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Samstag, 30. Mai 2015

SF von vorgestern: A World Beyond (3/10)

Tomorrowland ist ein glitzernder Kristall, der nur aus Oberflächen besteht und einen Kern aus hohlem, naivem Optimismus birgt. Es ist mir unbegreiflich, wie dieser Fehlgriff mit einem geschätzten Budget von 190 Millionen Dollar überhaupt zustande gekommen ist. Regisseur und Autor Brad Bird hat uns mit dem anrührenden, handgezeichneten Gigant aus dem All (1999) und den Pixar-Wunderwerken Die Unglaublichen (2004) und Ratatouille (2007) drei herausragende Trickfilme geschenkt und mit der vierten Mission-Impossible-Folge (Dubai-Hotelstunt!) gezeigt, daß er auch ein Talent für Realfilme hat. Sein Co-Autor Damon Lindeloff, Mit-Erfinder von Lost, hat allerdings seitdem seinen Bonus mehr als aufgebraucht (sein bester Credit seitdem ist schon der durchaus spaßige Cowboys & Aliens-Mischmasch von 2011). Dazu kommt in der Hauptrolle George Clooney, eigentlich ein Qualitätsgarant, hier peinlich fehlbesetzt. Hugh Lauries (Dr. House) sauertöpfischen Blick hätte man genauso gut digital klonen können, und Berufs-Teenager Britt Robertson war schon in Under The Dome nur nervig. Dazu kommt mit Raffey Cassidy eine gruselige Kinderdarstellerin, die an Niedlichkeit offenbar Shirley Temple Konkurrenz machen will, dann aber in absurden Kampfszenen wie dereinst Master Joda durch die Gegend hüpft. Wohlgemerkt, die knapp 12jährige kann natürlich nichts dafür und wirkt durchaus talentiert, aber ihre Rolle als präpubertäre Androidin ist wirklich bescheuert.

Seitdem die Tricktechnik fast alles darstellen kann, gibt es ja immer mehr Filme aus den phantastischen Genres. Leider konzentrieren sich diese dann allzu oft auf die (teuren) Effekte, die in den literarischen Vorlagen meist nur Kulisse für außergewöhnliche Geschichten sind. So ist es zwar toll anzuschauen, wie der Eiffelturm sich in eine Raketenabschußbasis verwandelt, aber ohne Einbettung in eine plausible Erzählung ist das nur die Demonstration tricktechnischer Finesse. Und während Adaptionen meist unter der Verkürzung auf (als verkaufsfördernd betrachtete) Aspekte leiden (etwa der militärische Blickwinkel im enttäuschenden Ender's Game vom vorletzten Jahr), scheinen originale Drehbücher oft nur bekannte Versatzstücke zusammenzubauen, zuletzt mit dem vergleichbaren Dollargrab Jupiter Ascending (zu dem übrigens die Screenjunkies in ihrem Honest Trailer ziemlich konform mit meiner Bewertung gehen). Die beste SF-Adaption ist für mich immer noch der Blade Runner, der weniger durch Effekte als durch Atmosphäre und Vielschichtigkeit glänzt. Gelungene Originalwerke sind noch seltener, und oft entweder stark actionorientiert (wie Die Matrix, Das fünfte Element) oder eher Abenteuer im Weltall (Krieg der Sterne). Ansonsten kommen auf jeden ideengetriebene Beitrag (2001: Odyssee im Weltall) zehn hohle Actionfilme, auf jeden figurenzentrierten Beitrag (Serenity) zwanzig Seifenopern im All.

Zurück zu Tomorrowland (in Europa aus rechtlichen Gründen "A World Beyond"). Es ist der Film zum Vergnügungspark, destillierter Disney: Schülerin Casey rettet mit ihrem Optimismus die Welt. Sie kann halt alles reparieren: Radios, Computer, den Klimawandel. Überhaupt ist nur Pessimismus an unseren Problemen schuld: Berichte über ökologische Katastrophen, Mißtrauen und Haß. Besonders schlimm sind dystopische Romane: Orwell und Huxley hindern uns am positiven Denken. Fräulein, wenn Dein Lehrer es dir schon nicht erklären kann: 1984 und Schöne neue Welt sind Warnungen, auf die die Menschheit leider nicht hört, aber kaum die Ursache. Obwohl die NSA ihre Inspiration sicher irgendwo herhaben muß...

Ich bin optimistisch, daß die Filmgeschichte diesen Flop schnell vergessen wird. Mäßig interessant (3/10).

Hugo-nominiert: "The Goblin Emperor" von Katherine Addison

Der Titel ist ein bißchen irreführend, denn der "Kobold-Kaiser" sitzt auf dem Elfenthron. Allerdings war seine Mutter die Tochter des Koboldkönigs, wenngleich nie geplant war, daß er den Thron besteigen sollte. Schließlich hatte er jeweils zwei ältere Halbbrüder und Halbschwestern, und einen bereits 15jährigen Neffen. Als jedoch das Luftschiff mit seinem kaiserlichen Vater und beiden Thronfolgern abstürzt, wird der 18jährige aus seinem Exil in die Hauptstadt berufen und muß fast völlig unvorbereitet das mächtige Elfenreich lenken.

Bevor ich mit diesem Fantasy-Roman warm wurde, mußte ich ein paar Hürden nehmen. Da ist zunächst der Name der Titelfigur. "Maia" ist laut meinen Recherchen in allen Kulturkreisen ein weiblicher Name. Ob nun ein ironischer feministischer Wink der Autorin oder ein Bezug auf den erotischen Fantasy-Klassiker von Richard Adams (Watership Down), mich hat das ziemlich irritiert. Auch die weiteren Namen stören den Lesefluß, denn sie wurden offenbar in einer Mischung von Tolkien und Dostojewski ausgebrütet und sorgten bei mir auf den knapp 500 Seiten für unnötige Verwirrung: Dach'osmin Ceredin, Osmin Duchenin, Csoru Zhasanai - alle werden darüber hinaus je nach Situation auch noch mit verschiedenen genauso kryptischen Titeln und Ehrenbezeugungen angesprochen. Maia übrigens heißt eigentlich Edrehasivar Zhas - und spricht wie alle Edelleute am Hofe im Pluralis Majestatis, mit sporadisch eingeworfenem Thou und Thine, ohne daß die Sprache ansonsten im geringsten an Shakespeare gemahnen würde.

Nachdem ich mich an diese Tücken gewöhnt hatte, machte das Lesen jedoch richtig Spaß. Die Geschichte ist streng figurengetrieben und bietet weder Fechtszenen noch Schlachten und nur ein Minimum an Magie. Trotz diesem (von manchen Rezensenten beklagten) Mangel an Action ist es ungemein spannend zu verfolgen, wie Maia sich durch die Ränkespiele des Hofes manövriert und auch lenken läßt. Es ist eine recht patriarchalische Gesellschaft, wenngleich auch einige Frauen ihre Intrigen spinnen (die aber meist nur auf profitable Hochzeiten aus sind). Es ist ein wenig unwahrscheinlich, auf wie viel guten Willen der naive Thronfolger trifft, und auch wenn ihm im allgemeinen eine gute Menschenkenntnis hilft, festigt er seine Machtposition doch ein wenig schnell. Die Hindernisse auf seinem Weg sind ebenfalls vorhersehbar. All das ist also nicht neu, aber mit viel Detailfreude geschildert. Am Ende hatte ich allerdings ein wenig das Gefühl, nur eine Einführung in eine faszinierende neue Welt gelesen zu haben. Auch wenn bisher kein Nachfolger angekündigt ist, scheinen mir sowohl der Aufwand der Autorin als auch die notwendige Investition der Leser ein wenig zu hoch für ein alleinstehendes Werk.

Der Roman der jungen Amerikanerin Sarah Monette (ihr erster als Katherine Addison, ihr vierter insgesamt) orientiert sich also klar an der romantischen Tradition der klassichen Fantasy, nicht am düsteren, schmutzigen Gegenmodell von George R.R. Martin und seinen Jüngern (und wer glaubt, A Song Of Ice and Fire sei deprimierend, sollte mal Abercrombie lesen, etwa seine First-Law-Trilogie). Er ist aber ein mehr als solider Beitrag, würdig der Nominierung, allerdings für mich nicht außergewöhnlich genug, um Favorit für den SF-Preis zu sein.

Samstag, 23. Mai 2015

Abgefahren: Mad Max - Fury Road (5/10)

Max ist verrückt. Er hat Hallu/zina/tionen. Die Toten verfolgen ihn. Nicht wie im Sechsten Sinn. Nur als Erinnerung. An frühere Filme. Ist das Mel Gibson? Schwer zu erkennen unter all den Haaren. Und keine Zeit drüber nachzudenken. Schwupps hat er seine Karre angeschmissen. Er wird verfolgt. Von anderen Verrückten? Australien nach dem Atomkrieg. Sieht aus wie Namibia. Viel Staub und Sand. Max wird eingeholt. Gefangengenommen. Geschoren. Doch nicht Mel Gibson? Schwer zu erkennen hinter dem Maulkorb. Offenbar Standard für Blutspender (unfreiwillige). Fluchtversuch gescheitert. Aber verständlich. Brandeisen sieht schmerzhaft aus. Auftritt Blutempfänger: Nicholas Hoult in Ganzkörperweiß. Ist trotzdem noch hübsch. War er sogar als Zombie. In Warm Bodies (Geheimtip). Hier heißt er Nux. Will Anführer nach Valhalla folgen. Einziger Anhänger vom Unsterblichen Joe mit Persönlichkeit. Spoiler: Joe ist nicht wirklich unsterblich. Aber definitiv verrückt. Hat den größten Maulkorb. Den kleinsten Sohn. Und Zugang zum Großen Wasserhahn. Plötzlich Aufregung. Konvoi ist vom Weg abgekommen. Lenkräder werden verteilt. Nächste Verfolgungsjagd. Nux möchte mit. Ergattert Lenkrad. Max muß ihn als Blutbank begleiten. Als Galionsfigur auf dem Jeep installiert. Dann spielen alle Cowboys und Indianer. Nur mit Autos und Motorrädern. Und Geländepanzern und Öltransportern. Öl scheint es mehr als Wasser zu geben. Kann man nicht trinken. Ist aber effektiv als Schminke. Die Kavallerie kommt später. Wilde retro-futuristische Waffen. Coole zweihalsige Gitarre mit Flammenwerferfunktion. Und Trommler. Bloß den Takt halten. Chaos. Max kann sich befreien. Ist aber noch an Nux gekettet. Gigantischer Sandsturm kommt. Noch mehr Chaos. Dann ist plötzlich alles dunkel. All das in der ersten halben Stunde.

Wie eine Fata Morgana tauchen plötzlich diese fünf Models auf, von jeder Sorte eine, wenn man Frauen in Sorten unterteilen dürfte - blond und rot und dunkelhaarig, groß und klein, süß und zuckrig - was mich an die Neuauflage von Hawaii 5-0 erinnert, deren Produzenten uns lüsternen Männern alle paar Jahre eine Folge mit Victoria-Secret-Models gönnen, wobei hier von den fünf Wüstenschönheiten vielleicht nur zwei wirklich bei Victoria Secret posiert haben und eine (Zoe Kravitz) sogar schon als Schauspielerin aufgefallen ist, und eine weitere eine waschechte Enkelin von Elvis ist - das sind die Fakten, die einem die harte Nacharbeit zu einem Actionkracher verschönern, wenngleich man zur Würdigung der gebotenen Schauwerte denn doch auf die Heimkinoauswertung mit Zeitlupenoptionen warten muß, denn schon bald wird einem der Augenschmaus wieder durch Stakkatoschnitte verhackstückelt. Für weitere anderthalb Stunden.

Furiosa ist wütend. Charlize Theron! So häßlich war sie seit Monster nicht. Natürlich nicht wirklich. Nur mit unvorteilhafter Frisur. Und mißlungenem Makeup. Und einem Arm zu wenig. Prothese erinnert an ein frühes Terminator-Modell. Fun-Fact: Geboren nahe Johannisburg. Nun US-Bürgerin. Buchstäblich African-American. Wir lernen: Furiosa hat den Konvoi entführt. Um die Mädchen zu retten. Unterschiedlich sichtbar: die sind allesamt schwanger. Von Joe. Dem nicht wirklich Unsterblichen. Die Kinder sollen nicht unter seiner Fuchtel aufwachsen. Furiosa hat ein sentimentales Herz. Verbündet sich trotzdem mit Max. Der endlich die Infusionsverbindung zu Nux gekappt hat. Jetzt fällt auch der Maulkorb. Tom Hardy! Die Stimme hätte es schon früher verraten können. Nicht daß er viel gesprochen hätte. Bekannt geworden als Shinzon in Star Trek: Nemesis. Hat seitdem nichts dazugewonnen. Jünger als Mel Gibson. Aber nicht so australisch. Weitere Verfolgungsjagden. Irgendwann kommt doch die Kavallerie. Auch nicht mehr, was sie mal war. Mehr motorisierte Frauen. Auch mit weichen Herzen. Und Träumen von grünen Auen. Sogar Nux hat bisher überlebt. Dank der Rothaarigen. Der er schöne Augen macht. Und plötzlich keine Sehnsucht nach Valhalla mehr hat. Spoiler: Das hochschwangere Transformer-Weibchen hat's nicht geschafft. Joe ist nicht amüsiert. Mehr Kämpfe. Und Verfolgungsjagden. Explosionen! George Miller besorgt's uns richtig. Und das mit 70 Jahren. Neuerfinder des Action-Spektakels? Wohl kaum. Jedoch: Früher war's auch nicht besser. Wenngleich billiger. Und nicht in 3D. Aber genauso abgefahren. Annehmbar. Schon wieder (5/10).

Nicht preiswürdig: Die Frontlines-Romane von Marko Kloos

Marko Kloos hat ja im Zuge der Sad-Puppies-Kontroverse seinen für den Hugo nominierten zweiten Frontlines-Band "Lines of Departure" zurückgezogen. Aus Respekt vor dieser Entscheidung, und weil es die beiden Romane bei Amazon auszuleihen gab, habe ich die beiden Bände jetzt doch gelesen (wenngleich mehr und mehr diagonal).

Kloos ist ein in New Hampshire lebender Deutscher. Sein erster Frontlines-Roman entstand im Umfeld eines SF-Workshops, bei dem offenbar John Scalzi sich des Nachwuchsautors annahm. Scalzi ist der momentan anerkannteste Vertreter der militärischen Science Fiction, er gewann 2013 einen Hugo für Redshirts. Qualitativ kann Kloos Scalzi allerdings nicht das Wasser reichen, und auch im Vergleich mit David Webers erfolgreicher Honor-Harrington-Serie (einer Art Hornblower im All) kommt er schlecht weg. Damit erschöpft sich allerdings bereits meine Erfahrung mit Militär-SF.

Unabhängig vom mir unsympathischen Genre bot mir Kloos nichts Neues. Er schreibt zwar flüssig, seiner Erzählweise fehlt es aber an Spannungsaufbau, und seine Figuren sind ziemlich austauschbar. Typisch ist dabei die Beliebigkeit der Geschlechterzuordnung. Das konnte Heinlein zwar auch nicht besser, dafür vermochte der Altmeister mit seinen propagandistischen Erzählungen ("Starship Troopers") einen verführerischen Sog erzeugen, dem vor allem Jugendliche nur zu leicht erlagen. Davon kann bei Kloos' eintöniger Reportage des Gefreiten und späteren Korporals Andrew Grayson kaum die Rede sein (zudem stört mich weniger die Ich-, aber sicher die Gegenwartsform). Zu den Klischees gesellen sich dann noch abstruse SF-Konzepte. Es ist ja ein netter Gedanke, einmal die Menschheit in die Rolle der "Bugs" zu drängen, aber der Gedanke von 80 Fuß großen Aliens mit mehr als der zehnfachen Masse eines Elefanten ist so absurd wie physikalisch unmöglich. Und überhaupt Füße und Pfunde: Wenn noch nicht einmal europäische Einwanderer das metrische System benutzen, wer soll den Amerikanern dann Vernunft beibringen?

Donnerstag, 14. Mai 2015

Seltene Intelligenz: Ex Machina (8/10)

Junge trifft Robotermädchen. Junge verliebt sich in Robotermädchen. Liebt Robotermädchen Jungen?

Der Programmierer Caleb verbringt eine Woche mit dem genialen Firmengründer Nathan (der mit "BlueBook" das nächste Google zum Megaerfolg geführt hat). Er soll in einem erweiterten Turing-Szenario Calebs offenbar eigenhändig zusammengeschraubten Roboter Ava auf eigenständige Intelligenz testen. Es fällt Caleb allerdings schwer, objektiv zu bleiben, denn Ava hat Gesicht und Gestalt einer attraktiven jungen Frau, wenngleich mit mechanisch wirkenden Gliedmaßen und halbtransparentem Rumpf.

Es passiert nicht viel in Ex Machina, und die Handlung ist auch grob vorhersehbar. Schließlich dreht sie sich um lediglich drei Figuren (plus die stumme Bedienstete Kyoko). Im Theater würde das nur deswegen nicht funktionieren, weil die Effekte eine wesentliche Rolle spielen. Die sind allerdings spektakulär. Das gilt sowohl für das in eine atemberaubende Berglandschaft eingebettete unterirdische Labor als auch für die optischen Tricks, die Alicia Vikander zur bislang vielleicht überzeugendsten Androidin der Filmgeschichte machen. Sie erinnert an Summer Glau in den Sarah-Connor-Chroniken, die übrigens ebenfalls gelernte Ballett-Tänzerin ist.

Der 32jährige Rotschopf Domhnall Gleeson (Sohn des irischen Urgesteins Brendan) hat offenbar ein Abonnement auf SF und Fantasy, Er war Bill Weasley im Harry-Potter-Finale, spielte die Hauptfigur in der Zeitreise-Romanze Alles eine Frage der Zeit und wird demnächst in der Episode VII einer bekannten Weltraumsaga zu sehen sein. Als Caleb zeigt er genau die richtige Mischung aus Intelligenz und naivem Außenseiter. Oscar Isaac (Llewyn Davis) als Nathan hätte ich beinahe nicht erkannt (durchaus ein Kompliment). Seine Darstellung leidet ein wenig an den Unwahrscheinlichkeiten, die das Drehbuch seiner Figur zumutet - ein Ingenieur- und Programmiergenie, das man vor allem als Trinker und Fitnessfanatiker kennenlernt. Als Teil der Versuchsanordnung funktioniert das aber. Herz des ganzen ist die 26jährige Schwedin Alicia Vikander, die atemberaubend aussieht und ihre Darstellung mit genau dem richtigen Maß mysteriöser Nicht-Menschlichkeit versieht. In ihren bisherigen Nebenrollen in mittelmäßigen Filmen (u.a. an der Seite von Mads Mikkelsen im dänischen Oscar-Beitrag Die Königin und ihr Leibarzt und neben Keira Knightley in Anna Karenina) ist sie mir nicht besonders aufgefallen, ab diesem Jahr scheint ihre internationale Karriere mit Auftritten in einer ganzen Reihe von hochinteressanten Filmen aber wohl durchzustarten. Neben Schwedisch und Dänisch spricht sie ein schönes, für mich akzentfreies Englisch.

Das Regiedebut des Londoners Alex Garland ist damit trotz gewisser Beschränkungen seines eigenen Stoffes gelungen. Bisher hat er vor allem Drehbücher für seinen Freund Danny Boyle  (28 Tage später, Sunshine) und die (gemessen an Kazuo Ishiguros wuchtiger Prosa) enttäuschende Adaption von Alles, was wir geben mußten (2010, 7/10) mit Keira Knightley und Carey Mulligan abgeliefert. Zu einem Meisterwerk hat auch diesmal es nicht gereicht, dazu hätte ich eine dichtere, vielschichtigere Behandlung des Themas erwartet. Aber ihm gelingt die bislang beste Inszenierung eines seiner Stoffe: spannend, zum Nachdenken anregend, ohne die Prätentionen eines Danny Boyle (der für mich seit Trainspotting keinen rundum überzeugenden Film mehr präsentiert hat). Nur die atonale Hintergrundmusik hat mich gestört, die selten mehr als ein unheilverkündenes Dröhnen zu bieten hat. Ansonsten ist Ex Machina ein ruhiger Gegenpol zum im Juli startenden neuen Terminator-Film, der nach dem Trailer zu urteilen ein fragwürdiger Actionkracher irgendwo zwischen Remake und Reboot zu werden droht. Eine verkürzte, inzwischen fast banale Botschaft von Ex Machina zum Schluß. Paßt auf, was Ihr googelt - der große Konzernbruder beobachtet Euch! Sehr gut (8/10).

Kintopp-Nonsense-News #1

Die von niemandem ersehnte Fortsetzung von Kevin Smiths Mallrats soll MallBrats heißen. Die meisten Darsteller des ersten Teils werden zurück erwartet, da sie eh nichts besseres zu tun haben. Allein Ben Affleck hat sich bereits verpflichtet, sich an anderer Stelle zu blamieren - er spielt eine Fledermaus, die sich mit Superman anlegt.


Samstag, 9. Mai 2015

Zum Glück Hugo-nominiert: "The Three-Body Problem" von Liu Xixin

Vielleicht ist die Nominierung dieses überzeugenden Romans ein Hoffnungsschimmer bei den leidgeplagten diesjährigen Hugos, ermöglicht erst durch den mutigen Rückzug von Marko Kloos. Selten werden ins Englische übersetzte Werke aufgestellt, dann gilt aber die Veröffentlichung in den USA als Nominierungsfenster. In China erschien dieser erste Teil einer Trilogie des 1963 geborenen und offenbar in seiner Heimat profiliertesten SF-Autors bereits 2008 und war dort überaus erfolgreich. Die Übersetzung übernahm der seit seinem 11. Lebensjahr in den USA lebenden Ken Liu (dessen erster eigener Roman gerade veröffentlicht wurde). Er wird sich auch den Abschlußband vornehmen, die für nächstes Jahr angekündigte Übersetzung des Mittelteils liegt in anderen Händen.

Sprachlich scheint mir die Übertragung sehr gelungen. Der Text fließt ohne übertrieben poetische Floskeln (die ich wohl aufgrund eines Vorurteils von einem Chinesen erwartet hätte), aber auch ohne Wissenschafts-Jargon. Besonders die Figuren, aber auch die gesellschaftlichen Zustände sind sehr plastisch geschildert. Einzig die (eher seltenen) Dialoge fand ich etwas gestelzt und unnatürlich. Ob das an der Vorlage oder der kulturellen Barriere liegt, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Die Geschichte beginnt mit einem Prolog aus dem Jahr 1967 und kehrt später in Rückblenden zu den Folgejahren zurück. Am Höhepunkt der Kulturrevolution mußte Ye Wenjie als Teenager erleben, wie ihr Vater (ein Astrophysiker) von ihren Altersgenossinnen als reaktionärer Akademiker zu Tode geprügelt wurde. Als Physikstudentin ist sie selbst verdächtig, wird zur Umerziehung bei Rodungsarbeiten eingesetzt und einige Jahre später zwangsrekrutiert und interniert an einer militärisch abgeschirmte astronomischen Station. Dort macht diese vom Schicksal geschlagene Frau eines Tages eine Entdeckung, die fatale Auswirkungen auf die Zukunft der Menschheit haben kann...

In der "Gegenwart" folgt die Erzählung dem Materialforscher Wang Miao (er entwickelt gerade eine Nano-Faser), der von der Regierung (und, wie sich herausstellt, sogar einer übernationalen Allianz) als Krisenberater rekrutiert wird. Es liegt eine Bedrohung durch Außerirdische in der Luft, und ausgerechnet zu diesem kritischen Zeitpunkt scheint die wissenschaftliche Forschung der Menschheit zum Stillstand gekommen zu sein (Teilchenbeschleuniger liefern plötzlich widersprüchliche Resultate). Fast wie in einem Krimi versucht Wang u.a. mit Hilfe des zwielichtigen Polizisten Da Shi die Hintergründe zu ermitteln. Dabei muß er eine internationale anti-wissenschaftliche Organisation infiltrieren, was ihn schlußendlich zur inzwischen 65jährigen Ye Wenjie führt, deren hochbegabte Tochter sich gerade unter mysteriösen Umständen das Leben genommen hat. Und dann gibt es noch das merkwürdige titelgebende Computerspiel, eine komplexe virtuelle Realität namens "Drei-Körper-Problem". Soll diese etwa eine Simulation der Alien-Heimat darstellen?

Auf der einen Seite handelt es sich bei diesem Roman um (im besten Sinne) altmodische Science Fiction, in der wissenschaftliche Ideen extrapoliert werden, um eine fantastische Zukunftsvision zu entwerfen (der Autor hat eine Ausbildung in Computerwissenschaften). Auf der anderen Seite reflektiert der Roman aber auch sehr feinsinnig den Zustand der Menschheit und natürlich insbesondere der heutigen chinesischen Gesellschaft. Die Verteufelung (und teilweise Ausrottung) einer kompletten Wissenschaftsgeneration hat deutliche Spuren hinterlassen, und vielleicht ist vor diesem Hintergrund die pessimistische Grundeinstellung verständlich. Ohne zu viel verraten zu wollen, führen Überbevölkerung, ökologische Verwüstung unseres Planeten und die Unausweichlichkeit kriegerischer Konflikte im Roman zu einer Haltung, in der eine Alien-Invasion von intellektuellen Extremisten als heilbringende Lösung gesehen wird. Im Nachwort zieht der Autor Parallelen zur Invasion fremder Kontinente in der Menschheitsgeschichte und hinterfragt das Bild der wohlgesonnenen Aliens à la Star Trek.

Samstag, 2. Mai 2015

Lohn der Angst: Avengers - Age of Ultron (9/10)

Joss Whedon hat fünf anstrengende Jahre hinter sich. Als er im April 2010 das Steuer beim ersten Avengers-Film übernahm, war die Erwartungshaltung so groß wie die Angst vor dem Scheitern. Schließlich hatte er nach dem Ende von Buffy (1997 - 2003) nicht viel Glück mit seinen Folgeprojekten. Der Kinofilm Serenity zur nach wenigen Episoden abgesägten Fernsehserie Firefly spielte 2005 nicht viel Geld ein, die ambitionierte, faszinierende Serie Dollhouse (2009/10) brachte es immerhin auf zwei Staffeln (von denen die zweite bereits am Mikrobudget litt). Für die Avengers mußte er zunächst das Drehbuch von Zak Penn überarbeiten (sprich: neu schreiben), der zuvor bereits den mäßigen dritten X-Men-Teil und den schwachen Unglaublichen Hulk mit Edward Norton mitzuverantworten hatte. Kaum hatte Joss das Projekt künstlerisch und kommerziell gerettet, begann bereits die Arbeit am nächsten Drehbuch, und die Erwartungen stiegen wie die Egos der Stars fast ins Unermessliche.

Die Anstrengung hat sich gelohnt, und der (noch) 50jährige hat sich seine anstehende Ruhepause redlich verdient. Auch finanziell dürften jetzt ein paar Millionen in seine Tasche geflossen sein, nachdem er für den ersten Film mehr Ehre als Dollars erhielt, während Robert Downey Jr. - es sei ihm gegönnt - per Gewinnbeteiligung das größte Tortenstück vom dritterfolgreichsten Film aller Zeiten einheimste. Bisher waren nur Camerons Avatar und Titanic erfolgreicher, allerdings ohne die Inflation zu berücksichtigen - niemand wird die Zuschauerzahlen des Klassikers Vom Winde verweht schlagen können, nicht einmal durch die zunehmende Erschließung der asiatischen Märkte.

Zu Age of Ultron kann man letztendlich nicht viel mehr sagen als: Anschauen! Wer noch nie einen Marvel-Film gesehen hat, wird wohl gelegentlich den Faden verlieren und ob mancher Figuren verwirrt sein. Aber wenn auch nur Fans maximale Befriedigung aus diesem komplexen Mosaik ziehen können, sollten auch unvorbereitete Zuschauer ihren Spaß haben an den fulminanten Actionszenen, den typischen Whedonschen Dialogen und der sorgfältigen Balance zwischen Getöse und Nachdenklichkeit. Denn während im ersten Film die Avengers zusammenfinden mußten, zeigen sich nun deutliche Risse im Team. Jeder der Helden hat seine Bürde zu tragen: Steve Rogers trauert immer noch seiner Peggy hinterher (Hayley Atwell hat einen schönen Gastauftritt in einer Traumszene), Bruce Banner ringt immer noch mit seinem Anderen Ich, Tony Starks Trauma hat zu Paranoia geführt, und Thor hat üble Vorahnungen, die mit den Unendlichkeitssteinen zusammenzuhängen scheinen (man kann allerdings davon ausgehen, daß ihn in seinem nächsten Solofilm mehr der Kampf um den asgardischen Thron beschäftigen wird). Der düstere Ton erinnert an The Empire Strikes Back - dort die Rückschläge der Rebellion gegen das übermächtige Imperium, hier das Zusammenbrechen von S.H.I.E.L.D. durch die Hydra-Unterwanderung und das Misstrauen der Öffentlichkeit gegenüber den Avengers.

Dann gibt es da noch die "normalen" Mitstreiter. Whedon gelingt es wie so oft, selbst "kleine" Figuren mit unbekannten Darstellern interessant zu machen. Diesmal war ich begeistert von der aparten Asiatin Claudia Kim als Dr. Helen Cho ("Kommt Thor auch zur Party?"), die bereits in Marco Polo eine der besseren Frauenfiguren verkörperte (wenn man bei diesem Netflix-Schrotthaufen überhaupt solche Qualitäten entdecken kann). Während die Vorgeschichte der Schwarzen Witwe Natasha Romanoff bereits im Vorgänger thematisiert wurde, rückt nun Clint Barton aka Hawkeye in den Vordergrund. Der (wie auch Mark Ruffalo und Robert Downey Jr.) zweifach Oscar-nominierte Jeremy Renner formt damit fast die eindrucksvollste Figur des Ensembles. Nick Fury und Maria Hill haben dagegen eher (allerdings coole) Cameos. Dazu bekommt man endlich einmal Paul Bettany (wenngleich mit rotem Makeup) als "Vision" zu sehen, der ansonsten zum fünften Mal die Stimme von Jarvis beisteuert. Zu den Protagonisten gesellen sich auch diesmal wieder schillernde Schurken. Thomas Kretschmann als Hydra-Kopf Baron Strucker hat nur einen kurzen Auftritt, aber James Spader (Stargate, Sex, Lügen und Video) verleiht dem titelgebenden Ultron eine unerhört persönliche Stimme, in Dialogen, die wie eine sardonisch überhöhte Kombination von Tony Stark und Jarvis mit einem Schuß Hannibal Lector wirken. Und dann gibt es da noch die Zwillinge...

Zur Erklärung muß man etwas weiter ausholen. Das Marvel-Universum ist lizenztechnisch zweigeteilt. Die Rechte zu den X-Men und Spider-Man liegen bei Sony, die Avengers gehören direkt den Marvel Studios (die wiederum zum Disney-Konzern gehören). Das geplante erneute Spider-Man-Reboot soll von beiden Studios gemeinsam produziert werden, aber ansonsten gibt es eine strikte Trennung. "Mutanten" gehören also Sony, der Begriff darf bei den Avengers nicht genannt werden. Daher erklärt sich Hawkeyes etwas unbeholfene Meldung im Eingangsgefecht: "We have an Enhanced in the field!" (etwa: "Es ist ein Verbesserter im Spiel"). Wer die begleitende Fernsehserie Agents of Shield verfolgt, weiß bereits, daß es sich um "Inhumans" handelt, die Ergebnisse genetischer Experimente der Kree (die blauen Aliens aus Guardians of the Galaxy). Für die nächsten Jahren sind bereits Kinofilme zu den Inhumans angekündigt, was neben dem diesmal direkt den Abspann einleitenden Auftritt von Josh Brolin als Thanos den Brückenschlag zwischen den Avengers und den Guardians vorbereitet. Für den Moment dürfen die Zwillinge jedenfalls nicht Mutanten genannt werden, obwohl der eine sogar eine (wenngleich weniger eindrucksvolle) Variation des X-Man Quicksilver ist. Agent Hill faßt die beiden so zusammen: Er ist superschnell, sie ist ... seltsam. SIE ist die Scarlet Witch, die "scharlachrote Hexe", wesensverwandt vielleicht mit Jean Grey, und sie stiehlt den etablierten Helden in so mancher Szene die Show, mit ihren spektakulären telekinetischen Fähigkeiten und noch gefährlicheren hypnoseartigen Manipulationen. Gespielt wird sie von der 26jährigen Elizabeth Olsen, der jüngeren Schwester der überniedlichen Olsen-Zwillinge, die allerdings weniger niedlich und mehr ... seltsam ist. Vielleicht liegt es an ihrer gedrungenen Schulter-Nackenpartie, vielleicht an ihrem meist gezwungenen Lächeln, wie auch immer: Als verbitterte Quicksilver-Schwester Wanda Maximoff ist sie perfekt besetzt und eine willkommene Erweiterung des Avengers-Universums (ohne zu viel verraten zu wollen).

Zum Titel gab es übrigens einen hübschen Leserbrief im Empire-Magazin, in dem (zu Recht) vermutet wurde, daß der Film Ultrons Alter nicht enthüllen werde. Keinen Spoiler bedeutet es wohl, wenn man das bei Marvel übliche donnernde Action-Finale erwähnt, das aber durchaus erträglich ist, wenngleich bald wirklich keine Steigerung mehr nach dieser elften Avengers-Instanz möglich zu sein scheint. Die 3D-Bilder fand ich (anders als in Guardians) doch meist überflüssig. Ansonsten hätte ich durchaus mehr als die kurzweiligen 140 Minuten vertragen. Tatsächlich gibt es diesmal fundierte Gerüchte, daß fürs Heimkino eine längere Fassung vorbereitet werden könnte. Drücken wir die Daumen. Bis dahin (und in der Hoffnung, daß der im Juli startenden Ant-Man kein Spaßverderber wird) freue ich mich über ein erneut herausragendes Kinoerlebnis (9/10).