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Samstag, 21. Juni 2014

Die Hugo-nominierten "Noveletten"

Die Form der "Novelette" ist eine künstlich zwischen Kurzgeschichte und Novelle eingeschobene Kategorie von Erzählungen mit 7.500 bis 17.500 Wörtern. Ich würde sie eher den Kurzgeschichten zuordnen, auch wenn bei dieser Länge mehr Raum für verschiedene Handlungsebenen und die Figurenentwicklung bleibt.

Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:

5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day

Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.

“The Exchange Officers”, Brad Torgersen

 Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card  (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.

“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard

 Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.

“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa

Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).

“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang

 Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...

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