignet und stehen für mich auf einer Stufe mit Disneys frühen Meisterwerken. Trotz aller technischer Raffinessen der Pixar-Produktionen ist Pete Docters Oben (2009) der einzige Zeichentrickfilm der letzten Jahrzehnte, der mich ähnlich berührt hat. Neben Disneys Dschungelbuch sind die genannten auch die einzigen Trickfilme, für die ich die Höchstwertung 10/10 vergeben mag.
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