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Donnerstag, 31. Januar 2013

Frankenweenie (6/10)

Der junge Victor Frankenstein flickt seinen vom Auto überfahrenen Hund wieder zusammen und bringt ihn mittels Blitz-Elektrizität zum Leben zurück, daher der Titel Frankenweenie. Im Wettbewerb um einen Wissenschaftspreis versuchen seine Klassenkameraden ihm nachzueifern, mit variablen Ergebnissen...

Nur für Fans: Es bleibt unklar, was Tim Burton dazu trieb, seinen frühen Kurzfilm auf Spielfilmlänge auszudehnen, mit Verbeugungen nicht nur vor James Whales Frankenstein-Meisterwerke, sondern u.a. auch vor Godzilla, den Gremlins, Friedhof der Kuscheltiere und Dracula (Christopher Lee hat ein Cameo auf dem Fernsehbildschirm). Es gibt einiges zu schmunzeln, Highlight für mich die Pudeldame mit weißer Strähne à la Frankensteins Braut, aber man wird nicht so recht warm mit den Charakteren. Die schwarz-weiße Stop-Motion-Animation erzielt in 3D allerdings eine schöne nostalgische Wirkung.

Ordentlich (6/10).

Dienstag, 29. Januar 2013

Flight (8/10)

In einem Paradebeispiel schlechten Marketings verspricht der Trailer für Flight dem gemeinen Zuschauer einen Actionfilm mit abschließender spannender Gerichtsverhandlung. Tatsächlich ist der allerdings nervenaufreibend inszenierte Flug nach gut 20 Minuten bereits vorbei. Danach beginnt die Flucht (die zweite Bedeutung des englischen Titels) des von Denzel Washington vielschichtig und unsentimental dargestellten Heldenpiloten Whip. Es ist eine Flucht vor sich selbst, vor seiner Sucht, seinen Lügen, den Trümmern seines Lebens. Selten wurde Alkoholismus realistischer auf die Leinwand gebracht, auf die Gefahr hin, daß der ans TV-Melodrama gewöhnte Zuschauer Whips verzweifelte Situation unterschätzt. Man muß schon große Vorbilder zum Vergleich heranziehen; ich denke an Ray Milland in Billy Wilders Lost Weekend und an den großartigen John Spencer als Leo McGarry in The West Wing. Aus dem verdienten dritten Oscar wird dieses Jahr aber wohl nichts, denn da gibt es noch einen britischen Ausnahme-Mimen namens Daniel Day-Lewis...

Auf seinem Weg trifft Whip verschiedene Menschen, die ihm helfen wollen - Kelly Reilly (Wendy aus Auberge espagnole) als Leidensgenossin Nicole, der stets wunderbare Bruce Greenwood als Liaison der Pilotenvereinigung, Don Cheadle als Anwalt, der einfach nicht verstehen kann, wie ein volltrunkener Pilot eine solche Meisterlandung hinlegen kann, und John Goodman als lebensfroher Drogenlieferant. Doch solange Whip seinen Zustand nicht selbst als Krankheit erkennt, gibt es keine Chance auf Besserung. Und gerade die paradoxe Ausgangssituation - möglicherweise ist Whip gerade wegen seines Highs die Notlandung so gelassen und intuitiv geglückt - sorgt dafür, daß die Handlung in weiten Teilen nicht die üblichen Klischees bedient. Dabei bleibt auch die politische Korrektheit außen vor - es werden viele Zigaretten gequalmt, und es gibt im Krankenhaus eine herrlich komische und zugleich tiefsinnige Unterhaltung zwischen Whip, Nicole und einem Krebskranken im Endstadium.

Ach, wenn das ganze jetzt noch in 100 Minuten gepaßt hätte - die 140 Minuten sind denn doch etwas lang. Auch wenn ansonsten das Fehlen jeder spirituellen, geschweige denn christlichen Perspektive wohltut, hätte ich auf die merkwürdige Szene am Krankenbett des Co-Piloten mit seiner stumpfsinnigen basischristlichen Frau ("Praise Jesus") verzichten können, ebenso auf die denn doch dem Publikumsgeschmack geschuldete Schlußszene.

Insgesamt ein positiv überraschender Film von Robert Zemeckis, in den 80ern bekannt geworden durch Zurück in die Zukunft und Roger Rabbit, in den 90ern Oscar-Gewinner für Forrest Gump, aber auch gut für subtilere Kost wie den schön altmodischen Horrorfilm Schatten der Wahrheit mit Harrison Ford und Michelle Pfeiffer. Danach allerdings hat er sich neuen Techniken verschrieben und drei katastrophal schlechte Real-Trickfilme mit extensivem Motion Capturing (Der Polarexpress, Beowulf, Eine Weihnachtsgeschichte) gedreht, denen man als einzig Positives zugestehen muß, daß sie den Weg für die tolle Tim und Struppi-Verfilmung von Steven Spielberg und Peter Jackson ebneten. Nach Cast Away von 2000 jetzt ein Comeback Zemeckis, der aus einem kleinen Budget mehr herausgeholt hat als so manche anderen, die jetzt für den sogenannten "Besten Film" nominiert sind (immerhin ist das Drehbuch von John Gatins qualifiziert, der sonst eher Vorlagen für mittelmäßige Sportfilme liefert).

Sehr gut (8/10).

Sonntag, 27. Januar 2013

Nieder mit der Sklaverei: Lincoln (7/10) und Django Unchained (7/10)

Gleich zwei Dramen aus der Endphase der amerikanischen Sklaverei sind dieses Jahr für den Oscar als bester Film nominiert. Beide von berühmten Regisseuren erzählt, beide fast quälend überlang, ergänzen sie sich so sehr, daß sie in der Erinnerung gemeinsam besser wegkommen als einzeln.

Lincoln konzentriert sich auf das letzte halbe Jahr der Amtszeit des ikonischen Präsidenten. Es kommt ein wenig als Geschichtsstunde daher, für uns ignorante Europäer gibt es eine zusätzliche kurze Einführung in Textform. Tatsächlich waren mir die Details dieser historischen Ereignisse nicht geläufig. Grob gesagt war es wohl so, daß Lincoln zwar durch seine präsidialen Sonderrechte in Kriegszeiten die Sklaverei quasi aufgehoben hatte. Viele rechneten aber damit, daß diese Regelung nach Ende des Krieges, gerade als Konzession an den Süden für eine schnelle Kapitulation, wieder aufgehoben werden würde. Daher versuche der gerade wiedergewählte Präsident, einen Verfassungszusatz zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei durch das Repräsentantenhaus zu bringen, wozu er eine Zweidrittelmehrheit und damit etliche oppositionelle Stimmen erlangen mußte.

Steven Spielberg inszeniert das als bedächtiges, dialoglastiges politisches Drama, das sich erst gegen Ende mit der namentlichen Abstimmung zum Thriller verdichtet, dessen Ende natürlich bekannt ist. Damit spiegelt der Film quasi die Persönlichkeit seiner Hauptfigur, die ihre Argumente oft durch ausschweifende Anekdoten versinnbildlichte. Die Stärke des ganzen ist ein wieder mal erstaunlicher Daniel Day-Lewis, der sich seit seinem Debut als Hauptdarsteller in Stephen Frears herausragendem Mein wunderbarer Waschsalon von 1985 schon immer rar gemacht hatte und im letzten Jahrzehnt nur in fünf Filmen auftrat, auf die er sich offenbar so intensiv vorbereitet wie sonst nur ein Regisseur. Zuletzt gefallen hat er mir in Scorseses fabelhaften Gangs of New York von 2002 als brutaler "Fleischer" Bill. Nun schlüpft er chamäleonartig in die Rolle des 16. Präsidenten der USA, geschwächt von einsamer Verantwortung und doch mit stählernem Willen gewappnet. Mutig hat er eine der Erwartungshaltung widersprechende, aber historisch wohl akkurate hohe Stimmlage und den korrekten Akzent eingeübt. Sein historischer dritter Hauptrollen-Oscar scheint fast sicher. Am besten unter den weiteren Akteuren fand ich tatsächlich den für eine Nebenrolle nominierte Tommy Lee Jones als Führer der "radikalen" Republikaner, der seinen Haß auf den allgegenwärtigen Rassismus zügeln mußte, um das bescheidene Ziel des Verfassungszusatzes zu erreichen; zwar eine typische Rolle für den Oscar-Preisträger (Auf der Flucht), aber immer noch emotional überzeugend. Die Schwäche des ganzen ist ansonsten leider das Drehbuch von Tony Kushner, das im Gegensatz zu seinem ebenfalls von Spielberg inszenierten, komplexen Buch zu München seine weiteren Figuren nur sehr blaß zu zeichnen vermag und das Thema Sklaverei nur theoretisch anreißt.

Da paßt es gut, daß Quentin Tarantino in seiner Hommage an den Italo-Western die Sache handfest von der anschaulichen Seite anpackt. Da sieht man die Auspeitschungen und die Narben, die sie hinterlassen, die Erniedrigungen und Qualen, das zerfetzte Fleisch, nachdem auf den flüchtigen Gladiatorensklave die Kampfhunde gehetzt werden.. Aber man sieht auch einen entfesselt aufspielenden Jamie Foxx (Oscar für Ray 2005) als Django, den befreiten Sklaven, der seine Frau sucht und dabei stellvertretend für all seine gequälten Kameraden blutige Rache nimmt. Diese Erhöhung zur Kultfigur erfolgt allerdings erst im letzten Drittel. Zunächst gehört der Film Christoph Waltz als Zahnarzt Dr. Schultz aus Düsseldorf, der nun als Kopfgeldjäger Banditen zur Strecke bringt und Django erst als Helfer, dann als Partner aufnimmt (nicht zur Zahnbehandlung). Tarantino liebt es, Waltz seine schrägen Dialoge in den Mund zu legen, und einige Szenen erinnern stark an die erste Zusammenarbeit der beiden, Inglorious Basterds. Leider erreichen sie selten die Intensität des Vorgängers, jene atemlose Spannung in der ersten Verhörszene und der Kartenrunde der "Basterds" wird selbst in der entscheidenden Dinnerszene mit Leonardo DiCaprio als brillant-unmenschlichem Plantagenbesitzer nicht erreicht. Und Samuel L. Jackson als übelste "Onkel Tom"-Figur spielt zwar gekonnt gegen sein Image an, wirkt aber doch eher wie eine Karikatur.

Überhaupt scheint sich Tarantino in der Konstruktion dieses Westerns etwas verhoben zu haben. Der Weg zum großen Action-Finale ist recht episodisch angelegt, mit Nebenfiguren, die (wie etwa Jonah Hill als motzendes Ku-Klux-Klan-Mitglied) nur für wenige Minuten auftauchen und dann wieder aus dem Film verschwinden. Der Chef selbst hat übrigens ein kurzes, explosives Cameo, wie etliche Mitglieder seines Stammpersonals. Dieses Prinzip mag den Genre-Vorbildern geschuldet sein, aber Tarantino ist es bislang oft gelungen, solche Vorbilder in neuem Kontext zu verdichten und zu überhöhen, so wie einst Sergio Leone die Western John Fords und die Samuraigeschichten Kurosawas in seine Erzählsprache übertrug und daraus einige der gewaltigsten Epen der Filmgeschichte strickte. Nur wollen Tarantino in diesem Fall weder die epische Breite noch die wuchtigen Charaktere so recht gelingen. Vielleicht fehlt ihm seine langjährige Cutterin Sally Menke, die 2010 bei einem Unfall ums Leben kam, vielleicht traut sich niemand mehr, beim Meister konstruktive Kritik anzubringen. Die Fans jedenfalls haben Django Unchained momentan auf Platz 37 der Ewigenbestenliste der IMDB gehievt, in deren Top Ten Pulp Fiction seinen berechtigten Stammplatz hat. Ich selbst verbringe zwar auch mit einem mittelmäßigen Tarantino gern mal drei Stunden im Kino, aber ordentliche Unterhaltung ist wirklich eine Minimalanforderung an einen meiner Lieblingsregisseure.

Montag, 14. Januar 2013

Amour (Liebe) - 6/10

Georges und Anne sind beide über 80 und seit über 60 Jahren miteinander verheiratet. Zu Anfang sieht man gleich das Ende: Die Feuerwehr bricht die Wohnungstür auf, und Anne liegt blumengeschmückt auf ihrem Totenbett. Kein guter Ausgang also, und wie auch: Keine Biographie kann ein Happy End haben, jedes Leben endet mit dem Tod.

Der Regisseur und Drehbuchautor Michael Haneke breitet dann die letzten Monate der beiden in seiner typisch emotionslosen, unsentimentalen Art vor uns aus. Zu Beginn sehen wir sie als rüstiges Seniorenpaar, bei einem Konzertbesuch (der Regisseur zeigt nur das Publikum, nicht die Bühne). Später finden wir heraus, daß der Solist ein Klavierschüler Annes ist, auf den sie sehr stolz ist. Im folgenden beschränkt sich die Handlung auf die Wohnung der beiden. Anne erkrankt; nach einer mißlungenen Operation und einem Schlaganfall ist sie rechtsseitig gelähmt. Georges kümmert sich, später mit Hilfe einer Krankenschwester, kompetent um seine nun an den Rollstuhl gefesselte Frau. Zunächst sieht es so aus, als ob dies für das Zusammenleben kein großes Hindernis bedeutet. Aber Anne ist klar, daß ihr Zustand nur schlimmer werden wird, und nimmt zunächst ihrem Mann das Versprechen ab, sie nicht mehr in ein Krankenhaus bringen zu lassen. Georges willigt zögernd ein, mag ansonsten aber ihren Wunsch nicht hören, möglichst schnell in Würde zu sterben. Schlimmer ist die Reaktion der Tochter (Isabelle Huppert), die gar nicht wahrhaben will, daß keine Besserung möglich ist.

In einer Schlüsselszene blättert Anne noch einmal in ihren Fotoalben: "Ein langes Leben", stellt sie fest. Aber Georges mag das nahe Ende selbst dann nicht wahrhaben, als Anne durch einen zweiten Schlaganfall jetzt auch im Sprechen und Denken behindert ist und ihre Qual und Wut über ihre Hilflosigkeit kaum mehr verbal ausdrücken kann. Erst als Georges selbst die Pflege über den Kopf wächst, erlöst er seine Frau und damit auch sich. Dies ist jetzt natürlich bereits meine Interpretation, denn der Film gibt uns keine Erklärungen. Über die peinliche Symbolik einer zweimal durchs Fenster hereinflatternden Taube möchte ich mich hier allerdings nicht auslassen. Einzig hilfreicher Kommentar mag der Filmtitel sein: Wahre Liebe hätte Georges zeigen können, indem er Anne zu einem früheren Zeitpunkt erlöste, um ihr ein Sterben in Würde zu ermöglichen, und nicht, um seiner eigenen verzweifelten Situation ein Ende zu bereiten (übrigens erfahren wir nicht direkt, was danach aus ihm wird - diese Frage ist im Kontext der Handlung nebensächlich).

Hanekes Art, eine Geschichte quälend langsam zu erzählen, um dann in wenigen Momenten zu schockieren (hier vor allem in einer Alptraumszene Georges'), wird in "Liebe" nur durch die Kunst und die ungeheure Präsenz der beiden Altstars des französischen Kinos (Emmanuelle Riva, Jahrgang 1927, und Jean-Louis Trintignant, Jahrgang 1930) erträglich. Trotz oft stilisiert wirkender Dialoge und einer fast als Versuchsanordnung anmutenden Handlung erzeugt ihr Spiel Emotion und Teilnahme. Das hat "Liebe" früheren Werken Hanekes voraus, z.B. den preisgekrönten Das weiße Band und Caché, denen ich fast nichts abgewinnen konnte. Haneke wird dafür gelobt, daß er in Echtzeit die demütigenden und peinlichen Momente der Krankenpflege zeigt. Dies wäre vor 30 Jahren sicher etwas besonderes gewesen. Im Vergleich mit beispielsweise dem fabelhaften, mutigen und zugleich lebensfrohen Das Meer in mir von 2004, einer ebenfalls mit dem Tod endenden Biographie eines Gelähmten, verblaßt die Erinnerung an "Liebe" bei mir bereits. Leider müssen wir den bei Preisverleihungen unbeholfen auftretenden Österreicher Michael Haneke in nächster Zeit noch öfter ertragen, Liebe geht mit fünf Nominierungen ins Oscar-Rennen. Wegen der großartigen Darsteller vergebe ich als Filmwertung ein zwiespältiges "Ordentlich" (6/10).

Sonntag, 6. Januar 2013

Silver Linings Playbook (8/10)

Manchmal mutet uns das Kino Figuren zu, mit denen wir uns nicht identifizieren können, deren Aktionen fast nicht zu verstehen sind: Charlize Theron in Jason Reitmanns und Diablo Codys Young Adult als alkoholisierte, realitätsferne, schon leicht verblühte Mittdreißigerin, die plötzlich meint, ihrer inzwischen verheirateten Jugendliebe nachstellen zu müssen und von einer peinlichen Situation in die nächste gerät; Michael Fassbender als Sexsüchtiger in Steve McQueens Shame, beziehungsunfähig und gefühlskalt. Ganz ohne Hoffnung auf Besserung allerdings können solche Filme nicht funktionieren. Wir Zuschauer brauchen stets jenen Silberstreif am Horizont, der in Silver Linings Playbook Programm ist.

Hier ist Bradley Cooper der bipolare, gerade aus der Psychiatrie entlassene Pat, der mit Jennifer Lawrences gerade verwitweter Tiffany ausgerechnet auf eine ähnlich labile Leidensgefährtin trifft. Umgeben sind sie von einem ausgezeichneten Ensemble: Jacki Weaver als Pats Mutter; Robert de Niro als Pats Vater endlich mal wieder in einer substantiellen Rolle, in der er sowohl latente Aggressivität als auch sein komisches Talent zeigen kann; Anupam Kher (der den Vater von Parminder Nagra in Bend it like Beckham und den von Freida Pinto in Ich sehe den Mann deiner Träume gespielt hat) als wunderbar trockener Therapeut; Chris Tucker ("Rush Hour", "Das fünfte Element"), den ich nicht wiedererkannt hätte, mal nicht nervig als herrlich komischer Mitpatient von Pat. Regisseur und Adapteur David O. Russell, dem bereits mit Three Kings und I Heart Huckabees recht schräge Komödien gelungen waren, bevor er sich mit dem m.E. überschätzten The Fighter an einem Drama versuchte, bewegt sich hier gekonnt zwischen Tragödie und Komödie.

Jeder Film über Behinderte oder psychisch Kranke facht wieder die gleiche blödsinnige Diskussion an:
  • Über Pat: Mein Sohn ist bipolar, und er ist überhaupt nicht so
  • Über Dustin Hoffman als Raymond in "Rain Man": Das ist kein typischer Autist
  • Über Keira Knightley als Sabina Spielrein in "Eine dunkle Begierde": Als Frau (!) halte ich diese Figur nicht für glaubwürdig
  • (gleiches gilt übrigens auch für die Darstellung anderer Minderheiten. So mußte mir eine Bekannte, deren Bruder schwul ist, zu "Brokeback Mountain" gleich erklären, daß Sex zwischen Schwulen ganz anders ist. Sie muß es ja wissen...)
Dabei sollte doch klar sein, daß dies keine Dokumentationen sind und diese Figuren nicht exemplarisch für ein Krankheitsbild stehen wollen oder können! Ein Film kommentiert immer nur einen kleinen, verzerrten Ausschnitt der Wirklichkeit. Er darf übertreiben oder vereinfachen, er kann im Idealfall erhellend wirken oder zur weiteren Recherche anregen. Ob Matthew Quick in seinem Roman die bipolare Störung seiner Hauptfigur also klinisch korrekt angelegt hat, interessiert mich hier nicht besonders. Nicht das Krankheitsbild, sondern die Figur steht im Mittelpunkt. Pat hatte ja seine Krankheit bis zu einem traumatischen Erlebnis gut im Griff, und ich finde seine Entwicklung im Film durchaus glaubhaft.

Das konnte nur mit einem überzeugenden Hauptdarsteller gelingen, und Bradley Cooper, "The Sexiest Man Alive", nach seinem Debüt in der Serie "Alias" vor allem durch Blödeleien in der "Hangover"-Trilogie bekannt geworden, schlägt sich wacker, wenngleich seine Darstellung nicht die Klasse der anfangs genannten Charlize Theron und Michael Fassbender erreicht. Er hält seinen Charme geschickt zurück und brilliert vor allem in schnellen verbalen Schlagabtauschen mit seinen Eltern und Tiffany. Die 22jährige Jennifer Lawrence gilt ja als DER Shooting Star, nach ihrer Oscar-Nominierung für das überzeugende, wenngleich deprimierende Indi-Kleinod  Winter's Bone und der Hauptrolle in The Hunger Games. Sie hat eine starke physische Präsenz, die ihr in den Actionszenen der Fantasy-Trilogie wie im Tanzfinale von "Silver Linings" zugute kommt. Leider scheint sie ansonsten für "The Hunger Games" eher Kristen Stewart in Underacting nachzueifern, wobei sie durch ihr volles Gesicht und ihre kurvenreiche Figur von vornherein fehlbesetzt schien. In "Silver Linings" kann sie zwar Emotionen vermitteln (sonst würde der Film auch nicht so gut funktioinieren), vollkommen überzeugt bin ich aber nicht. Vor allem scheinen mir in Großaufnahmen ihre Augen recht ausdruckslos. Das ist aber sicher Geschmackssache.

Fazit

Nach einer kurzen Orientierungsphase bewegt sich Silver Linings Playbook geschickt zwischen Drama, Komödie und Romanze, gibt sogar noch eine hinreißende Tanzperformance dazu und ist damit für mich die originellste und intelligenteste RomCom seit dem herausragenden Crazy, Stupid, Love. Sehr gut (8/10).

Dienstag, 1. Januar 2013

Kino-Jahresrückblick 2012

Die Frequenz meiner Kinobesuche ist in den letzten Jahren stetig zurückgegangen. Waren es 2005 noch 80 Filme, so blieben 2012 noch 40 Filme übrig, für die ich mich ins Kino bemüht habe. Alles übrige verlagere ich ins Heimkino oder spare es mir gleich.

Dass viele Prestige-Objekte der Filmstudios, in den USA rechtzeitig für die Oscars veröffentlicht, in Deutschland immer noch verspätet ins Kino kommen, erklärt die Häufung guter Filme zu Anfang und Ende des Jahres, mit dem einen oder anderen gelungenen Sommer-Blockbuster.

3D fand ich eigentlich nur für den "Hobbit" (HFR), "Life of Pi" und vielleicht noch "Die Vermessung der Welt", "Hugo Cabret" und "Merida" sinnvoll. Ich glaube, es ist noch lange nicht entschieden, ob sich diese Technik durchsetzen wird.

Meine besten Filme des Jahres


MEISTERWERK (10/10)

The Artist (Michel Hazanavizius/Frankreich)


Ein Glücksfall: Manchmal paßt einfach alles zusammen. Eine tolle Idee super ausgeführt, brillante Hauptdarsteller, wundervolle Musik, schwarzweiße Bilder ohne Dialoge. Und das alles von einem Regisseur, der vorher mit "OSS 117" mäßigen Klamauk (übrigens mit den gleichen Darstellern) produziert hatte!

HERAUSRAGEND (9/10)

Life of Pi (Ang Lee/USA)


siehe meine ausführliche Kritik

Cloud Atlas (Andy & Lana Wachowski, Tom Tykwer)


Eine überwältigende Bilderflut, allerdings ist es hilfreich, sich vorher durch das (längst nicht so gute) Buch gequält zu haben. Schade, daß wir Europäer uns so zieren, auf diesen Meilenstein des europäischen Kinos stolz zu sein.

The Avengers (Joss Whedon/USA)


Eine Genugtuung für alle Fanboys - nur James Cameron war erfolgreicher. Niemand schreibt so gut für Ensembles wie Joss. Jetzt beginnt bereits das Bangen, daß die Fortsetzung scheitern könnte, und die Hoffnung auf die parallel entstehende TV-Serie...

Der Hobbit - Eine unerwartete Reise (Peter Jackson/USA, Neuseeland)


siehe meine ausführliche Kritik

SEHR GUT (8/10)

Cabin in the Woods (Drew Goddard/USA)


Ein außergewöhnliches Drehbuch, das Goddard gemeinsam mit Joss Whedon (angeblich an einem Wochenende) geschrieben hatte und mit tollen Schauspielern, teilweise Bekannte aus dem Whedonverse, teilweise frische Gesichter, spannend und kompromisslos inszenierte.

Ted (Seth McFarlane/USA)


Der herrliche unkorrekte Teddybär, im Original vom Regisseur gesprochen, kompliziert Mark Wahlbergs Beziehungsleben. Mila Kunis kann hier zwar nicht mit so tollem Material wie in "Freunde mit gewissen Vorzügen" brillieren, ihre Vorzüge sind aber trotzdem gut inszeniert.

To Rome With Love (Woody Allen/USA, Italien)


Vielleicht der leichtfüßigste Eintrag in Woody Allens Tetralogie aus europäischer Kulturzentren (nach London, exemplarisch mit "Match Point" vertreten, Barcelona und Paris). Keine Episode hat mich enttäuscht. Roberto Benigni hat ein paar herrliche Szenen, und ich habe mich auch über den Auftritt des Meisters selbst gefreut. Dieser hat übrigens immer noch ein Auge für photogene junge Darsteller, in diesem Fall möchte ich die hinreißende 25jährige Alessandra Mastronardi hervorheben, die in Italien bereits viel beschäftigt ist, den meisten Zuschauern aber wohl unbekannt sein sollte.

GUT (7/10)

7 Psychos (Martin McDonagh), Argo (Ben Affleck), Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt (Lorene Scafaria), Hugo Cabret (Martin Scorsese), Magic Mike (Steven Soderbergh), Monsieur Lazhar (Philippe Falardeau), Moonrise Kingdom (Wes Anderson), The Descendants (Alexander Payne), Verblendung (David Fincher), Young Adult (Jason Reitman), Ziemlich beste Freunde (Olivier Nakache, Eric Toledano)

Enttäuschungen


Merida ("Brave") - 6/10: Der erste Pixar-Film mit einer Prinzessin als Heldin wirkt eher wie ein mäßiges Disney-Produkt
Skyfall - 6/10: Nur noch der Name ist Bond, James Bond. Da hilft es auch nicht, daß am Ende die Traditionen wie mit der Brechstange wiederhergestellt werden: M ist wieder männlich, Moneypenny wieder zugeknöpft...
The Amazing Spider Man - 6/10: Die Chemie zwischen Andrew Garfield und Emma Stone stimmt, aber ansonsten ist dieser Reboot ziemlich überflüssig. Angeblich wurden nachträglich die interessantesten Szenen rausgeschnitten, um sie für die Fortsetzung aufzuheben...

Hier noch ein Bild der Profi-Kollegen, das ich aus Copyright-Gründen bestimmt nicht hier reinkopieren darf:

Große Verantwortung

Dark Shadows (Tim Burton) - 5/10: Die Fernsehserie aus den 60ern war zwar lachhaft, hatte aber eine Art unbeholfenen Charme. Dieses Projekt ging im Nirvana zwischen Hommage und Persiflage verloren. Schlimmster Effekt: Chloe Moretz als Werwolf.
Prometheus (Ridley Scott) - 5/10: Es wurde soviel Energie auf die Ankopplung an die Alien-Saga ver(sch)wendet, aber: Mit Plausibilität oder Spannung hätte man den Zuschauern einen größeren Gefallen getan. Toll allerdings Michael Fassbender als Android, zumindest in der ersten Hälfte.
Die Vermessung der Welt (Detlev Buck) - 5/10: Ambitioniert gescheitert, aber immerhin ein deutscher 3D-Film mit schönen Bildern. Buck, mach mal wieder eine kleine Komödie wie Karniggels!

Schlecht (zum Glück nur im Heimkino ertragen):


Snow White and the Huntsman: Ich weiß nicht, ob ich mich mehr über die öde Darstellung von Kristen Stewart als Schneewittchen aufregen soll oder über die Kolportagen, daß ihr Knutschen mit dem Regisseur ihre Twilight-Romanze mit Vampir-Boy gefährdet hat... Selbst das andere Schneewittchen-Projekt mit Julia Roberts als böser Hexe war etwas besser.
Die Piraten (Aardman): Leider trotz Stopmotion ziemlich leblos.
Rock of Ages: Einige witzige Momente, ansonsten blasse Jungstars, die Rockhits aus den 80ern zombifizieren. Mußte mir danach erst mal Foreigners "4" in voller Lautstärke auflegen, um den Schmalz wegzuspülen.

Im Heimkino entdeckt:


Best Exotic Marigold Hotel (John Madden) - 7/10: Topbesetztes britisches Schauspieleraltenheim
Ein Monster in Paris - 7/10: Ein süßer französischer Animationsfilm mit Liedern von M(athieu Chedid), gesungen gemeinsam mit Vanessa Paradis (und Sean Lennon in der englischen Variante).
Lachsfischen im Jemen (Lasse Hellström) - 7/10: Ein Feelgood-Movie mit sympathischen Darstellern und Satire ohne Widerhaken.
My Week With Marilyn - 7/10: Michelle Williams und Kenneth Branagh als Monroe und Olivier - ein Fest für Cineasten, ansonsten etwas oberflächlich.

Klassische Alben #1: "Aqualung" von Jethro Tull (1972)

40th Anniversary Special Edition


"Aqualung" war die erste CD, die ich mir jemals gekauft habe. Anfang der 90er besaß ich schon eine bescheidene Plattensammlung und viele Cassettenaufnahmen, nicht nur aus Kostengründen. Ich war immer schon unzufrieden mit Vinyl-LPs: umständlich in der Handhabung, stets Ärger mit Knistern und Kratzern. Die Laufgeschwindigkeit des Plattentellers mußte ständig nachreguliert und die Nadel regelmäßig ausgewechselt werden. Binnen weniger Jahre hatte ich meine LPs verkauft und durch CDs ersetzt.

Zu Jethro Tull kam ich relativ spät - als 1982 "Broadsword and the Beast" erschien, liefen "Broadsword" und "Pussy Willow" in der Schlagerrallye des WDR. Ich brauchte eine Zeitlang, mich an den rauhen Gesang Ian Andersons zu gewöhnen; vielleicht war die kurze Synthesizer-orientierte Phase der Gruppe genau richtig, um sich mir ins Ohr zu schmeicheln. Mit 16 war mein Geschmack noch arg Pop-lastig! Dann habe ich mich aber schnell rückwärts durch die Bandgeschichte gearbeitet. Der "Bourree" war wohl meine erste Begegnung mit verrockter "Klassik", und Aqualung hat mich dann umgehauen. Es war nicht so sehr das Konzept - Texte waren mir schon immer zweitrangig - sondern die Abwechslung von akustischen Passagen und fetzigem Rock, die Gitarren- und Flötensoli, die Leidenschaft in den schnellen Liedern, das lyrische Klavier-Intro zu "Locomotive Breath". Und ein Text hat mir dann doch aus der Seele gesprochen: "He's not the God you wind up on Sundays"...

Leider war ich nie glücklich mit der CD-Qualität. Jahre später kaufte ich mir die Ausgabe zum 25jährigen Jubiläum, aber auch die klang recht dumpf und matschig. Nun ist nach weiteren 15 Jahren eine neu abgemischte Edition u.a. auf Blu-ray erschienen, und plötzlich klingt dieses Meisterwerk, als wäre es gestern aufgenommen worden. Noch nie hatte ich so viel Freude an einer Wiederveröffentlichung, und kaum ein Album hat diese Verjüngungskur so verdient wie "Aqualung". Ironischerweise besitze ich jetzt mit dieser Edition auch wieder eine Vinyl-Schallplatte; niemand kann allerdings heute noch ernsthaft behaupten, daß diese besser klingen könnte als die Blu-ray mit DTS-HD Master Audio!

SF-Klassiker #1: "Dying Inside" von Robert Silverberg (1972)

In jungen Jahren verschlang ich Hunderte von Science-Fiction-Romanen, zunächst ohne zu differenzieren oder das Lesefutter genauer einzuordnen. Zwar kristallisierten sich schnell ein paar Lieblingsautoren heraus - darunter LeGuin, Sturgeon, Dick, Brunner, Shaw - aber an viele andere habe ich so gut wie keine Erinnerungen. So fand ich heute in meinem Bücherschrank eine Handvoll früher Romane von Silverberg, aber keines seiner bekannteren Werke.

"Dying Inside" ("Es stirbt in mir") erschien 1972, wurde für den Hugo und den Nebula nominiert und gilt heute als eines der Hauptwerke des noch aktiven Großmeisters der Science Fiction, der sich seit etlichen Jahren hauptsächlich der Herausgabe von Anthologien widmet.

Der gebürtige New Yorker Robert Silverberg, Jahrgang 1935, war etwas jünger als sein Protagonist David Selig, der mal in der ersten Person, mal in Briefen an Bekannte und mal in einer sarkastisch distanzierten dritten Person seine Lebensgeschichte vor uns ausbreitet. Trotzdem vermute ich eine autobiographische Motivation, da der Autor an einer Schilddrüsenstörung litt und daher vielleicht schon früh eine ähnliche Midlife crisis erlebte wie seine Figur, die übrigens wie er einen Abschluß in Literatur hat und jüdischer Abstammung ist; der Text ist gesprenkelt mit jiddischen und hebräischen Ausdrücken.

David Selig kann Gedanken lesen, empfindet diese Fähigkeit aber eher als Fluch und verbirgt sie weitgehend vor seinen Mitmenschen. Nun, mit Anfang 40, verliert er langsam diese Gabe und merkt, in welchem Maße sein Sozialleben darauf aufbaut. Er verdient sich einen kargen Lebensunterhalt durch das Schreiben von Seminararbeiten für College-Studenten. Eine solche Arbeit, ein Vergleich der Romane von Kafka, ist in Gänze enthalten. Obschon dies für meinen Geschmack übertrieben ist, kann man vermuten, dass sich Selig ein wenig in Kafkas hilflos in einer sich logisch nicht erschließenden Welt umherirrenden Figuren wiederfindet.

Telepathie war immer schon ein beliebtes SF-Motiv. Mein Lieblingsroman zu diesem Thema ist "The Telepathist" bzw. "The Whole Man" von John Brunner (1964).  Aber während Brunners Geschichte in der Zukunft spielt, ist "Dying Inside" fest in der Gegenwart der frühen 70er verwurzelt. Silverberg nutzt die SF-Idee in sehr engem Rahmen; sie ist aber nicht nur Gimmick, sondern das Hauptwerkzeug, um seine Intention zu vermitteln. Gute SF nutzt futuristische Elemente stets, um menschliche Situationen klarer darstellen zu können; damit tritt sie in die Fußstapfen klassischer Entdeckergeschichten von Swift etc., deren Möglichkeiten durch die wissenschaftliche Erschließung unserer Welt erschöpft sind.

Einem Jugendlichen auf der Suche nach Abenteuergeschichten und Romantik wird "Dying Inside" wohl befremdlich vorkommen, zumal Silverbergs stilistische Finesse Aufmerksamkeit beim Lesen erfordert. Mich als Mittvierziger hat der Roman sehr angesprochen. Die Sicht auf die amerikanische Gesellschaft der 70er ist immer noch interessant, und die Verzweiflung der Hauptfigur ob des Verlustes ihrer Fähigkeiten ist plastisch dargestellt. Die Anwendung der Telepathie ist originell und gut durchdacht.

"Dying Inside" ist für den Kindle im englischen Original in der Reihe "S.F. Masterworks" zu einem fairen Preis erschienen.