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Sonntag, 27. April 2014

Hugo-nominiert: Ancillary Justice (Ann Leckie)

Ancillary Justice ist der erste Roman der Amerikanerin Ann Leckie, die zuvor nur Kurzgeschichten in verschiedenen SF-Magazinen veröffentlicht hatte. Er ist in diesem Jahr als einziges Werk dieser Kategorie sowohl für den Nebula (den Preis der amerikanischen SF- und Fantasy-Autoren) als auch den Hugo nominiert und geht somit ein wenig als Favorit ins Rennen.

Die Geschichte ist angesiedelt in einer Galaxis, die von mehreren hochtechnologisierten, systemumspannenden Zivilisationen geprägt ist. Ihre Raumschiffe beherrschen FTL und werden von künstlichen Intelligenzen gesteuert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Breq, eine geheimnisvolle Person, deren Herkunft in Rückblenden erzählt wird. Dadurch wechseln sich für etwa zwei Drittel des Buches zwei Erzählebenen ab. Schnell stellt sich heraus, daß Breq tatsächlich ein "Ancillary" ist/war, ein Avatar eines Raumschiffes mit künstlicher Intelligenz, dessen Zerstörung Breq allein zurückließ. Vor allem diese originelle Figur kam bei vielen Kritikern gut an.

Übrigens wird auf alle Figuren meist geschlechtsneutral in der weiblichen Form Bezug genommen. Das ist als Konzept ganz interessant, wirkt aber auf Dauer leicht nervig. Zudem ist nicht ganz nachvollziebar, warum Breq bei all ihrer Erfahrung scheinbar das Geschlecht anderer nicht zuverlässig identifizieren kann. Immerhin ist die Hauptfigur damit auch in keine Romanzen eingebunden - menschliche Beziehungen werden meist  beiläufig und oberflächlich geschildert, bis auf die zentralen Charaktere (Breq und zwei ihrer menschlichen Leutnants).

Leider sind gerade die Rückblenden recht dröge und anstrengend zu lesen. Die geschilderte Technologie erinnert ein wenig an Ian M. Banks' Culture-Romane, es fehlen aber deren Komplexität und Verspieltheit. Es dauert lange, bis man mit Breq warm wird, und eigentlich ist man erst im letzten Drittel wirklich gefesselt. Dann stellt sich leider heraus, daß dies als erster Teil einer Trilogie konzipiert ist, was bei mir insgesamt einen unbefriedigten Nachgeschmack verursacht hat. Warum üben sich junge Autoren neuerdings nicht mehr in abgeschlossenen, kürzeren Werken? Der Fortsetzungswahn führt oft nur zu überambitonierten, aufgeblähten Werken. So sehe ich bei Ann Leckie zwar Potential, bin von diesem Roman aber doch enttäuscht.

Montag, 21. April 2014

Die Hugo-Nominierungen 2014 (Dramatische Präsentation, Langform)

 Bis 2002 gab es hier nur eine Kategorie, bevor zwischen Kurz- und Langform unterschieden wurde. Hier können nicht nur Filme und Fernsehserien/-folgen berücksichtigt werden, sondern auch z.B. Hörspiele.

Einige prominente Gewinner (siehe Wikipedia):
  • 2001: A Space Odyssee (1969)
  • Nachrichtenbilder von der Apollo 11 (Mondlandung: 1970)
  • Sleeper (Woody Allen, 1974)
  • Star Wars (1978)
  • Blade Runner (1983)
  • Galaxy Quest (2000)
  • eine TNG-Folge, zwei Babylon-5-Folgen
Für die Langform gewannen u.a. alle drei HdR-Folgen (aber kein Harry Potter), Serenity, Wall-E, und zuletzt die erste Staffel von Game of Thrones (2012) und The Avengers (2013).

Meine Nominierungen waren:
  1. Game of Thrones, Staffel 3
  2. Her
  3. Only Lovers Left Alive
  4. The World's End
  5. Iron Man 3
 Nun ja, man kann halt träumen - hier die Nominierungen, die sich durchgesetzt haben:

BEST DRAMATIC PRESENTATION (LONG FORM) (995 ballots)
  • Frozen screenplay by Jennifer Lee, directed by Chris Buck & Jennifer Lee (Walt Disney Studios)
  • Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films; Warner Bros.)
  • The Hunger Games: Catching Fire screenplay by Simon Beaufoy & Michael Arndt, directed by Francis Lawrence (Color Force; Lionsgate)
  • Iron Man 3 screenplay by Drew Pearce & Shane Black, directed by Shane Black (Marvel Studios; DMG Entertainment; Paramount Pictures)
  • Pacific Rim screenplay by Travis Beacham & Guillermo del Toro, directed by Guillermo del Toro (Legendary Pictures, Warner Bros., Disney Double Dare You)

Frozen (Die Eiskönigin) ist natürlich indiskutabel, selbst das Märchenelement (Fantasy mag ich das nicht nennen) ist vollkommen verhunzt.

Gravity ist ein toller Film, aber keine Science Fiction (das waren die Bilder von der Mondlandung aber wahrscheinlich auch nicht).

Catching Fire geht in Ordnung, Pacific Rim eher nicht. Mit Iron Man 3 geht meine einzige Nominierung ins Rennen, wahrscheinlich ohne viele Chancen. Ich werde wohl doch für "Gravity" stimmen müssen...

Die Hugo-Nominierungen 2014 (Fiction)

 Der Hugo Gernsback Award für Science Fiction und Fantasy wird seit 1953 vergeben, seit 1963 durch die Teilnehmer des jährlichen SF-WorldCons, einer Versammlung von Fans aus aller Welt. Dieses Jahr findet er im August in London statt, es werden um die 5000 Teilnehmer erwartet. Aus kommerzieller Sicht und bezogen auf die Medienwirkung ist dies immer noch eine marginale Veranstaltung, keinesfalls vergleichbar etwa mit dem ComiCon, der inzwischen eine Schlüsselfunktion für das Marketing von Filmen und TV-Serien des Genres hat.

Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
 
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:

Best Novel (1595 nominating ballots)
  • Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)
  • Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
  • Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
  • Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
  • The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
Hier hatte ich, ohne viel Hoffnung, Robert Kroeses Schroedinger's Gat nominiert. Interessant die Nominierung des 14teiligen "Wheel of Time"-Opus, das nach dem Tod des originalen Autors Robert Jordan von Brandon Sanderson vollendet wurde. Sanderson ist der Shooting Star der Fantasy-Scene der letzten Dekade und gewann 2013 seinen ersten Hugo für die unterhaltsame Novelle "The Emperor's Soul".

Best Novella (847 nominating ballots)
  • The Butcher of Khardov, Dan Wells (Privateer Press)
  • “The Chaplain’s Legacy”, Brad Torgersen (Analog, Jul-Aug 2013)
  • “Equoid”, Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
  • Six-Gun Snow White, Catherynne M. Valente (Subterranean Press)
  • “Wakulla Springs”, Andy Duncan and Ellen Klages (Tor.com, 10-2013)
Best Novelette (728 nominating ballots)
  • “Opera Vita Aeterna”, Vox Day (The Last Witchking, Marcher Lord Hinterlands)
  • “The Exchange Officers”, Brad Torgersen (Analog, Jan-Feb 2013)
  • “The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com/Tor.com, 09-2013)
  • “The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang (Subterranean, Fall 2013)
  • “The Waiting Stars”, Aliette de Bodard (The Other Half of the Sky, Candlemark & Gleam)
Best Short Story (865 nominating ballots)
  • “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
  • “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
  • “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
  • “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)

Sonntag, 20. April 2014

Nur das Chaos ist erstaunlich: Amazing Spider Man 2 (4/10)

Hollywoods Marketingabteilungen versorgen inzwischen zuverlässig jede Generation mit den Filmen, die sie verdient. Aber brauchen wir wirklich jedes Jahrzehnt einen neuen Spider Man? Und welche Altersgruppe soll sich jetzt angesprochen fühlen? Ich jedenfalls halte es mal mit Murtaugh: I'm too old for that shit!

Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.

Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!

Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!

Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).

Dienstag, 15. April 2014

Donnerschlag: Captain America 2 (8/10)

Nach Anfangsschwierigkeiten wie dem missglückten Hulk-Reboot mit Edward Norton (2008) sind Marvels Avengers-Abenteuer nun ein Garant für unbeschwerte Unterhaltung und übertreffen darin jedes andere Franchise der letzten Jahre. So ist auch der zweite Captain-America-Film nicht  nur ein fulminantes Sequel des (abgesehen vom Incredible Hulk) bisher schwächsten Beitrags der Reihe, sondern treibt auch den übergeordneten Handlungsfaden mächtig voran. Und als Sahnehäubchen gibt es den Auftritt eines Veteranen des politischen Thrillers, Altstar Robert Redford, als SHIELD-"Aufsichtsrat" mit zweifelhafter Loyalität.

Während die Einführung von Captain America die schwere Aufgabe hatte, das Konzept des patriotischen Weltkriegshelden einem jungen Publikum zu vermitteln, ist Steve Rogers nun in der modernen Welt angekommen. Immer noch ein Anachronismus, ist er doch auch der "menschlichste" der Superheldenriege. Es ist also eine gute Idee, ihn nicht gegen größenwahnsinnige Mutanten oder gar Außerirdische ins Rennen zu schicken. Stattdessen findet er sich inmitten einer Verschwörung innerhalb der Organisation Shield wieder, deren Ausmaße ziemlich schnell selbst Direktor Fury (Samuel L. Jackson extra-cool) in Lebensgefahr bringen. Und mit dem titelgebender Gegenspieler, dem "Wintersoldaten",  begegnet dem braven Captain ein dunkles Spiegelbild.

Im Mittelpunkt steht das Thema Vertrauen - nicht nur im großen Zusammenhang des inzwischen undurchschaubaren Molochs Shield, sondern auch im unfreiwillig zusammengewürfelten Team des Captains. Während der neu eingeführte "Falcon" (Anthony Mackie) noch etwas blass bleibt, spielt Scarlett Johansson als Agentin Natascha Romanov aka Black Widow eine vollwertige zweite Hauptrolle. Dankenswerterweise wird hier keine Romanze aufgebaut. Das wäre auch verfrüht, denn für Steve Rogers liegt die Trennung von seiner geliebten Peggy ja subjektiv nur wenige Monate zurück. Aber es gibt herrliche verbale Schlagabtäusche zwischen den beiden, und bei den Prügeleien zeigt sich nur im direkten Vergleich der Quantensprung zwischen Topagentin und Superheld. Scarlett Johansson ist nicht nur eine der attraktivsten Schauspielerinnen ihrer Generation, sondern nun auch der coolste weibliche Actionstar der letzten Jahre (nebenbei erwartet die Powerfrau bald ihr erstes Kind, weswegen sogar der Drehplan für die Avengers 2 umgestellt wurde).

Christopher Markus und Stephen McFeely, als Drehbuchteam bereits für Cap1 und Thor2 zuständig, und das Regieteam, die vom Fernsehen (Arrested Development) kommenden relativen Neulinge Anthony und Joe Russo, haben also gute Arbeit geleistet. Und Chris Evans mag immer noch der Avenger mit dem geringsten Charisma sein, füllt seine Uniform aber inzwischen sehr selbstbewußt. Ohne zuviel über die Handlung zu verraten: Dieser Film ist (auch ohne Thor) ein Donnerschlag, der das Avengers-Universum zertrümmert, mit unabsehbaren Konsequenzen für die weiteren Folgen, und das weitaus beste Sequel der Reihe. Sehr gut (8/10)!

Als nächstes stehen ja die Guardians of the Galaxy auf dem Programm, die das SF-Element betonen werden, bevor dann 2015 der zweite Ensemblefilm ansteht. Währenddessen hat auch die ansonsten eher vor sich hin dümpelnde Fernsehserie um den wieder auferstandenen Agent Coulsen einen Quantensprung gemacht, der sich von langer Hand geplant in die Ereignisse von The First Avenger Returns (so ein alternativer Titel) einpasst. Wenn die Superhelden Feierabend machen, müssen halt die "Agents of S.H.I.E.L.D." ran - es bleibt spannend!

Sonntag, 6. April 2014

Oscar fürs Drehbuch, Stimme zum Verlieben: her (9/10)

Die nur leicht futuristische Welt von her ist bevölkert mit überwiegend attraktive Menschen, die schon auf dem Weg zur Arbeit stetig vor sich hin murmeln - Computer und Mobilgeräte sind sprach- und gestengesteuert, Werbung ist gelegentlich aufdringlich persönlich, aber direkte zwischenmenschliche Kontakte scheinen schwierig. Das alles ist eigentlich nicht viel anders als die Gegenwart, bis Samantha in Theodores Leben tritt. Theodore ist ein einsamer, in Trennung lebender Autor von Grußbotschaften, Poet in einer digital durchgestylten Gesellschaft. Samantha ist jedoch kein Mensch - sie ist ein "OS", also ein "Betriebssystem", eine künstliche Intelligenz.

Genau heißt das Programm OS1, nicht zu verwechseln mit OS/2, IBMs gescheiterter Alternative zu MS-Windows, an das sich wahrscheinlich nur noch ältere Semester erinnern. Und streng genommen ist es natürlich kein Betriebssystem, sondern ein Dienstprogramm, das Computer und Handy nach den Wünschen des Besitzers steuert und per Kamera und Ohrstöpsel mit der Außenwelt kommuniziert- eine Siri mit eigener Persönlichkeit. Doch her will keine technische Science Fiction sein, sondern konzentriert sich auf die sozialen Aspekte dieses unwahrscheinlichen Fortschritts.

Die ungleiche Beziehung ist spannend, komisch, dramatisch, romantisch, ja sogar erotisch. Samantha scheint perfekt auf die Wünsche ihres Partners eingestellt zu sein. Zunächst reagiert sie auf die Welt neugierig wie ein Kind und erweckt mit ihrer Begeisterung für die alltäglichen kleinen Wunder Theodores Lebensmut. Im Lauf der Zeit wandelt sie sich von der Gefährtin zur Freundin zur Liebhaberin, dann fast zu einer Mentorin. Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende...

Joaquin Phoenix versteckt als Theodore seine charakteristische Oberlippennarbe hinter einem Schnauzbart und verwandelt sich mit passender Perücke in einen ziemlich durchschnittlichen Enddreißiger. Es ist die Art Rolle, für die vor 60 Jahren Jimmy Stewart engagiert worden wäre, und er ist erstaunlich effektiv. Gerade deswegen wundert man sich ein wenig, was all die umwerfenden Frauen in ihm sehen: Da sind als seine Jugendliebe und Ex-Frau die mysteriöse Rooney Mara (Verblendung), als seine Nachbarin die etwas biedere Schönheit Amy Adams (deutlich zugeknöpfter als in American Hustle) und in einem leicht unglaubwürdig endenden Date mit Olivia Wilde eine der schönsten Frauen der Welt. Das ist nicht unbedingt eine subtile Art zu zeigen, daß Theodore den möglichen Beziehungen zu "echten" Menschen seine Samantha vorzieht, eine Stimme aus dem Computer.

Aber was für eine Stimme das ist! Im Original (und das ist hier Pflicht) wird Samantha von Scarlett "Black Widow" Johansson (Lost in Translation) gesprochen. Auch wenn viele Männer an ihre anderen Attribute denken werden, halte ich doch ihre Stimme für ihr bestes Feature. Rauchig und brüchig, warm und sexy stattet sie ihre Sprechrolle mit soviel Emotion aus, daß letztes Jahr schon diskutiert wurde, ob die Rolle den Statuten für eine Oscar-Nominierung entsprechen könnte. Hier ein Vorschlag an die Akademie: Führt endlich den Oscar für die beste stimmliche Darstellung ein! Da gibt es ja regelmäßig würdige Kandidaten: ob  Eddy Murphy als Donkey in Shrek, Andy Serkis als Gollum, Ellen DeGeneres als Dory in Findet Nemo, Benedict Cumberbatch als Smaug - alles künstlerische Leistungen, die zwischen den bestehenden Kategorien unter den Tisch fallen.

Nebenbei klärt sich hier auch eine der Merkwürdigkeiten der diesjährigen Oscar-Show. Das nominierte Liedchen "The Moon Song" bewegt im Filmzusammenhang, von Samantha gesungen, die Herzen. Für sich allein, im Abspann und bei den Oscars von der Komponistin Karen O mit dünner Stimme dargeboten, wirkt seine Schlichtheit reichlich peinlich. (Ich persönlich hätte ja Pharell Williams für seine energetische Performance von "Happy" den Preis gegönnt, stattdessen gewann die generische Broadway-Schnulze aus dem unerklärlich megaerfolgreichen Frozen).

Der heute 44jährige Regisseur Spike Jonze ist nach Erfolgen mit Musikvideos (u.a. für R.E.M.) berühmt geworden durch seine kongenialen Charlie-Kaufman-Verfilmungen Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002). Seine Kinderbuchverfilmung Wo die wilden Kerle wohnen (2009) hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber mit her hat scheint er nun seine Stimme als Auteur gefunden zu haben. Die zahlreichen Preise für sein Drehbuch sind hochverdient, und als Science-Fiction-Geschichte stellt das Ergebnis locker die oft mit irrsinnig teuren Effekten ausgestatteten Genrekollegen des letzten Jahres in den Schatten (Gravity zählt, wie bereits erläutert, für mich nicht zur SF). Herausragend (9/10)!