Raymond Chandler trifft auf die X-Men: So könnte man vereinfacht diese erstaunliche Trilogie des in Utah lebenden Mittdreißigers Larry Correia beschreiben, auf die ich erst im Rahmen dieser Hugo-Nominierung gestoßen bin. Sie spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, aber es liegt ihr ein alternativer Geschichtsverlauf zugrunde: Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden immer mehr Menschen mit besonderen Fähigkeiten geboren. Sie können auf natürliche Weise eine geheimnisvolle Kraftquelle anzapfen, die scheinbar magische Eigenschaften hat. Sowohl die Stärke als auch die Ausprägung dieser Fähigkeiten variiert mit den betroffenen Individuen. Da gibt es klassische Mutantenfähigkeiten (Telekinese, Teleportation, Telepathie, Heilkräfte), die Manipulation von physikalischen Gegebenheiten (Feuer, Eis, Masse), aber auch die mit Urängsten verbundenen Fähigkeiten, Tiere fernzusteuern, Dämonen aus
einer anderen Dimension heraufzubeschwören oder gar Tote zum
(Zombie-)Leben zurückzurufen.
Eine besondere Rolle spielen die sogenannten Cogs, meist ohnehin Genies, deren rationale Fähigkeiten unvorstellbar geseteigert werden. Und so hat sich auch die menschliche Technologie in andere Richtungen entwickelt. Die Erfindungen von Einstein, Edison und Tesla (!) prägen eine deutlich abweichende Wissenschaftswelt. Die Luftfahrt wird von zeppelinartigen Luftschiffen dominiert, und die Atombombe ist nicht einmal die schrecklichste bisher erfundene Waffe. Im dritten Band spielt der Cog Buckminster Fuller eine entscheidende Rolle, uns als Architekt, Erbauer geodätischer Kuppeln und Namensgeber für die Fullerene bekannt.
Vor diesem Hintergrund hat der Erste Weltkrieg zwar einen ähnlichen Verlauf wie in unserer Geschichte genommen, seine Schrecken haben aber durch das Aufeinanderprallen der Mutanten eine besondere Dimension gewonnen. So liegt Berlin in Schutt und Asche und dient, von einer hohen Mauer umgeben, nun als Ghetto für die von Kaiser Wilhelms Magiern freigesetzten Zombies. Als Gewinnermächte stehen sich weltpolitisch nun die Amerikaner und ein übermächtiges japanisches Reich gegenüber.
Als Gegengewicht zum zentral von einem scheinbar unbesiegbaren Supermutanten gesteuerten Japan mit seinen Elitetruppen, der mit übermenschlichen Kräften operierenden eisernen Garde und teleportierenden Ninjas, hat sich in den USA und anderen alliierten Ländern die Gesellschaft der "Grimnoir" etabliert, eine Art Freimaurer-Organisation der Mutanten. Sie stemmen sich meist im Verborgenen gegen die japanische Bedrohung und müssen gleichzeitig gegen die Vorurteile und Beschwichtigungspolitik des amerikanischen Establishments ankämpfen, deren Schlüsselfiguren J. Edgar Hoover und Franklin D. Roosevelt die wahre Bedrohung nicht erkennen wollen. Je mehr man jedoch über die Herkunft der geheimnisvollen Kräfte erfährt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Ich beschreibe diesen Hintergrund der Trilogie deswegen so im Detail, weil die fabelhafte Ausarbeitung dieser alternativen Realität die wesentliche Qualität der Romane ausmacht. Daneben sind aber auch einige durchaus überzeugende Charakterzeichnungen zu nennen. Insbesondere die komplexen Hauptfiguren sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Dabei entspricht Gravitationsmanipulator, Weltkriegsveteran und Privatdetektiv Jake Sullivan am ehesten einer Chandler-Figur, während die junge, hochbegabte Teleporterin Faye moderner, fast emanzipatorisch wirkt. Auch einige der Nebenfiguren beruhen übrigens auf historischen Persönlichkeiten, so etwa der (nun telepathische) General Pershing als Anführer der amerikanischen Grimnoir und sein Stellvertreter John Browning, der als Cog noch ausgefuchstere Waffen herstellt als sein ohnehin schon berühmtes Vorbild. Wie oft in mehrteiligen Erzählungen sind gerade die im zweiten Band eingeführten Figuren schwächer. Mit diesen reinen Handlungsträgern hat der Leser eine geringere emotionale Bindung. Mit dem aus der Iron Guard desertierten Toru gibt es dann aber doch noch eine interessante neuere Figur.
Während Correias Helden teilweise aus der Schwarzen Serie stammen könnten, ist die Handlung sehr von (ungemein spannenden) Actionszenen bestimmt. Zu Beginn möchte man die Romane der Urban Fantasy zuordnen, aber mit der Zeit stellt sich heraus, daß es sich tatsächlich um waschechte Science Fiction handelt, und solche gut durchdachten Szenarien findet man nur selten. Besonders bezogen auf seine Vorgängerromane wird Correias Waffenfetischismus kritisiert. In dieser Trilogie fand ich diesen Aspekt nicht störend. Es gibt viele Kampfhandlungen, bei denen (neben den Mutantenkräften) eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen zum Einsatz kommen, und die Detailliertheit der Beschreibungen fand ich durchaus angemessen. Insgesamt betrachte ich die Reihe als intelligente, spannende Unterhaltung auf hohem Niveau. Für die Hugos wäre es vielleicht geschickter gewesen, die komplette Trilogie und nicht nur den Abschlußband zu nominieren. So oder so halte ich diese Überraschung in der Kategorie Roman für einen würdigen Beitrag.
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 29. Juni 2014
Samstag, 21. Juni 2014
Die Hugo-nominierten "Noveletten"
Die Form der "Novelette" ist eine künstlich zwischen Kurzgeschichte und Novelle eingeschobene Kategorie von Erzählungen mit 7.500 bis 17.500 Wörtern. Ich würde sie eher den Kurzgeschichten zuordnen, auch wenn bei dieser Länge mehr Raum für verschiedene Handlungsebenen und die Figurenentwicklung bleibt.
Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:
5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day
Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.
“The Exchange Officers”, Brad Torgersen
Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.
“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard
Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.
“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa
Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).
“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang
Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...
Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:
5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day
Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.
“The Exchange Officers”, Brad Torgersen
Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.
“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard
Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.
“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa
Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).
“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang
Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...
Einzigartiges Erlebnis: Boyhood (8/10)
Dieses einzigartige Projekt haben viele Kritiker bejubelt, aber nur wenige Zuschauer gesehen. Über zwölf Jahre mit den gleichen Hauptdarstellern gedreht, schildert Boyhood die Kindheit und Jugend des zu Beginn etwa 6jährigen Mason (Ellar Coltrane). Es ist zwar eine überdurchschnittlich wechselhafte, aber durchaus vertraute Familiengeschichte.. Die Mutter (Patricia Arquette) fällt reihenweise auf die falschen Männer rein, der Vater (Ethan Hawke) bleibt ein entfernter Wochenendbezug, und man zieht von einer Kleinstadt nach Houston, dann wieder in eine texanische Kleinstadt. Neben Mason sieht man auch seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater, Tochter des Regisseurs) die Pubertät durchlaufen. Die episodische Erzählstruktur bringt Vorteile: Wenn eine Szene peinlich oder banal zu werden droht, wird einfach weitergeblendet. So ergeben viele bekannte Puzzleteile doch ein neues Ganzes. Und nebenbei erkennt man, daß die Makeup- und Computertricks der üblichen Hollywood-Produktionen nicht mithalten können mit den Veränderungen, die zwölf reale Jahre vor allem bei den jungen Darstellern bewirken.
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
Montag, 9. Juni 2014
Die X-Men sind zurück: Zukunft ist Vergangenheit (9/10)
Als 2011 in Erste Entscheidung die jüngeren Ausgaben der X-Men eingeführt wurden, um in den 60ern die Kubakrise aufzumischen, schien mir das Konzept noch recht bemüht, und trotz guter Darsteller wie Michael Fassbender als junger Magneto fand ich das Ergebnis nur mittelmäßig. In Zukunft ist Vergangenheit treffen nun die Generationen aufeinander, und plötzlich klickt die Verbindung. Vielleicht ist das Gelingen auch auf die Rückkehr von Hugh Jackmans Wolverine zurückzuführen, der als nicht alternder "Unsterblicher" in beiden Zeitebenen agieren kann und sich bereits in der Ursprungstrilogie zur Identifikationsfigur des Zuschauers entwickelt hatte.
Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.
Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.
Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.
Herausragend (9/10)!
Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.
Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.
Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.
Herausragend (9/10)!
Gelungener SF-Actioner: Edge of Tomorrow (8/10)
Tom Cruise war mal ein Garant für unterhaltsame Actionfilme, aber zu viele Flops wie Oblivion, Jack Reacher oder gar Knight and Day haben dieses Image in den letzten Jahren doch ziemlich geschwächt. So ist es schade, aber nicht überraschend, daß kaum jemand es merkt, wenn er wieder zu alter Form zurückfindet. Edge of Tomorrow ist spannend, clever und überaus amüsant. Cruise ist überzeugend und findet den richtigen Grad an Selbstironie in der Rolle des ängstlichen PR-Soldaten, der plötzlich selbst an die Front gerät und (natürlich) zuletzt in die Heldenrolle hineinwächst. Der an Computerspiele erinnernde Kniff, nach dem er bei jedem Tod wieder zum selben (gespeicherten) Zeitpunkt zurückkehrt und seine Erfahrung zur Verbesserung des nächsten Durchgangs nutzen kann, ist intelligent in die Handlung integriert und technisch brillant inszeniert. Wichtig für den Sehgenuß: Die innere Logik dieses futuristischen Films über den Kampf gegen eine Alien-Invasion bleibt intakt.
Und dann kann Bourne-Regisseur Doug Liman in dieser Verfilmung eines Graphic Novel noch mit einer besonderen Geheimwaffe aufwarten: Emily Blunt ist jenes seltene Pflänzlein, eine englische Rose, die schauspielern kann, eine Schönheit, die hier als Elitesoldatin eindrucksvolle (hoffentlich nur getrickste) Muskelpakete zur Schau stellt. Seit ihrem Durchbruch als magersüchtige Assistentin von Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada hat die 31jährige eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt, ob sie nun Tom Hanks in Der Krieg des Charlie Wilson mit ihren Kurven verführt oder in Young Victoria die zugeknöpfte junge Königin spielt. In ihrem ersten SF-Spektakel, dem überschätzten Looper mit Bruce Willis, wirkte sie noch unterfordert, aber in Edge of Tomorrow überzeugt sie auf ganzer Linie.
Sehr gut (8/10)!
Und dann kann Bourne-Regisseur Doug Liman in dieser Verfilmung eines Graphic Novel noch mit einer besonderen Geheimwaffe aufwarten: Emily Blunt ist jenes seltene Pflänzlein, eine englische Rose, die schauspielern kann, eine Schönheit, die hier als Elitesoldatin eindrucksvolle (hoffentlich nur getrickste) Muskelpakete zur Schau stellt. Seit ihrem Durchbruch als magersüchtige Assistentin von Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada hat die 31jährige eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt, ob sie nun Tom Hanks in Der Krieg des Charlie Wilson mit ihren Kurven verführt oder in Young Victoria die zugeknöpfte junge Königin spielt. In ihrem ersten SF-Spektakel, dem überschätzten Looper mit Bruce Willis, wirkte sie noch unterfordert, aber in Edge of Tomorrow überzeugt sie auf ganzer Linie.
Sehr gut (8/10)!
Sonntag, 1. Juni 2014
Die Hugo-nominierten Kurzgeschichten
Kurzgeschichten sind nicht so mein Ding. Vielleicht liegt es daran, daß ich mehr an Charakteren als an Ideen interessiert bin, und mich zudem eher klassische als experimentelle Erzählformen ansprechen. Wie auch immer, abgesehen von einigen Meistern (Sturgeon, Dick, Böll, LeGuin) lese ich Kurzgeschichten nur sporadisch und tue mich daher ein wenig schwer, diese Kategorie zu beurteilen.
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
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