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Sonntag, 25. September 2016

Meine Emmy-Auslese 2016

Wenn ich mir die Emmy-Show anschaue, das TV-Pendant zu den Oscars, fühle ich mich ein wenig wie auf einer Party, zu der mich ein Bekannter eines Bekannten eingeladen hat. Etliche Gesichter kommen mir bekannt vor, viele Namen liegen mir auf der Zunge, aber es sind einfach zu viele Teilnehmer in rasanter Abfolge, um auch nur die Hälfte einordnen zu können. Die amerikanische TV-Landschaft hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig verzettelt, es gibt Hunderte von Shows, die verzweifelt um Zuschauer kämpfen. Zu den klassischen flächendeckenden Sendern (ABC, NBC etc.) kommen nun nach den Kabelgiganten (HBO, Showtime) auch noch die Streaminganbieter (Netflix, Amazon). Wer kann sich das alles ansehen? Sicher nicht die Mitglieder der Fernsehakademie; kaum jemand wird nach dem üblichen 14-Stunden-Arbeitstag noch die Konkurrenz begutachten wollen. Daher werden bei den Emmys natürlich die Prestigeprojekte gefeiert, die Publikumslieblinge und vielleicht noch der eine oder andere Kritiker-Darling. In Deutschland schon mal ziemlich unbekannt ist der Moderator Jimmy Kimmel, ein beliebter Talkshow-Host, der einen ganz ordentlichen Job gemacht hat:

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Wie bei den Golden Globes wird in den meisten Kategorien zwischen Comedy und Drama unterschieden, aber davon gibt es viel, viel mehr - und dabei wurden die "technischen" Preise (Kamera, Schnitt etc.) bereits einige Tage zuvor separat ausgeschüttet. Da gibt es Serie, Limitierte Serie, TV-Movie, Variety-Program, ... Während die Dramen oft ziemlich humorlos erscheinen, haben offenbar bei den Komödien offenbar die Shows mit möglichst viel Pathos oder wichtigen Themen die Nase vorn. Nachdem die Comedyfabriken Big Bang Theory und Modern Family sich inzwischen ziemlich totgelaufen haben, gewann in diesem Jahr die Polit-Komödie Veep den Top-Preis. Hauptdarstellerin Julia Louis-Dreyfus gewann dafür den vierten Emmy in Folge, macht insgesamt sechs (und nur einer dafür für Seinfeld, immer noch meine liebste Comedy-Serie). Trotzdem habe ich die Geschichte um die unkompetente Vizepräsidentin nach dem Piloten aufgegeben. Lange ausgehalten habe ich es auch nicht bei Amazons Transgender-Geschichte Transparent, trotz des grandiosen und mutigen Jeffrey Tambor. Ich konnte einfach nicht drüber lachen. Hierzu teilte Kimmel eine kluge Beobachtung: 
Transparent wurde als Komödie geboren, fühlt sich aber als Drama ("identifies as a drama").



Umso mehr habe ich mich über den Gewinn einer anderen "Comedy"-Show gefreut, wenngleich nur für das Drehbuch der Episode Parents: Master of None von Aziz Ansari und Alan Yang sträubt sich gegen alle Kategorisierungen, was wohl nur dank Netflix funktioniert. Wenig Drama-Serien erlauben so kluge Einsichten in das Leben von "Asian-Americans", Migranten der zweiten Generation Mitte 30, junger Künstler. Sobald man einmal gelernt hat, die Welt durch die Augen von Aziz Ansari zu sehen, kann das auch hochkomisch sein. Da sich die Schöpfer an kein Schema halten müssen, funktioniert dann auch eine Episode wie Mornings, die über Monate das morgendliche Miteinander und damit die Entwicklung der Beziehung von Aziz und seiner Freundin zeigt.



Eine freudige Überraschung, wahrscheinlich nur durch den gestiegenen Bekanntheitsgrad nach der Übernahme der Serie durch Netflix möglich, ist der Preis für Tatiana Maslany als beste Hauptdarstellerin in einer Drama-Serie. Orphan Black ist ein kleines Juwel der kanadischen BBC, mit dem auch ich erst mit der Zeit warm wurde. Nun hat's gleich bei der ersten Nominierung geklappt - natürlich haben nicht viele Darstellerinnen die Chance, allein fünf Hauptfiguren gleichzeitig zu spielen.



Gefreut habe ich mich auch über den Emmy für Patton Oswald, für das Buch seines Standup-Specials Talking For Clapping, ebenfalls im Netflix-Angebot. Der 47jährige Komiker macht sehr scharfsinnige Beobachtungen, ist aber lange nicht so ausfallend wie viele seiner Kollegen. Dafür ist er wahrscheinlich einfach zu nett (verstörend ist allerdings, dass er genau wie über "Star Wars" auch minutenlang über das Lieblingsprogramm seiner sechsjährigen Tochter, "My Little Pony", referieren kann).



Am Ende gewann dann wie erwartet Game of Thrones als beste Drama-Serie, präsentiert von Kiefer Sutherland, ein Beispiel für einen Drama-Star, der mit einem einzigen Gesichtsausdruck auskommt. Und leider hat die vielleicht schlechteste Episode der Serie, Battle of the Bastards, Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch (!) einkassiert. Vorhersehbar, unlogisch, brutal nur um des Schauwertes willen, steht dieser Tiefpunkt meiner aktuellen Lieblingsserie in der IMDB immer noch bei einer unglaublichen Wertung von 9,9. Schade allerdings, dass bei den Nebenrollen niemand zum Zuge kam. Musste wirklich die 81jährige Dame Maggie Smith ihren dritten Emmy für Downton Abbey (den vierten insgesamt) bekommen? Ich jedenfalls hätte "Daenerys" Emilia Clarke, wie "Cersei" Lena Headey zum dritten Mal nominiert, den Preis gegönnt, trotz ihrer fragwürdigen Entscheidung für jenes beige Kleid. Links neben ihr im Foto steht übrigens die erstmalig nominierte "Arya" Maisie Williams in sehr viel mutigerem Outfit.


Curtis Hanson: 1945 - 2016



Curtis Hanson hatte eine merkwürdige Karriere. Nach zwei Jahrzehnten unpersönlicher Auftragsarbeiten - etwa Das Schlafzimmerfenster (1987), Die Hand an der Wiege (1992) - katapultierte er sich 1997 mit dem herausragenden James-Ellroy-Thriller L.A. Confidential plötzlich in die A-Liste der Hollywood-Regisseure. Bei den Oscars war als Produzent und Regisseur nominiert und gewann gemeinsam mit Brian Helgeland den Preis für die beste Drehbuchadaption, Kim Basinger gewann als beste Nebendarstellerin. Der stimmungsvolle, in den 50ern spielende Krimi um drei sehr unterschiedliche Polizisten (Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce) hält sich auch heute noch knapp in der IMDB-Top100.



Der immerhin ebenfalls drehbuchnominierte Nachfolger, Die Wonder Boys, gehört zu meinen Lieblingsfilmen des Jahres 2000 (Bob Dylan gewann übrigens für seinen Song "Things Have Changed" seinen bislang einzigen Oscar). Nach meiner sehr persönlichen Zählung gab es damals gleich drei Meisterwerke und sechs weitere herausragende Filme - welch ein Kinojahr:
  1. Almost Famous (Cameron Crowe, 10/10)
  2. Traffic (Steven Soderbergh, 10/10)
  3. Memento (Christopher Nolan, 10/10)
  4. Tiger & Dragon (Ang Lee, 9/10)
  5. Die Wonder Boys (Curtis Hanson , 9/10)
  6. High Fidelity (Stephen Frears, 9/10)
  7.  Billy Elliot - I Will Dance (Stephen Daldry, 9/10)
  8. Chocolat (Lasse Hallström, 9/10)
  9. Wir müssen zusammenhalten (Jan Hrebejk, 9/10)




Danach wurde es leider schnell wieder ruhig um Hanson. Sein Eminem-Biopic 8 Mile konnte mich 2002 nicht so recht überzeugen. Die nette Komödie In den Schuhen meiner Schwester mit Cameron Diaz, Toni Collette und Shirley McLaine war 2005 noch ein letzter Höhepunkt. Sein gar nicht so übler Surferfilm Chasing Mavericks mußte 2012 von Michael Apted abgeschlossen werden, Hanson war an Alzheimers erkrankt. An den Folgen verstarb er am vergangenen Dienstag. Vielleicht war er einfach zu nett, um weitere große Projekte an Land zu ziehen. Aber nicht viele Regisseure hinterlassen der Nachwelt gleich zwei herausragende Filme.



Hier meine Kritik zu Wonder Boys nach dem Kinobesuch (am 20.11.2000):
Es gibt kein Rezept dafür, einen guten Film zu machen. Auch die Methode, ein paar kreative Leute zusammenzuholen und das Beste zu hoffen, führt oft ins Abseits. Hier jedoch hat es geklappt. Autor Steve Kloves (Die fabelhaften Baker Boys) und Regisseur Curtis Hanson (L. A. Confidential) machen aus Michael Chabons Roman ein außergewöhnliches Kinoerlebnis. Versucht man die Handlung zu beschreiben, hört sich das fast nach einer Farce an, wie man sie von den Coen-Brüder kennt (und schätzt). Das trifft es aber nicht ganz - Wonder Boys hat zudem Herz, und seine Figuren sind viel näher am wirklichen Leben als die Karikaturen aus Fargo oder The Big Lebowski. Solche Charaktere erfordern außergewöhnliche Schauspieler, und die waren hier versammelt. Frances McDormand, Tobey Maguire und besonders Robert Downey Jr. (gezeichnet von Gefängnisaufenthalt und Drogenkonsum, aber umso präsenter) sind ideale Besetzungen. Michael Douglas jedoch spielt alle an die Wand. Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich ist der Kirk-Douglas-Sproß zum Charakterdarsteller gereift. Er gibt dem ständig bekifften, sich nie entscheiden könnenden Versager und ehemaligen Wunderknaben genau das Maß an Würde, das die Rolle ausbalanciert. So können wir mit ihm, aber nicht über ihn lachen. Und zu lachen gibt es viel, auf seine (hintergründige) Art ist Wonder Boys mindestens so komisch wie O Brother, Where Art Thou oder High Fidelity. Und so verzeihen wir gern ein etwas schwaches (amerikanisches) Ende und den geschwätzigen Start, bis der Ich-Erzähler den Handlungsrahmen erklärt hat. Nun gut, das ermöglicht dann einen flotten Einstieg in die Geschichte, die an einem einzigen Wochenende spielt. Übrigens, wenn möglich die Originalversion anschauen: kaum anzunehmen, daß die beeindruckende Erzählstimme von Michael Douglas angemessen synchronisiert werden konnte.

Samstag, 24. September 2016

Nicht von schlechten Eltern: Bad Moms (7/10)

Bad Moms ist so ein Film, den Frauen lieben und Männer hassen. Das kann man sowohl an den IMDB-Bewertungen erkennen (w: 7,2 - m: 6,3) als auch am Kritikerspiegel. Noch schlimmer sieht's bei den sogenannten "Top 1000 voters" aus: ein Schnitt von 4,9 bei allerdings nur 69 abgegebenen Stimmen. Meinungen im Internet werden halt dominiert von jungen weissen Männern. Diese konnten allerdings nicht verhindern, dass die bescheidene 20-Millionen-Produktion mit einem Einspielergebnis von über 120 Millionen Dollar allein in den USA einer der profitabelsten Sommerhits wurde (in der Gewinnrechnung nur übertroffen von billigen Horrorfilmen).


Natürlich ist Schlechte Mütter ein "Chickflick", allerdings keineswegs eine romantische Komödie. Darauf weist schon der Titel hin, den man wohl besser mit "Mütter dürfen auch mal Fehler machen" übersetzen könnte. Das erklärt aber nicht die teilweise bösartigen Kritiken (zugegeben auch einige von erbosten Müttern). Kann es sein, dass diese derbe Komödie einen Nerv getroffen hat? Fühlen sich insbesondere Männer unbehaglich, weil sich hinter den Lachern und der Hochglanzausstattung unbequeme Wahrheiten verstecken? Und das ausgerechnet von einem männlichen Regie- und Autorenteam (Jon Lucas und Scott Moore), welches für das erste Hangover-Script verantwortlich zeichnet! Da ich im Gegensatz zu den beiden kein Vater bin, kann ich an einer tiefergehenden Diskussion der thematisierten Misstände nicht weiter teilnehmen.



Klar ist Bad Moms ein kommerzielles Produkt, das erfolgreich auf eine Zielgruppe ausgerichtet ist. Es mag ein weitverbreitetes soziales Dilemma (nicht nur) der amerikanischen Gesellschaft thematisieren, spielt aber in der Welt der Reichen und Schönen, die ihre Kinder auf eine elitäre Privatschule schicken. Im Vergleich zu Paul Feigs Brautalarm (mit Kristen Wiig und Melissa McCarthy) oder Judd Apatows Trainwreck (mit Amy Schumer) ist der Brachialhumor fast zahm, erschließt aber weitere Tabuzonen. Für mich hatten die komischen Übertreibungen genau das richtige Maß. Es gibt schließlich keinen Grund, warum volltrunkene Väter im Stripklub komisch, beschwipste Mütter, die ihre Kinder für einen Abend von Freunden betreuen lassen, dagegen tragisch sein sollten.



Eine Komödie mit Herz muss von ihren Darstellern getragen werden. Mila Kunis als Amy ist der unbestrittene Star des Films - unverschämt hübsch, emotional, hinreissend - die 32jährige ist in modernen Komödien einfach am besten aufgehoben (Jupiter Ascending sei ihr nunmehr verziehen). Dies bleibt wohl ihr vorerst einziger Auftritt nach der Babypause, denn sie ist erneut schwanger. Ich persönlich wäre glücklich, wenn sie fortan alle drei Jahre solche Qualitätsarbeit abliefern würde. Ihr zur Seite stehen zwei kongeniale, diametral unterschiedliche Kolleginnen. Kristen Bell scheint seit ihrer Zeit als pfiffige Jungdetektivin Veronica Mars eher auf brave Rollen festgelegt zu sein und spielt hier überzeugend die verschüchterte Mutter von vier Kindern. Die Komödiantin Kathryn Hahn sorgt mit ihrer burschikosen Art für die größten Lacher, zeigt in ihrer Beziehung zu ihrem "Monster" von Sohn aber auch Herz.



Perfekt besetzt auch Christina Applegate (vor langer Zeit war sie Kelly Bundy aus Eine schrecklich nette Familie) als intrigante Präsidentin der PTA (eine Art Elternpflegschaft auf Speed) und Jada Pinkett-Smith als ihr Sidekick. Die Gattin von Will Smith ist fast der einzige Farbklecks im Ensemble, bis auf eine wohl indischstämmige Mutter, die Amy vorwirft, "fremdländisch" auszusehen, den schwarzen Schuldirektor (Wendell Pierce), Wanda Sykes in einem klug-zurückhaltenden Cameo als Therapeutin und, last but not least, den smarten Jay Hernandez als Single Dad, verständlicherweise der Schwarm aller Mütter.



Was den Ghostbusters trotz eines Megabudgets in diesem Jahr an den Kinokassen nicht gelungen ist, schafften die Bad Moms fast unbemerkt - ein erfolgreiches, tolles Stück Unterhaltung mit Frauen im Mittelpunkt, sehenswert eigentlich auch für aufgeschlossene Männer. Fast fühle ich mich genötigt, zum Ausgleich ein wenig aufzuwerten. Dazu endet die Geschichte dann aber doch zu glatt (und tränenreich). Fast für einen Bonuspunkt gut war auch die liebenswerte Überraschung im Abspann, als die fünf Hauptdarstellerinnen jeweils ein kurzes Gespräch mit ihren (realen) Müttern führen - passenderweise über nicht so perfekte Erziehungsmomente. Alles in allem ein hochverdientes Gut (7/10).

Samstag, 17. September 2016

Ohne Sinn! Tschick (8/10)

Es gibt also doch noch gute deutsche Filme! Nach einem dreistündigen Arbeitsabend mit Maren Ades in Cannes gefeiertem, dann doch leer ausgegangenen Toni Erdmann ("unsere" Hoffnung bei den Oscars) hatte ich mein Pensum für dieses Jahr eigentlich schon erfüllt. Aber Fatih Akin ist einer der wenigen deutschen Regisseure, deren Werk ich mit Wohlwollen verfolge (da ist schon wieder dieser gönnerhafte Ton - aber anders kann ich dem deutschen Kino gar nicht mehr begegnen). Der 43jährige Hamburger begeistert seit 2000 mit Komödien (Solino) und Dramen (Gegen die Wand), wenngleich er sich zuletzt mit einem Historienfilm über den Armenien-Genozid wohl ein wenig überhoben hat (habe ich aufgrund der Kritiken noch nicht gesehen). Zu Tschick ist Akin zwar sehr spät gestoßen, hatte den Stoff allerdings schon seit Jahren im Visier. Herausgekommen ist seine schönste Komödie seit Im Juli.


Zwei Vierzehnjährige machen sich in den Sommerferien mit einem geklauten Lada auf den Weg in die Walachai. Mehr will ich mich über die Handlung gar nicht auslassen, das kann man überall nachlesen. Das Besondere ist ohnehin der Erzählton. Romanautor Wolfgang Herndorf (1965-2013) hatte sicher schon keinen Sozialrealismus im Sinn. Maiks disfunktionale Familie in Berlin-Marzahn ist satirisch derart überhöht, dass sie ihren Schrecken verliert. Die Gymnasiasten sind fast braver als die (zugegeben älteren) Helden aus der Feuerzangenbowle, und im Wilden Osten treffen Maik und Tschick kauzige und skurille Typen, die fast aus einer Fabel stammen könnten. Das von Veteran Hark Bohm und Herndorf-Kumpel Lars Hubrich verfasste Drehbuch verschiebt die Geschichte zwar nominell in die Gegenwart, aber die Kommunikation der Schüler über Papierzettelchen mutet in Whatsapp-Zeiten doch anachronistisch an.



So schwebt Tschick ein wenig zwischen den Zeiten, was aber einen Teil seines Charmes ausmacht. Dazu passt auch die Musik, die neben dem Talking-Heads-Ableger Tom Tom Club eher aktuelle Popsongs zu bieten hat (etwa Goosebumps von Seeed). Der Hammer ist natürlich die abgenudelte Version von Richard Claydermans Ballade pour Adeline, von den Jungs auf Musikcassette (!) im geklauten Lada entdeckt. Die gruselige Kitschballade war Ende der 70er gerade in Deutschland ein großer Hit und machte den französischen Sunnyboy für kurze Zeit zum TV-Star. Ich hoffe nicht, dass der Film jetzt ein Revival für süßliche Klavierballaden bedeutet! Sehr gut gefallen hat mir dagegen die locker-flockigen Originalmusik von Vince Pope (siehe das Soundtrack-Album).



Perfekt gecastet sind die tatsächlich erst 14jährigen Hauptdarsteller Tristan Göbel und Anand Batbileg sowie die 19jährige Nicole Mercedes Müller als Isa. Da wirkt kaum ein Dialog gekünstelt, und es wird auch nicht versucht, sich an eine Generation anzubiedern. Ob der Film allerdings bei Jugendlichen ankommen wird, wage ich nicht vorauszusagen (er ist freigegeben und empfehlenswert ab 12). Sprüche à la Fack ju Göhte ("Chantal, heul leiser") gibt es weniger, wenngleich ich immer noch die "übertrieben geile Jacke" im Ohr habe. Bei den Erwachsenen erkannte ich schon ein paar Misstöne, so etwa die unglaubwürdige Reaktion des Klassenlehrers (Udo Samel) auf Maiks Aufsatz. Aber vielleicht sind holprige Dialoge der Preis für unsere sperrige deutsche Sprache.



Die 93 Minuten flogen jedenfalls nur so dahin, es stellte sich bei mir auch nicht das bei Jugendfilmen eigentlich übliche Unwohlsein ein (selbst Rob Reiners Stephen-King-Klassiker Stand By Me bewundere ich mehr, als dass ich ihn liebe). Am Premieretag teilten nur ein paar Zuschauer meines Alters den Saal mit mir, wahrscheinlich Fans des Buches. Davon gibt es aber über zwei Millionen, und die Masse hat den Roman auch erst im Lauf der Zeit entdeckt. Ich hoffe, für die Verfilmung gilt jetzt ähnliches. Bisher konnte ich noch keine schlechte Kritik entdecken. Sehr gut (8/10).

Als Zugabe hier noch meine originale Rezension zu Im Juli von 2001:

Ein deutsches Roadmovie, zugleich eine märchenhafte Liebesgeschichte europäischer Prägung. Der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin dankt im Abspann den drei Meistern Scorsese, Coppola und Kusturica. Die letzte Nennung ist sicher die naheliegendste, zumal die wunderbar-pfiffige Branka Katic aus Schwarze Katze, Weißer Kater eine der skurillen Figuren verkörpert, denen das Liebespaar in spe Daniel (Moritz Bleibtreu) und Juli (Christiane Paul) auf ihrer Reise nach Istanbul begegnen. Akin hat viele schöne Ideen, zeigt malerische Landschaften und setzt ein paar gutgezielte Pointen (mehr Gag als Metapher: die Sonnenfinsternis, die dem Verschwinden der sonnigen Juli folgt). Er verliert dabei allerdings nie den roten Faden und hält den Zuschauer damit besser bei der Stange als Kusturicas sehr in die Breite gehender Erzählstil, der seine Hauptfiguren schon mal aus dem Blick verliert. Das passiert Akin nicht, der mit Moritz Bleibtreu eine ideale Besetzung fand für den schüchternen Physikreferendar, der ein bißchen erwachsener wird auf dieser Reise. Und wenn auch nicht gerade die Funken sprühen zwischen ihm und Christiane Paul, so nimmt man ihr die Juli doch ab und freut sich, ihr nach Das Leben ist eine Baustelle mal wieder in einem sehenswerten Film zu begegnen (und ihr Lächeln zu bewundern, das schier unendliche Nuancen zwischen Andeutung und sonnigem Strahlen bietet). Sehr gut (8/10).

Samstag, 10. September 2016

Klassiker auf Blu-ray #16: Wim Wenders - die frühen Jahre

Wie Werner Herzog ist inzwischen auch Wim Wenders ein ungeachtetes Stiefkind des deutschen Kinos. Nach einer ziemlich willkürlich zusammengeworfenen Blu-ray-Box mit fünf Filmen aus den 80ern und 90ern hat Studiocanal nun eine besser zusammengestellte zweite Kollektion veröffentlicht. "Die frühen Jahre" enthält vom Regisseur selbst ausgewählte Werke  und deckt sein Schaffen aus den 70er zufriedenstellend ab. Nicht enthalten sind lediglich sein Erstling Summer in the City (1970), sehenswert nur wegen der mitwirkenden Lovin' Spoonful, und die auch in seinen Augen misslungene Hawthorne-Verfilmung Der scharlachrote Buchstabe (1972). Wenders hat sich im Nachhinein insbesondere bei der Hauptdarstellerin Senta Berger entschuldigt und zugegeben, dass er damals noch keine überzeugenden Frauenfiguren zu inszenieren vermochte.



Die fünf in der Collection enthaltenen Filme sind allesamt von der 2012 gegründeten Wenders-Stiftung restauriert worden und wurden anläßlich der Verleihung des Ehrenbärs an Wenders bereits 2014 auf der Berlinale wiederaufgeführt (auf definitive Heimkinoversionen der späteren Filme warten wir noch, dann gern auch als UHD-Blu-rays!) Die Ergebnisse der Restauration sind tatsächlich augen- und ohrenöffnend. Das Bild wurde dankenswerterweise nicht künstlich auf 16:9 aufgeblasen, sondern (wie in der BFI-Box von Herzog)  im Originalformat 1,66:1 mit schmalen schwarzen Balken links und rechts präsentiert. Schon die 10 Jahre alten DVD-Editionen waren ordentlich aufbereitet, aber der Qualitätssprung zur Neuausgabe ist atemberaubend. Da sind viele kleine Wunder zu beobachten. Zum Beispiel beklagt Wenders im "historischen" Kommentar zu "Alice" die miserable Bildqualität einer bestimmten Szene (am Parkplatz), die inzwischen aber tadellos wiederhergestellt ist. Alles glänzt wie neu: Verschmutzungen fehlen komplett, Schärfe, Kontrast und (wo vorhanden) Farbe sind fabelhaft, nur gelegentlich zeigen sich die Grenzen des Ausgangsmaterials (wenn etwa grobkörniger 16mm-Film genutzt worden war).



Gleich die Existenz des ersten Films in der Box ist eine kleine Sensation für sich. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972) konnte jahrzehntelang aufgrund ungeklärter Musikrechte nicht gezeigt werden und war auch für mich neu - die übrigen Filme rotierten ja lange vor der DVD-Veröffentlichung noch in den 80ern und 90ern in diversen Programmkinos. Es ist ein kleiner Film, eher eine Vorübung für die folgende berühmte "Reisetrilogie", aber für sich durchaus sehenswert. Erwähnen sollte man noch, dass es Wenders' erste Zusammenarbeit mit Peter Handke war, was uns später den Himmel über Berlin bescherte. Außerdem war es Rüdiger Voglers Kinodebut in einer kleinen Nebenrolle als Dorftrottel.



Rüdiger Vogler war natürlich der Hauptdarsteller der genannten Trilogie, die ich allerdings nur ungern als solche bezeichne. Der zweite Teil, Falsche Bewegung (1975), hat einfach ein zu deutlich abweichendes Konzept. Es ist zwar ein Roadmovie, aber die von Goethes "Wilhelm Meister" inspirierte Geschichte ist für mich zu verkopft und fügt sich nicht zu einem Ganzen, was Wenders auch im als Bonus verfügbaren Interview mit Roger Willemsen durchklingen läßt. In Erinnerung bleibt leider nicht die hier blasse Hanna Schygulla, dafür eine entzückende 14jährige Nastassja Kinski (als stumme Mignon) und der fabelhafte, in einer einzigen langen Kamerafahrt aufgenommene Spaziergang am Rhein entlang (bei Boppard, Heimat von Wenders' Mutter). Was heute gar nicht mehr möglich wäre, ist die eher lustige kleine Nacktszene, als Mignon mit einem Trick versucht, Wilhelm zu verführen. Nastassja hat durch ihr Kichern wohl viele Takes ruiniert - das waren noch unschuldige Zeiten...



Nicht nur an diese einzelne Szene, sondern wohl an die komplette Handlung von Alice in den Städten (1974) würde sich heute niemand mehr heranwagen. Rüdiger Voglers Phil Winter trifft in New York Lisa (Lisa Kreuzer) und ihre 11jährige Tochter Alice (Yella Rottländer), und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sitzt er plötzlich allein mit dem Kind im Flugzeug nach Amsterdam. Phil und Alice reisen auf der Suche nach der Mutter bzw. ersatzweise der Großmutter durch verschiedene Städte, von Wuppertal bis ins Ruhrgebiet. Durch die sich entwickelnde Freundschaft mit der munteren 11jährigen gewinnt der mürrische, mit Anfang 30 des Lebens bereits überdrüssige Journalist neuen Lebensmut. Wenders präsentiert diese einfache Geschichte mit umwerfendem Charme. Entsprechend dem Titel werden die städtischen Landschaften fast zu eigenen Charakteren, und natürlich ergibt sich beiläufig (wie in der kompletten Trilogie) auch ein Porträt des Deutschland der 70er Jahren. Im Zentrum steht aber die Chemie der beiden menschlichen Hauptdarsteller. Im 2002 aufgenommenen Kommentar erinnert sich Yella Rottländer mit Freude an die Dreharbeiten, die wohl allen viel Spaß gemacht hatten. Sie erwähnt eine nette Anekdote um Alices T-Shirt mit einer großen aufgedruckten Zwölf - die Kleine war sich nicht sicher, ob sie das mit 11 Jahren überhaupt schon tragen durfte...



Glänzender Abschluss der Trilogie war dann 1976 das fast dreistündige Epos Im Lauf der Zeit. Diesmal geht es um eine Männerfreundschaft zwischen Rüdiger Voglers Bruno Winter und Hanns Zischlers Robert "Kamikaze" Lander. Winter reist mit einem kleinen LKW durch die Dörfer Norddeutschlands und wartet bzw. repariert Kinoprojektoren. Lander hat sich gerade von seiner Frau getrennt und seinen VW-Käfer in einen Baggersee gesteuert. Nach dieser Begegnung dauert es lange, bis die beiden überhaupt ein Wort miteinander wechseln oder sich gar namentlich vorstellen. So ist das halt unter Männern (Frauen kommen hier kaum vor, bis auf Lisa Kreuzer in einer kleinen Episode als Kinokassiererin). Überhaupt passiert äußerlich nicht viel im Lauf der Zeit. Die beiden trösten einen Mann, dessen Frau gerade einen tödlichen Unfall hatte (Marquard Bohm). Robert konfrontiert seinen seit vielen Jahren entfremdeten Vater, und Bruno macht sich im Kino mit der hübschen Kassiererin ein wenig nützlich. Das war's schon fast an Handlung, und doch wird's irgendwie nie langweilig. Einzig die Monologe und Dialoge sind gelegentlich holprig: ein Zeichen, dass Wenders unter diesem Aspekt besser mit anderen Drehbuchautoren zusammenarbeiten sollte. Aber die Kombination der exquisiten Schwarzweiss-Bilder und der sparsam eingesetzten Musik erzeugt einen fast hypnotischen Effekt.



Übrigens hat die FSK damals den Film erst ab 18 freigegeben - Vogler ist gelegentlich (auch frontal) nackt zu sehen, es gibt eine angedeutete Masturbationsszene, und - was die Zensoren damals bestimmt besonders erbost hat - Vogler entleert vor laufender Kamera seinen Darm (ob das eine Premiere im deutschen Kino war?) Heute wirkt das alles so harmlos, dass die Neuausgabe eine FSK12-Einstufung bekommen hat. Und die Wiederkehr des Namens "Winter" sollte man wohl eher als kleinen Scherz von Wenders verstehen. Im Amerikanischen Freund taucht ein Mr. Winter auf, in "In weiter Ferne, so nah" (der schönen, wenngleich nicht weltbewegenden Fortsetzung von Der Himmel über Berlin) und in Lisbon Story, meinem Lieblings-Wenders aus den 90ern, taucht Rüdiger Vogler sogar als Phil Winter wieder auf. Jedenfalls ist Im Lauf der Zeit neben Herzogs "Einer für sich, und Gott gegen alle" mein deutscher Lieblingsfilm der 70er, abgesehen von jenem Ausnahmewerk, für das ironischerweise nicht Wenders, nicht Herzog, und auch nicht Fassbinder 1980 den ersten Oscar für den Besten fremdsprachigen Film nach Deutschland brachte, sondern der ansonsten von mir nicht so geschätzte Volker Schlöndorff mit seinem (einzigen) Meisterwerk Die Blechtrommel. Wenders hat zwar bis heute keinen Oscar gewonnen (er war dreimal für Dokumentationen nominiert), aber uns 1987 mit Der Himmel über Berlin (im Rest der Welt als "Wings of Desire" bekannt) den für mich schönsten und wichtigsten deutschen Film überhaupt geschenkt. Nicht dass ich ansonsten viel vom deutschen Film verstehen würde...



Der fünfte Film der Box fällt ein wenig aus dem Rahmen, nicht nur weil er (wie der "Tormann") in Farbe gedreht wurde. Der amerikanische Freund (1977) ist die (lose) Adaption des damals noch unveröffentlichten Romans von Patricia Highsmith, "Ripley's Game". Dennis Hopper verkörpert die Titelfigur, frisch vom Set von Apocalypse Now eingeflogen. In der eigentlichen Hauptrolle überzeugt allerdings Bruno Ganz, zehn Jahre vor seinem Auftritt als Engel in Berlin (Lisa Kreuzer spielt seine Frau). In Hamburg, Paris und (kurz) München gedreht, sind wegen der amerikanischen und französischen Gäste etwa ein Drittel der Dialoge in Englisch. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, die Originalfassung (ggf. mit deutschen Untertiteln) anzuschauen, die auf der Blu-ray in atmosphärischem 5.1-Ton geboten wird. Wie Pauline Kael damals meiner Ansicht nach zutreffend feststellte, verlor Wenders leider vor lauter Atmosphäre die Geschichte aus dem Auge, die auch ich mir deutlich stimmiger gewünscht hätte. Der dramatische Soundtrack wirkt hier übertrieben, fast penetrant. Die beiden Attentatsszenen sind allerdings durchaus spannend inszeniert, und die aus mehr oder weniger berühmten Regisseuren rekrutierte Ganovengalerie (darunter Nicholas Ray und Samuel Fuller) bringt zumindest Cineasten zum Schmunzeln. Das Ergebnis ist zwar unterhaltsam, aber doch auch anstrengend.



Kommen wir abschließend zum Unerfreulichen. So toll die Auswahl und die technische Qualität der gebotenen Filme ist, so übel und lieblos sind die Extras zusammengestellt. Wenn ich mich recht entsinne, sind nicht mal alle Extras der DVD-Ausgaben rübergerettet worden. Es gibt ein paar geschnittene Szenen, zwei Studentenfilme von Wenders, die lieber im Archiv geblieben wären, und jeweils einen (älteren) Audiokommentar, bis auf den "Tormann", der dafür eine interessante Doku über die Restaurierung durch die Wim-Wenders-Stiftung enthält. Dafür ist das "Gespräch mit Roger Willemsen" zu Falsche Bewegung zweimal vorhanden, nämlich auch noch als Bonus zu Der amerikanische Freund - offensichtlich ein Authoring-Fehler. Das ist schlampig und mindert leider den Sammelwert der Box. Richtig wütend macht mich, dass die amerikanische Criterion-Ausgabe der "Road Trilogy" NEUE Interviews in DEUTSCHER Sprache enthält sowie zusätzliche lange Dokumentationen. Da hat Studiocanal gepennt - die Tatsache, dass hierzulande bei Amazon zwei Monate nach der Veröffentlichung der Box noch keine Kundenrezension zu finden ist, zeugt allerdings vom mangelnden Interesse am Frühwerk des inzwischen 71jährigen deutschen Altmeisters.