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Sonntag, 30. Oktober 2016

Dr. Strange, or How I Learned To Stop Worrying and Love the Magic (8/10)

Rezept für die Einführung eines neuen Marvel-Superhelden

  1. Man beginne mit einem außergewöhnlichen Menschen mit markanten Charakterfehlern (bisher waren das alles Männer, aber mit der bereits durch Oscar-Gewinnerin Brie Larson besetzten Figur Captain Marvel wird sich das 2019 ändern).
  2. Man lege ihn in eine Lebenskrise ein. Bewährte Zutaten für den Sud: Krebs, Granatsplitter am Herzen, Gefängnis, allgemeiner Minderwertigkeitskomplex. Auch möglich: Schulprobleme, finanzieller Ruin, Hybris.
  3. Optional: Man würze mit einer (vorzugsweise tragischen) Liebesgeschichte. Vielleicht findet man im Gewürzregal sogar eine potentielle Superhelden-Partnerin (siehe The Wasp).
  4. Man füge eine Kelle Superkräfte hinzu. Beim Einkauf darf der Koch seiner Fantasie freien Lauf lassen - von Spinnenbissen über Wunderdrogen bis hin zum Klassiker Radioaktivität gibt es viele beliebte Variationen.
  5. Man lasse ihn mit seinen Superkräften für eine Zeitlang garen (nie verkehrt: Trainingsmontage).
  6. Man schmecke mit Verbündeten und Erzfeinden ab (wichtig: möglichst viele Geschmacksrichtungen berücksichtigen)
  7. Man lasse ihn in einem furiosen Finale die Welt retten (oder wenigstens die Stadt, das Land oder den Zeitfluss).
  8. Nach Gutdünken: Rühren und Schütteln (siehe Deadpool).



Strange Brew (Cream, 1967)


Es lohnt sich also kaum, Worte zur Handlung von Dr. Strange zu verlieren. Wie bei allen Rezepten kommt es dann aber doch auf den Koch und die Zutaten an. Was den Chef angeht, war mit Scott Derrickson zunächst mal Skepsis angesagt. Neben einigen Horrorstreifen hat er das sinnlose Remake von Der Tag, an dem die Erde stillstand mit Keanu Reeves zu verantworten. Mitautor Jon Spaihts war gar am missglückten Alien-Prequel Prometheus beteiligt. So schlecht wie erwartet ist die Inszenierung aber nicht geworden, und das Ausgangsmaterial (Comics von Steve Ditko) war offenbar recht inspirierend. Ein erfahrener Regisseur hätte allerdings so manche Szene besser auf den Punkt gebracht. So erscheinen Schlüsselereignisse (die Rückkehr von Dr. Strange nach New York, seine Meinungsverschiedenheiten mit Mordo) eher als abgehakte Plot Points denn als emotionale Höhepunkte. Und trotz photographischem Gedächtnis erlernt Dr. Strange seine Fähigkeiten viel zu schnell. Für den Zuschauer scheinen nur Tage zu vergehen zwischen den ersten Versuchen und den fortgeschrittenen Kabinettstückchen. Alles in allem werden diese Schwächen jedoch durch tolle Effekte und ein überragendes Ensemble wiedergutgemacht.

Dazzling Stranger (Wizz Jones 1970)




Noch weniger Worte zu Benedict Cumberbatch. Klar ist er charismatisch, selbstverständlich trägt er den Mantel des Hauptdarstellers mühelos. Man sollte einmal innehalten und sich vorstellen, wie albern all die Zauberei auf dem Papier ausgesehen haben muss - die entsteht nämlich durch viel Fuchtelei mit einem halben blechernen Faustring und raumgreifenden Gesten, die jeder Management-Coach seiner Clientel sofort wieder austreiben würde. Aber Cumberbatch findet die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Selbstironie, um den Zuschauer in diese Welt zu transportieren.

She's so strange (Travis 1999)




Zu Tilda Swinton habe ich immer noch ein zwiespältiges Verhältnis. Tony Gilroys Gerichtsdrama Michael Clayton, für das sie 2008 einen Oscar gewann, konnte mich nicht so recht begeistern. Aber in den letzten Jahren hat sie wie niemand sonst fantastische Figuren zum Leben erweckt, besonders für die Coens (Hail, Caesar!) und Jim Jarmusch (Only Lovers Alive). Als "The Ancient One" nimmt man ihr bereits zum wiederholten Mal eine in vielen Jahrhunderten erworbene Weisheit ab, und trotz der durch eine Glatze verstärkten Fremdartigkeit bricht immer wieder eine erfrischende Verschmitztheit durch, die sie doch wieder vertraut erscheinen lässt.


People Are Strange (The Doors 1967)




Dann gibt es den Oscar-nominierten Chiwetel Ejiofor als Mordo (und wer den Namen immer noch nicht aussprechen kann, sollte es nun endlich lernen!) Seiner Figur hätte ich mehr Tiefe und bessere Dialoge gewünscht, aber das wurde wohl für die Fortsetzung aufgespart. Nicht viel besser geht es Rachel McAdams, die für die tragische Liebesgeschichte herhalten muss. Lustigerweise hatte sie ja bereits mit Sherlock zu tun, allerdings in der Inkarnation von Robert Downing Jr. Fehlt noch Jonny Lee Miller aus Elementary.


Strange - I've seen that face before (Grace Jones 1981)




Generisch wirkt auch der dänische Star Mads Mikkelsen als Hauptschurke. Dafür hat mir Benedict Wong als (wie passend) "Master Wong" prima gefallen. Der Engländer mit Hongkong-Wurzeln hat einfach eine irre Ausstrahlung, was er inzwischen nicht nur als Kublai Khan in Marco Polo bewiesen hat, und das trotz einer merkwürdig schleppenden Aussprache, die auch nichts mit seiner Heimatstadt Manchester zu tun hat. Hier glänzt er mit feinem stoischen Humor.

Isn't Life Strange? (The Moody Blues 1972)




Es ist schon wagemutig, Magie in ein Universum einführt, welches sich bisher zumindest bemüht hat, den wissenschaftlichen Anstrich zu wahren. Selbst die Asgarder werden als technisch überlegene Ausserirdische dargestellt, und Phil Coulson wird in Agents of Shield nicht müde zu erklären, dass Thor kein Gott, sondern ein Alien sei ("Technically, he's not a god"). Mit der Einführung des Ghost Riders bewegt sich nun aber auch die TV-Serie auf dünnem pseudowissenschaftlichen Eis. Ehrlich gesagt gehört schon die sagenhafte Macht der Infinity Stones (welche die Avengers noch viele Kinojahre beschäftigen werden) hundertprozentig ins Reich der Fantasy. Jetzt ist jedenfalls der Damm gebrochen: Reisen durch magische Tore, die Astralwelt, Zeitmanipulation, eigensinnige Mäntel kann jetzt auch Tony Stark nicht mehr als technischen Fortschritt wegdiskutieren.

Strange Avenues (Jethro Tull 1989)




Immerhin ist die Tricktechnik weit genug, solche fantastischen Ebenen zu bebildern. Im Vorfeld wurde bereits viel Aufhebens um die an Inception erinnernde Spiegelwelt mit ihren Escher-puzzeligen Straßenzügen gemacht. Ja, sie ist beeindruckend, aber doch mehr ein Gimmick. Beeindruckender fand ich die vielen kleinen Effekte, die Alltagsmagie sozusagen, die wirklich nahtlos integriert ist. In 3D schlagen dem Zuschauer oft feine verzauberte Funken ins Gesicht. Trotzdembin ich mir nicht sicher, ob sich dafür das Brillentragen lohnt. Übrigens ist es tatsächlich gelungen, dem bei Marvel traditionellen Actiongewitter zum Abschluss einen neuen Dreh zu geben - die Guten und die Bösen kämpfen, während um sie herum die Zeit rückwärts läuft, inklusive eines kleinen spaßigen Twists.

Goodbye Stranger (Supertramp 1979)




Ebenfalls üblich sind die beiden Postcredit-Szenen, von denen eine auf die Fortsetzung neugierig macht und die andere den nächsten Gastauftritt vorbereitet. "Spoilerfreier" Tip: Cameo eines Avengers mit modischer Barttracht... Jedenfalls hat mich die Marvelmaschinerie wieder eingefangen, und ich freue mich auf 2017: Guardians Vol. 2 (yeah!), Spiderman: Homecoming (na ja), Thor: Ragnarök (spannend). Auf ein Wiedersehen: Dr. Strange = Marvel-Magie. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 23. Oktober 2016

SF-Klassiker #10: Ringwelt (Larry Niven, 1970)

Science-Fiction-Fans lieben gewagte Konzepte, wie sie vor allem in der "harten" SF präsentiert werden. Diese reichen von plausiblen Vorhersagen zu unwahrscheinlichen Konstrukten bis hin zu physikalisch unmöglichen Ideen. Ein Beispiel aus der ersten Kategorie ist ein Kommunikationsnetz aus geosynchronen Satelliten, welches Arthur C. Clarke bereits 1945 beschrieben hatte. Zur zweiten Kategorie gehört etwa die über hundert Jahre alte Idee des Weltraumlifts, die Ende der 70er in Romanen von Clarke und Charles Sheffield aufgegriffen wurde. Larry Nivens Ringwelt ist vielleicht das berühmteste Beispiel für eine unmögliche Idee, die trotzdem zu einer Vielzahl von wissenschaftlichen Erörterungen geführt und die Fantasie unzähliger Leser beflügelt hat. Hochverdient wurden ihm dafür Hugo und Nebula für den besten SF-Roman des Jahres verliehen. Zusätzlich gewann er zwischen 1967 und 1976 drei Hugos für Kurzformen.


So beschreibt Niven seine Ringwelt (aus dem Englischen paraphrasiert):
Man nehme 15 Meter hellblaues Geschenkband mit einer Breite von 2,5 Zentimetern, bilde daraus einen Ring, den man mit der Kante auf dem Fußboden aufstellt, und platziere in der Mitte eine Kerze. Dann vergrößere man den Maßstab: Mit der Sonne im Zentrum stelle man sich den Ring etwa im Erdabstand vor, 1,6 Millionen Kilometer breit (grob 30 mal der Erdumfang). Der Ring rotiert mit mehr als 1.200 Kilometern pro Sekunde, um auf der Innenseite erdähnliche Gravitation zu simulieren. Die Kanten sind durch 1,6 Kilometer hohe Steilwände eingegrenzt, damit die Atmosphäre nicht entweicht, und zwischen dem Ring und der Sonne stehen in gleichmäßigen Abständen 20 riesige, rechteckige Schattenspender im Orbit, die für einen Tag-Nacht-Rhythmus von 30 Stunden sorgen. Das Außenmaterial des Rings muss dabei aus sagenhaft widerstandsfähigem Material bestehen (der Autor beschreibt es als "unreasonably strong" und postuliert, dass nur 40% der kosmischen Neutrinos es durchdringen können).
Ein beeindruckendes Konstrukt bedingt natürlich noch keinen tollen Roman. Zum Glück wurde Niven in diesem Fall von der Inspiration nicht im Stich gelassen. Die Erforschung der Ringwelt bietet nicht nur spannende Abenteuer mit vielen Überraschungen, sondern auch eine exzellente Figurenkonstellation. Aber zunächst noch ein paar Worte zur Ausgangslage. Die Geschichte ist in Nivens "Known Space"-Universum angesiedelt, benannt nach der etwa 60 Lichtjahre durchmessenden Einflusssphäre der Menschheit gut tausend Jahre in der Zukunft. Die meist von Aliens, zum Beispiel den Raumnomaden der Outsiders übernommene Technologie besteht aus den in der SF lange eingeführten Zutaten: Reisen durch Ent- und Rematerialisierung (bei Perry Rhodan heißt das "Materietransmitter", bei Star Trek "Beamen"), lebensverlängernde Drogen, überlichtschnelle Raumfahrt und künstliche Gravitation. Da ist das Konstrukt der Ringwelt schon fast wieder plausibel zu nennen (ich erwähne das trotz aller Liebe zum Genre nur, um auf die Schizophrenität sogenannter "harter" SF hinzuweisen).

Hauptfigur ist Louis Wu, 200 Jahre alter Lebemann (mit der Physis eines 20jährigen). Er wird vom Puppeteer Nessus (einem Alien mit zwei Köpfen und drei Beinen) an seinem Geburtstag für eine Expedition rekrutiert. Das ist in sofern außergewöhnlich, als das Volk der als Feiglinge verschrienen Puppetiers schon seit Jahren den Known Space verlassen hat, auf der Flucht vor den in 2000 Jahren erwarteten Auswirkungen von Novaexplosionen im galaktischen Kern. Dazu gesellt sich Chmeee, ein Mitglied der aggressiven, tigerähnlichen Kzins, die sich in jahrzehntelangen Kriegen mit der Menschheit fast aufgerieben haben, und zuletzt die 20jährige Teela, ein Erdenmädchen, das aufgrund besonderer Umstände fast einer vierten Rasse zugeordnet werden muss (was sie nicht davon abhält, eine Liebesbeziehung mit Wu einzugehen). Übrigens keine Sorge, eine Liebesgeschichte ist dies wirklich nur am Rande.

Spannend ist nicht nur die Dynamik zwischen den vier Forschern, sondern auch die sich erst langsam enthüllende Beziehung zwischen den drei Zivilisationen, deren Werdegang stärker miteinander verknüpft ist, als sie selbst zu Beginn erahnen konnten. Dazu kommt das Geheimnis um die verschollenen Schöpfer der Ringwelt, die technologisch allen anderen überlegen gewesen sein mussten, allerdings scheinbar keine Überlicht-Raumfahrt zur Verfügung hatten. Im Laufe der Geschichte wird auch Teelas Rolle immer wichtiger. Aufgrund der einen kritischen Punkt erreichenden Überbevölkerung hatte die Menschheit nämlich vor Jahrhunderten eine strenge Geburtenregelung eingeführt, die das Recht auf Elternschaft neben anderen Kriterien auch auf eine Zufallskomponente begründet. Teela ist nun in fünfter Generation das Kind solcher Lotteriegewinner, und der Expeditionsleiter Nessus hofft, dass ihr statistisches Glück auf sein Unterfangen abfärbt.

Das ist natürlich eine wagemutige Idee, und ich muss gleich einräumen, dass Niven diese durchaus mit einem Augenzwinkern einführt. Überhaupt ist sein Erzählton eher leichtfüssig. Seine sprachlichen Mittel sind begrenzt, aber er schreibt spannend, humorvoll und mit Herz. Die Darstellung der glaubwürdig fremdartigen Aliens finde ich sehr gelungen, Sexszenen sind geschmackvoll zurückhaltend gestaltet. Frauenfiguren sind allerdings nicht Nivens Stärke (da steht er in der Tradition von Heinlein, Clarke und Asimov). Als Agnostiker interessiert den Autor Religion wenig, und er geht sogar so weit, ein neutrales Schimpfwort zu erfinden. "tanj" steht für "there ain't no justice" und gibt den Dialogen durchaus ein gewisses Flair, auch wenn das Thema kontrovers diskutiert wird (siehe den Wikipedia-Artikel Profanity in Science Fiction). Frakking ridiculous!

Bei genauerem Hinsehen ist Nivens Konstrukt einer futuristischen menschlichen Gesellschaft allerdings ziemlich fragwürdig. Vor den fatalen Gefahren der Überbevölkerung hatte schließlich schon 1968 John Brunner in seinem Hugo-prämierten Roman Stand on Zanzibar gewarnt - der Titel bezieht sich auf den Zeitpunkt, zu dem theoretisch nicht mehr alle Menschen einen Stehplatz auf der afrikanischen Insel Sansibar zur Verfügung haben würden (diesen haben wir übrigens inzwischen erreicht - Glückwunsch!) Dass Niven nun die größte Einschränkung für Bevölkerungswachstum in der mangelnden Hitzeableitung einer Welt sieht, wirkt auf mich schon vorgestrig. Anderseits hatte er nicht den Anspruch, die Gesellschaft aus sozialwissenschaftlicher Sicht zu betrachten. Das Schöne des Genres ist ja unter anderem die mögliche Vielfalt. Nivens Gewinn war eingerahmt von Ursula Le Guins philosophischem, Geschlechterrollen hinterfragenden Meisterwerk Die linke Hand der Dunkelheit ("The Left Hand of Darkness") und Philip José Farmers ebenfalls auf einem grandiosen, allerdings eher mystischen Konzept beruhender Flusswelt der Zeit ("To Your Scattered Bodies Go").

Larry Niven 2015

Der 78 Jahre alte Larry Niven gehört zur zweiten Generation und wohl auch zur zweiten Reihe der Hard-SF-Autoren. Er wurde erst 2015 von der amerikanischen Autorenschaft mit dem Damon Knight Memorial Grand Master Award zum 31. Großmeister der Science Fiction ernannt. In jungen Jahren habe ich etliche seiner unterhaltsamen, aber selten tiefgehenden Romane gelesen, von denen viele in Zusammenarbeit mit Jerry Pournelle entstanden. Von seinem Werk ist mir aber nicht viel im Gedächtnis geblieben, am ehesten noch das 1971 veröffentlichte humoristische Gemeinschaftswerk mit David Gerrold, Die Fliegenden Zauberer. Sein Hauptvermächtnis ist zweifelsohne der Ringwelt-Zyklus. Die erste Fortsetzung erschien 1980, vor allem aufgrund hartnäckig aufgeworfener technischer Fragen der Fans. So befindet sich die Ringwelt ja astronomisch gesehen nicht in einem Orbit um ihre Sonne, was die Stabilität des Systems in Frage stellt. Tatsächlich stellt dann die zweite Forschungsexpedition in "Die Ingenieure der Ringwelt" genau dieses fest - die Sonne steht nicht mehr im Zentrum des Rings und droht diesen zu zerstören. Ansonsten schrieb Niven leider nur die gleiche Figurenkonstellation weniger interessant fort. Der enthüllte kosmische Zusammenhang wirkt auf mich dann aufgesetzt. Wer würde schon seine Geschlechtsorgane gegen ein zweites Herz eintauschen, Langlebigkeit hin oder her?

Erst die eBook-Technik ermöglicht die Wiederveröffentlichung vieler alter Klassiker zu vernünftigen Preisen. Leider gibt es noch Verlage, die diese Entwicklung blockieren. So verlangt Amazon für die berühmten Romane von Joan Vinge inakzeptable Preise um die 20 Euro für die Kindle-Editionen. Die beiden genannten Ringwelt-Romane sind erst seit einem Jahr erhältlich, für gerade noch vertretbare 5-6 Euro. Dabei ist der erste Band für den Kindle offenbar sorgfältig aufbereitet worden (u.a. mit X-Ray, einem interaktiven Figurenverzeichnis), die Fortsetzung deutlich weniger gut (mit gelegentlichen, aber kaum den Lesefluss störenden Scan-Fehlern).

Samstag, 8. Oktober 2016

(Niemand) Findet Dorie (erträglich - 4/10)

Hallo, mein Name ist Dorie, ich leide an einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses...

Walt Disney würde sich im Grabe umdrehen. All die entgangenen Marketing-Möglichkeiten! Statt seine frühen Trickfilm-Erfolge richtig auszuschlachten, nahm er immer neue wahnwitzige Projekte in Produktion. Dabei hätte allein die Origin-Story von Schneewittchens sieben Zwergen über Jahre stabile Umsätze garantiert. Ganz zu schweigen von "Die spannenden Abenteuer von Jiminy Cricket" oder "Die Kindheit des Gepetto" über die beliebten Pinocchio-Figuren. Stattdessen verschwendete er seine Zeit mit psychedelisch bebilderten Klassikkonzerten und verschreckte die Jugend mit fliegenden Elefanten und Rehkitz-Waisen.

Oh, Sand! Ich liebe Sand, er ist so schön matschig!



Bald nach Walts Tod 1966 wurde zum Glück die Videokassette erfunden, und der Disney-Konzern produzierte prompt zu jedem Hit billige, uninspirierte Fortsetzungen für die Flimmerkiste im Wohnzimmer. Ob Pocahontas II, Simbas Abenteuer, Kleine Strolche - selbst eine Fortsetzung des Glöckners von Notre Dame war für ein paar Dollars gut.

Hallo, mein Name ist Dorie, könnt ihr mir helfen, meine Eltern zu finden?



Endlich sieht sich auch Pixar in dieser Tradition des Mutterstudios und produziert zu jedem Hit teure, uninspirierte Fortsetzungen. Einzig Toy Story 2 übertraf dabei das Original, aber das ist lange her. Und doch: Die Rechnung scheint aufzugehen: Fast jeder zehnte Amerikaner hat schon ein Ticket für Finding Dory gelöst. Weltweit ist die Milliardengrenze in Dollars fast erreicht, vielleicht wird in der Jahresbilanz sogar noch das (originelle und trotzdem grauenhafte) Produkt des Mutterkonzerns Zoomania überholt.

Muscheln! Ich liebe Muscheln! Meine Mutter mochte besonders die violetten!



Was soll ich gegen solche Zahlen und immer noch einen Metascore von 7,7 anschwimmen? Anbringen, dass Dorie als Sidekick toll war, als Hauptfigur allerdings schnell nervt? Dass ich keinen Spannungsbogen erkennen konnte und der Film in Einzelepisoden zerfällt? Dass die "zufälligen" Begegnungen jedwede Glaubwürdigkeit strapazieren? Dass es verstörend wirkt, dass Nemo nach einem Jahr erst halb so gross wie sein Vater ist - und das bei einer Lebenserwartung von 6-9 Jahren? Dass die Aquariumbilder inzwischen so realistisch gerendert sind, dass Nemos lyrische Qualität völlig verlorengegangen ist? Und was, um Avatars willen, hat Sigourney Weaver hier verloren?



Hallo, wisst Ihr den Weg nach nirgendwo?

Und dann die fragwürdigen Botschaften! Spoiler: Hatten Dories Eltern wirklich all die Jahre nichts anderes zu tun, als in ihrem Unterseehäuschen zu hocken, Muschelspuren zu legen und auf ihre verschollene Tochter zu warten? Welch eine Verschwendung, diese Loser mit den Altstars Diane Keaton und Eugene Levy zu besetzen! Und Familie ist Familie, aber wenn man seine Familie vermisst, muss man Familie suchen, nur um am Ende festzustellen, dass Freunde Familie sind - aber hat man dann zwei Familien? Welche ist überzählig?

Hallo, mein Name ist Dorie, ich leide an einer Störung des Kurzzeitgedächtnisses...


Was würde Dorie tun? Wahrscheinlich eher das charmante Original nochmals anschauen, gern in der nachträglich veröffentlichten 3D-Version. Auch ein Besuch des Aquariums im heimischen Zoo wäre vorzuziehen. Allein der Septopus Hank (gesprochen vom Modern-Family-Patriarchen Ed O'Neill) und der herzallerliebste Vorfilm Piper machen den Kinoabend noch erträglich (4/10). Und wehe, Pixar kommt uns in ein paar Jahren mit "Findet Hank"!