Eine der großen Sport-Rivalitäten der Geschichte erreichte ihren Höhepunkt im für mich schönsten Tennis-Match des 20. Jahrhunderts (allerdings habe ich irgendwann in den 90ern aufgehört zuzuschauen). Das Wimbledon-Finale von 1980 zwischen Björn Borg und John McEnroe hätte man als Film nicht besser inszenieren können. Zwei charismatische, gegensätzliche Persönlichkeiten trafen aufeinander und spornten sich zu unglaublichen sportlichen Leistungen an. Die fast unerträgliche Spannung wurde nur kurz durch Komikeinlagen und menschliche Gesten unterbrochen. Und das schönste: Am Ende spielte es praktisch keine Rolle, wer den Pokal mit nach Hause nahm - beide Hauptdarsteller gingen als Sieger vom Platz (und wurden später gute Freunde). Für mich als 15jährigen Tennis-Enthusiasten war dieser Samstagnachmittag vor der Mattscheibe ein unvergessliches Erlebnis - die vielleicht spannendsten und bewegendsten vier Stunden meiner Jugend. Auch im Folgejahr klebte ich wieder am Fernseher, als die ähnlich packende "Revanche" dann auch umgekehrt ausging. Es war eine Wendemarke, nach der Holzschläger durch Kunststoff-Rackets ersetzt wurden, die Werbeeinnahmen die Millionengrenze überschritten und der Kommerz die Centre Courts übernahm.
Der schwedische Regisseur Janus Metz hat nun nach einem Drehbuch seines Landsmanns Ronnie Sandahl dieses denkwürdige Wimbledon-Finale auf die Leinwände und Bildschirme zurückgebracht. In Sverrir Gudnason und, kein Doppelfehler, Skandalnudel Shia LaBeouf fand er Darsteller, die den Kontrahenten nicht nur physisch ähneln, sondern deren Persönlichkeit auch glaubwürdig verkörpern können. Um es vorwegzunehmen: Obwohl die Tennisszenen technisch beeindruckend nachgestellt sind, zündet die sportliche Brillanz nicht so recht. Wer das vermisst, kann sich jederzeit mindestens Auszüge des Originalmatches anschauen. Nützlich ist vielleicht ein wenig Vorwissen. Es war ja nicht das erste Grand-Slam-Match zwischen den beiden Rivalen. Borg hatte bereits verschiedentlich gegen den Amerikaner verloren, allerdings nicht bei seinen Hausturnieren. Als Grundlinienspieler eigentlich Sandplatzspezialist, gewann er bis 1981 standesgemäß sechsmal die French Open. Wimbledon, das angesehenste Grand-Slam-Turnier, wird allerdings auf Gras gespielt, einem schnellen Belag, der seiner Spielart eigentlich nicht entgegenkam. Trotzdem hatte er dort 1980 bereits viermal in Folge triumphiert. Doch dann kam McEnroe, der sich mit starkem Aufschlag, flinken Netzattacken und variablen Grundschlägen in Wimbledon sehr heimisch fühlte.
Diese Vorgeschichte wird vom Film ausgespart. Die Handlung konzentriert sich, durchaus verständlich, auf dieses eine Turnier. Der Film versucht darüber hinaus, vor allem in Rückblenden auf die Anfänger der beiden Karrieren, dem Zuschauer einen Einblick in die Psychologie der jungen Männer zu geben (Borg war gerade 24, McEnroe 21). Und obwohl die sportliche Komponente zu kurz kommt, hat mich diese Herangehensweise überzeugt. Und natürlich gerät das Finale trotzdem sehr spannend, gerade weil man etwas mehr versteht, was in den Köpfen der Spieler vorgeht. Dabei liegt der Fokus naturgemäß auf dem schwedischen Nationaldenkmal Borg, der auf dem Platz wie ein Eisberg, eine "Maschine" erschien, was sein Trainer ihm als 15jährigen allerdings erst einprügeln musste. Dieses Ungleichgewicht ist schade, denn McEnroes Part war mindestens genauso interessant wie Borgs. So muss man seine Motivationen oft zwischen den Zeilen lesen, etwa wenn er vielleicht wegen der Anwesenheit seines strengen Vaters im Finale sein Temperament besser unter Kontrolle bekommt als in den Vorrunden, wo es auch den berühmten "Chalkdust"-Streit mit dem Schiedsrichter gab (herrlich parodiert im Comedy-Song The Brat).
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Shia LaBeouf verübeln viele immer noch den lausigen vierten Indiana-Jones-Teil, die Schuld kann man aber wohl gleichmäßig auf alle Beteiligte verteilen. In den USA läuft Borg McEnroe gerade an. Man kann davon ausgehen, dass er keinen großen Erfolg haben wird. Nicht nur, dass LaBeouf keine große Zugkraft mehr hat, er spielt auch noch einen Amerikaner, der ein Match verliert. Und der zweite Platz gilt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nun mal nichts, eine Einstellung, für die im Film exemplarisch McEnroe Senior steht.
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Der Film wurde in Englisch gedreht, mit kurzen untertitelten Passagen in Schwedisch, so etwa die Gespräche zwischen Borg und seinem Trainer Lennart Bergelin (übrigens gewohnt seelenvoll dargestellt vom schwedischen Hollywood-Star Stellan Skarsgård), und lief in Europa bereits letztes Jahr im Kino. Die Blu-ray bietet als Extra ein Gespräch mit dem Regisseur und dem Hauptdarsteller Sverrir Gudnason, aus dem man erfährt, dass Björn Borg zumindest bei den Recherchen hilfreich war (darüber hinaus spielt sein 14jähriger Sohn Leo Borg, Schwedens neue Tennis-Hoffnung, sein jüngeres Ich). Inklusive Nostalgie-Bonus vergebe ich ein Sehr gut (8/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 18. März 2018
Samstag, 10. März 2018
Erschütternd: die italienische Serie Gomorrha
Wie die Ozonschicht, die unseren Planeten vor den tödlichen UV-Strahlen aus dem Weltall schützt, ist die Zivilisation eine dünne Schutzschicht, die uns gegenüber den niederen menschlichen Instinkten isoliert. Anders als die Ozonschicht ist Zivilisation eine menschliche Errungenschaft, die über Jahrtausende erkämpft wurde. Sie muss von Generation zu Generation mühsam verteidigt und weitergegeben werden. Es wird gern romantisierend gefaselt, wie unschuldig und rein Kinder und Jugendliche sind. Die Wahrheit ist jedoch, dass sie ohne Schranken und Rituale, in denen sie ihre Aggressionen in geregelte Bahnen lenken können, schnell dem Herrn der Fliegen zum Opfer fallen. Dieses Problem hat nun auch die Mafia eingeholt, wie die italienische Fernsehserie Gomorrha eindringlich zeigt.
Die nachfolgenden Ausführungen enthalten Spoiler für die erste Staffel der Serie, die allerdings bereits 2014 im Fernsehen lief.
Don Pietro war bislang der unumstrittene Boss des Untergrunds von Neapel. Doch als Insider-Informationen an die Polizei durchsickern, verfällt er der Paranoia und zweifelt an den erfahrenen Leutnants seiner Generation. Er macht Fehler, die ihn in Untersuchungshaft bringen. Nun ist plötzlich sein Sohn Gennato ("Genny") in Verantwortung. Der allerdings ist ein unbeholfener, übergewichtiger Playboy, der auf Basis des Familienvermögens ein schönes Leben führt und bislang nichts vom Geschäft versteht. Zunächst springt seine Mutter Donna Imma in die Bresche, mit beeindruckenden anfänglichen Erfolgen. Aber auch sie unterschätzt die Spannungen zwischen den Generationen, die Gennys Mentor Ciro, nicht viel älter als dieser, aber bereits ein erfahrener "Soldat", zu seinem eigenen Vorteil zu schüren weiss.
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Natürlich ging es auch beim großen Vorbild aller Mafia-Epen um einen Generationenkonflikt. Im Paten geht Don Vito Corleones Imperium an Sonnys Brutalität und Fredos Inkompetenz zugrunde. Der Kugelhagel gebiert mit Don Michael einen Boss, der sich an keine Regeln gebunden fühlt. Familie zählt nichts mehr, was man spätestens an Fredos Schicksal sieht. Aber auch die Zeiten haben sich geändert. Das Geschäft mit Schutzgeldern und Wettbüros wird bereits in den 70ern überschattet vom Milliardenmarkt der Drogen. Im Neapel des 21. Jahrhunderts stehen selbstverständlich Menschenhandel und Drogen im Mittelpunkt. Und Don Pietro und später Donna Imma imitieren nur die Fassade des Urpaten Don Vito. Er stand für Stabilität, Wohlstand und Gerechtigkeit seiner erweiterten Familie, der italienstämmigen Famiglia, auf Kosten der Außenseiter (alle Nicht-Italiener). In Neapel ist es umgekehrt: Die Immigranten sind die Außenseiter, ob Russen oder Schwarzafrikaner. Aber die Familie der Alteingesessenen ist zu groß, um auf Dauer zusammenhalten zu können, Und Donna Imma tritt gegenüber den Anwohnern an ihrem neuen Drogenumschlagplatz als wohltätige Patin auf, bringt im Endeffekt aber nur Leid und Tod.
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Wie bei Coppola schlagen wir uns als Zuschauer zunächst auf die Seite der Gomorrha. Wir leiden mit Don Pietro, wenn er vom Gefängnisdirektor schikaniert wird, und freuen uns, wenn er einen erfolgreichen Gefangenenaufstand inszeniert. Wie schnell verfallen wir dem Charme solcher Autoritätspersonen! Selbst der Schlächter Ciro hat zunächst unsere Sympathie. Er bekommt die schwierigsten Jobs und die wenigste Anerkennung, er scheint dem Schwächling Genny ein guter Freund und seiner kleinen Tochter ein guter Vater zu sein. Aber irgendwann geht uns auf, dass dies alles nur vorgetäuscht ist und seine Handlungen allein von Hass und Geltungssucht getrieben sind. Er begeht unsägliche Untaten und bricht dabei auch noch mit dem kümmerlichen Rest des mafiösen Ehrenkodex - nicht einmal Frauen und Kinder sind vor ihm sicher. Gleiches gilt für Kronprinz Genny. Er vermasselt gleich seinen ersten Mordauftrag und vermag seine Freundin nur mit hündischer Hartnäckigkeit und teuren Geschenken an sich zu binden. Nach einem traumatischen Erlebnis in Lateinamerika (bei Verhandlungen mit Lieferanten) schüttelt er die Aura des Schwächlings mit willkürlichen, skrupellosen Gewalttaten ab und verliert damit ebenfalls unsere Sympathie
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Am erschütterndesten anzusehen ist aber, wie leicht die Jüngsten, oft sogar Kinder, von den Posen und der Gewalt verführt werden. Da treffen die halbstarken Soldaten von Genny oder Ciro auf eine Gruppe von Kindern mit Wasserpistolen und lassen sie erstmal mit echten Waffen spielen. Da ist die junge Lesbe, die eigentlich von einer Hochzeit in Weiß träumt, aber ihren Geschäftssinn für die Koordination der Drogengeschäfte verschwendet. Und da ist der 16jährige Daniele, ein begnadeter Automechaniker, der von Ciro mal eben das Schießen und das Morden lernt - mit bitteren Konsequenzen für ihn und seine 15jährige Freundin. Das Schicksal Danieles ist besonders tragisch, da es nicht einmal in Armut und Verzweiflung wurzelt - er hat schließlich einen ehrbaren Job, Freunde und Familie - sondern rein in der Faszination am falschen Vorbild Ciro, der auf ihn so cool und erfahren wirkt. Autor Roberto Saviano, auf dessen Tatsachenberichten die Serie basiert, hat gerade ein neues Buch herausgebracht, in dem er offenbar noch mehr auf diese verlorene Generation fokussiert: Der Clan der Kinder. Aber erschütternder als das Schicksal von Daniele und seiner Freundin kann das auch nicht mehr sein.
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Gomorrha besteht aus zwölf einstündigen Episoden pro Staffel. In Deutschland läuft das auf Sky, empfehlenswert ist aber die Blu-ray-Ausgabe, vorzugsweise im neapolitanischen Italienisch mit Untertiteln. Die Veröffentlichung der dritten Staffel ist für April angekündigt. Ich muss gestehen, ich brenne nicht gerade auf die Fortsetzung, denn bereits der Ausgang der ersten Staffel hat mir ziemlich den Magen umgedreht. Aber an Qualität und Unterhaltungswert kann die Serie mit der US-amerikanischen Konkurrenz allemal mithalten. Sie bildet ein Stück Realität ab, welches so oder so nicht leicht zu ertragen ist.
Die nachfolgenden Ausführungen enthalten Spoiler für die erste Staffel der Serie, die allerdings bereits 2014 im Fernsehen lief.
Don Pietro war bislang der unumstrittene Boss des Untergrunds von Neapel. Doch als Insider-Informationen an die Polizei durchsickern, verfällt er der Paranoia und zweifelt an den erfahrenen Leutnants seiner Generation. Er macht Fehler, die ihn in Untersuchungshaft bringen. Nun ist plötzlich sein Sohn Gennato ("Genny") in Verantwortung. Der allerdings ist ein unbeholfener, übergewichtiger Playboy, der auf Basis des Familienvermögens ein schönes Leben führt und bislang nichts vom Geschäft versteht. Zunächst springt seine Mutter Donna Imma in die Bresche, mit beeindruckenden anfänglichen Erfolgen. Aber auch sie unterschätzt die Spannungen zwischen den Generationen, die Gennys Mentor Ciro, nicht viel älter als dieser, aber bereits ein erfahrener "Soldat", zu seinem eigenen Vorteil zu schüren weiss.
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Natürlich ging es auch beim großen Vorbild aller Mafia-Epen um einen Generationenkonflikt. Im Paten geht Don Vito Corleones Imperium an Sonnys Brutalität und Fredos Inkompetenz zugrunde. Der Kugelhagel gebiert mit Don Michael einen Boss, der sich an keine Regeln gebunden fühlt. Familie zählt nichts mehr, was man spätestens an Fredos Schicksal sieht. Aber auch die Zeiten haben sich geändert. Das Geschäft mit Schutzgeldern und Wettbüros wird bereits in den 70ern überschattet vom Milliardenmarkt der Drogen. Im Neapel des 21. Jahrhunderts stehen selbstverständlich Menschenhandel und Drogen im Mittelpunkt. Und Don Pietro und später Donna Imma imitieren nur die Fassade des Urpaten Don Vito. Er stand für Stabilität, Wohlstand und Gerechtigkeit seiner erweiterten Familie, der italienstämmigen Famiglia, auf Kosten der Außenseiter (alle Nicht-Italiener). In Neapel ist es umgekehrt: Die Immigranten sind die Außenseiter, ob Russen oder Schwarzafrikaner. Aber die Familie der Alteingesessenen ist zu groß, um auf Dauer zusammenhalten zu können, Und Donna Imma tritt gegenüber den Anwohnern an ihrem neuen Drogenumschlagplatz als wohltätige Patin auf, bringt im Endeffekt aber nur Leid und Tod.
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Wie bei Coppola schlagen wir uns als Zuschauer zunächst auf die Seite der Gomorrha. Wir leiden mit Don Pietro, wenn er vom Gefängnisdirektor schikaniert wird, und freuen uns, wenn er einen erfolgreichen Gefangenenaufstand inszeniert. Wie schnell verfallen wir dem Charme solcher Autoritätspersonen! Selbst der Schlächter Ciro hat zunächst unsere Sympathie. Er bekommt die schwierigsten Jobs und die wenigste Anerkennung, er scheint dem Schwächling Genny ein guter Freund und seiner kleinen Tochter ein guter Vater zu sein. Aber irgendwann geht uns auf, dass dies alles nur vorgetäuscht ist und seine Handlungen allein von Hass und Geltungssucht getrieben sind. Er begeht unsägliche Untaten und bricht dabei auch noch mit dem kümmerlichen Rest des mafiösen Ehrenkodex - nicht einmal Frauen und Kinder sind vor ihm sicher. Gleiches gilt für Kronprinz Genny. Er vermasselt gleich seinen ersten Mordauftrag und vermag seine Freundin nur mit hündischer Hartnäckigkeit und teuren Geschenken an sich zu binden. Nach einem traumatischen Erlebnis in Lateinamerika (bei Verhandlungen mit Lieferanten) schüttelt er die Aura des Schwächlings mit willkürlichen, skrupellosen Gewalttaten ab und verliert damit ebenfalls unsere Sympathie
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Am erschütterndesten anzusehen ist aber, wie leicht die Jüngsten, oft sogar Kinder, von den Posen und der Gewalt verführt werden. Da treffen die halbstarken Soldaten von Genny oder Ciro auf eine Gruppe von Kindern mit Wasserpistolen und lassen sie erstmal mit echten Waffen spielen. Da ist die junge Lesbe, die eigentlich von einer Hochzeit in Weiß träumt, aber ihren Geschäftssinn für die Koordination der Drogengeschäfte verschwendet. Und da ist der 16jährige Daniele, ein begnadeter Automechaniker, der von Ciro mal eben das Schießen und das Morden lernt - mit bitteren Konsequenzen für ihn und seine 15jährige Freundin. Das Schicksal Danieles ist besonders tragisch, da es nicht einmal in Armut und Verzweiflung wurzelt - er hat schließlich einen ehrbaren Job, Freunde und Familie - sondern rein in der Faszination am falschen Vorbild Ciro, der auf ihn so cool und erfahren wirkt. Autor Roberto Saviano, auf dessen Tatsachenberichten die Serie basiert, hat gerade ein neues Buch herausgebracht, in dem er offenbar noch mehr auf diese verlorene Generation fokussiert: Der Clan der Kinder. Aber erschütternder als das Schicksal von Daniele und seiner Freundin kann das auch nicht mehr sein.
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Gomorrha besteht aus zwölf einstündigen Episoden pro Staffel. In Deutschland läuft das auf Sky, empfehlenswert ist aber die Blu-ray-Ausgabe, vorzugsweise im neapolitanischen Italienisch mit Untertiteln. Die Veröffentlichung der dritten Staffel ist für April angekündigt. Ich muss gestehen, ich brenne nicht gerade auf die Fortsetzung, denn bereits der Ausgang der ersten Staffel hat mir ziemlich den Magen umgedreht. Aber an Qualität und Unterhaltungswert kann die Serie mit der US-amerikanischen Konkurrenz allemal mithalten. Sie bildet ein Stück Realität ab, welches so oder so nicht leicht zu ertragen ist.
Samstag, 3. März 2018
Geschmeidig: Black Panther (8/10)
Laut Wikipedia sind Weisse Panther noch viel seltener als Schwarze Panther. Umso dankbarer muss man den Weissbroten Stan Lee und Jack Kirby sein, die bereits in den 60ern mit T'Challa, König des fiktiven afrikanischen Staats Wakanda, den ersten schwarzen Superhelden schufen. Damit ritten sie die Welle der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Auch wenn hinter der jetzt angelaufenen Verfilmung nun ein schwarzes Team steht, angeführt von Regisseur Ryan Coogler (2014 bekannt geworden mit der hetzerischen Doku-Fiction Fruitvale Station), darf man nicht vergessen, dass sie immer noch aus der Sichtweise von US-amerikanischen Schwarzen, sogenannten "African Americans", konzipiert ist. Für diese ist Afrika nur der märchenhaft verklärte Ursprung ihrer Vorfahren. Man kann wohl davon ausgehen, dass die wenigsten Afroamerikaner (der offizielle deutsche Begriff klingt für mich, als ob er sich von der Frisur herleitet) auch nur fünf afrikanische Länder benennen könnten - im Film wird kein einziges erwähnt. Es ist auch nicht ein einziges Bild von Black Panther auf dem Heimatkontinent entstanden - für die exotischen Wasserfälle musste laut IMDB ein Drehort in Argentinien herhalten. Und im zentralen Konflikt des Films, in dem es zwar lobenswerterweise einmal nicht um die Rettung der Welt geht, will der Schurke die bislang verborgene Macht von Wakanda zur Rettung seiner unterdrückten schwarzen Brüder freisetzen - jene in New York und London. Ach Du armes Afrika, Du ausgebeutetes Armenhaus und Exerzierplatz für Rüstungslieferanten aus dem Rest der Welt!
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Abgesehen von dieser politischen Schieflage, ist Black Panther mal wieder ein toller Marvel-Spaß und eine der besten "Origin Stories" eines Comic-Helden. Es zeigt Wakanda mit seinen fünf Stämmen, dessen Reichtum auf einem Vibranium-Meteor fußt, als fabelhafte Mischung aus Tradition und Moderne (wahrlich ein afrikanisches Märchen), in dem nur manchmal die Folklore zu Kitsch wird. Der treibende Soundtrack des Schweden Ludwig Göransson mit Liedern von Kendrick Lamar ist mindestens zweckdienlich, wenn auch gelegentlich ebenfalls klischeebehaftet. Es gibt charismatische Helden, Heldinnen und Bösewichte mit nachvollziehbaren Motivationen und eine spannende Geschichte, die nur einmal mit einer düsteren Wendung schockiert, sich davon aber schnell wieder erholt. Hervorzuheben sind Chadwick Boseman in der Hauptrolle (bereits aus Captain America bekannt), mal würdevoll, mal verschmitzt, mal nachdenklich, Michael B. Jordan (Fruitvale Station) als sein skrupelloser und doch tragischer Gegenpart "Killmonger", und Oscar-Kandidat Daniel Kaluuya (Get Out) als innerlich zerrissenes Stammesoberhaupt W'Kabi zwischen den Fronten
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Und das waren erst die Männer! Dabei dominieren gerade in den fantasievollen Kampfszenen die Frauen, vor allem Lupita Nyong'o (12 Years a Slave) als T'Challas Ex (? - ich muss gestehen, die Beziehung ist mir nicht ganz klar geworden) Nakia und Danai Gurira (Ein Sommer in New York) als Okoye, der Anführerin der speerschwingenden Leibgarde des Königs (man beachte, dass in Wakanda ein Speer viel mehr als nur ein Speer ist). Und dann ist da Letitia Wright als Shuri, die pfiffige kleine Schwester des Königs. Die 24jährige aus Guyana, die bisher schon in einigen Fernsehrollen (Humans, Black Mirror) auffiel, kann locker gegen ihre gewichtigen Mitspieler bestehen und ist die erste Entdeckung des Jahres. Ihre Figur ist angeblich erst 16, was ich reichlich albern finde, denn Shuri ist Erfinderin, Mechanikerin und Ärztin, und auch im Märchen muss eine gewisse Glaubwürdigkeit gewahrt bleiben. Außerdem führt sie ein Kraftfahrzeug, wenngleich nur virtuell - und gelten dabei die Verkehrsregeln von Wakanda oder Südkorea? Aber wer will sich beklagen, wenn Letitia Wright mit einem Lächeln selbst Vibranium zum Schmelzen bringen kann (und das scheint mir auch die einzig plausible Verarbeitungsform zu sein). Wir können uns auf ein baldiges Wiedersehen freuen, in Spielbergs zweiten Film des Jahres, der nostalgischen SF-Verfilmung Ready Player One.
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Dann tauchen noch ein paar Veteranen auf, mehr Farbtupfer als Handlungsträger. Ghost Dog Forest Whitaker als spiritueller Anführer (um das Wort "Schamane" zu vermeiden") Zuri ist immer eine willkommene Präsenz, Angela Basset als "Queen Mom" bleibt dagegen farblos. Apropos blass: Ja, es spielen auch ein paar Weisse mit, namentlich "Gollum" (oder "Caesar") Andy Serkis, in der ersten Hälfte als einarmiger Bandit der Hauptschurke, aber dann doch nur Katalysator der folgenden Ereignisse, und "Frodo" (oder "Dr. Watson") Martin Freeman als sympathischer CIA-Agent. Überhaupt muss ich mal feststellen, dass ich Black Panther überhaupt nicht als rassistisch empfunden habe (entgegen einigen lautstarken Kritikern). Hingegen möchte ich mich, wohlwissend politisch unkorrekt, über die Verballhornung der Sprache Shakespeares durch die Darsteller beschweren. Mir wären mehr untertitelte Dialoge in der (offenbar südafrikanischen) Stammessprache lieber gewesen als dieses Englisch mit unanhörlichem, vage-afrikanischen Akzent. Und wenn wir schon bei Beschwerden sind: Eine 3D-Vorführung kann man sich hier wirklich sparen. Aber das sind Kleinigkeiten, die das Kinovergnügen nicht trüben sollen. Und es ist erfrischend, einen Blockbuster zu sehen, der zu gefühlten 90% von dunkelhäutigem Talent gestemmt wurde. Allemal sehr gut (8/10).
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Abgesehen von dieser politischen Schieflage, ist Black Panther mal wieder ein toller Marvel-Spaß und eine der besten "Origin Stories" eines Comic-Helden. Es zeigt Wakanda mit seinen fünf Stämmen, dessen Reichtum auf einem Vibranium-Meteor fußt, als fabelhafte Mischung aus Tradition und Moderne (wahrlich ein afrikanisches Märchen), in dem nur manchmal die Folklore zu Kitsch wird. Der treibende Soundtrack des Schweden Ludwig Göransson mit Liedern von Kendrick Lamar ist mindestens zweckdienlich, wenn auch gelegentlich ebenfalls klischeebehaftet. Es gibt charismatische Helden, Heldinnen und Bösewichte mit nachvollziehbaren Motivationen und eine spannende Geschichte, die nur einmal mit einer düsteren Wendung schockiert, sich davon aber schnell wieder erholt. Hervorzuheben sind Chadwick Boseman in der Hauptrolle (bereits aus Captain America bekannt), mal würdevoll, mal verschmitzt, mal nachdenklich, Michael B. Jordan (Fruitvale Station) als sein skrupelloser und doch tragischer Gegenpart "Killmonger", und Oscar-Kandidat Daniel Kaluuya (Get Out) als innerlich zerrissenes Stammesoberhaupt W'Kabi zwischen den Fronten
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Und das waren erst die Männer! Dabei dominieren gerade in den fantasievollen Kampfszenen die Frauen, vor allem Lupita Nyong'o (12 Years a Slave) als T'Challas Ex (? - ich muss gestehen, die Beziehung ist mir nicht ganz klar geworden) Nakia und Danai Gurira (Ein Sommer in New York) als Okoye, der Anführerin der speerschwingenden Leibgarde des Königs (man beachte, dass in Wakanda ein Speer viel mehr als nur ein Speer ist). Und dann ist da Letitia Wright als Shuri, die pfiffige kleine Schwester des Königs. Die 24jährige aus Guyana, die bisher schon in einigen Fernsehrollen (Humans, Black Mirror) auffiel, kann locker gegen ihre gewichtigen Mitspieler bestehen und ist die erste Entdeckung des Jahres. Ihre Figur ist angeblich erst 16, was ich reichlich albern finde, denn Shuri ist Erfinderin, Mechanikerin und Ärztin, und auch im Märchen muss eine gewisse Glaubwürdigkeit gewahrt bleiben. Außerdem führt sie ein Kraftfahrzeug, wenngleich nur virtuell - und gelten dabei die Verkehrsregeln von Wakanda oder Südkorea? Aber wer will sich beklagen, wenn Letitia Wright mit einem Lächeln selbst Vibranium zum Schmelzen bringen kann (und das scheint mir auch die einzig plausible Verarbeitungsform zu sein). Wir können uns auf ein baldiges Wiedersehen freuen, in Spielbergs zweiten Film des Jahres, der nostalgischen SF-Verfilmung Ready Player One.
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Dann tauchen noch ein paar Veteranen auf, mehr Farbtupfer als Handlungsträger. Ghost Dog Forest Whitaker als spiritueller Anführer (um das Wort "Schamane" zu vermeiden") Zuri ist immer eine willkommene Präsenz, Angela Basset als "Queen Mom" bleibt dagegen farblos. Apropos blass: Ja, es spielen auch ein paar Weisse mit, namentlich "Gollum" (oder "Caesar") Andy Serkis, in der ersten Hälfte als einarmiger Bandit der Hauptschurke, aber dann doch nur Katalysator der folgenden Ereignisse, und "Frodo" (oder "Dr. Watson") Martin Freeman als sympathischer CIA-Agent. Überhaupt muss ich mal feststellen, dass ich Black Panther überhaupt nicht als rassistisch empfunden habe (entgegen einigen lautstarken Kritikern). Hingegen möchte ich mich, wohlwissend politisch unkorrekt, über die Verballhornung der Sprache Shakespeares durch die Darsteller beschweren. Mir wären mehr untertitelte Dialoge in der (offenbar südafrikanischen) Stammessprache lieber gewesen als dieses Englisch mit unanhörlichem, vage-afrikanischen Akzent. Und wenn wir schon bei Beschwerden sind: Eine 3D-Vorführung kann man sich hier wirklich sparen. Aber das sind Kleinigkeiten, die das Kinovergnügen nicht trüben sollen. Und es ist erfrischend, einen Blockbuster zu sehen, der zu gefühlten 90% von dunkelhäutigem Talent gestemmt wurde. Allemal sehr gut (8/10).
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