Jean-Pierre Jeunet wurde 1991 mit seiner phantastisch-bizarren schwarzen Komödie Delicatessen in Arthouse-Kreisen bekannt, damals noch mit seinem Partner Marc Caro. Dieser Endzeitfilm führte neben dem weniger gelungenen Nachfolger Die Stadt der verlorenen Kinder zu seinem ersten in Englisch gedrehten Werk, nämlich Alien - Die Wiedergeburt (1997). Jener vierte und letzte Beitrag zur Saga (mit Winona Ryder als Androidin) gefiel mir persönlich sehr gut, hatte aber ansonsten eher durchwachsene Kritiken. Jeunet erholte sich davon aber, und vier Jahre später landete er mit Die fabelhafte Welt der Amélie einen wunderbaren Welterfolg, dessen Rezept er seitdem ein wenig hinterherzurennen scheint.
So scheint es mir auch in seinem erst dritten englischsprachigen Film, Die Karte meiner Träume (der Originaltitel bedeutet eigentlich "Der junge und erstaunliche T.S. Spivet"): Der hochbegabte 10jährige Titelheld lebt mit seinen Eltern, einer Insektenforscherin (Helena Bonham Carter) und einem Cowboy-Nostalgiker (Callum Keith Rennie, Lew Ashby aus Californication), auf einer Ranch in Montana. Als er den Baird Award des Washingtoner Smithsonian Museums für das Modell eines Perpetuum Mobile gewinnt, macht er sich auf eigene Faust auf den Weg zur Preisverleihung, mit einem riesigen Koffer und noch mehr mentalem Ballast.
Die Buchvorlage des New Yorkers Reif Larsen, offenbar an das Tagebuch des jungen Protagonisten angelehnt mit vielen Zeichnungen und Karten angereichert, kommt Jeunets verschrobenen visuellem Stil tatsächlich entgegen, und die (überzeugend dreidimensionalen) Bilder machen die Verfilmung auch sehenswert. Darüber hinaus fehlt dem Ganzen aber ein wenig der magische rote Faden. Vielleicht wäre einfach nur ein wenig mehr Verrücktheit angebracht gewesen. So wirkt das Resultat fast bieder, zwar mit etlichen herrlichen Szenen (eine der besten davon mit Delicatessen-Star Dominique Pinon als Hobo), aber auch einigem Leerlauf. Und natürlich kann kein zehnjähriger Hauptdarsteller an den Charme einer Audrey Tautou heranreichen...
Gut (7/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 20. Juli 2014
Hugo-nominiert: Neptune's Brood (Charles Stross)
Charles Stross ist der Mann mit den großen Ideen in der Science Fiction der letzten zwei Dekaden. Leider gelingt es ihm mit seinem jüngsten Roman wiederholt nicht, diese in eine wohlkonstruierten Handlung einzubetten und mit überzeugenden Figuren zu vermitteln. Stross schöpft aus einem riesigen Wortschatz (ein oft unnötiges Ärgernis, wenn man einen superseltenen Begriff nachschlagen muß) und baut wohlfeile, knifflig verschachtelte Sätze, aber Spannungsaufbau gehört nicht zu seinen Stärken, während sein Humor mehr Pointen vertragen könnte.
Neptune's Brood spielt in einer Zukunft, in der die Menschen weitgehend ausgestorben sind, ihre Zivilisation aber in Form von sehr menschenähnlichen Androiden fortgeführt wird. Stross entwirft (und erläutert dieses in handlungsunterbrechenden Passagen) ein Banken- und Wirtschaftssystem der Zukunft. Zur Finanzierung der Kolonisation Lichtjahre entfernter Systeme durch Raumschiffe mit nur gering-relativistischen Geschwindigkeiten hat sich ein Kreditsystem des "langsamen Geldes" etabliert, das auf Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit basiert. Es können auch komplette Androiden-Persönlichkeiten von System zu System "gebeamt" werden, die dann in den "Seelenchips" neu geschaffener Körper wieder zum Leben erweckt werden.
Auf diese Weise reist auch die Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) "Krina Buchhaltung Historiker Alizond-114" (nicht übersetzt) auf der Suche nach ihrer Schwester Ana, bevor sie für die letzte Etappe auf dem Schiff einer Kirche der Fragilen anheuert, die ihre heilige Pflicht in der Wiederansiedlung von fleischlichen Menschen sieht. Krina wird von Piraten (der Unterart Versicherungsagenten) abgefangen, dann auf einer Wasserwelt entführt und in eine Meerjungfrau gewandelt, bevor sie endlich mit ihrer Schwester einen gigantischen Ponzi-Trick aufklärt. Das ist alles recht amüsant, aber doch auch belanglos. Krina gewinnt nicht so recht an Format, auch ihr Geschlecht scheint beliebig, und zum Schluß erscheinen alle Motivationen durch einen Twist nochmals in neuem Licht - frustrierend, wenn man bis dahin versucht hat, die komplexen Hintergründe nachzuvollziehen.
Auch außerhalb der gelungenen Laundry-Reihe hat Stross schon bessere Romane geschrieben. So wird es wohl auch dieses Jahr nichts mit dem Hugo in der Königskategorie.
Neptune's Brood spielt in einer Zukunft, in der die Menschen weitgehend ausgestorben sind, ihre Zivilisation aber in Form von sehr menschenähnlichen Androiden fortgeführt wird. Stross entwirft (und erläutert dieses in handlungsunterbrechenden Passagen) ein Banken- und Wirtschaftssystem der Zukunft. Zur Finanzierung der Kolonisation Lichtjahre entfernter Systeme durch Raumschiffe mit nur gering-relativistischen Geschwindigkeiten hat sich ein Kreditsystem des "langsamen Geldes" etabliert, das auf Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit basiert. Es können auch komplette Androiden-Persönlichkeiten von System zu System "gebeamt" werden, die dann in den "Seelenchips" neu geschaffener Körper wieder zum Leben erweckt werden.
Auf diese Weise reist auch die Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) "Krina Buchhaltung Historiker Alizond-114" (nicht übersetzt) auf der Suche nach ihrer Schwester Ana, bevor sie für die letzte Etappe auf dem Schiff einer Kirche der Fragilen anheuert, die ihre heilige Pflicht in der Wiederansiedlung von fleischlichen Menschen sieht. Krina wird von Piraten (der Unterart Versicherungsagenten) abgefangen, dann auf einer Wasserwelt entführt und in eine Meerjungfrau gewandelt, bevor sie endlich mit ihrer Schwester einen gigantischen Ponzi-Trick aufklärt. Das ist alles recht amüsant, aber doch auch belanglos. Krina gewinnt nicht so recht an Format, auch ihr Geschlecht scheint beliebig, und zum Schluß erscheinen alle Motivationen durch einen Twist nochmals in neuem Licht - frustrierend, wenn man bis dahin versucht hat, die komplexen Hintergründe nachzuvollziehen.
Auch außerhalb der gelungenen Laundry-Reihe hat Stross schon bessere Romane geschrieben. So wird es wohl auch dieses Jahr nichts mit dem Hugo in der Königskategorie.
Sonntag, 13. Juli 2014
Die Hugo-nominierten Kurzromane
Die nominierten Novellen des Jahres sind alle von ähnlicher Länge (ca. 100 Seiten) und spiegeln wohl recht gut die Vielfalt des Genres. In aufsteigender Wertungsreihenfolge gelistet:
Dies ist ein Beitrag zur weitverbreiteten Sword-and-Sorcery-Fantasy, nicht wirklich schmerzhaft, aber auch nicht von besonderem Interesse. Figuren, magische Elemente und soziale Gegebenheiten aus dem Baukasten.
Dies ist Catherynne Valentes zweiter nominierter Kurzroman in Folge. 2010 war ihr Roman "Palimpsest" nominiert, der mir nach wenigen Jahren schon komplett aus dem Gedächtnis gefallen ist (das war allerdings ein Jahrgang, in dem mich keiner der Kandidaten angesprochen hatte). Mit ihrem Revolver-Schneewittchen amerikanisiert die 35jährige das Grimm'sche Märchen. Schneewittchen ist nun die Tochter einer Indianerin und eines Geschäftsmannes im ausgehenden 19. Jahrhundert, und der Spiegel der Stiefmutter ist eher ein Verwandter von Dorian Grays Gemälde. Das ist nicht langweilig, aber recht versponnen und gegen Ende ziemlich ziellos erzählt.
Der Brite Charles Stross, Jahrgang 1964, ist ein unbestrittener Star der Science-Fiction-Szene. Zwei seiner Novellen gewannen den Hugo, sieben seiner Romane waren (innerhalb von zehn Jahren!) nominiert, allerdings gehört sein Beitrag auch dieses Jahr nicht zu den Favoriten. Seine Werke würde ich aufteilen in populäre Unterhaltung und anspruchsvollere Versuche. Zur zweiten Kategorie gehören die meisten seiner nominierten Romane, zur ersten die (etwa ab der Hälfte leider enttäuschenden) Merchant-Princes-Reihe und die humoristischen "Laundry"-Erzählungen, zu der auch diese Novelle zählt. Charles Stross ist ein mit ungemeinem Sprachwitz begabter Vielschreiber, mit einer durchwachsenen Menge von Veröffentlichungen. Die Laundry Files sind seine britischsten Werke, mit einem Anklang von Douglas Adams, allerdings mit schlüssigeren Handlungsstrukturen und gelegentlich selbstverliebter Geistreichheit. Sie funktionieren als Abenteuer wie als Satire auf die britische Behördenmentalität.
Die "Laundry" ist eine geheime britische Behörde, die Magie, Dämonenbeschwörung und weitere potentiell apokalyptische Praktiken reguliert. In dieser leicht alternativen Welt hat sich herausgestellt, daß höhere Mathematik und Computeralgorithmen ab einer gewissen Komplexität gefährliche Nebenwirkungen haben können. Entsprechend begabte Personen werden zu ihrer eigenen und zur nationalen Sicherheit aus dem Verkehr gezogen. So auch Bob Howard, nun in der Laundry offiziell zuständig für die Serveradministration, aber eigentlich ein Spezialist für Außeneinsätze, wo er sich - oft nur mit einer Hasenpfote, einem jPhone und seinem Verstand bewaffnet - mit psychopathischen Zauberern, fehlgeleiteten Hackern und freigesetzten Dämonen herumschlägt. Sein geheimes Tagebuch, das Charles Stross seit 2004 in Auszügen veröffentlicht, ist natürlich durch ein mächtiges Geas geschützt, das Unbefugte vom Lesen abhalten soll. Schließlich würde die Welt in Panik ausbrechen, sollte das Ausmaß der durch die moderne Computertechnik freigesetzten magischen Kräfte und das Nahen des Nightmare Case Green öffentlich werden.
Equoid ist ein minderer Beitrag zur Reihe, in der ersten Hälfte amüsant, in der zweiten spannend. Es geht um Einhorne, die allerdings mit dem Mythos nicht mehr viel gemeinsam haben. Ist daher nicht für Kinder geeignet, denn eine Begegnung mit einem Stross'schen Einhorn kann sehr blutig enden.
Nach Torgersen eindimensionalen Kurzgeschichte war ich nicht so recht auf eine solch komplexe Novelle vorbereitet. Spriritualität, abstrahiert von konkreten Religionen, dient in diesem überzeugenden Kurzroman als Brücke zwischen Menschen und Aliens und schließlich sogar als Friedensbringer. Der Ich-Erzähler Harrison Barlow, der (atheistische) "Assistent des Kaplans", hatte vor 20 Jahren de facto eigenhändig die Vernichtung der Menschheit durch eine technisch weit überlegene Insektenrasse gestoppt, indem er bei den "Käfer"-Wissenschaftlern ein Interesse an der Erforschung menschlicher Religionen erwecken konnte (die Ähnlichkeit der Aliens mit den Bugs aus Starship Troopers scheint mir gewollt). Nun neigt sich der Waffenstillstand seinem Ende zu. Trotz fieberhafter Versuche, technologisch mit dem Gegner aufzuschließen, scheint der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. Plötzlich findet sich Barlow mit einer menschlichen Offizierin sowie einem Wissenschaftler und einer einflußreichen Königin der Insektoiden auf einem unwirtlichen Planeten gestrandet wieder. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und gewinnen gleichzeitig Respekt füreinander. Das ist allerdings deutlich vielschichtiger angelegt als Wolfgang Petersens betulicher Genrefilm Enemy Mine.
Von zwei Gelegenheitsautoren kommt dieses tolle, sich über drei Generationen erstreckende Erzählung, die allerdings keinem phantastischen Genre zuzuordnen ist, sondern sich vor dem Hintergrund der Entstehung zweier Fantasy-Filme entwickelt. Wakulla Springs ist ein Resort in Nord-Florida mit einer tiefen Lagune und einem fast urzeitlichen Dschungel. Die Geschichte beginnt 1941, als hier Szenen zum fünften Tarzan-Film mit Johnny Weissmueller gedreht werden. Der zweite Teil setzt 1953 an, mit dem Dreh von Der Schrecken vom Amazonas ("The Creature from the Black Lagoon"), dem ersten (übrigens auch heute noch beeindruckenden) 3D-Film mit Unterwasseraufnahmen. Nach Weissmueller begegnet man hier dem Schwimmstar Ricou Browning als "Titelheld". Inhaltlich geht es aber eher um die Entwicklung der Bürgerrechte amerikanischer Farbiger bis in die heutige Zeit. Zwischendrin gibt es ein bizarres Interview mit dem heimlichen Tarzan-Star Cheetah.
The Butcher of Khardov (Dan Wells)
Dies ist ein Beitrag zur weitverbreiteten Sword-and-Sorcery-Fantasy, nicht wirklich schmerzhaft, aber auch nicht von besonderem Interesse. Figuren, magische Elemente und soziale Gegebenheiten aus dem Baukasten.
Six-Gun Snow-White (Catherynne M. Valente)
Dies ist Catherynne Valentes zweiter nominierter Kurzroman in Folge. 2010 war ihr Roman "Palimpsest" nominiert, der mir nach wenigen Jahren schon komplett aus dem Gedächtnis gefallen ist (das war allerdings ein Jahrgang, in dem mich keiner der Kandidaten angesprochen hatte). Mit ihrem Revolver-Schneewittchen amerikanisiert die 35jährige das Grimm'sche Märchen. Schneewittchen ist nun die Tochter einer Indianerin und eines Geschäftsmannes im ausgehenden 19. Jahrhundert, und der Spiegel der Stiefmutter ist eher ein Verwandter von Dorian Grays Gemälde. Das ist nicht langweilig, aber recht versponnen und gegen Ende ziemlich ziellos erzählt.
Equoid (Charles Stross)
Der Brite Charles Stross, Jahrgang 1964, ist ein unbestrittener Star der Science-Fiction-Szene. Zwei seiner Novellen gewannen den Hugo, sieben seiner Romane waren (innerhalb von zehn Jahren!) nominiert, allerdings gehört sein Beitrag auch dieses Jahr nicht zu den Favoriten. Seine Werke würde ich aufteilen in populäre Unterhaltung und anspruchsvollere Versuche. Zur zweiten Kategorie gehören die meisten seiner nominierten Romane, zur ersten die (etwa ab der Hälfte leider enttäuschenden) Merchant-Princes-Reihe und die humoristischen "Laundry"-Erzählungen, zu der auch diese Novelle zählt. Charles Stross ist ein mit ungemeinem Sprachwitz begabter Vielschreiber, mit einer durchwachsenen Menge von Veröffentlichungen. Die Laundry Files sind seine britischsten Werke, mit einem Anklang von Douglas Adams, allerdings mit schlüssigeren Handlungsstrukturen und gelegentlich selbstverliebter Geistreichheit. Sie funktionieren als Abenteuer wie als Satire auf die britische Behördenmentalität.
Die "Laundry" ist eine geheime britische Behörde, die Magie, Dämonenbeschwörung und weitere potentiell apokalyptische Praktiken reguliert. In dieser leicht alternativen Welt hat sich herausgestellt, daß höhere Mathematik und Computeralgorithmen ab einer gewissen Komplexität gefährliche Nebenwirkungen haben können. Entsprechend begabte Personen werden zu ihrer eigenen und zur nationalen Sicherheit aus dem Verkehr gezogen. So auch Bob Howard, nun in der Laundry offiziell zuständig für die Serveradministration, aber eigentlich ein Spezialist für Außeneinsätze, wo er sich - oft nur mit einer Hasenpfote, einem jPhone und seinem Verstand bewaffnet - mit psychopathischen Zauberern, fehlgeleiteten Hackern und freigesetzten Dämonen herumschlägt. Sein geheimes Tagebuch, das Charles Stross seit 2004 in Auszügen veröffentlicht, ist natürlich durch ein mächtiges Geas geschützt, das Unbefugte vom Lesen abhalten soll. Schließlich würde die Welt in Panik ausbrechen, sollte das Ausmaß der durch die moderne Computertechnik freigesetzten magischen Kräfte und das Nahen des Nightmare Case Green öffentlich werden.
Equoid ist ein minderer Beitrag zur Reihe, in der ersten Hälfte amüsant, in der zweiten spannend. Es geht um Einhorne, die allerdings mit dem Mythos nicht mehr viel gemeinsam haben. Ist daher nicht für Kinder geeignet, denn eine Begegnung mit einem Stross'schen Einhorn kann sehr blutig enden.
The Chaplain's Legacy (Brad Torgersen)
Nach Torgersen eindimensionalen Kurzgeschichte war ich nicht so recht auf eine solch komplexe Novelle vorbereitet. Spriritualität, abstrahiert von konkreten Religionen, dient in diesem überzeugenden Kurzroman als Brücke zwischen Menschen und Aliens und schließlich sogar als Friedensbringer. Der Ich-Erzähler Harrison Barlow, der (atheistische) "Assistent des Kaplans", hatte vor 20 Jahren de facto eigenhändig die Vernichtung der Menschheit durch eine technisch weit überlegene Insektenrasse gestoppt, indem er bei den "Käfer"-Wissenschaftlern ein Interesse an der Erforschung menschlicher Religionen erwecken konnte (die Ähnlichkeit der Aliens mit den Bugs aus Starship Troopers scheint mir gewollt). Nun neigt sich der Waffenstillstand seinem Ende zu. Trotz fieberhafter Versuche, technologisch mit dem Gegner aufzuschließen, scheint der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. Plötzlich findet sich Barlow mit einer menschlichen Offizierin sowie einem Wissenschaftler und einer einflußreichen Königin der Insektoiden auf einem unwirtlichen Planeten gestrandet wieder. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und gewinnen gleichzeitig Respekt füreinander. Das ist allerdings deutlich vielschichtiger angelegt als Wolfgang Petersens betulicher Genrefilm Enemy Mine.
Wakulla Springs (Andy Duncan und Ellen Klages)
Von zwei Gelegenheitsautoren kommt dieses tolle, sich über drei Generationen erstreckende Erzählung, die allerdings keinem phantastischen Genre zuzuordnen ist, sondern sich vor dem Hintergrund der Entstehung zweier Fantasy-Filme entwickelt. Wakulla Springs ist ein Resort in Nord-Florida mit einer tiefen Lagune und einem fast urzeitlichen Dschungel. Die Geschichte beginnt 1941, als hier Szenen zum fünften Tarzan-Film mit Johnny Weissmueller gedreht werden. Der zweite Teil setzt 1953 an, mit dem Dreh von Der Schrecken vom Amazonas ("The Creature from the Black Lagoon"), dem ersten (übrigens auch heute noch beeindruckenden) 3D-Film mit Unterwasseraufnahmen. Nach Weissmueller begegnet man hier dem Schwimmstar Ricou Browning als "Titelheld". Inhaltlich geht es aber eher um die Entwicklung der Bürgerrechte amerikanischer Farbiger bis in die heutige Zeit. Zwischendrin gibt es ein bizarres Interview mit dem heimlichen Tarzan-Star Cheetah.
"Klassische" DVD-Kurzrezension: Enemy Mine
Wolfgang Petersens ehrbarer Versuch eines intelligenten Science-Fiction-Dramas ist leider vorhersehbar und sentimental geworden. Gute Absichten allein reichen eben nicht, um einen guten Film abzuliefern. Louis Gossett Jr. als Alien ist nicht abstoßend genug in seiner Gummimaske, und Dennis Quaid kann nicht überzeugen in der Wandlung vom haßerfüllten Kämpfer zum zärtlichen Patenonkel. Es fehlen Nuancen, stattdessen sollen Standard-Versatzstücke aus dem Seifenopern-Repertoire den Zuschauer zu Tränen rühren. Wenn man darüber hinwegsieht, ist das Resultat denn doch einigermaßen spannend und unterhaltsam. Ordentlich (6/10).
Sonntag, 6. Juli 2014
Klassiker auf Blu-ray #10: Taking Off - Milos Formans US-Debut
Die 70er stehen für die Erneuerung des amerikanischen Kinos, mit Meilensteinen u.a. von Francis Coppola (Der Pate), Martin Scorsese (Taxi Driver) und Robert Altman (Nashville). Aber gelegentlich machten immer noch europäische Immigranten von sich reden, so etwa Roman Polanski (Chinatown, 1974) und der Tschechoslowake Milos Forman, der 1975 mit Einer flog über das Kuckucksnest und 1984 mit Amadeus zwei der besten Drehbücher des Jahrhunderts zu Klassikern machte, gekrönt jeweils mit Oscars für den Besten Film, die beste Regie und die Autoren. Taking Off ("Ich bin durchgebrannt") war 1971 sein erster amerikanischer Film und floppte damals so gnadenlos, daß er erst jetzt auf einer technisch tadellosen Blu-ray im Heimkino wiederentdeckt werden kann. Er ist das Bindeglied zwischen seinen tschechischen, von der Nouvelle Vague beeinflußten "kleinen" Filmen und seinen brillanten Hollywood-Hochglanzprodukten.
Im der Blu-ray beigefügten hochinteressanten Interview aus dem Jahr 2000 erklärt Forman das Zustandekommen des Projekts, dessen Drehbuch er u.a. mit Jean-Claude Carrière entwickelte, einem wichtigen Collaborateur von Louis Malle und Luis Buñuel, Überwiegend mit Amateuren improvisiert, ist es eine sanfte Satire auf die Haltlosigkeit der amerikanischen Mittelschicht und die Entfremdung von ihren "Hippie"-Kindern. Ausgangspunkt der Geschichte ist das Verschwinden der 15jährigen Jeannie und der verzweifelt-komische Versuch der spießigen Eltern, einen Zugang zur geheimnisvollen Welt der Tochter zu bekommen. Dabei werden sie jedoch eher mit ihren eigenen Unsicherheiten und Sehnsüchten konfrontiert.
Die episodisch-fragmentierte Erzählstruktur reibt sich vielleicht mit den Sehgewohnheiten vieler Zuschauer, enthält aber fabelhaft zusammengeschnittene Sequenzen und tolle Musik. Da singt Kathy Bates in ihrem Leinwanddebut ein wunderschönes, selbstkomponiertes Lied zur Gitarre, und es gibt einen explosiven Live-Auftritt von Ike und Tina Turner. Im unfaßbar skurrilen Höhepunkt erklärt Vincent Schiavelli (Formans erster amerikanischer Freund war später einer der Patienten im "Kuckucksnest" und dann Butler von Salieri) den verwirrten Eltern "verschwundener" Jugendlicher den korrekten Konsum von Marihuana ("Wird sich das mit dem Alkohol vertragen? - Ich verspreche Ihnen, es wird!"). Das mündet abends in eine Partie Strip-Poker im Hause von Lynns Eltern, wo sich der Kreis schließt, als Lynn plötzlich heimkehrt und im abschließenden Dinner mit ihrem Musikerfreund plötzlich vernünftiger und reifer als die ältere Generation erscheint.
Diese Entdeckung ist nicht nur film- und musikhistorisch interessant, sondern allemal gut für einen vergnüglichen Filmabend. Sehr gut (8/10)!
Im der Blu-ray beigefügten hochinteressanten Interview aus dem Jahr 2000 erklärt Forman das Zustandekommen des Projekts, dessen Drehbuch er u.a. mit Jean-Claude Carrière entwickelte, einem wichtigen Collaborateur von Louis Malle und Luis Buñuel, Überwiegend mit Amateuren improvisiert, ist es eine sanfte Satire auf die Haltlosigkeit der amerikanischen Mittelschicht und die Entfremdung von ihren "Hippie"-Kindern. Ausgangspunkt der Geschichte ist das Verschwinden der 15jährigen Jeannie und der verzweifelt-komische Versuch der spießigen Eltern, einen Zugang zur geheimnisvollen Welt der Tochter zu bekommen. Dabei werden sie jedoch eher mit ihren eigenen Unsicherheiten und Sehnsüchten konfrontiert.
Die episodisch-fragmentierte Erzählstruktur reibt sich vielleicht mit den Sehgewohnheiten vieler Zuschauer, enthält aber fabelhaft zusammengeschnittene Sequenzen und tolle Musik. Da singt Kathy Bates in ihrem Leinwanddebut ein wunderschönes, selbstkomponiertes Lied zur Gitarre, und es gibt einen explosiven Live-Auftritt von Ike und Tina Turner. Im unfaßbar skurrilen Höhepunkt erklärt Vincent Schiavelli (Formans erster amerikanischer Freund war später einer der Patienten im "Kuckucksnest" und dann Butler von Salieri) den verwirrten Eltern "verschwundener" Jugendlicher den korrekten Konsum von Marihuana ("Wird sich das mit dem Alkohol vertragen? - Ich verspreche Ihnen, es wird!"). Das mündet abends in eine Partie Strip-Poker im Hause von Lynns Eltern, wo sich der Kreis schließt, als Lynn plötzlich heimkehrt und im abschließenden Dinner mit ihrem Musikerfreund plötzlich vernünftiger und reifer als die ältere Generation erscheint.
Diese Entdeckung ist nicht nur film- und musikhistorisch interessant, sondern allemal gut für einen vergnüglichen Filmabend. Sehr gut (8/10)!
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