Der Begriff "Redshirts" stammt aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise aus den 60ern. Dort nahmen an Landeunternehmen neben den Hauptdarstellern oft auch ein oder zwei Komparsen teil, oft Sicherheitsoffiziere, die rote Uniformen trugen und eine hohe Sterblichkeitswahrscheinlichkeit hatten. In der herrlichen Genre-Parodie Galaxy Quest, in der Seriendarsteller sich nach einer Zeitreise tatsächlich als Besatzung eines Raumschiffs wiederfinden, macht sich das einzige mitgereiste Rothemd entsprechende Sorgen um seine Sicherheit. Der Roman "Redshirts" stellt diese Geschichte nun praktisch auf den Kopf.
Fähnrich Andrew Dahl und vier weitere Offiziersanwärter werden auf die UUCS Intrepid versetzt, das Flaggschiff der Universal-Union im 25. Jahrhundert. Und schon bald finden sie heraus, daß die Teilnahme an Landemissionen nicht unbedingt erstrebenswert ist. Tatsächlich meiden erfahrenere Besatzungsmitglieder die Brückenoffiziere, um nicht für gefährliche Missionen rekrutiert zu werden, und ein schon fast legendärer Kollege fehlt völlig auf der offiziellen Mannschaftsliste. Dahl und seine Freunde müssen in einem Wettlauf mit der Zeit herausfinden, wie sich die absurden Todesfälle bei den Landemissionen erklären und zukünftig vielleicht sogar verhindern lassen...
Es ist nicht leicht, eine Handlungszusammenfassung zu liefern, ohne das Lesevergnügen zu gefährden. Und das ist zumindest in der ersten Hälfte durchaus garantiert. Allerdings sollte man wirklich ein paar Enterprise-Folgen gesehen haben, sonst läßt sich die Komik der Situation kaum erschließen. Eine Geschichte aus der Perspektive der Rothemden zu erzählen ist wirklich eine gute Idee. Viele Details laden zum Schmunzeln ein, und über die "Schwarze Box" mußte ich tatsächlich laut lachen. Allerdings finde ich, daß die Figuren selbst nicht besonders gut ausgeführt sind. Am Ende hätte ich immer noch nicht alle fünf Freunde mit Namen aufzählen können. Das liegt zwar auch an der durchaus cleveren Konstruktion der Geschichte, in der alle eine bestimmte Rolle zu spielen haben, was wenig Raum für genaue Charakterisierungen bietet. Erst gegen Ende, und paradoxerweise in den Codas, fühlte ich mich auch emotional ein wenig beteiligt. Ansonsten betrachte ich die Codas eher als Gimmick: Epiloge in der ersten, zweiten und dritten Person erzählt. Die erste Coda in Blog-Form fand ich sehr langweilig, die dritte schließlich doch bewegend.
"Redshirts" ist in diesem Jahr für den Hugo als bester Roman nominiert. Es ist bereits die vierte Nominierung des Autors in dieser Kategorie (er hat bereits einen Hugo gewonnen für ein SF-bezogenes Sachbuch). Die erste Nominierung galt 2005 seinem Debut Old Man's War. Das war ein spannender, mit orginellen Ideen versetzter militärischer SF-Roman, den ich wie auch seine Fortsetzungen durchaus mochte, auch wenn das Untergenre nicht unbedingt mein Fall ist. Ideologisch ist John Scalzi wohl irgendwo zwischen Heinlein und Haldeman anzusiedeln, dessen Hugo-Gewinner Der ewige Krieg natürlich DER Klassiker in diesem Bereich ist. Scalzi wirkte übrigens als Berater beim kurzlebigen Stargate-Ableger Stargate Universe mit, welcher im ansonsten recht action-orientierten Franchise immerhin die am wenigsten militärisch ausgerichtete Serie war und wenigstens versucht hat, Charaktere und Forschung in den Mittelpunkt zu stellen.
Redshirts ist ein eher mittelmäßiger Roman, eine nette Lektüre für einen Sonntagvormittag, kurz und widerstandslos. Es wäre schade, wenn das für den Hugo reichen sollte, nur weil der Autor vielleicht an der Reihe wäre. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr allerdings nicht besonders stark, mit Lois McMaster Bujolds solidem jüngsten Barrayar-Roman, Mira Grants Abschluß ihrer Zombie-Blogger-Trilogie und Saladin Ahmeds ordentlichem Fantasy-Erstling "Throne of the Crescent Moon", der vor allem durch seine orientalisch anmutende Kulisse punkten kann. Als Favorit muß wohl Kim Stanley Robinsons "2312" gelten, vor dem ich noch zurückschrecke, weil ich seine preisgekrönte Mars-Trilogie recht langatmig fand.
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Montag, 20. Mai 2013
Skyfall im Weltall: Star Trek Into Darkness (5/10)
Da sich Regie-Wunderkind J.J. Abrams demnächst in beiden Franchises bewegen wird, möchte ich versuchen klarzustellen, was eigentlich der Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek ist. Mit seinem anbiedernden Lapsus des "Jedi Mind Meld" hat selbst Präsident Obama bewiesen, daß die beiden Pop-Phänomene in der breiten Öffentlichkeit nicht sauber voneinander abgegrenzt sind.
Im Krieg der Sterne kämpft ein junger Held um das Leben der Prinzessin und die Befreiung des Reichs vom bösen Imperator. Unterstützt wird er dabei von einem weisen Ratgeber, zwei magisch anmutenden Automaten und einem zwielichtigen Schmuggler. Gute wie Böse zapfen eine mythische Macht an und erlangen dadurch übermenschliche Fähigkeiten. Obwohl das Abenteuer in einer fernen Zukunft angesiedelt ist und die Schlachten mit Raumschiffen und Lasterpistolen geschlagen werden, spielt Wissenschaft keine Rolle, im Gegenteil sind die wenigen technischen Details auch mit geringen Physikkenntnissen schnell als Humbug entlarvt (anderthalbfache Lichtgeschwindigkeit? Ein Wettrennen in weniger als 12 Parsecs?) . Star Wars ist eine Flucht in eine romantisch verbrämte Phantasiewelt, ein Weltraummärchen, das allerdings ungeheuer viel Spaß macht. Tatsächlich gehört Das Imperium schlägt zurück zu meinen Lieblingsfilmen.
In Raumschiff Enterprise geht es um philosophische, soziale, technische Ideen, Minidramen, die in einer idealisierten nahen Zukunft angesiedelt sind. Technik ist großenteils genauso Humbug, aber immerhin in sich einigermaßen konsistent, und dient nur als Mittel zum Zweck. Im Vordergrund stehen die Konflikte der Charaktere, die oft genug Politik und Gesellschaft der Gegenwart widerspiegeln. In vielen der besten Episoden fällt kein einziger Schuß (The City on the Edge of Forever, The Trouble With Tribbles). Und wenn Captain Kirk die Waffen sprechen läßt, bekommt er oft genug eins auf die Nase und wird als ewiger kalter Krieger entlarvt. Star Trek ist Science Fiction im besten Sinne, deren stärkste Utopie in der Idee besteht, daß die Menschheit binnen weniger Jahrhunderte emotional reifen und Gewalt und Armut weitgehend hinter sich lassen kann.
Mit Star Trek Into Darkness hat nun J.J. Abrams ein neues Untergenre etabliert, das ich mal als FAD bezeichnen möchte - "Future Action Drama". Sein Reboot von 2009 war in sich spannend und interessant konstruiert, und die Einführung jüngerer Versionen der sieben durch die Filme 1-6 kanonisierten Hauptfiguren bot zumindest eine Menge Potential. Leider gelingt es ihm nicht, dieses in der Fortsetzung zu verwirklichen. Wiederum wird die Freundschaft zwischen Kirk und Spock in den Mittelpunkt gestellt (und verrät damit übrigens das durch McCoy zu vervollständigende ursprüngliche Triumvirat). Als Gimmick hat man offenbar ihre Persönlichkeiten vertauscht, so daß Spock den Faustkampf austrägt und Kirk die rationale Entscheidung fällt. Alle übrigen Figuren sind nur Stichwortgeber. Die Kinofilme der "alten" Generation hatten in dieser Hinsicht ja einen großen Vorteil: Alle Charaktere besaßen eine reiche Hintergrundgeschichte, ihre Beziehungen waren etabliert und ihre Schwächen und Stärken bekannt. Eine Szene wie die Selbstopferung Spocks in "Der Zorn des Khan" erhält so eine ungeheure emotionale Durchschlagkraft. In einer wohl als clever gedachten, fast spiegelgleichen Szene im neuen Film zeigt sich der größte Fehler im neuen Konzept. Die Beziehungen und Freundschaften werden lediglich behauptet, gehen tatsächlich aber im Action-Feuerwerk unter. Als Zuschauer war ich emotional sehr unbeteiligt.
Die Handlung an sich ist durchaus spannend und für einen Action-Film kompetent umgesetzt. Leider liegt dem ganzen keine einzige Idee tiefergehende Idee zugrunde, und das ist der eigentliche Verrat am Franchise. Wir haben hier lediglich eine Rachegeschichte mit einem gewissen Twist, und das hat für mich schon im jüngsten James-Bond-Abenteuer nicht gut funktioniert. Und übrigens: Wenn schon eine große Enthüllung geplant ist, sollte man den Dialog der entsprechende Szene vielleicht besonders gut durchdenken? Um ja keinen Spaßverderb zu riskieren, ersetze ich im Zitat die Namen durch harmlose:
Das hätte Ricardo Montalban besser hinbekommen. Oops, doch ein Spoiler für Fans...
Bis auf diese Enttäuschung macht sich Benedict Cumberbatch eigentlich gut als Bösewicht. Sein Charisma stellt er als Sherlock ja regelmäßig unter Beweis, und seine eindrucksvolle Stimme wird er demnächst dem Drachen Smaug im Hobbit leihen. Wenn man ihm doch eine eigenständige Figur auf den Leib geschrieben hätte! Alice Eve als Carol Marcus kann leider das (alte) Problem nicht beheben, daß Frauen (bis auf Uhura) nur als "Hot Space Babe of the Week" auftreten. Um uns alte Fans noch so richtig darauf aufmerksam zu machen, wird auch noch Nurse Chapel erwähnt, eine weitere schwache Frauenfigur aus der Originalserie. Und gegen Paul Weller als Admiral Marcus wirkte selbst Brock Peters als Admiral Cartwright (Das unentdeckte Land) dreidimensional. Das alles scheint junge Leute aber nicht zu stören, denn die strömen wie die Lemminge in solche "SF-Actioner".
Apropos dreidimensional: Dieser 12. Kinofilm im Star-Trek-Universum bietet weitere Argumente gegen 3D-Konvertierung. Vielleicht liegt es daran, daß ursprünglich mit IMAX-Kameras gefilmt wurde, aber die Bildkomposition wirkt oft sehr unnatürlich, mit Schattengestalten im Vordergrund und verzerrten Figuren in den Außenbereichen. Immerhin gibt die Dolby-Atmos-Installation im CineStar Berlin die zahlreichen Explosionen eindrucksvoll räumlich wieder.
Gesamturteil: Ordentlicher Actionfilm, als Star-Trek-Film durchgefallen. Annehmbar (5/10).
Im Krieg der Sterne kämpft ein junger Held um das Leben der Prinzessin und die Befreiung des Reichs vom bösen Imperator. Unterstützt wird er dabei von einem weisen Ratgeber, zwei magisch anmutenden Automaten und einem zwielichtigen Schmuggler. Gute wie Böse zapfen eine mythische Macht an und erlangen dadurch übermenschliche Fähigkeiten. Obwohl das Abenteuer in einer fernen Zukunft angesiedelt ist und die Schlachten mit Raumschiffen und Lasterpistolen geschlagen werden, spielt Wissenschaft keine Rolle, im Gegenteil sind die wenigen technischen Details auch mit geringen Physikkenntnissen schnell als Humbug entlarvt (anderthalbfache Lichtgeschwindigkeit? Ein Wettrennen in weniger als 12 Parsecs?) . Star Wars ist eine Flucht in eine romantisch verbrämte Phantasiewelt, ein Weltraummärchen, das allerdings ungeheuer viel Spaß macht. Tatsächlich gehört Das Imperium schlägt zurück zu meinen Lieblingsfilmen.
In Raumschiff Enterprise geht es um philosophische, soziale, technische Ideen, Minidramen, die in einer idealisierten nahen Zukunft angesiedelt sind. Technik ist großenteils genauso Humbug, aber immerhin in sich einigermaßen konsistent, und dient nur als Mittel zum Zweck. Im Vordergrund stehen die Konflikte der Charaktere, die oft genug Politik und Gesellschaft der Gegenwart widerspiegeln. In vielen der besten Episoden fällt kein einziger Schuß (The City on the Edge of Forever, The Trouble With Tribbles). Und wenn Captain Kirk die Waffen sprechen läßt, bekommt er oft genug eins auf die Nase und wird als ewiger kalter Krieger entlarvt. Star Trek ist Science Fiction im besten Sinne, deren stärkste Utopie in der Idee besteht, daß die Menschheit binnen weniger Jahrhunderte emotional reifen und Gewalt und Armut weitgehend hinter sich lassen kann.
Mit Star Trek Into Darkness hat nun J.J. Abrams ein neues Untergenre etabliert, das ich mal als FAD bezeichnen möchte - "Future Action Drama". Sein Reboot von 2009 war in sich spannend und interessant konstruiert, und die Einführung jüngerer Versionen der sieben durch die Filme 1-6 kanonisierten Hauptfiguren bot zumindest eine Menge Potential. Leider gelingt es ihm nicht, dieses in der Fortsetzung zu verwirklichen. Wiederum wird die Freundschaft zwischen Kirk und Spock in den Mittelpunkt gestellt (und verrät damit übrigens das durch McCoy zu vervollständigende ursprüngliche Triumvirat). Als Gimmick hat man offenbar ihre Persönlichkeiten vertauscht, so daß Spock den Faustkampf austrägt und Kirk die rationale Entscheidung fällt. Alle übrigen Figuren sind nur Stichwortgeber. Die Kinofilme der "alten" Generation hatten in dieser Hinsicht ja einen großen Vorteil: Alle Charaktere besaßen eine reiche Hintergrundgeschichte, ihre Beziehungen waren etabliert und ihre Schwächen und Stärken bekannt. Eine Szene wie die Selbstopferung Spocks in "Der Zorn des Khan" erhält so eine ungeheure emotionale Durchschlagkraft. In einer wohl als clever gedachten, fast spiegelgleichen Szene im neuen Film zeigt sich der größte Fehler im neuen Konzept. Die Beziehungen und Freundschaften werden lediglich behauptet, gehen tatsächlich aber im Action-Feuerwerk unter. Als Zuschauer war ich emotional sehr unbeteiligt.
Die Handlung an sich ist durchaus spannend und für einen Action-Film kompetent umgesetzt. Leider liegt dem ganzen keine einzige Idee tiefergehende Idee zugrunde, und das ist der eigentliche Verrat am Franchise. Wir haben hier lediglich eine Rachegeschichte mit einem gewissen Twist, und das hat für mich schon im jüngsten James-Bond-Abenteuer nicht gut funktioniert. Und übrigens: Wenn schon eine große Enthüllung geplant ist, sollte man den Dialog der entsprechende Szene vielleicht besonders gut durchdenken? Um ja keinen Spaßverderb zu riskieren, ersetze ich im Zitat die Namen durch harmlose:
Mein Name ist nicht Max Mustermann! Mein Name ist Peter!
Das hätte Ricardo Montalban besser hinbekommen. Oops, doch ein Spoiler für Fans...
Bis auf diese Enttäuschung macht sich Benedict Cumberbatch eigentlich gut als Bösewicht. Sein Charisma stellt er als Sherlock ja regelmäßig unter Beweis, und seine eindrucksvolle Stimme wird er demnächst dem Drachen Smaug im Hobbit leihen. Wenn man ihm doch eine eigenständige Figur auf den Leib geschrieben hätte! Alice Eve als Carol Marcus kann leider das (alte) Problem nicht beheben, daß Frauen (bis auf Uhura) nur als "Hot Space Babe of the Week" auftreten. Um uns alte Fans noch so richtig darauf aufmerksam zu machen, wird auch noch Nurse Chapel erwähnt, eine weitere schwache Frauenfigur aus der Originalserie. Und gegen Paul Weller als Admiral Marcus wirkte selbst Brock Peters als Admiral Cartwright (Das unentdeckte Land) dreidimensional. Das alles scheint junge Leute aber nicht zu stören, denn die strömen wie die Lemminge in solche "SF-Actioner".
Apropos dreidimensional: Dieser 12. Kinofilm im Star-Trek-Universum bietet weitere Argumente gegen 3D-Konvertierung. Vielleicht liegt es daran, daß ursprünglich mit IMAX-Kameras gefilmt wurde, aber die Bildkomposition wirkt oft sehr unnatürlich, mit Schattengestalten im Vordergrund und verzerrten Figuren in den Außenbereichen. Immerhin gibt die Dolby-Atmos-Installation im CineStar Berlin die zahlreichen Explosionen eindrucksvoll räumlich wieder.
Gesamturteil: Ordentlicher Actionfilm, als Star-Trek-Film durchgefallen. Annehmbar (5/10).
Samstag, 11. Mai 2013
Kinskis Stern: Die Kraft und die Herrlichkeit
| Ergänzung nötig. Der Stern für Klaus Kinski am Potsdamer Platz. - Foto: Kai-Uwe Heinrich |
Laut einem Tagesspiegel-Bericht vom 10. 5. 2013 ist für Klaus Kinskis Stern am Potsdamer Platz "ein Hinweis auf die Missbrauchsvorwürfe" gegen ihn geplant.
Daß Künstler privat keine Vorbilder sind, ist ja nichts Neues. Doch Picassos schmählicher Umgang mit seinen Frauen schmälert nicht den Wert seines Werkes, und Wagners Musik verliert nicht an Größe, wenn man von seinem Antisemitismus weiß. Natürlich verstehe ich, daß manche Wagners Musik nicht gern hören, weil sie den Zuhörer an Wagners Judenhaß ERINNERT. Das muß man akzeptieren, ohne daß es ein künstlerisches Werturteil ist. Nachgerade lächerlich wird diese vermeintliche politische Korrektheit, wenn man jetzt keinen Derrick mehr schauen darf, weil Horst Tappert als 20jähriger Mitglied der SS (und damit wie wahrscheinlich 95% damaliger deutscher Jugendliche in den Nazi-Apparat integriert) war.
Anders gelagert ist der Fall, wenn ein künstlerisches Werk durchdrungen ist von fragwürdigen Ansichten. Am häufigsten passiert das naturgemäß bei Autoren. In letzter Zeit wird zum Beispiel dem zweifachen Hugo-Gewinner Orson Scott Card (Enders Spiel, Sprecher für die Toten) seine Verurteilung von Homosexualität vorgeworfen. Tatsächlich hat er als bekennender, orthodoxer Mormone eine fast hinterwälderische, simplizistische Weltanschauung. Trotzdem zeigen gerade seine frühen Romane eine tiefschürfende, faszinierende Auseinandersetzung mit grundlegenden humanistischen und gesellschaftlichen Fragen. Erst später setzen sich in seinem Werk mehr und mehr Vorurteile und unglaubwürdige Vereinfachungen der menschlichen Natur durch. (Vielleicht ursächlich damit verknüpft scheint er sich mit dem kommerziellen Erfolg künstlerisch festgefahren zu haben und produziert meist nur noch langweilige Ableger aus Enders Universum.) Deutlich extremer sehe ich das in der Beurteilung des vielbewunderten Altmeisters Robert Heinlein (ich könnte auch Scientology-Gründer Hubbard nennen, aber der wird ja nur im kleinen Kreis gelesen). Seinen demagogischen militaristischen Jugendroman Starship Troopers halte ich regelrecht für gefährlich (während Paul Verhoevens gelungen Verfilmung einen die Aussage des Buchs negierenden satirischen Unterton hat), und seine restlichen (zahlreichen) Bücher sind zwar meist gut geschrieben und unterhaltsam, aber derart von Bigotterie und Chauvinismus durchsetzt, daß ich mich bereits vor vielen Jahren von ihm verabschiedet habe.
Um zum Film zurückzukommen: Betrachten wir Roman Polanski. Die Vergewaltigung einer 14jährigen, die seine Flucht aus den USA bedingte, war eine abscheuliche Tat, die er offenbar bis heute nicht wirklich bereut, auch wenn er sich mit dem Opfer "versöhnt" hat. Polanski ist kein Mensch, mit dem ich gern einen Kaffee trinken würde. Aber er ist ein großer Regisseur, der mit Chinatown und Der Pianist bleibende Meisterwerke geschaffen hat und immer wieder mit kleineren Filmen unterhält (von Tanz der Vampire bis Der Gott des Gemetzels). Oder schauen wir uns John Ford an, Regielegende mit vier Oscar-Gewinnen (Die Früchte des Zorns, So grün war mein Tal, Der Sieger). Seine Western waren durchdrungen von einer üblen Geringschätzung der amerikanischen Ureinwohner. Das schmälert weder seine Verdienste noch sein Gesamtwerk, aber es gibt halt Ford-Filme, die man heute differenzierter betrachten muß als in den Entstehungszeit. Ich persönlich schätze z.B. seinen berühmtesten Western, Der Schwarze Falke, nicht besonders, da seine rassistischen Untertöne sich nicht auf die von John Wayne gespielte Hauptfigur beschränken, sondern allgegenwärtig sind und mir trotz der fabelhaften Bilder das Zuschauen verderben. Wenden wir uns zuletzt dem ebenfalls preisgekrönten Regisseur Elia Kazan zu (Tabu der Gerechten, Die Faust im Nacken). Er hat in den 50ern vor den McCarthy-Ausschüssen Namen genannt, um seine eigene Karriere zu retten, und damit das Leben von Kollegen ruiniert. Pardoxerweise sind viele seiner Filme geprägt von Toleranz und Zivilcourage. Trotzdem mußte er noch Jahrzehnte später bei der Annahme seines Ehrenoscars Buhrufe ertragen. Klar, er wäre nie ein Kandidat für den Jean Hersholt Humanitarian Award gewesen. Aber genauso absurd wäre es, die Gravur seines Oscars zu ändern in "Regisseur, Autor, Denunziant".
Niemand würde nach heutigem Kenntnisstand eine Straße oder gar eine Schule nach Klaus Kinski benennen. Dies soll menschlichen wie künstlerischen Vorbildern wie etwa Marlene Dietrich vorbehalten bleiben. Aber man muß den Menschen vom Künstler trennen. Der Stern für Klaus Kinski würdigt den Schauspieler, und für mich gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern.
Dienstag, 7. Mai 2013
Superheld in Therapie: Iron Man 3 (8/10)
Shane Black ist einer der wenigen Drehbuchautoren, die Dialoge auf dem Niveau von Avengers-Guru Joss Whedon schreiben können. Nach seinem Durchbruch mit den herausragenden ersten beiden Lethal-Weapon-Filmen verkrachte er sich jedoch schnell mit den Hollywood-Mächtigen, und erst 2005 hatte er sein Comeback, diesmal auch als Regisseur der tollen Krimikomödie Kiss Kiss Bang Bang. In der Hauptrolle brillierte Robert Downey Jr., ebenfalls zurückgekehrt nach gravierenden Drogenproblemen. Sieben Jahre später ist dieser, einst als junges Genie gefeiert und für die Titelrolle in Richard Attenboroughs leider recht schematischen Chaplin-Biographie bereits 1992 für den Oscar nominiert, der bestbezahlte Schauspieler des Planeten (gemunkelt wird inklusive Gewinnbeteiligung von 50 Mio Dollar für The Avengers). Klar, daß er nach dem Rücktritt Jon Favreaus als Regisseur (er ist in einer Nebenrolle als Starks Freund Happy zu sehen) seinen Einfluß geltend machte, um seinem Freund Shane Black den Job zu verschaffen.
Der Akzent und die Stärke von Iron Man 3 liegen denn auch eher bei den intimen als bei den Actionszenen. Nach den Mafiosi Robert de Niro als Paul Vitti in Reine Nervensache und James Gandolfini in den Sopranos erleben wir nun einen Superhelden mit Therapiebedarf; die nur knapp verhinderte Selbstaufopferung im Finale der Avengers hat Spuren hinterlassen. Das gibt viel Raum für Selbstironie des ohnehin gebrochenen Helden, und selbst die notwendige Zusammenarbeit mit einem forschen Zwölfjährigen meistert er weitgehend kitschfrei. Gwyneth Paltrow als seine Freundin Pepper und Don Cheadle als Colonel Rhodes allerdings bleiben weiter blaß, genauso wie Neuzugang Rebecca Hall. Dafür haben Guy Pearce (Memento) und Sir Ben Kingsley (Gandhi) sichtlich Spaß an ihren Schurkenrollen.
Im Netz wird die Umdeutung der Comicfigur des Mandarin sehr kontrovers diskutiert. Ohne Kenntnis der Comics kann ich nur sagen, daß der Glaubwürdigkeitslevel des Avengers-Universums durch Aliens und "Götter" bereits arg strapaziert ist, und die zusätzliche Einführung eines Magiers mich nicht unbedingt überzeugt hätte. Black macht aus dem Mandarin einen eher Bin Laden nachempfundener Terrorist. Eine dadurch ermöglichte herrliche Wendung der Geschichte möchte ich hier nicht verraten, denn solche Überraschungen sind arg selten geworden. Was den Spaß mindert, sind einige riesige Logiklöcher, insbesondere die unglaubwürdigen "Feuerkrieger", die angeblich durch Freisetzung ungenutzen Hirnpotentials entstanden sind, und das resultierende abschließende Actionfeuerwerk, das durch das Duell zweier praktisch unzerstörbarer Gegner bis auf einige Schauwerte eher Langeweile erzeugt. Shane Black wollte ja im zweiten Lethal-Weapons-Film Mel Gibsons Figur Martin Riggs am Ende sterben lassen. Hier hat er leider die Gelegenheit verpaßt, wenigstens eine Nebenfigur loszuwerden.
Auch wenn ich wegen des überlangen und vorhersehbaren Actionfinales ein wenig zwiespältig bin, halte ich diesen dritten und wohl kaum abschließenden Teil der Saga um den populärsten Avenger doch für deutlich besser als den Vorgänger und vergebe wie für den ersten Teil ein Sehr Gut (8/10).
Der Akzent und die Stärke von Iron Man 3 liegen denn auch eher bei den intimen als bei den Actionszenen. Nach den Mafiosi Robert de Niro als Paul Vitti in Reine Nervensache und James Gandolfini in den Sopranos erleben wir nun einen Superhelden mit Therapiebedarf; die nur knapp verhinderte Selbstaufopferung im Finale der Avengers hat Spuren hinterlassen. Das gibt viel Raum für Selbstironie des ohnehin gebrochenen Helden, und selbst die notwendige Zusammenarbeit mit einem forschen Zwölfjährigen meistert er weitgehend kitschfrei. Gwyneth Paltrow als seine Freundin Pepper und Don Cheadle als Colonel Rhodes allerdings bleiben weiter blaß, genauso wie Neuzugang Rebecca Hall. Dafür haben Guy Pearce (Memento) und Sir Ben Kingsley (Gandhi) sichtlich Spaß an ihren Schurkenrollen.
Im Netz wird die Umdeutung der Comicfigur des Mandarin sehr kontrovers diskutiert. Ohne Kenntnis der Comics kann ich nur sagen, daß der Glaubwürdigkeitslevel des Avengers-Universums durch Aliens und "Götter" bereits arg strapaziert ist, und die zusätzliche Einführung eines Magiers mich nicht unbedingt überzeugt hätte. Black macht aus dem Mandarin einen eher Bin Laden nachempfundener Terrorist. Eine dadurch ermöglichte herrliche Wendung der Geschichte möchte ich hier nicht verraten, denn solche Überraschungen sind arg selten geworden. Was den Spaß mindert, sind einige riesige Logiklöcher, insbesondere die unglaubwürdigen "Feuerkrieger", die angeblich durch Freisetzung ungenutzen Hirnpotentials entstanden sind, und das resultierende abschließende Actionfeuerwerk, das durch das Duell zweier praktisch unzerstörbarer Gegner bis auf einige Schauwerte eher Langeweile erzeugt. Shane Black wollte ja im zweiten Lethal-Weapons-Film Mel Gibsons Figur Martin Riggs am Ende sterben lassen. Hier hat er leider die Gelegenheit verpaßt, wenigstens eine Nebenfigur loszuwerden.
Auch wenn ich wegen des überlangen und vorhersehbaren Actionfinales ein wenig zwiespältig bin, halte ich diesen dritten und wohl kaum abschließenden Teil der Saga um den populärsten Avenger doch für deutlich besser als den Vorgänger und vergebe wie für den ersten Teil ein Sehr Gut (8/10).
Sonntag, 5. Mai 2013
Jetzt auf Blu-ray: Cloud Atlas (9/10)
Freut Euch auf eine unvergleichliche Bilderflut, bewundert berühmte Schauspieler in ungewöhnlichen Rollen und frech aufspielende Neulinge, laßt das zu Tränen rührende Cloud Atlas Sextett in Euren Ohren klingen! Macht Euch auf zu einer spirituellen Reise durch sechs Jahrhunderte und dutzende verknüpfte Schicksale!
Sorgt Euch um den naiven Adam Ewing und ärgert Euch über den fiesen Doktor Goose; Leidet mit dem sensiblen Nachwuchskomponisten Robert Frobisher, verkannt, verstoßen, in verbotener Liebe gefangen; Fiebert mit der Journalistin Luisa Rey um die Aufklärung einer nuklearen Verschwörung; Lacht und weint mit dem trotteligen Verleger Timothy Cavendish; Staunt mit der Replikantin Sonmi-451 über ein futuristisches Seoul; Kämpft mit Zachry in einer postapokalyptischen Welt gegen seine inneren Dämonen und handfeste Kannibalen.
Entdeckt einen neuen Hugh Grant als misantropischen Pensionär, schmierigen Manager, ekelhaften Restaurantaufseher und tätowierten Kono-Krieger. Ärgert Euch über Hugo Weaving (Agent Smith aus The Matrix, Elrond aus Der Herr der Ringe) als Hitman Bill Smoke, die schrecklichste Krankenschwester seit Nurse Ratchet (Einer flog über das Kuckucksnest) und Zachrys Dämon. Erinnert Euch an Jim Sturgess (Across the Universe) in seinem Porträt des jungen Rechtsanwalts Adam Ewing, verzeiht seine nicht komplett gelungene Wandlung zum asiatischen Widerstandskämpfer Chang. Genießt den Auftritt der alterslosen Susan Sarandon als weiser Mittelpunkt eines postapokalyptischen Dorfs. Bewundert Halle Berry als jüdische Ehefrau des Komponisten Vyvyan Ayrs, tapfere Journalistin Luisa Rey und als Meronym, eine letzte Hoffnung auf Rettung der wenigen überlebenden Menschen in ferner Zukunft. Erkennt Jungtalent Ben Wishaw (Das Parfum, Skyfalls Q) als verstoßenen Adeligen, überseht ihn als Denholme Cavendishs Ehefrau Georgette. Verliert Euch in den großen Augen von Doona Bae als versklavtes Kunstwesen Sonmi, schmunzelt über ihren Auftritt als irischen Rotschopf und mexikanische Furie. Verachtet Jim Broadbent als egoistischen, ausgebrannten Künstler, fühlt mit ihm als überfordertem Verleger. Hofft auf die Läuterung Tom Hanks' als mörderischer Doktor Goose, gieriger Portier, Wissenschaftler zwischen Liebe und Loyalität und als mit seinen Ängsten hadernder Ziegenhirte.
Liebe Leute, hier haben wir einen intelligenten, spannenden, komischen, bewegenden Film mit Stars und tollen Schauwerten, und was passiert? Kaum eine Million deutscher Zuschauer haben sich ins Kino bemüht (zum Vergleich: Ziemlich beste Freunde - 9 Millionen, American Pie Teil 4 - 2,5 Millionen), weltweit wurde nicht mal das (stattliche) Budget eingespielt. Und die Kritiker streiten sich, ob ein mit Weltstars in englischer Sprache gedrehten Film noch als deutsches Werk gezählt werden kann, und ob es politisch korrekt ist, Schauspieler per Maske Geschlechts- und Rassengrenzen überschreiten zu lassen. Jugendliche lassen sich von Tom Hanks und Halle Berry offenbar nicht mehr ins Kino locken, aber was ist mit meiner Generation und damit jener der Regisseure? Das aus meiner Sicht ziemlich dröge Buch wurde noch umjubelt, aber wo dieses harter Arbeit bedarf, spricht der Film direkt alle Sinne an; wo das Buch frustriert, kann der Film faszinieren; wo man sich im Buch kaum an die Charaktere gewöhnen kann, nehmen einen im Film alte Bekannte an die Hand; wo das Buch Emotionen behauptet, durchlebt man sie im Film.
Ich kann nur hoffen, daß Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski sich den kommerziellen Mißerfolg nicht zu Herzen nehmen. Tykwer hat das ganze mit seiner fabelhaften Parfum-Verfilmung ja bereits in ähnlicher Form durchlebt. Die Wachowskis haben seit ihrem sensationellen Meisterwerk The Matrix aus meiner Sicht zwar künstlerisch eher Flops geliefert, bei diesem Projekt aber einen kongenialen Gegenpol zu Tykwers Sensibilität geliefert. Cloud Atlas hat beim Wiedersehen auf Blu-ray erneut ungeheuer Spaß gemacht und reiht sich bei den Filmen ein, die man sich alle paar Jahre gern wieder anschaut. Herausragend (9/10).
Sorgt Euch um den naiven Adam Ewing und ärgert Euch über den fiesen Doktor Goose; Leidet mit dem sensiblen Nachwuchskomponisten Robert Frobisher, verkannt, verstoßen, in verbotener Liebe gefangen; Fiebert mit der Journalistin Luisa Rey um die Aufklärung einer nuklearen Verschwörung; Lacht und weint mit dem trotteligen Verleger Timothy Cavendish; Staunt mit der Replikantin Sonmi-451 über ein futuristisches Seoul; Kämpft mit Zachry in einer postapokalyptischen Welt gegen seine inneren Dämonen und handfeste Kannibalen.
Entdeckt einen neuen Hugh Grant als misantropischen Pensionär, schmierigen Manager, ekelhaften Restaurantaufseher und tätowierten Kono-Krieger. Ärgert Euch über Hugo Weaving (Agent Smith aus The Matrix, Elrond aus Der Herr der Ringe) als Hitman Bill Smoke, die schrecklichste Krankenschwester seit Nurse Ratchet (Einer flog über das Kuckucksnest) und Zachrys Dämon. Erinnert Euch an Jim Sturgess (Across the Universe) in seinem Porträt des jungen Rechtsanwalts Adam Ewing, verzeiht seine nicht komplett gelungene Wandlung zum asiatischen Widerstandskämpfer Chang. Genießt den Auftritt der alterslosen Susan Sarandon als weiser Mittelpunkt eines postapokalyptischen Dorfs. Bewundert Halle Berry als jüdische Ehefrau des Komponisten Vyvyan Ayrs, tapfere Journalistin Luisa Rey und als Meronym, eine letzte Hoffnung auf Rettung der wenigen überlebenden Menschen in ferner Zukunft. Erkennt Jungtalent Ben Wishaw (Das Parfum, Skyfalls Q) als verstoßenen Adeligen, überseht ihn als Denholme Cavendishs Ehefrau Georgette. Verliert Euch in den großen Augen von Doona Bae als versklavtes Kunstwesen Sonmi, schmunzelt über ihren Auftritt als irischen Rotschopf und mexikanische Furie. Verachtet Jim Broadbent als egoistischen, ausgebrannten Künstler, fühlt mit ihm als überfordertem Verleger. Hofft auf die Läuterung Tom Hanks' als mörderischer Doktor Goose, gieriger Portier, Wissenschaftler zwischen Liebe und Loyalität und als mit seinen Ängsten hadernder Ziegenhirte.
Liebe Leute, hier haben wir einen intelligenten, spannenden, komischen, bewegenden Film mit Stars und tollen Schauwerten, und was passiert? Kaum eine Million deutscher Zuschauer haben sich ins Kino bemüht (zum Vergleich: Ziemlich beste Freunde - 9 Millionen, American Pie Teil 4 - 2,5 Millionen), weltweit wurde nicht mal das (stattliche) Budget eingespielt. Und die Kritiker streiten sich, ob ein mit Weltstars in englischer Sprache gedrehten Film noch als deutsches Werk gezählt werden kann, und ob es politisch korrekt ist, Schauspieler per Maske Geschlechts- und Rassengrenzen überschreiten zu lassen. Jugendliche lassen sich von Tom Hanks und Halle Berry offenbar nicht mehr ins Kino locken, aber was ist mit meiner Generation und damit jener der Regisseure? Das aus meiner Sicht ziemlich dröge Buch wurde noch umjubelt, aber wo dieses harter Arbeit bedarf, spricht der Film direkt alle Sinne an; wo das Buch frustriert, kann der Film faszinieren; wo man sich im Buch kaum an die Charaktere gewöhnen kann, nehmen einen im Film alte Bekannte an die Hand; wo das Buch Emotionen behauptet, durchlebt man sie im Film.
Ich kann nur hoffen, daß Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski sich den kommerziellen Mißerfolg nicht zu Herzen nehmen. Tykwer hat das ganze mit seiner fabelhaften Parfum-Verfilmung ja bereits in ähnlicher Form durchlebt. Die Wachowskis haben seit ihrem sensationellen Meisterwerk The Matrix aus meiner Sicht zwar künstlerisch eher Flops geliefert, bei diesem Projekt aber einen kongenialen Gegenpol zu Tykwers Sensibilität geliefert. Cloud Atlas hat beim Wiedersehen auf Blu-ray erneut ungeheuer Spaß gemacht und reiht sich bei den Filmen ein, die man sich alle paar Jahre gern wieder anschaut. Herausragend (9/10).
Samstag, 4. Mai 2013
"Echte Menschen": eine schwedische SF-Serie
Echte Menschen (Äkta människor/Real Humans) ist eine aktuelle schwedische Science-Fiction-Serie, deren erste, 10 einstündige Folgen umfassende Staffel gerade auch im deutschen Fernsehen gelaufen ist. Eine zweite Staffel soll sich in Produktion befinden. Handlungsort ist eine parallele schwedische Gegenwart, in der menschenähnliche Kunstwesen, sogenannte Hubots ("Human Robots"), ein selbstverständlicher, wenn auch umstrittener Teil der Gesellschaft sind. Hubots könnte man natürlich auch Androiden oder Replikanten nennen. Sie haben eine USB-Schnittstelle im Nacken und ein einziehbares Stromkabel in der Achsel, mit dem sie sich täglich an einer Steckdose aufladen müssen. Ansonsten kann man sie kaum von echten Menschen unterscheiden. Das hängt allerdings vom Modell ab - ältere Ausführungen wirken in Bewegungen und sprachlich noch recht roboterhaft, neuere Varianten sind möglicherweise physisch und kognitiv den meisten Menschen überlegen. Sie unterliegen in der Basisprogrammierung zwar den asimovschen Gesetzen (*1), aber natürlich gibt es findige Hacker, die diese zu umgehen suchen. Eingesetzt werden sie sowohl für manuelle Arbeiten, bei der Müllabfuhr oder in Fabriken (und schlüpfen so in die Rolle von "Gastarbeitern") als auch für die Hausarbeit und im "Unterhaltungsbereich" (bis hin zu sexuellen Dienstleistungen).
Die Grundsituation wirft eine Reihe interessanter Fragen auf, von denen viele auch mehr oder weniger erfolgreich thematisiert werden. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Gruppe von acht Hubots, die durch zunächst rätselhafte Umstände keine Besitzer haben, sondern offenbar Bewußtsein und freien Willen gewonnen haben. Die Geschichte ihrer Flucht vor den Behörden wird verschränkt mit der Situation zweier benachbarter Familien. Da sind Anwältin Inger und Hans Engmann mit Sohn Tobbe und Tochter Matilda. Ingers Vater Lennart besitzt zunächst den einfachen Hubot Odin, der für ihn aber mehr Gefährte als Chauffeur und Haushaltshilfe ist und mit dem er herrliche, wenngleich dem schrillen Farbempfinden Odins geschuldet postmoderne Schiffsmodelle bastelt. Nachdem Odi mit einem Defekt ausrangiert werden muß und Lennart gesundheitliche Probleme bekommt, wird ihm die seniorengerechte Haushaltshilfe Vera aufgedrängt. die eher als strenge Zuchtmeisterin denn als Gefährtin konzipiert zu sein scheint. Nun muß er selbst um seine geliebte wöchentliche Lasagne kämpfen.
Gratis zu diesem Modell bekommt die Familie Engmann die Haushaltshilfe Anita. Sie wird von der aparten koreastämmigen Lisette Pagler gespielt, und ihre Attraktivität bereitet denn sowohl Hans als auch seinem Teenager-Sohn schlaflose Nächte. Inger war zu Beginn gegen Hubots, freundet sich aber immer mehr mit Anita an. Dann findet Matilda heraus, daß Anita ein Geheimnis in ihrer Programmierung birgt...
In der zweiten Familie verläßt gerade Therese mit Sohn Kevin ihren Mann Roger, um eine Beziehung mit ihrem Hubot-Fitnesstrainer Rick einzugehen. Dies treibt Roger in die Arme einer terroristischen Untergruppe der Anti-Hubots-Partei ("Echte Menschen"). Teil dieser Gruppe ist auch die hübsche Polizistin Bea, die aber ebenfalls ein Geheimnis verbirgt. Therese läßt währenddessen ihrem Gespielen einen illegalen Sexchip einbauen, handelt sich womöglich aber nur neue Beziehungsprobleme ein. Als das Paar nicht gemeinsam in einen Club eingelassen wird, bittet Bea Inger um Hilfe, um ihr Recht einklagen zu lassen. Kurz darauf wird Inger auch noch mit der Verteidigung eines Mannes beauftragt, der teils Mensch, teils Hubot zu sein scheint...
Schweden und SF, das scheint ja von vornherein ein Widerspruch zu sein. "Echte Menschen" ist aber eine schöne Überraschung. Das Konzept ist intelligent und gemessen an europäischen TV-Budgets fantasievoll umgesetzt. Es gibt auch willkommene Einblicke in die schwedische Alltagswelt, zumindest für mich, der ich kaum Krimis oder europäisches Fernsehen konsumiere. Weitgehend gelungen ist die Darstellung der verschiedenen Hubot-Typen, von den einfach gestrickten Modellen über die gut gebauten Animateure hin zu den komplexen, fast emotionalen Variationen. Das Streben nach Menschlichkeit erinnert natürlich an Star Treks Data, wenngleich in teilweise zum Schmunzeln anregenden Abwandlungen. Während ein Hubot sein Heil in der Bibel sucht, hadert eine andere mit der Entdeckung eines "unnatürlichen" lesbischen Ehepaars und strebt selbst eine möglichst konventionelle Ehe an. Eine dritte entwickelt soziopathe Tendenzen und wird zur Gefahr für Hubots und Menschen zugleich. Nicht alle Schauspieler wissen zu überzeugen, aber das kann man von den in USA inzwischen massenhaft produzierten SF-Serien auch nicht behaupten. Was ich weniger verzeihen kann, sind die Ausrutscher in Seifenoper-Klischees und einige verunglückte Handlungsstränge. Peinlich zum Beispiel die Diagnose Tobbes als "THS" (TransHuman-Sexualität), hier wirkt die Parallele zur Homosexualität platt und überstrapaziert.
"Echte Menschen" lief deutsch synchronisiert bei Arte, offenbar fast zeitgleich mit der Ausstrahlung in Schweden. Schön bei Arte ist, daß man verpaßte Folgen innerhalb von fünf Tagen nach der Ausstrahlung in der Internet-Mediathek anschauen kann. Das funktioniert auch tadellos über iPad und AppleTV.
*1: Für Laien: die asimovschen Robotergesetze
1. Du sollst keinen Menschen verletzen oder durch deine Handlungen zu Schaden kommen lassen.
2. Du sollst Menschen gehorchen, außer dies verstößt gegen Regel 1.
3. Du sollst deine Unversehrtheit schützen, außer dies verstößt gegen Regel 1 oder 2.
Die Grundsituation wirft eine Reihe interessanter Fragen auf, von denen viele auch mehr oder weniger erfolgreich thematisiert werden. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Gruppe von acht Hubots, die durch zunächst rätselhafte Umstände keine Besitzer haben, sondern offenbar Bewußtsein und freien Willen gewonnen haben. Die Geschichte ihrer Flucht vor den Behörden wird verschränkt mit der Situation zweier benachbarter Familien. Da sind Anwältin Inger und Hans Engmann mit Sohn Tobbe und Tochter Matilda. Ingers Vater Lennart besitzt zunächst den einfachen Hubot Odin, der für ihn aber mehr Gefährte als Chauffeur und Haushaltshilfe ist und mit dem er herrliche, wenngleich dem schrillen Farbempfinden Odins geschuldet postmoderne Schiffsmodelle bastelt. Nachdem Odi mit einem Defekt ausrangiert werden muß und Lennart gesundheitliche Probleme bekommt, wird ihm die seniorengerechte Haushaltshilfe Vera aufgedrängt. die eher als strenge Zuchtmeisterin denn als Gefährtin konzipiert zu sein scheint. Nun muß er selbst um seine geliebte wöchentliche Lasagne kämpfen.
Gratis zu diesem Modell bekommt die Familie Engmann die Haushaltshilfe Anita. Sie wird von der aparten koreastämmigen Lisette Pagler gespielt, und ihre Attraktivität bereitet denn sowohl Hans als auch seinem Teenager-Sohn schlaflose Nächte. Inger war zu Beginn gegen Hubots, freundet sich aber immer mehr mit Anita an. Dann findet Matilda heraus, daß Anita ein Geheimnis in ihrer Programmierung birgt...
In der zweiten Familie verläßt gerade Therese mit Sohn Kevin ihren Mann Roger, um eine Beziehung mit ihrem Hubot-Fitnesstrainer Rick einzugehen. Dies treibt Roger in die Arme einer terroristischen Untergruppe der Anti-Hubots-Partei ("Echte Menschen"). Teil dieser Gruppe ist auch die hübsche Polizistin Bea, die aber ebenfalls ein Geheimnis verbirgt. Therese läßt währenddessen ihrem Gespielen einen illegalen Sexchip einbauen, handelt sich womöglich aber nur neue Beziehungsprobleme ein. Als das Paar nicht gemeinsam in einen Club eingelassen wird, bittet Bea Inger um Hilfe, um ihr Recht einklagen zu lassen. Kurz darauf wird Inger auch noch mit der Verteidigung eines Mannes beauftragt, der teils Mensch, teils Hubot zu sein scheint...
Schweden und SF, das scheint ja von vornherein ein Widerspruch zu sein. "Echte Menschen" ist aber eine schöne Überraschung. Das Konzept ist intelligent und gemessen an europäischen TV-Budgets fantasievoll umgesetzt. Es gibt auch willkommene Einblicke in die schwedische Alltagswelt, zumindest für mich, der ich kaum Krimis oder europäisches Fernsehen konsumiere. Weitgehend gelungen ist die Darstellung der verschiedenen Hubot-Typen, von den einfach gestrickten Modellen über die gut gebauten Animateure hin zu den komplexen, fast emotionalen Variationen. Das Streben nach Menschlichkeit erinnert natürlich an Star Treks Data, wenngleich in teilweise zum Schmunzeln anregenden Abwandlungen. Während ein Hubot sein Heil in der Bibel sucht, hadert eine andere mit der Entdeckung eines "unnatürlichen" lesbischen Ehepaars und strebt selbst eine möglichst konventionelle Ehe an. Eine dritte entwickelt soziopathe Tendenzen und wird zur Gefahr für Hubots und Menschen zugleich. Nicht alle Schauspieler wissen zu überzeugen, aber das kann man von den in USA inzwischen massenhaft produzierten SF-Serien auch nicht behaupten. Was ich weniger verzeihen kann, sind die Ausrutscher in Seifenoper-Klischees und einige verunglückte Handlungsstränge. Peinlich zum Beispiel die Diagnose Tobbes als "THS" (TransHuman-Sexualität), hier wirkt die Parallele zur Homosexualität platt und überstrapaziert.
"Echte Menschen" lief deutsch synchronisiert bei Arte, offenbar fast zeitgleich mit der Ausstrahlung in Schweden. Schön bei Arte ist, daß man verpaßte Folgen innerhalb von fünf Tagen nach der Ausstrahlung in der Internet-Mediathek anschauen kann. Das funktioniert auch tadellos über iPad und AppleTV.
*1: Für Laien: die asimovschen Robotergesetze
1. Du sollst keinen Menschen verletzen oder durch deine Handlungen zu Schaden kommen lassen.
2. Du sollst Menschen gehorchen, außer dies verstößt gegen Regel 1.
3. Du sollst deine Unversehrtheit schützen, außer dies verstößt gegen Regel 1 oder 2.
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