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Samstag, 9. Dezember 2017

Deutsche Prestige-Serie: Babylon Berlin

Wir schreiben das Jahr 1928. Der junge Kölner Kommissar Gereon Rath ist zu Gast bei der Berliner Sittenpolizei. Wie er dem Polizeipräsidenten im Vertrauen mitteilt, wird Kölns Oberbürgermeister Dr. Adenauer erpresst. Rath hat den Auftrag, die kompromittierenden Fotos sicherzustellen und zu vernichten. Wie sich herausstellt, ist unser späterer erste Bundeskanzler nur vorgeschoben, die Hintergründe liegen im persönlichen Umfeld Raths, der noch am Trauma des Ersten Weltkriegs leidet, aus dem sein Bruder nicht zurückkehrte. Diese Ermittlung tritt aber schnell in den Hintergrund, und Rath gerät in einen Dschungel aus politischen Unruhen, internationalen Intrigen, schnittiger Gangstern und korrupter Polizisten. Dabei kreuzen sich seine Wege mit denen der jungen Berlinerin Charlotte Ritter, die ihr mageres Einkommen als freie Stenotypistin im Präsidium durch nächtliche Prostitution im Edelclub Moka Efti ergänzt, um ihre Familie ernähren zu könnne. Sie hat allerdings mehr Spaß an Detektivarbeit und träumt von einer Karriere als Kriminalassistentin.



Anders als bei Fassbinders Verfilmung von Döblins zeitgenössischem Roman Berlin Alexanderplatz beruht Babylon Berlin auf aktuellen historischen Romanen des 1962 geborenen Journalisten Volker Kutscher (die ich nicht kenne). Künstlerisch gestemmt wurde die Adaption von einem Dreierteam: Tom Tykwer, mein deutscher Lieblingsregisseur seiner Generation, sowie Achim von Borries und Henk Handlhoegten, beide langjährige Vertreter der X-Filme-Produktionsfirma und u.a. Mitautoren von Good Bye, Lenin!. Über Kosten und Produktionsaufwand ist schon viel geschrieben worden, siehe etwa die Süddeutsche oder Spiegel. Ja, das Berlin der 20er erwacht in verblüffendem Detailreichtum zum Leben, und ja, Bilder und Sound können sich auch international sehen und hören lassen, und ja, da agieren tolle Darsteller in weitgehend überzeugender Manier. Trotzdem konnte sich bei mir keine rechte Begeisterung einfinden. Warum?

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Babylon Berlin ist konsequent horizontal erzählt. Einzelne Folgen können nicht für sich stehen, sondern ergeben nur im Zusammenhang einen Sinn. Im traditionellen Fernsehen ist dies ein recht modernes Phänomen, ein frühes Beispiel dafür wäre Twin Peaks (1990). Allerdings gab es schon länger etwas ähnliches, nämlich die sogenannten "Mini-Serien". In dieser Form hat etwa die BBC fast alle Dickens- und Austen-Romane auf die Bildschirme gebracht. Aus meiner Jugend erinnere ich mich auch an andere Beispiele, etwa diverse Jules-Verne-Epen oder den immer noch sehenswerten Fünfteiler Shogun. Was sich stark geändert hat, sind die Sehgewohnheiten. Die zweimal acht 45minütigen Folgen von Babylon Berlin sind zwar nominell über Oktober und November verteilt bei Sky angelaufen, stehen nun aber in ihrer Gesamtheit zum Streamen zur Verfügung. Ich persönlich habe sie mir binnen einiger Wochen verteilt angeschaut. Mehr als zwei Folgen pro Abend habe ich nicht geschafft, dafür erfordert die Serie zu viel Aufmerksamkeit und ist auch zu deprimierend. Nach der vorletzten Folge (2.7) war ich nachgerade sauer, auch wenn der tragische Ausgang schon früh telegraphiert wurde (und damit meine ich nicht den ebenfalls vorhersehbaren Cliffhanger um Charlotte).

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Dabei war das sicher nicht so anstrengend wie Fassbinders Epos Berlin Alexanderplatz, dessen 13 Folgen ich über Monate verteilen musste. Tykwer ist ja ein großer Fan, was man in seinem Essay für Criterion nachlesen kann. Babylon Berlin ist trotzdem fast als Antithese angelegt. Dort der Fokus auf Franz Biberkopf, hier auf ein umfangreiches Beziehungsgeflecht. Dort ein poetisch-surrealer Grundton, hier eine zwar komplexe, aber realistische Erzählstruktur. Dort spiegeln sich die historischen Ereignisse in den menschlichen Schicksalen, hier sind sie wesentlich in die Handlung integriert. Günter Lamprecht, war zwar als Biberkopf 1980 mindestens 10 Jahre zu alt, seine wuchtige Darstellung bleibt aber trotzdem im Gedächtnis. In Babylon Berlin hat der 87jährige einen netten Gastauftritt als Reichspräsident von Hindenburg.

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Tykwer war übrigens bereits an einer anderen Fernsehserie beteiligt, die unterschiedlicher nicht sein könnte: Sense8 gehört zu seiner eher Hollywood-orientierten Seite (Das Parfum, Der Wolkenatlas), Babylon Berlin zu der des Autorenfilmers (Winterschläfer, Drei). Sense8 hat sein Publikum nicht gefunden, weil die Welt nicht aufgeschlossen genug dafür war (aufgrund massiver Proteste nach der Absetzung, denen ich mich ebenfalls angeschlossen hatte, hat Netflix immerhin eine zweistündige Abschlussfolge für nächstes Jahr finanziert). Babylon Berlin steht momentan ohnehin nur einer Randgruppe, nämlich den Sky-Abonnenten, zur Verfügung. Ob es Ende 2018 bei der ARD-Ausstrahlung eine zu den Kosten passende Beachtung finden wird, halte ich für unwahrscheinlich. Selbst die auf Unterhaltung getrimmte Historienserie Deutschland 83 ist ja bei den Zuschauern hierzulande eher durchgefallen. Woher soll dann die Zielgruppe für dieses anstrengend-deprimierende Sittengemälde kommen?

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Grundproblem in Babylon Berlin sind für mich die Figuren, zu denen ich nur schwer eine Beziehung aufbauen konnte. Nehmen wir Gereon Rath. Gegen Mitte der ersten Staffel zweifelt sein Partner Wolter an einem Urteil Raths, und Rath fragt ihn darauf (sinngemäß): "Du kennst mich doch als guten Polizisten!" Der Zuschauer erinnert sich zu diesem Zeitpunkt allerdings vor allem daran, dass Rath bereits zweimal seine Dienstpistole verloren hat - einmal ist sie bei einer Verfolgungsjagd in einen Schacht gefallen, beim zweiten Mal entriss sie ihm ein Verdächtiger beim Verhör und erschoss sich damit. Kein Indiz für eine besondere Befähigung als Polizist, oder? Auch Kollege Wolter, als Berliner Urgestein brillant von Peter Kurth verkörpert, bleibt als Figur eine Summe von widersprüchlichen Behauptungen. Erst reiben sich die beiden, dann sind sie ganz plötzlich, nach einem einsamen Bier, Kumpel und per Du, und später wiederum - aber ich möchte nicht zu sehr spoilern...

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Besser steht es um Charlotte Ritter, der zwar ein bisschen viel aufgebürdet wird, mit deren Schicksal man aber am ehesten mitfiebert. Das liegt für mich auch an der Darstellerin. Die Berlinerin Liv Lisa Fries ist erst 27, aber schon seit zehn Jahren gut im Geschäft. Sie bringt die Widersprüche ihrer Figur glaubwürdig rüber - zerbrechlich und stark, opportunistisch und loyal. Ob eine solche Frau historisch in die Weimarer Republik passt, mag man bezweifeln, aber es wäre auch langweilig, eine reine Männerwelt zu zeigen. Es ist dramaturgisch immer reizvoll, Aussenseiter in den Mittelpunkt zu stellen. Gereon Rath ist mit Absicht ein Fremdkörper in Berlin, überhaupt bei der Polizei. Er ist schmal und sensibel, dazu Morphium-abhängig (oder ist das am Ende bereits Heroin?) Den zehn Jahre älteren Münchener Volker Bruch sehe ich in der Hauptrolle deutlich zwiespältiger als seine Kollegin. Er zeigt eine technisch brillante Leistung, ob in den Suchtszenen oder beim ausgelassenen Tanzen, aber das wirkt selten richtig natürlich. Man vergisst nie, dass er schauspielert (vielleicht ist es auch unmöglich, diese schwierige Figur überzeugend darzustellen).

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Die Nebenfiguren sind oft noch schwächer gezeichnet. Und wenn mal jemand gerade Kontur gewonnen hat, wird er oft gleich wieder beseitigt. So etwa Assistent Jänicke, der lange nur so nebenbei erscheint, an den man sich dann gerade zu erinnern beginnt (er hat taubstumme Eltern und kann daher gut Lippen lesen), bevor er dann kaltblütig erschossen wird. Bei einer Figur, der man gerade erst einen Namen zuordnen kann, entsteht dann auch keine emotionale Wirkung (wenn überhaupt, war ich betroffen von Charlottes Reaktion). Das ist aber kaum die Schuld der Darsteller, deren Namen selbst mir als Nicht-Fernsehgucker oft geläufig sind, so etwa Hannah Herzsprung, Jördis Triebel, Lars Eidinger, Fritzi Haberland und Benno Fürmann (der Tykwer-Veteran aus Der Krieger und die Kaiserin wird wohl in der Fortsetzung eine größere Rolle spielen).

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Gerade wenn man sich in der zweiten Staffel ein wenig besser zurechtfindet, wird das vertraute Personal gewalttätig abgebaut. Was in einem Roman dramaturgisch sinnvoll sein kann, wirkt im Fernsehen schnell frustrierend. Es wäre besser gewesen, man hätte zur Einführung eine Staffel vor dem ersten Roman angesiedelt, in der man die Protagonisten im "Fall der Woche" erstmal kennen- und schätzenlernt, bevor man vom Intrigengeflecht der Romanhandlung überwältigt wird. Diese Vorgehensweise findet man heute oft bei amerikanischen Serien, siehe etwa Person of Interest. Manchmal ist anderseits die Hinwendung zur horizontalen Erzählweise und zur Betonung der Seifenoperelemente auch nur Kalkül, um die Zuschauer bei der Stange zu halten (siehe etwa Grimm).

Zu Asche, zu Staub
Der Ohrwurm und inoffizielle Titelsong von Tom Tykwer und Johnny Klimek, in der Serie in einer bizarren Performance von Severija Janusauskaite live dargeboten (Cabaret lässt grüßen!), setzt den morbiden Grundton (den späteren Auftritt des müden 72jährigen Bryan Ferry, der auch ein paar unscheinbare Songs zum Soundtrack beitrug, wollen wir mal vergessen). Die Dekadenz der ausgelassenen 20er Jahre mündet in einer Wirtschaftskrise. Es wird immer noch getanzt und gesungen in den Clubs, aber nebenan hungern und frieren die Arbeitslosen und ihre Familien. Kommunisten, Anhänger des Kaisers und Nazis buhlen um Anhänger (wir wissen ja, wer die Oberhand gewann). Ein paar mehr oder weniger redliche Menschen stemmen sich noch gegen den Strom, aber die Lage ist hoffnungslos. Die auf acht Bände ausgelegten Romane sollen wohl 1938 enden, als wohl jeder das bittere Ende absehen konnte. Gut möglich, dass wir wieder auf solche Goldenen Zwanziger zusteuern. Aber will Babylon Berlin warnen oder uns nur in der Hoffnungslosigkeit ertränken? Für mich hat sich die Anstrengung zwar gelohnt, aber ich freue mich nicht gerade auf die bereits beschlossene Fortsetzung.

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