Das Kinoerlebnis
Das Cinestar-Multiplex im Sony-Center Berlin erweitert wie wohl die meisten Kinos den Abend mittels 40 Minuten Werbung und 20 Minuten Pause auf vier Stunden. Unabhängig von der Qualität des Gebotenen empfinde ich das als anstrengend - dazu kommen Schlangen an den Toiletten und der Verkaufstheke. Die 170 Minuten des Films selbst sind kurzweilig, wobei ich mir durch zeitiges Verlassen wahrscheinlich 10 Minuten Abspann erspart habe. Trotzdem wirkt die Kinofassung bereits wie die Langfassung eines HdR-Filmes; dabei soll es für die Heimkino-Auswertung ja
noch längere Versionen geben. Dann schränkt die Dauer aber die Bequemlichkeit nicht ein, falls keine inhaltlichen Längen entstehen...
Das 3D-Erlebnis in HFR (hohe Bildrate von 48 fps) ist erstaunlich. In meinem 27. 3D-Kinobesuch vergesse ich nach kurzer Eingewöhnungszeit zum ersten Mal die Brille und 3D als Gimmick, um nur noch die fantastischen Bilder in mich aufzunehmen. Keine Ermüdung der Augen, keine Bewegungsunschärfen, keine Künstlichkeit der Dimensionalität mehr. Ich bin gespannt, wie sich das im Heimkino mit 24 fps darstellt.
Leider muß ich trotz der überragenden Schärfe der Bilder doch sagen, daß manchmal ein etwas künstlicher Effekt wahrnehmbar ist. Ob ungewohnt kräftige Farben oder keine hinreichende Detaillierung der (CGI-)Modelle verantwortlich sind, mag ich nicht entscheiden. Mir gaben gerade im Vergleich zum HdR z.B. das Auenland und Rivendell nicht den gleichen Wow-Effekt. Das mag an der Bildrate liegen oder an der weitgehenden Ersetzung der Miniaturen ("Bigatures") durch computergenerierte Lokationen. Schlimmer sind allerdings die zahlreichen CGI-lastigen Kampf- und Fluchtszenen, die sehr ins cartoonhafte übersteigert sind. Zum Teil liegt das sicher an einem gewollt leichteren Grundton der Hobbit-Trilogie. Insgesamt fehlt mir an diesen Stellen die "Handarbeit", der hohe Anteil physischer, glaubhafter Stunts, die im HdR auch die Kampfszenen ausgemacht hatte.
Übrigens kann ich hier nur die englische Originalfassung kommentieren, auch wenn ich die Begriffe, soweit meine Erinnerung an die Eindeutschungen der Bücher erlaubt, ins Deutsche übertrage.
Buch und Film
Die Herausforderung bei der Umsetzung des "kleinen Hobbits" ist genau umgekehrt wie beim HdR. Wo man dort komprimieren mußte, um eine dichte und doch ausschweifende Vorlage in drei Filme zu pressen, wird hier die Handlung manchmal Satz für Satz vor uns ausgebreitet, mit einigen durchaus legitimen Ausschmückungen und etlichen Zusätzen, die meisten davon aus anderen Mittelerde-Texten von Tolkien geborgt. Einige buchstäblich übernommene Momente brachten mich zum Schmunzeln, so die Diskussion zwischen Bilbo und Gandalf, was ersterer denn mit "Guten Morgen" meine. Herausragend auch die Episode um die Trolle und natürlich der Rätsel-Wettbewerb mit Gollum. Dann gibt es willkommende Ergänzungen wie die ausführliche Hintergrundgeschichte zu Thorin, die im Buch nur angedeutet wird. Weitgehend gelungen, im Kontext des leichteren Grundtons, die Einbeziehung des Zauberers Radagast, obschon er teilweise als "Comic Relief" dient. Etwas enttäuschend dagegen die Ratgeberrunde bei Elrond. Auch wenn ich die Cameos der HdR-Figuren begrüße, fand ich die Dialoge von Saruman und Galadriel etwas schwach. Den Erzählrahmen (der Film beginnt mit Bilbos Niederschrift seiner Abenteuer kurz vor seinem 111. Geburtstag und einer Vertiefung seines Verhältnisses zu Frodo) halte ich für gelungen, eine abschließende Wertung kann man sicher erst zum Abschluß der Trilogie treffen. Der Brückenschlag zum HdR wirkt etwas gewollt, aber nachvollziehbar.
Von den Details nun zum Ganzen. Die Verfilmung des "Kleinen Hobbits" ist nichts für Kinder! Zwar nicht wie eine Tragödie mit Happy-End angelegt wie der HdR, versucht Peter Jackson offenbar, einen Mittelweg zu finden, um den Bruch zwischen den beiden Trilogien möglichst gering zu halten. Man muß verstehen, daß die beiden Bücher zwar in der gleichen Welt spielen und inhaltlich aufeinander aufbauen, ansonsten aber wenig gemeinsam haben: Zielgruppe, Erzählton, Personal könnten kaum unterschiedlicher sein. Daher haben die Bücher auch durchaus unterschiedliche Fangruppen, natürlich mit einer großen Schnittmenge. Das Ergebnis muß nun jeder selbst wichten.
Meine persönliche Meinung: Würde man den "Hobbit" werkgetreu als Kinderbuch verfilmen, müßte man auf einen Bezug zum HdR fast vollständig verzichten und einen eigenen Weg gehen, Peter Jackson wäre dazu nicht der richtige Regisseur, und die Zielgruppe wäre möglicherweise zu klein für den Aufwand, den man trotzdem treiben müßte. Der Effekt wäre in etwa so, als ob George Lucas nach der "Rückkehr der Jedi-Ritter" einen knuffigen Film über die Ewoks gedreht hätte (aber Moment: so eine Travestie gab's wirklich). Ich halte es also für richtig, den Brückenschlag zu wagen, zwar mit tonalen Unterschieden, aber für im wesentlichen das gleiche Publikum. Das Ergebnis ist notgedrungen weniger dicht, dafür doch leichter und mit etlichen witzigen Stellen; manchmal habe ich tatsächlich laut lachen müssen.
Gibt es allerdings Stoff für drei Filme? Das wage ich jetzt noch nicht zu beantworten. Ich persönlich hätte allerdings im ersten Teil einige Akzente anders gesetzt. Mehr Bilbo wäre mehr Spannung gewesen. Nach der Übertölpelung Gollums schien seine Flucht aus den Höhlen viel zu einfach. Nun, vielleicht müssen wir dafür nur auf die erweiterte Edition warten.Ich hätte auch manche Kampfszene vereinfacht und manche Fluchtszene verkürzt. Damit meine ich vor allem die wirklich cartoonhaften Szenen in den Goblin-Minen, in denen die 12 Zwerge mehr Bonusleben als Bugs Bunny zu haben scheinen. Und beim Ablenkungsmanöver Radagasts, um die Truppe von den Verfolgern zu schützen, hatte ich das Gefühl, alle wären dreimal im Kreis gelaufen, um die Schauwerte in die Länge zu dehnen. Obwohl zugegeben die Wargs deutlich besser gelungen sind als im HdR, was nicht unbedingt für die CGI-Orks und -Goblins gilt.
Schauspieler und Musik
Eines der vielen Talente Peter Jacksons ist sein Händchen für die Besetzung. Selbst in seinen schwächeren Filmen kann ich mich nicht an eine Fehlbesetzung erinnern. Für den "Hobbit" hat das bewährte Ensemble congenial erweitert.
Sobald im Vorfeld der Name "Martin Freeman" gefallen war, konnte sich kaum jemand einen anderen Bilbo vorstellen. Kein Kommentar nötig - die Erwartungen wurden voll erfüllt. Gandalf der Graue ist anders als in "Die Gefährten" eine Hauptrolle; eine Freude, Ian McKellan dabei zuzuschauen, wie er das auskostet. Hugo Weaving als Elrond hat ebenfalls merklich Spaß und wirkt fast unbeschwert, was aber inhaltlich konsistent ist - die Sorgenschwere 60 Jahre später ist für ihn als Hüter eines der drei Elbenringe durch den Machtgewinn Saurons erklärbar.
Und die Zwerge? 12 Figuren einzuführen ist selbst in drei Stunden schwer. Dieses Problem wurde für meine Begriffe denkbar gut gelöst. Zwar kann ich noch nicht jedem Gesicht einen Namen zuordnen, aber die meisten sind mir jetzt schon durch ihre gut ausgearbeiteten Eigenheiten im Gedächtnis geblieben. Richard Armitage als Thorin ist wie erwartet herausragend, auch wenn er zum Schluß des Films die etwas kitschige Versöhnung mit Bilbo nicht retten kann. Gewichtig im ersten Film auch Ken Stott als Balin, der älteste der Truppe, damit Akteur auch in den Rückblenden.
Von Vorteil sind auch die diesmal nicht gesichtslosen Antagonisten, sicherlich umstritten in der Ausführung Azog, der Albino-Goblin, rundum gelungen der massige Goblin-König, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach.
Ein Glücksfall mit Sicherheit, daß sich Peter Jackson rechtzeitig mit Howard Shore versöhnt hat, nach dem Debakel um die Filmmusik von "King Kong" (Howard Shore hat einen fertigen Score abgeliefert, den Peter Jackson dann aber komplett durch James Newton Howard ersetzen ließ). So erklingen Variationen der bekannten Figuren- und Lokalitätenmotive genauso wie wundervolle neue Melodien. Immer noch im Ohr ist mir das "Lied der Zwerge" (Song of the Lonely Mountain), allerdings eher in der tief melancholischen, einfachen Variante der Zwerge als im ausgearbeiteten Song aus dem Nachspann, gesungen von Neil Finn.