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Samstag, 29. Dezember 2012

Der Hugo-Gernsback-Award für den besten Roman 2012

Der Hugo-Gernsback-Award ist der führende Publikumspreis für Science Fiction (& Fantasy) und wird jährlich auf einem WorldCon vergeben. Diese Jahr war das am 4. September. Der Preis gliedert sich in verschiedenste Kategorien, mich interessieren im wesentlichen die Romane.

Die Nominierungen:

  • Among Others, Jo Walton (Tor)
  • Embassytown, China Miéville (Macmillan / Del Rey)
  • Leviathan Wakes, James S. A. Corey (Orbit)
  • Deadline, Mira Grant (Orbit)
  • A Dance With Dragons, George R. R. Martin (Bantam Spectra)


Meine Meinung


Mein Favorit war "A Dance With Dragons", der fünfte Band der auf sieben Bände ausgelegten Fantasy-Serie "A Song of Ice and Fire". Aber ein Gewinn schien unwahrscheinlich, auch weil der Band als etwas schwächer als die Vorgänger bewertet wurde. Martin war bereits 1978 in dieser Kategorie nominiert, für "Dying of the Light" (steht auf meiner Leseliste), sowie 2001 und 2006 für die Bände 3 und 4 desselben Zyklus. Immerhin gewann die 10teilige erste Staffel der HBO-Fernsehserie "Game of Thrones", die den ersten Roman des Zyklus abdeckt, den Hugo für die "beste dramatische Präsentation (Langform)".

"Leviathan Wakes" ist eine Mischung aus "harter SF" und klassischer Space Opera und spielt in unserem Sonnensystem zu einer Zeit, in der dieses durch bemannte Raumfahrt und Kolonien auf Mars, Monden und Asteroiden erschlossen ist. Leider sind die Hauptfiguren klischeebeladen und die politischen Verwicklungen nicht immer nachvollziehbar. Als erster Teil einer Serie angelegt, die ich wohl nicht weiter verfolgen werde.

China Miéville habe ich nach seinem Gewinn mit "The City and the City" von 2010 aufgegeben. Mir scheint, daß seine Ambitionen sein Talent deutlich überstrapazieren, er ist anstrengend zu lesen, ohne daß das Endresultat diese Anstrengung rechtfertigt.

"Deadline" ist die Fortsetzung des Zombie-Romans "Feed", das im Vorjahr nominiert war. Im Mittelpunkt der geplanten Trilogie steht ein Team von jungen Bloggern, die in einer post-apokalyptischen Welt mit vielen "Zombie-verseuchten" Zonen über den Wahlkampf des US-Präsidenten berichten. Das zunächst interessante Konzept fand ich bereits im ersten Band überstrapaziert, und ich konnte mich bisher nicht dazu aufraffen, hier weiterzulesen.

Der Gewinner


"Among Others" von Jo Walton

Dies ist bereits der neunte Roman der 46jährigen Autorin, ihr erster Hugo-nominierter und der erste, den ich gelesen habe. Bereits bei der Klassifizierung tue ich mich schwer. Eigentlich ist dies ein Mainstream-Roman mit fantastischen Elementen. Es spielt in Wales und handelt von einem 15jährigen Mädchen, das gerade seine Zwillingsschwester verloren hat und versucht, sich in einem neuen Internat zurechtzufinden. Bisher lebte sie bei ihrer (verhaßten) Mutter, nun versucht sie, eine Beziehung zum ihr kaum bekannten geschiedenen Vater aufzubauen. Zwei Dinge helfen ihr, mit ihrer Situation zurechtzukommen: Ihre "magischen Fähigkeiten" - sie kommuniziert z.B. mit feenartigen Wesen - und ihre Liebe zu Science-Fiction-Romanen, über die sie sowohl einen Dialog mit ihrem Vater aufbauen kann als auch in einem Buchclub neue Freunde kennenlernt. Das Fantasy-Element kann man durchaus wegdiskutieren, da die Geschichte in Tagebuchform erzählt wird und dies einfach nur ein Filter sein könnte, durch den sie ihre für sie manchmal unerträgliche Lebenswelt sieht. Die vielen Erwähnungen und Diskussionen von SF-Romanen und -Autoren machen das Buch aber für SF-Fans hochinteressant, und meine Vermutung ist, daß dies hauptsächlich zu diesem Preis geführt hat. Ein Indiz dafür ist auch, daß sie für den Campbell-Award (der von Autoren vergeben wird) nicht einmal nominiert wurde. Trotzdem ist dies ein schönes Buch, das ich gern gelesen habe.

Oscar-Nachlese: Bester fremdsprachiger Film 2011

Nachdem ich nun über verschiedene Quellen alle fünf nominierten Filme ansehen konnte, hier eine kurze Zusammenfassung. Die Kandidaten setzen den traurigen Trend fort. Der letzte herausragende Film in dieser Kategorie war "Abschied" von Yojiro Takita (Japan 2009). Vielleicht zeigt sich aber auch nur mein abstumpfendes Interesse am sogenannten Arthouse-Kino. Letztes Jahr sah es aber noch schlimmer aus, und im 2010 hatte ich einmal vor Widerwillen vorzeitig das Kino verlassen.

Bullhead (Michael R. Roskam, Belgien) - 3/10


Ein Krimi im Spannungsfeld zwischen Flamen und Wallonen. Für Deutsche schwer nachvollziehbar. Schlimmer allerdings die depressive Grundstimmung und die ins unerträgliche übersteigerte Hauptfigur.

Footnote (Joseph Cedar, Israel) - 4/10


Ein wohl autobiographisch gefärbter Vater-Sohn-Konflikt, wechselnd zwischen emotionslos und rührselig. Trotz präsenter Schauspieler sind die Charaktere schwach. Der akademische Hintergrund ist wenig erhellend.

In Darkness (Agnieszka Holland, Polen) - 5/10


Ein redundanter, düsterer, überlanger Holocaust-Film, beruhend auf dem Augenzeugenbericht einer Überlebenden. Der "Hitlerjunge Salomon" (1990) der Regisseurin hatte mir noch sehr gut gefallen, "In Darkness" fand ich nur ermüdend.

Nader und Simin - Eine Trennung (Asghar Farhadi, Iran) - 5/10


Aufgrund der großen Fanbasis des Gewinners kann ich mit allem, was ich hier niederschreibe, nur verlieren. Nun denn...

Wenn das ein Deutschaufsatz wäre, würde ich drunterschreiben: "Thema verfehlt!". Die Trennung ist kaum Auslöser und nie Gegenstand des Films. Wir erfahren allerdings einiges über das Leben im Schatten der Religionswächter, wo Bildung und Aberglaube, Moderne und Traditionen im Alltag brüchige Kompromisse eingehen. Athmosphärisch ist die Unsicherheit in einem Willkürstaat gut eingefangen. Leider sind die Figuren kaum interessant dargestellt, besonders die Frauen wirken zweidimensional.

Monsieur Lazhar (Philippe Falardeau, Kanada) - 7/10


Ein kleines, intimes Porträt eines traumatisierten Einwanderers, der auf eine gleichfalls traumatisierte Schulklasse trifft. Überzeugend und berührend gespielt, auch von den jungen Laiendarstellern. Leider wird die Welt außerhalb der Schule nur sporadisch interessant präsentiert.

Fazit


Ohne politische Erwägungen heranzuziehen, wäre "Monsieur Lazhar" ein würdiger Gewinner gewesen. Aber seit langem geschieht ja die Vergabe dieses Oscars mehr aus Proporzüberlegungen. Und Kanada war erst 2004 mit "Invasion der Barbaren" dran (und das war bei der dritten Nominierung des Regisseurs seine schwächste Leistung). Nun ja, Schlimmeres ist mit Susanne Bier passiert, die nach zwei guten Einreichungen letztes Jahr mit dem drögen "In einer besseren Welt" gewann, das mir nun gar nicht gefallen hat.

Freitag, 28. Dezember 2012

Life of Pi (9/10)

"Schiffbruch mit Tiger" lautet der deutsche Untertitel. Das klingt wie ein "Pitch" für die Geldgeber oder die Marketingabteilung, im Filmgeschäft ein sogenanntes "High Concept", welches dann zu so unsinnigen Projekten wie "Snakes on a Plane" führen kann. Hier handelt es sich jedoch um die Verfilmung eines poetisch-philosophischen Romans des Kanadiers Yann Martel, deren Gelingen im Vorfeld viele selbst Ang Lee nicht zugetraut haben. Ohne den Sinn zu entstellen und um das Filmvergnügen nicht zu schmälern, hier nur noch so viel:  "Pi" ist die im Hauptteil etwa 16jährige Hauptfigur, die den genannten Schiffbruch erleidet. Der Teenager wird eindrucksvoll gespielt vom Debütanten Suraj Sharma, sowie als Erwachsener in der Rahmenhandlung von Irrfan Khan. In der ersten halben Stunde erfahren wir übrigens in verschmitzt-charmanter Weise, wie der Junge zu seinem ungewöhnlichen Geburts- und Spitznamen kommt.

Im die Haupthandlung umrahmenden Interview wird reichlich platt der spirituelle Gehalt der Erzählung ausgeführt. Sie versucht wohl (im Buch, das ich nicht gelesen habe, wahrscheinlich noch mehr als im Film) einen Gott zu postulieren, weil der Glaube an ihn das Leben oder unsere Sicht auf die Welt verschönern kann.  Ein recht schwaches Argument, das an einem gefestigten Atheisten wie mir leicht abprallt, zumal Pi's Gott sehr folkloristische Züge hat und sich Pi schon in seiner Kindheit beliebig aus verschiedenen Weltreligionen bedient und Ritualschnipsel in köstlicher Weise miteinander vermengt. Zum Beispiel probiert er nach einem katholischem Tischgebet mit Bekreuzigung eine muslimische Niederwerfung  inklusive Gebetsteppich.

Den eigentlichen Schiffbruch und die 227 Tage Überlebenskampf habe ich dann eher als klassisches Abenteuer aufgenommen, im Geiste etwa von "Sindbads 7. Reise" von 1958: spannend, aber mit viel Humor durchsetzt. Die Erzähltechnik sehe ich dabei unabhängig von der technischen Ausführung - wie damals das Publikum durch die Stop-Motion-Effekte eines Ray Harryhausen in den Bann gezogen wurde, staunen wir heute über einen perfekt am Computer animierten Tiger. Übrigens bin ich dankbar, daß dieser, obwohl vielleicht nur der Phantasie entsprungen, bis zum Schluß weder ins Magische überzeichnet noch mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet wird - er bleibt ein unberechenbares, majestätisches Raubtier. Magisch ist allerdings die Umgebung, in der die beiden ungleichen Schiffbrüchigen sich behaupten müssen - Schwärme von Delphinen, fliegenden Fischen, leuchtenden Quallen in realisischem Detailreichtum, dann ab und zu stilisierte Traumbilder im Delirium, die plötzlich (vor allem in 3D) wie virtuos eingefangene Aufklappbilder aus Pappe wirken. Gegen Ende gelangen wir zu einer geheimnisvollen Insel, deren Absurdität wohl den Zuschauer daran erinnern soll, daß Pi bei seiner Geschichte mächtig flunkert...

Wasser, Tiere und Kinder - die Schrecken eines jeden Filmproduzenten. Die technischen Herausforderungen müssen ungeheuer gewesen sein, um diese Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Selten war ich gespannter auf das "Making of", das hoffentlich mit der Blu-Ray geliefert wird. Roger Ebert schreibt, daß zwar vier lebende Stunt-Tiger eingesetzt wurden, aber die der überwiegende Teil natürlich am Computer entstanden ist (Gollum sei Dank). Ich erinnere mich noch mit Freude an den Annaud-Film "Zwei Brüder", in dem die Tiger-Brüder mit Bedacht vermenschlicht wurden. Der CGI-Tiger hat mich nun genauso überzeugt wie die damals mit vielen Tricks der Dompteure und kreativem Schnitt in Szene gesetzten Tigerjungen. Für die tollen Bilder ist auch die Kameraführung zu loben, die in 3D die klaustrophobische Situation auf dem Rettungsboot perfekt eingefangen und von der Vogelperspektive bis zur extremen Nahaufnahme alle Register gezogen hat. Die zurückhaltende, zweckdienliche Musik von Mychael Danna ist mir nicht im Ohr geblieben, das muß aber kein Nachteil sein.

Nachdem der erwachsene Pi seinem Interviewer zwei unterschiedliche Varianten seiner Odyssee geschildert hat und die Frage nach der "Wahrheit" aufkommt, fragt er schließlich: Welche Geschichte ist schöner? Da ich persönlich einen Gott nicht ins Spiel bringen möchte, trete ich mal einen Schritt zurück und verstehe die Frage so: Welche Geschichte möchte ich im Kino sehen? Oder, provokativer: Wenn es im Kontext dieses Kinoerlebnisses einen Gott gibt, dann heißt er Ang Lee, denn er hat diese Bilderwelt geschaffen oder zumindest orchestriert  (natürlich mit seinem Drehbuchautor David Magee, ausgehend vom Roman). Und meine Antwort ist eindeutig: Danke, daß ich die poetische Variante der Geschichte erleben durfte.

Der in Taiwan geborene, seit 1979 in den USA lebende inzwischen 58jährige Ang Lee kann auf ein erstaunliches Werk zurückblicken. Er bewegt sich in verschiedensten Genres und beleuchtet dabei sehr unterschiedliche Kulturkreise, wobei im Zentrum immer ein kleiner, scharf beobachteter Kreis von Charakteren steht, oft Familien oder ungewöhnliche Liebespaare. Nur seine ersten Filme, die im Spannungsfeld des chinesischen und amerikanischen Familienlebens angesiedelt waren, schrieb er selbst. Danach konzentrierte er sich auf Adaptionen, oft mit Drehbüchern von James Schamus. Die Auswahl der Stoffe ist erstaunlich, und zudem hatte er stets ein Auge für ideale Besetzungen. Herausragend dabei waren die Jane-Austen-Verfilmung "Sinn und Sinnlichkeit" (Drehbuch: Emma Thompson), das brillante Kleinstadt-Porträt "Der Eissturm", "Tiger & Dragon" (Oscar bester fremdsprachiger Film) und seine mißverstandene Comicverfilmung des "Hulk" (mit Jennifer Connelly und Eric Bana). Kronjuwel ist sicher das Meisterwerk "Brokeback Mountain", das ihm für 2005 den Regie-Oscar einbrachte. Auf hohem Niveau gescheitert war sein Epos aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, "Ride with the Devil". Zuletzt konnte ich mich mit "Gefahr und Begierde" nicht anfreunden und empfand "Taking Woodstock" als eher mittelmäßige, leichte Unterhaltung. Umso mehr freue ich mich, mit "Life of Pi" eine Rückkehr zu alter Klasse vermelden zu können.

Herausragend! (9/10)

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Beasts of the Southern Wild (3/10)

Hinter einem Deich nahe New Orleans lebt das sechsjährige Mädchen Hushpuppy mit ihrem saufenden, todkranken Vater in der "Badewanne". So wie die Bewohner dieses Sumpflandes dargestellt werden, mit fehlender Bildung, Aberglauben, Barbareien und unmotivierten Gewaltausbrüchen, würden sie ein schönes Argument für Douglas Adams' Standpunkt bieten, daß die Ahnen der Menschheit besser gar nicht erst von den Bäumen heruntergeklettert wären. Und so lobenswert es sein mag, das sturmgeplagte New Orleans mal im Kino zu zeigen, so wirkt "der Sturm" (Katrina?) hier doch eher wie eine Nacht mit kräftigem Regen.

Das ganze wird dann mit merkwürdiger Kameraführung und kaum nachvollziehbaren Handlungssprüngen gezeigt - falls man überhaupt von einer Handlung sprechen kann. Die fleischfressenden (!) Auerochsen sollen wohl Traumbilder sein, der Rest schien mir eher ein Alptraum. Die zivilisierte Welt wird dargestellt, als ob es sich um Aliens handelt - das Sprengen eines Deichs ist dann der Sieg der Dummheit gegen die Fremdherrschaft.

Das Gerede für eine Oscarnominierung für die sechsjährige Hauptdarstellerin setzt dem Blödsinn nun die Krone auf. Die Kleine hat Präsenz, wird in verschiedenen emotionalen Zuständen gezeigt und spricht ihre unsinnigen Texte ironiefrei und mit Überzeugung - aber genauso könnte man Megan Fox einen Oscar geben; die schaut man sich auch gern an und achtet nicht auf den Unsinn, den sie vielleicht von sich gibt...

Vielleicht bin ich nicht qualifiziert, diesen von der Kritik hochgelobten, angeblich so poetischen Film zu beurteilen. Aber bis auf ein paar wenige Szenen (die Louisiana-Variante vom Gasanzünder) möchte ich dieses Kinoerlebnis möglichst schnell wieder vergessen.

Mäßig interessant (3/10).

Dienstag, 18. Dezember 2012

Der Hobbit - eine unerwartete Reise (9/10)

Das Kinoerlebnis

Das Cinestar-Multiplex im Sony-Center Berlin erweitert wie wohl die meisten Kinos den Abend mittels 40 Minuten Werbung und 20 Minuten Pause auf vier Stunden. Unabhängig von der Qualität des Gebotenen empfinde ich das als anstrengend - dazu kommen Schlangen an den Toiletten und der Verkaufstheke. Die 170 Minuten des Films selbst sind kurzweilig, wobei ich mir durch zeitiges Verlassen wahrscheinlich 10 Minuten Abspann erspart habe. Trotzdem wirkt die Kinofassung bereits wie die Langfassung eines HdR-Filmes; dabei soll es für die Heimkino-Auswertung ja noch längere Versionen geben. Dann schränkt die Dauer aber die Bequemlichkeit nicht ein, falls keine inhaltlichen Längen entstehen...

Das 3D-Erlebnis in HFR (hohe Bildrate von 48 fps) ist erstaunlich. In meinem 27. 3D-Kinobesuch vergesse ich nach kurzer Eingewöhnungszeit zum ersten Mal die Brille und 3D als Gimmick, um nur noch die fantastischen Bilder in mich aufzunehmen. Keine Ermüdung der Augen, keine Bewegungsunschärfen, keine Künstlichkeit der Dimensionalität mehr. Ich bin gespannt, wie sich das im Heimkino mit 24 fps darstellt.

Leider muß ich trotz der überragenden Schärfe der Bilder doch sagen, daß manchmal ein etwas künstlicher Effekt wahrnehmbar ist. Ob ungewohnt kräftige Farben oder keine hinreichende Detaillierung der (CGI-)Modelle verantwortlich sind, mag ich nicht entscheiden. Mir gaben gerade im Vergleich zum HdR z.B. das Auenland und Rivendell nicht den gleichen Wow-Effekt. Das mag an der Bildrate liegen oder an der weitgehenden Ersetzung der Miniaturen ("Bigatures") durch computergenerierte Lokationen. Schlimmer sind allerdings die zahlreichen CGI-lastigen Kampf- und Fluchtszenen, die sehr ins cartoonhafte übersteigert sind. Zum Teil liegt das sicher an einem gewollt leichteren Grundton der Hobbit-Trilogie. Insgesamt fehlt mir an diesen Stellen die "Handarbeit", der hohe Anteil physischer, glaubhafter Stunts, die im HdR auch die Kampfszenen ausgemacht hatte.

Übrigens kann ich hier nur die englische Originalfassung kommentieren, auch wenn ich die Begriffe, soweit meine Erinnerung an die Eindeutschungen der Bücher erlaubt, ins Deutsche übertrage.

Buch und Film

Die Herausforderung bei der Umsetzung des "kleinen Hobbits" ist genau umgekehrt wie beim HdR. Wo man dort komprimieren mußte, um eine dichte und doch ausschweifende Vorlage in drei Filme zu pressen, wird hier die Handlung manchmal Satz für Satz vor uns ausgebreitet, mit einigen durchaus legitimen Ausschmückungen und etlichen Zusätzen, die meisten davon aus anderen Mittelerde-Texten von Tolkien geborgt. Einige buchstäblich übernommene Momente brachten mich zum Schmunzeln, so die Diskussion zwischen Bilbo und Gandalf, was ersterer denn mit "Guten Morgen" meine. Herausragend auch die Episode um die Trolle und natürlich der Rätsel-Wettbewerb mit Gollum. Dann gibt es willkommende Ergänzungen wie die ausführliche Hintergrundgeschichte zu Thorin, die im Buch nur angedeutet wird. Weitgehend gelungen, im Kontext des leichteren Grundtons, die Einbeziehung des Zauberers Radagast, obschon er teilweise als "Comic Relief" dient. Etwas enttäuschend dagegen die Ratgeberrunde bei Elrond. Auch wenn ich die Cameos der HdR-Figuren begrüße, fand ich die Dialoge von Saruman und Galadriel etwas schwach. Den Erzählrahmen (der Film beginnt mit Bilbos Niederschrift seiner Abenteuer kurz vor seinem 111. Geburtstag und einer Vertiefung seines Verhältnisses zu Frodo) halte ich für gelungen, eine abschließende Wertung kann man sicher erst zum Abschluß der Trilogie treffen. Der Brückenschlag zum HdR wirkt etwas gewollt, aber nachvollziehbar.

Von den Details nun zum Ganzen. Die Verfilmung des "Kleinen Hobbits" ist nichts für Kinder! Zwar nicht wie eine Tragödie mit Happy-End angelegt wie der HdR, versucht Peter Jackson offenbar, einen Mittelweg zu finden, um den Bruch zwischen den beiden Trilogien möglichst gering zu halten. Man muß verstehen, daß die beiden Bücher zwar in der gleichen Welt spielen und inhaltlich aufeinander aufbauen, ansonsten aber wenig gemeinsam haben: Zielgruppe, Erzählton, Personal könnten kaum unterschiedlicher sein. Daher haben die Bücher auch durchaus unterschiedliche Fangruppen, natürlich mit einer großen Schnittmenge. Das Ergebnis muß nun jeder selbst wichten.

Meine persönliche Meinung: Würde man den "Hobbit" werkgetreu als Kinderbuch verfilmen, müßte man auf einen Bezug zum HdR fast vollständig verzichten und einen eigenen Weg gehen, Peter Jackson wäre dazu nicht der richtige Regisseur, und die Zielgruppe wäre möglicherweise zu klein für den Aufwand, den man trotzdem treiben müßte. Der Effekt wäre in etwa so, als ob George Lucas nach der "Rückkehr der Jedi-Ritter" einen knuffigen Film über die Ewoks gedreht hätte (aber Moment: so eine Travestie gab's wirklich). Ich halte es also für richtig, den Brückenschlag zu wagen, zwar mit tonalen Unterschieden, aber für im wesentlichen das gleiche Publikum. Das Ergebnis ist notgedrungen weniger dicht, dafür doch leichter und mit etlichen witzigen Stellen; manchmal habe ich tatsächlich laut lachen müssen.

Gibt es allerdings Stoff für drei Filme? Das wage ich jetzt noch nicht zu beantworten. Ich persönlich hätte allerdings im ersten Teil einige Akzente anders gesetzt. Mehr Bilbo wäre mehr Spannung gewesen. Nach der Übertölpelung Gollums schien seine Flucht aus den Höhlen viel zu einfach. Nun, vielleicht müssen wir dafür nur auf die erweiterte Edition warten.Ich hätte auch manche Kampfszene vereinfacht und manche Fluchtszene verkürzt. Damit meine ich vor allem die wirklich cartoonhaften Szenen in den Goblin-Minen, in denen die 12 Zwerge mehr Bonusleben als Bugs Bunny zu haben scheinen. Und beim Ablenkungsmanöver Radagasts, um die Truppe von den Verfolgern zu schützen, hatte ich das Gefühl, alle wären dreimal im Kreis gelaufen, um die Schauwerte in die Länge zu dehnen. Obwohl zugegeben die Wargs deutlich besser gelungen sind als im HdR, was nicht unbedingt für die CGI-Orks und -Goblins gilt.

Schauspieler und Musik

Eines der vielen Talente Peter Jacksons ist sein Händchen für die Besetzung. Selbst in seinen schwächeren Filmen kann ich mich nicht an eine Fehlbesetzung erinnern. Für den "Hobbit" hat das bewährte Ensemble congenial erweitert.
Sobald im Vorfeld der Name "Martin Freeman" gefallen war, konnte sich kaum jemand einen anderen Bilbo vorstellen. Kein Kommentar nötig - die Erwartungen wurden voll erfüllt. Gandalf der Graue ist anders als in "Die Gefährten" eine Hauptrolle; eine Freude, Ian McKellan dabei zuzuschauen, wie er das auskostet. Hugo Weaving als Elrond hat ebenfalls merklich Spaß und wirkt fast unbeschwert, was aber inhaltlich konsistent ist - die Sorgenschwere 60 Jahre später ist für ihn als Hüter eines der drei Elbenringe durch den Machtgewinn Saurons erklärbar.
Und die Zwerge? 12 Figuren einzuführen ist selbst in drei Stunden schwer. Dieses Problem wurde für meine Begriffe denkbar gut gelöst. Zwar kann ich noch nicht jedem Gesicht einen Namen zuordnen, aber die meisten sind mir jetzt schon durch ihre gut ausgearbeiteten Eigenheiten im Gedächtnis geblieben. Richard Armitage als Thorin ist wie erwartet herausragend, auch wenn er zum Schluß des Films die etwas kitschige Versöhnung mit Bilbo nicht retten kann. Gewichtig im ersten Film auch Ken Stott als Balin, der älteste der Truppe, damit Akteur auch in den Rückblenden.
Von Vorteil sind auch die diesmal nicht gesichtslosen Antagonisten, sicherlich umstritten in der Ausführung Azog, der Albino-Goblin, rundum gelungen der massige Goblin-König, jedenfalls meiner bescheidenen Meinung nach.

Ein Glücksfall mit Sicherheit, daß sich Peter Jackson rechtzeitig mit Howard Shore versöhnt hat, nach dem Debakel um die Filmmusik von "King Kong" (Howard Shore hat einen fertigen Score abgeliefert, den Peter Jackson dann aber komplett durch James Newton Howard ersetzen ließ). So erklingen Variationen der bekannten Figuren- und Lokalitätenmotive genauso wie wundervolle neue Melodien. Immer noch im Ohr ist mir das "Lied der Zwerge" (Song of the Lonely Mountain), allerdings eher in der tief melancholischen, einfachen Variante der Zwerge als im  ausgearbeiteten Song aus dem Nachspann, gesungen von Neil Finn.