Jack Finney (1911 - 1995) war ein profilierter amerikanischer Autor von Krimis und Thrillern, der aber vor allem durch seine wenigen Ausflüge in die Science Fiction berühmt ist. Sein bekanntestes Werk, "Die Körperfresser kommen" bzw. "Invasion of the Body Snatchers" (1955), eine Art Horrorparodie auf die Kommunisten-Paranoia seiner Landsleute, wurde bisher viermal verfilmt, am erfolgreichsten 1978 durch Philip Kaufman (mit Donald Sutherland, Leonard Nimoy und Jeff Goldblum).
Im 1970 erschienenen "Von Zeit zu Zeit" reist der Ich-Erzähler, Simon Morley, in der wohl sanftesten vorstellbaren Weise durch die Zeit. Im wesentlichen durch Selbsthypnose bewegt er sich zwischen "seinem" New York und einem nur unvollkommen durch frühe Fotographien und Zeichnungen dokumentierten New York des Jahres 1882. Und es ist der Kontrast dieser "nur" 90 Jahre auseinander liegenden Perioden, der den Roman mit Leben und Spannung erfüllt. Dabei ist der wesentliche Unterschied nicht die Technologie, sondern die Einstellung der Menschen zu ihrer Zeit. In den 1880ern gibt es sicher eher mehr Armut, Krankheit und Elend als in unserer "modernen" Zivilisation. Aber es gibt auch noch eine alltägliche Gelassenheit und eine stille Freude am Leben, die späteren Generationen abhanden gekommen sind. Illustriert wird dies etwa durch einen geselligen Abend der Pension, in der Simon unterkommt. Ohne Ablenkung durch Fernsehen oder andere moderne Medien vergnügen sich die Bewohner mit Charaden, Musizieren und Zaubertricks. Gesprächsthemen sind der Zeitung entnommene Ereignisse: die Gerichtsverhandlung gegen einen notorischen Mörder, Modeentwicklungen, Klatsch.
So verstehe zumindest ich die These des Autors, die man weitere 40 Jahre nach Entstehung durchaus weiterspinnen kann. Der zugrundeliegende Kontrast hat sich seitdem ja noch deutlich verschärft. Stilistisch gesehen mag gerade die erste Hälfte des Romans dem heutigen Leser etwas zäh vorkommen. Finney beschreibt Situationen und Menschen gern bis in die kleinsten Details. Aber genau diese Detailversessenheit macht für mich den Sog der Geschehnisse aus. Der Lesegenuß entsteht daraus, sich entführen zu lassen in diese fast noch greifbare und doch so entfernte Welt des 19. Jahrhunderts, mit Schlittenfahrten und von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Erst im letzten Drittel spitzen sich die Ereignisse zum Thriller mit anschließender spannender Verfolgungsjagd zu. Die Figuren wirken plastisch, Charakterentwicklungen stehen aber nicht im Vordergrund. Nicht erwarten sollte man besonders feministische Positionen. Die Frauen sind durchaus sympathisch, erscheinen aber recht passiv und fremdbestimmt - wohl korrekt für 1882, vielleicht auch für 1970 noch die Norm. Manchmal scheint auch eine Art idealistischer Naivität durch: in merkwürdiger Erinnerung blieb mir eine Passage über "fröhliche kannibalistische Zulus" (Position 3541).
Während für H.G. Wells 1895 seine Zeitmaschine vor allem einen erzählerischer Kniff darstellte, mit dem er seine Allegorie auf die vorherrschenden Ideologien eine anschauliche Gestalt geben konnte, behandelten viele der späteren Zeitreisegeschichten wissenschaftlichen Aspekte und das Problem von Zeitparadoxen (Was passiert, wenn ich in die Vergangenheit reise und verhindere, daß meine Eltern sich kennenlernen?) Finneys Roman ist sich möglicher Paradoxen bewußt. Auf einer abstrakten Ebene ist er auch eine Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie, Laut IMDB ist erst jetzt eine Verfilmung in Planung - es bleibt abzuwarten, ob der Grundton der Vorlage erhalten bleibt, oder ob der Stoff nur zu einem weiteren futuristischen Thriller mit Twist verarbeitet wird.
Die Kindle-Edition ist tadellos formatiert und fehlerfrei aufbereitet. Sie enthält die aus verschiedenen historischen Quellen zusammengestellten Schwarzweiß-Fotografien und -Zeichnungen, die auf dem 6-Zoll-Bildschirm naturgemäß arg klein geraten (dafür empfiehlt es sich, parallel ein Tablet bereitzuhalten).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 29. Dezember 2013
Montag, 23. Dezember 2013
Leicht enttäuschender Action-Overload: Der Hobbit - Smaugs Einöde (8/10)
Als ich 8 war, fand ich im Kleiderschrank keinen Weg nach Narnia.
Als ich 11 war, kam keine Einladung nach Hogwarts.
Als ich 12 war, hat mich kein Satyr zum Camp Half-Blood abgeholt.
Gandalf, ich zähle darauf, daß Du mich an meinem 50. Geburtstag zu einem Abenteuer mitnimmst!
Ähnlich wie Die Gefährten in der HdR-Trilogie dient Eine unerwartete Reise als Einführung in die Welt und die Charaktere der neuen Hobbit-Filme. Die durch 15 zusätzliche Minuten abgerundete Blu-ray-Fassung bietet ein wunderbares Heimkinoerlebnis, in dem die Actionszenen nicht mehr übertrieben lang wirken und sich immerhin einige der Zwerge langsam als eigene Persönlichkeiten etablieren. In der Fortsetzung geht es nach einem Prolog, in dem die Bedeutung des Arkenstones illustriert wird, sofort richtig zur Sache. Die Reise zum einsamen Berg gerät zur Hetzjagd, und die magische Unverwundbarkeit von Legolas scheint sich nun endgültig auf alle 13 Zwerge zu erstrecken (der Liebling vieler weiblicher Fans bekommt immerhin einmal gewaltig was auf die Nase). Je mehr Computereffekte eingesetzt werden, desto irrealer erscheinen die Kämpfe.
Unerklärlich, warum bei 160 Minuten Laufzeit das Durchqueren des düster-magischen Mirkwoods so schnell vorbei ist (ausgelassen wird z.B., daß Bombur vom Flußwasser trinkt und tagelang schlafend transportiert werden muß). Auch im Königreich der Waldelben hätte man sich länger aufhalten können. Stattdessen gibt es als Höhepunkt ein nicht enden wollendes, wahnwitziges Duell der Zwerge mit dem (zugegeben sehr gelungen animierten) Drachen Smaug, und vorher endlos sich wiederholende Schlachten mit Ork-Statisten. Die HFR-3D-Bilder sind wie im ersten Teil angenehm und gelegentlich atemberaubend. Wenig im Gedächtnis bleibt diesmal die Musik von Howard Shore, auch das von Ed Sheeran gesungene Lied zum Abspann konnte mich nicht begeistern.
Trotzdem vergehen die fast drei Stunden wie im Flug, und es gibt es genug Szenen zum Staunen und Schmunzeln. Die (vom Jackson-Team erfundene) Elbin Tauriel sorgt sogar für ein wenig Romantik. Der dynamischen Darstellung von Lost-Star Evangeline Lilly merkt man nicht an, daß sie gerade Mutter geworden war - trotz ihrer leicht mißglückten Ohrprotesen ist sie Lee Pace (als Legolas' Vater Thranduil) und Orlando Bloom an Ausstrahlung ebenbürtig. Als schleimiger Bürgermeister von Laketown glänzt Stephen Fry, als Beorn überzeugt der Schwede Mikael Persbrand - von ihm hätte man gern mehr gesehen. Auch Luke Evans als Bogenschütze Bard ist sympathisch - ihm hat man sogar eine komplette Familie gespendet. Für etwas epischen Pathos sorgt Gandalfs Konfrontation mit dem Übel von Dol Guldur, die fast als zweiter Handlungsstrang angelegt ist.
Es bleibt zu hoffen, daß die erweiterte Heimkinofassung einige dieser Probleme mindern kann. Bis dahin vergebe ich leicht enttäuschte 8/10 Punkte (Sehr gut).
Rätselhaft, wenig authentisch und depressiv: Inside Llewyn Davis (5/10)
Inside Llewyn Davis ist ein deprimierendes Porträt eines Musikers, der niemals gelebt hat, und ein Zerrspiegel einer Zeit, die es niemals gab. Das Drehbuch soll auf den Erinnerungen von Dave Van Ronk beruhen und spielt zu Beginn des Folkrevivals Anfang der 60er. Nach dem wenigen, das ich über diesen Folksänger weiß, war er zwar kommerziell tatsächlich wenig erfolgreich, aber mit seinem charismatischen Auftreten und einfallsreichen Repertoire Vorbild für etliche spätere Stars (er war Mitte der 90er Mitwirkender beim Nostalgie-Event Lifelines von Peter, Paul & Mary). Der bisher recht unbekannte Oscar Isaac spielt (durchaus kompetent) einen mittelmäßigen, desillusionierten Folksänger, der überhaupt nicht in diese Zeit des Aufbruchs paßt. Die New Yorker Szene in Greenwich Village kann damals unmöglich so dröge wie im Film dargestellt gewesen sein. Wo ist die Begeisterung des Neuanfangs geblieben, aus der sich Ikonen der 60er wie Joan Baez und Peter, Paul & Mary (die übrigens Millionen von Alben verkauften) etablierten, die den Nährboden für eine Generation hervorragender Liedermacher wie Phil Ochs, Eric Anderson,Tom Paxton und Paul Simon und den Pop-Folk der späten 60er bildete, mit den Lovin' Spoonful, den Byrds, den Mamas & Papas?
Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).
Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.
Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).
Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).
Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.
Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).
Dienstag, 3. Dezember 2013
Klassiker auf Blu-ray #8: Brian de Palmas "Carrie" (1976)
Lange bevor sich an Buffys Schule in Sunnydale die Ängste und Konflikte der Heranwachsenden in handfesten Dämonen manifestierten, erfand Stephen King die übernatürlichen Fähigkeiten seiner Figur Carrie als Metapher für ihren labilen seelischen Zustand. Buch und Film stellen die üblichen Horror-Klischees auf den Kopf, nach denen etwa im Exorzist (1973) ein Kind "vom Teufel besessen ist", der ausgetrieben werden muß. Dabei werden uns dann unabhängig vom sonstigen konfessionellen Hintergrund katholische Priester zum Gegenpol des "Bösen" präsentiert, bei meist extremer Beleidigung des intelligenten Zuschauers. In Carrie besteht der "Horror" allein in der grauenvollen familiären Situation, mit einer durchgeknallten bibelschwingenden Mutter, und dem Mobbing der Außenseiterin durch ihre unsensiblen Mitschülerinnen. Daher ist der deutsche Untertitel "Des Satans jüngste Tochter" auch besonders dämlich.
Brian de Palma legt seine Verfilmung wie eine schwarze Komödie mit Thrillerelementen an. Er zitiert dabei Versatzstücke aus der Filmgeschichte, aus denen hier aber ein erfrischend originelles Werk entsteht. Das beginnt mit zwar geschmackvollen, aber doch an Softpornos erinnernden Szenen in der Umkleide und Dusche, setzt sich mit Voyeurismus beim Schulsport fort und läßt bei einer Autofahrt mit John Travolta und Nancy Allen kurz sogar American-Graffiti-Romantik anklingen. Und natürlich leiht sich die Filmmusik mehrfach die vier "schneidenden" Akkorde aus der Duschszene von Hitchcocks Psycho aus. Im Unterschied zum großen Vorbild erzeugt de Palma seine Spannung nicht aus einem externen McGuffin, sondern läßt diese aus der Identifikation des Zuschauers mit der Hauptfigur entstehen. Es ist fast unerträglich, wie er die kurzen Glücksmomente Carries während des Schulballs zeitlupenartig verlängert und fast in eine Trance übergehen läßt, bevor die Situation kippt und buchstäblich explodiert.
Dem Regisseur gelingt eine verblüffende Balance zwischen den ins Komische überzogenen Darstellungen der Erwachsenen und dem eher naturalistischen der "Jugendlichen" (die meisten waren um die 25 Jahre alt). Zentral dabei ist natürlich Sissy Spaceks ergreifendes, mutiges Porträt der Hauptfigur, wofür sie mit einer (für einen "Horror"-Film beispiellosen) Oscar-Nominierung belohnt wurde. Gewonnen hat dann Faye Dunaway für Network (das war nach Nominierungen für Bonnie und Clyde und Chinatown wohl überfällig). Einige Jahre später holte sich Spacek dann die Trophäe für ihre bravouröse Darstellung der Loretta Lynn in Nashville Lady ("Coal Miner's Daughter"). Für ihre Nebenrolle nominiert war übrigens die nach Haie der Großstadt (1961) erstmalig wieder erscheindende Piper Laurie als Carries Mutter - ihre ekstatische Sterbeszene brennt sich ins Gedächtnis ein.
Leider ist de Palma nie wieder ein solch großer Wurf gelungen. Oft paarten sich in seinen Filmen technische Brillanz mit erzählerischer Beliebigkeit. Gebändigt vermochte er gutes Material kompetent zu inszenieren, aber meist verstieg er sich in Spielereien und Inkonsistenzen. Am gelungensten finde ich dabei Die Unbestechlichen (1987 - sein Al-Capone-Thriller mit DeNiro, Connery und Costner), Die Verdammten des Krieges (1989) und die erste Mission Impossible (1996). Berühmt, aber in meinen Augen vollkommen mißlungen ist sein Scarface-Remake mit Al Pacino und Michelle Pfeiffer von 1983. Enttäuschend, wenn man ihn mit seinen Kumpanen Coppola, Scorsese, Spielberg und Lucas vergleicht, die in den 70ern das amerikanische Kino nachhaltig revolutionierten. Aber wenigstens mit Carrie hinterläßt er uns einen der besten King-Verfilmungen, die nur von Kubricks The Shining und Frank Darabonts Die Verurteilten übertroffen wird. Herausragend (9/10).
Die technische Qualität der Blu-ray wird kontrovers diskutiert. Gerade vom Bild war ich zwar nicht begeistert, es gibt aber auch keine Schäden oder besonders auffällige Unschärfen, die vom Filmgenuß ablenken könnten. Gemessen am vielleicht schon nicht optimalen Ausgangsmaterial und den kaum vertretbaren Kosten für eine komplette Restauration muß man wohl recht zufrieden sein. Die Extras scheinen allerdings von früheren DVD-Ausgaben übernommen, wobei die 45minütige Retrospektive (u.a. mit Interviews von de Palma, Spacek, Piper Laurie und Amy Irving) mmer noch sehr informativ und sehenswert ist.
Brian de Palma legt seine Verfilmung wie eine schwarze Komödie mit Thrillerelementen an. Er zitiert dabei Versatzstücke aus der Filmgeschichte, aus denen hier aber ein erfrischend originelles Werk entsteht. Das beginnt mit zwar geschmackvollen, aber doch an Softpornos erinnernden Szenen in der Umkleide und Dusche, setzt sich mit Voyeurismus beim Schulsport fort und läßt bei einer Autofahrt mit John Travolta und Nancy Allen kurz sogar American-Graffiti-Romantik anklingen. Und natürlich leiht sich die Filmmusik mehrfach die vier "schneidenden" Akkorde aus der Duschszene von Hitchcocks Psycho aus. Im Unterschied zum großen Vorbild erzeugt de Palma seine Spannung nicht aus einem externen McGuffin, sondern läßt diese aus der Identifikation des Zuschauers mit der Hauptfigur entstehen. Es ist fast unerträglich, wie er die kurzen Glücksmomente Carries während des Schulballs zeitlupenartig verlängert und fast in eine Trance übergehen läßt, bevor die Situation kippt und buchstäblich explodiert.
Dem Regisseur gelingt eine verblüffende Balance zwischen den ins Komische überzogenen Darstellungen der Erwachsenen und dem eher naturalistischen der "Jugendlichen" (die meisten waren um die 25 Jahre alt). Zentral dabei ist natürlich Sissy Spaceks ergreifendes, mutiges Porträt der Hauptfigur, wofür sie mit einer (für einen "Horror"-Film beispiellosen) Oscar-Nominierung belohnt wurde. Gewonnen hat dann Faye Dunaway für Network (das war nach Nominierungen für Bonnie und Clyde und Chinatown wohl überfällig). Einige Jahre später holte sich Spacek dann die Trophäe für ihre bravouröse Darstellung der Loretta Lynn in Nashville Lady ("Coal Miner's Daughter"). Für ihre Nebenrolle nominiert war übrigens die nach Haie der Großstadt (1961) erstmalig wieder erscheindende Piper Laurie als Carries Mutter - ihre ekstatische Sterbeszene brennt sich ins Gedächtnis ein.
Leider ist de Palma nie wieder ein solch großer Wurf gelungen. Oft paarten sich in seinen Filmen technische Brillanz mit erzählerischer Beliebigkeit. Gebändigt vermochte er gutes Material kompetent zu inszenieren, aber meist verstieg er sich in Spielereien und Inkonsistenzen. Am gelungensten finde ich dabei Die Unbestechlichen (1987 - sein Al-Capone-Thriller mit DeNiro, Connery und Costner), Die Verdammten des Krieges (1989) und die erste Mission Impossible (1996). Berühmt, aber in meinen Augen vollkommen mißlungen ist sein Scarface-Remake mit Al Pacino und Michelle Pfeiffer von 1983. Enttäuschend, wenn man ihn mit seinen Kumpanen Coppola, Scorsese, Spielberg und Lucas vergleicht, die in den 70ern das amerikanische Kino nachhaltig revolutionierten. Aber wenigstens mit Carrie hinterläßt er uns einen der besten King-Verfilmungen, die nur von Kubricks The Shining und Frank Darabonts Die Verurteilten übertroffen wird. Herausragend (9/10).
Die technische Qualität der Blu-ray wird kontrovers diskutiert. Gerade vom Bild war ich zwar nicht begeistert, es gibt aber auch keine Schäden oder besonders auffällige Unschärfen, die vom Filmgenuß ablenken könnten. Gemessen am vielleicht schon nicht optimalen Ausgangsmaterial und den kaum vertretbaren Kosten für eine komplette Restauration muß man wohl recht zufrieden sein. Die Extras scheinen allerdings von früheren DVD-Ausgaben übernommen, wobei die 45minütige Retrospektive (u.a. mit Interviews von de Palma, Spacek, Piper Laurie und Amy Irving) mmer noch sehr informativ und sehenswert ist.
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