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Samstag, 14. September 2013

Oh! You Pretty Things: The Bling Ring (5/10)

Look at your children
See their faces in golden rays
Don't kid yourself they belong to you
They're the start of a coming race
The earth is a bitch
We've finished our news
Homo Sapiens have outgrown their use
All the strangers came today
And it looks as though they're here to stay

Oh You Pretty Things
Don't you know you're driving your
Mamas and Papas insane
Let me make it plain
You gotta make way
for the Homo Superior

David Bowie machte sich bereits mit 24 Jahren Gedanken über die kommende Generation. 40 Jahre später ist klar, daß der Traum vom Homo Superior längst gestorben ist. Dafür sorgen Fernsehen, Internet, soziale Netzwerke. Ganze Subkulturen versinken im Sumpf der Modediktatur.

Die Teenager in The Bling Ring sind zwar alle ausgesprochen hübsch, aber keiner ist auch nur entfernt attraktiv. Man hat schon Seifenblasen mit komplexerer Persönlichkeit beobachtet. Daß man im Film von ihrem Innenleben nichts erfährt, mag noch Programm sein, aber auch ihr Außenleben bleibt unklar. Abgesehen von einem einzigen Kuß im Hintergrund und einer Dialogzeile ("I would totally do that manager") erscheinen sie komplett asexuell, eigentlich eine Unmöglichkeit für 17-19jährige. Dann ist da Marc (Israel Broussard), der einzige Junge, mit Modefimmel und Spaß am Crossdressing. In seinem keuschen Umgang mit den heißen Mädels kommt er weniger als schwul denn als geschlechtslos rüber. Und wie kommt es, daß das In-Girl Rebecca (potentiell atemberaubend: Neuling Katie Chang) den eher nerdig aussehenden Marc anspricht und sofort in ihren Kreis aufnimmt? Vielleicht ist mir nur der besonders hippe Rucksack oder ein tagesprogressiver Look entgangen. Emma Watson als mit dauerfröhlich-pseudoreligiöser Mutter geschlagenes Homeschooling-Opfer liefert ihre dumpfbackigen Sprüche, die als Motto jeder Mißwahl-Gewinnerin peinlich wären, immerhin mit soviel Überzeugung, daß man am liebsten weggucken möchte.

Die Attraktion des Films, der wohl aus den falschen Gründen vor allem junge Frauen anzieht, scheinen die Häuser von Paris Hilton (in echt) und anderen Starlets (nachgestellt) zu sein, die Boudoirs und begehbaren Kleiderschränke vollgestopft mit teurem Markenschrott. Bei Orlando Bloom findet sich eine urige Schatzkiste mit acht Rolex-Uhren und einem dicken Geldbündel, offenbar für künftige Notkäufe weiterer Chronometer. Die Entdeckungsreise in die Unterkünfte der Stars könnte Spaß machen, wenn sie im Großteil nicht so oberflächlich und überhastet gefilmt wäre. Wenigstens haben wir jetzt eine Vorstellung, wofür Jungmillionäre so ihr Geld rausschmeißen. Eine ordentliche Dokumentation wäre aber bestimmt erhellender gewesen. So zementiert Sofia Coppola leider ihren Ruf, nur noch Oberflächlichkeit zu zelebrieren. Die stimmige Atmosphäre ihres süß-melancholischen kleinen Meisterwerks Lost in Translation hat sie in ihren drei Nachfolgefilmen der letzten zehn Jahre nicht annähernd erreicht. Als erschreckendes Portrait einer hedonistischen jungen Generation sei denn eher Harmony Korines Spring Breakers (2012, 7/10) empfohlen - nicht auf wahren Ereignissen basierend, aber deutlich wahrhaftiger.

Allein eine gewisse philosophisch anregende Nachwirkung rettet die durchschnittliche Wertung: Annehmbar (5/10).

Sonntag, 8. September 2013

Klassische Alben #2: Crises (Mike Oldfield, 1983)

Bereits der kurze, abgedämpft gespielte Gitarrenlauf ist unverkennbar, und wenn dann die sanfte Stimme von Maggie Reilly einsetzt, ist man auch nach 30 Jahren noch gefangen von diesem zeitlosen Popsong. Eine geschlagene Akustische setzt präzise Akzente, und dann folgen zwei hervorragende Soli, eines als Fortsetzung des Eingangslaufes, eines mit verzerrter Gitarre. Moonlight Shadow war einer der großen Hits von 1983, in einer Zeit, als noch Singles und Maxis verkauft wurden. Wann immer Wolfgang Neumann in der Schlagerrallye im WDR die Maxiversion auflegte, müssen Tausende von Cassettenrekordern deutscher Jugendliche geklickt haben wie meiner, denn die Langversion - die heute ein wenig selbstverliebt klingt - stand an der Spitze der Wunschlisten vieler. Der Song hielt sich 74 Wochen in der Top 15 der Schlagerrallye und wurde zweimal in Folge Jahressieger. Das bedeutet für einen Teenager eine halbe Ewigkeit. Die Abstimmung erfolgte noch per Postkarte, da ging viel Taschengeld für Porto drauf (ich gewann allerdings auch zweimal per Auslosung eine Vinyl-LP). Persönlich verbinde ich das auch mit dem Ende der Neumann-Ära (der definitive ELO-Fan hatte nebenbei ein hervorragendes Buch über die Beatles geschrieben) und dem Einzug von immer seichteren Pop-Songs, die mit den Rock-Ursprüngen nur noch wenig zu tun hatten. Es folgten Aha, Europe, Pet Shop Boys und (o Graus - definitiv nach meiner Zeit) David Hasselhoff!

Mike Oldfield stand in den 70ern lange unter dem "selbstverschuldeten" Schock, mit 20 Jahren einen Klassiker der Musikgeschichte veröffentlicht zu haben. Sein Debutalbum Tubular Bells von 1973  ist auch heute noch, gerade im hervorragenden neuen Surround-Mix, ein wiederkehrend tolles Erlebnis. Die Folgealben waren zunächst durchwachsen, wobei ich Ommadawn und Incantations (zumindest in Teilen in empfehlenswerten neuen 5-Kanal-Mixen erhältlich) durchaus für gelungen halte. Aber erst als er eine etwas rockigere Seite entwickelte und gelegentlich kürzere, hitparadentaugliche Lieder schrieb, konnte er wirklich an den Anfangserfolg anknüpfen. Wie bereits der Vorgänger Five Miles Out bestand Crises aus einer langen Albumseite und kürzeren Stücken auf der Rückseite, und bereits der Vorgänger enthielt mit dem Titelsong eine prächtige Single-Auskopplung. Welches der beiden Alben man vorzieht, ist wirklich Geschmackssache. "Five Miles Out" hat einen erdigen, rockigeren Charakter, Crises hat vielleicht die eingängigeren Melodien und geht mehr in Richtung Pop (an sich nichts Schlimmes, nur in den Jahren danach wurde es dann leider poppiger und gleichzeitig seichter).

Mike Oldfield hat Stimmen schon immer mehr wie Instrumente eingesetzt, am Anfang gelegentlich seine eigene und die seiner Schwester Sally (und auch mal einen Chor). Nun hatte er mit Maggie Reilly eine Virtuosin gefunden, die zu seinen Liedern einen eigenen Charakter beisteuern konnte (auch wenn es wohl lange Studiostunden gedauert hat, bis er ihr den ihm vorschwebenden Sound für "Moonlight Shadow" entlocken konnte). Trotzdem setzte er auch diverse andere Sänger ein, so etwa Jon Anderson von Yes im ätherischen "In High Places" und die Rockröhre Roger Chapman, im kraftvollen "Shadow on the Wall". Mike Oldfield ist sicher kein großer Gitarrist, aber er hatte immer schon ein Talent für melodische, schnelle Läufe und fand interessante Klangfarben für seine Soli. Manchmal reichen schöne Melodien für einen erfolgreichen Popsong, aber Oldfield schuf durch geschicktes Arrangieren und interessante Soundvarianten einige wirkliche Perlen der Popmusik. Das gilt auch für das 22minütige Herz- und Titelstück, das in ausgefuchstem Ablauf Ideen für bestimmt ein halbes Dutzend Einzelsongs verarbeitet, Und zwischen den Liedern der zweiten Hälfte, fast beiläufig hingeworfen, zaubert er in "Taurus 3" atemberaubende Duelle zwischen spanischen Gitarren und Mandoline.

Die gerade neu erschienene Deluxe-Box etwa im Format einer Doppel-DVD enthält ein Büchlein mit auch für ältere Augen gut lesbaren Detailinformationen zu den Aufnahmen und eine kleine Rekapitulation der entsprechenden Phase von Oldfields Karriere. Dazu kommt eine CD mit einem aktuellen Stereomix und Bonustiteln, u.a. die Singles "Mistake" und "Crime of Passion" sowie die Maxiversion von "Moonlight Shadow". CD 2+3 enthalten Live-Aufnahmen von 1983 (Wembley). Des weiteren gibt es eine DVD mit einem Auszug des gleichen Live-Konzerts (Crises + Tubular Bells Part 1), drei Musikvideos sowie der vergnüglichen Top-of-the-Pops-Aufnahme des Hits (die allerdings die herrlich überzogene Playback-Vorstellung von "Five Miles Out" aus der ebenfalls empfehlenswerten Deluxe-Ausgabe des Vorgängeralbums nicht übertreffen kann). Die Bildqualität der Live-DVD (im TV-Format 4:3) ist nicht überragend, aber gemessen am Ausgangsmaterial wohl in Ordnung. Interessant ist es allemal zu sehen, wie diese komplexen Stücke durch eine achtköpfige Band interpretiert wurden. Am wichtigsten für mich die weitere DVD mit dem Surround-Mix in wahlweise DD5.1 und DTS, der wirklich fast eine Neuentdeckung der Platte ermöglicht. Leider gibt es keinen hochauflösenden Stereomix. Statt der beiden DVDs hätte man ruhig eine Blu-ray beilegen können, die locker alle Inhalte plus einen Stereomix in DTS-Master-Audio fassen könnte. Die Marktdurchdringung der Blu-ray mag in Deutschland erst bei 50 Prozent liegen, aber bei der Zielgruppe für diese etwa 42 Euro teure Box liegt dieser Wert bestimmt deutlich höher...

Schrodinger's Gat (Robert Kroese): SF, wie ich sie mir öfter wünsche

Schrödinger's Gat ist, wie der Titel schon andeutet, ein quantenphysikalischer Roman, der sich natürlich auf Schrödingers "halbtote" Katze bezieht und in der Abwandlung mit "Schrödingers Knarre" übersetzt werden könnte (es ist u.a. ein Spruch von Hawking vorangestellt, sinngemäß "Wenn ich von Schrödingers Katze höre, ziehe ich meine Waffe."). Es ist ein durchschnittlich spannender Thriller mit der Andeutung einer Liebesgeschichte, in Ich-Form erzählt von einem depressiven Englischlehrer in San Francisco, der zufällig über die physikalisch-metaphysischen Forschungen eines Wissenschaftlers stolpert. Es stellt sich heraus, daß dieser scheinbar durch praktische Anwendung der Quantentheorie gewalttätige Ereignisse beeinflussen kann. Eingestreut in die Erzählung sind erhellende, populärwissenschaftlich gestaltete Exkurse zu den physikalischen Grundlagen (Schrödingers Katze, das Doppelspalt-Experiment, ein Atom in zwei Boxen etc.). Das erfordert etwas Konzentration, lohnt aber den Aufwand und bietet knapp 200 Seiten anspruchsvolle Unterhaltung.

Ich wünschte mir, es gäbe mehr Science Fiction dieser Spielart. Die "harte" SF in der Tradition von Clarke und Asimov begann mehr mit Spekulationen über künftige Ingenieurskunst, bevor Einsteins Relativitätstheorie der nächsten Generation von Autoren Inspiration lieferte, die das neue Verständnis des "Raum-Zeit-Kontinuums" den Massen nahebrachten. Die philosophischen Implikationen der Quantentheorie sollten eigentlich Stoff für ein komplettes Subgenre bieten. (Ausnehmen möchte ich einmal die sich hartnäckig haltende Idee von Paralleluniversen, die sich bei jeder Entscheidung abzweigen, so daß jeder noch so unwahrscheinlichen Gang der Ereignisse sich in irgendeinem Universum realisiert. Wäre das der Fall, hätten wir die totale Beliebigkeit, und jede Entscheidung wäre sinnlos.) Die Quantenmechanik hat das kollektive Bewußtsein unserer Zivilisation noch nicht so recht erreicht. In der Schule werden uns noch die Newtonsche Physik und die mechanistische Chemie mit Atomen als Miniaturplanetensystemen eingebleut, nur damit wir dann vielleicht in der Oberstufe erfahren, daß das alles eigentlich nicht stimmt. Das liegt auch daran, daß die meisten Physiklehrer das Wesen eines Modells nicht klar verstehen, das ja kein Abbild der Natur ist, sondern kaum mehr als eine Veranschaulichung nicht beobachtbarer Vorgänge (was allerdings bis zu einem gewissen Grad Vorhersagen über ihr Verhalten möglich macht). Trotzdem werden auch auf der subatomaren Ebene weiterhin "Teilchen" postuliert. Die physikalische Forschung z.B. mittels Teilchenbeschleunigern scheint mir ein fast verzweifeltes Festhalten an solchen deterministischen Modellen.

Robert Kroese (ausgesprochen "Krusi") war einer der ersten Autoren, die vom eBook-Boom und insbesondere von Amazons Kindle profitierten (daher wird der Kindle im Buch auch mehrfach erwähnt). Aufmerksam wurde ich auf ihn durch seine herrliche Sammlung von humoristischen Anekdoten und Beobachtungen (tatsächlich bearbeitete Auszüge aus seinem Blog) The Force is middling in this one (toller Titel übrigens). Danach erschien eine nette Romantrilogie um den gefallenen Engel Mercury, in der es u.a. um die "himmlische" Bürokratie und irdische Esoterik-Profiteure geht. Kroese ist kein großer Stilist, ist aber durch seine klare, schnörkellose Sprache angenehm zu lesen. Sowohl seine eher auf Witz ausgelegten Mercury-Satiren in der Tradition von Douglas Adams als auch der vorliegende, übrigens per Kickstarter in Abschnitten entstandene Roman zeichnen sich durch einen leichten Ton, einige wohlgesetzte pophistorische Referenzen und sympathische, wenngleich noch etwas schematische Charaktere aus. Inzwischen hat Amazon seine Werke auch als Taschenbücher verlegt, allerdings bisher nur in Englisch.

Hugo-Awards 2013

Bereits letzten Sonntag wurden auf der 71. World Science Fiction Convention die diesjährigen Hugos überreicht. Leider gibt es nicht viel Aufregendes zu berichten.

Bei den Romanen gewann John Scalzis Redshirts. Scalzi ist ein netter, engagierter Autor und hat den Preis wohl verdient, wenngleich dieser Gewinn nach Jo Waltons "Among Others" zum zweiten Mal in Folge zeigt, daß Anbiederung an die Fangemeinde funktionieren kann. An zweiter Stelle übrigens "Lord Vorpatril's Allicance", jüngster Beitrag aus dem Barrayar-Universum, mal mit Ivan statt Miles im Mittelpunkt, knapp vor Kim Stanley Robinsons "2312". Das zeigt ein bißchen den jämmerlichen Zustand der aktuellen Science Fiction. Ich persönlich muß bis 2007 zurückgehen, um einen würdigen Gewinner zu finden (Vernor Vinges "Rainbows End"). Weitaus populärer ist inzwischen die Fantasy, deren Vertreter sich auch regelmäßig in den Nominierungen finden, allerdings in stark eingeschränkter Auswahl (ich vermisse dort z.B. Robin Hobb und Jim Butcher).

Erstaunlich ist, daß Brandon Sanderson mit seiner Novelle "The Emperor's Soul" erstmalig nominiert war (und gleich gewonnen hat). Er ist für mich neben George R.R. Martin der beste Fantasy-Autor des letzten Jahrzehnts, ein romantischer Gegenpol zur düsteren Welt aus Eis und Feuer. Falls er nicht vorschnell in die gleiche Falle wie sein "Nachbar" und mögliches Vorbild Orson Scott Card gerät (dessen mormonisch-beschränkte Ideologie inzwischen sein Werk und sein Auftreten vergiftet hat), sollte er in den nächsten Jahren auch im Roman-Bereich gute Chancen haben.

Bei der besten "dramatischen Präsentation, Langform" (sprich: Film) gewannen die Avengers vor dem Hobbit, bei der Kurzform (sprich: TV-Folge) triumphierte wie im letzen Jahr George R.R. Martin mit dem Höhepunkt der zweiten Game-of-Thrones-Staffel, "Blackwater". Gerade die Kurzform-Preise kann ich aber nicht besonders respektieren, denn die Nominierungen der letzten Zeit setzen sich zum Großteil aus Dr.-Who-Episoden zusammen, die mit ernsthafter SF nun wirklich nichts zu tun haben.