Wie Werner Herzog ist inzwischen auch Wim Wenders ein ungeachtetes Stiefkind des deutschen Kinos. Nach einer ziemlich willkürlich zusammengeworfenen Blu-ray-Box mit fünf Filmen aus den 80ern und 90ern hat Studiocanal nun eine besser zusammengestellte zweite Kollektion veröffentlicht.
"Die frühen Jahre" enthält vom Regisseur selbst ausgewählte Werke und deckt sein Schaffen aus den 70er zufriedenstellend ab. Nicht enthalten sind lediglich sein Erstling
Summer in the City (1970), sehenswert nur wegen der mitwirkenden Lovin' Spoonful, und die auch in seinen Augen misslungene Hawthorne-Verfilmung
Der scharlachrote Buchstabe (1972). Wenders hat sich im Nachhinein insbesondere bei der Hauptdarstellerin Senta Berger entschuldigt und zugegeben, dass er damals noch keine überzeugenden Frauenfiguren zu inszenieren vermochte.
Die fünf in der Collection enthaltenen Filme sind allesamt von der 2012 gegründeten Wenders-Stiftung restauriert worden und wurden anläßlich der Verleihung des Ehrenbärs an Wenders bereits 2014 auf der Berlinale wiederaufgeführt (auf definitive Heimkinoversionen der späteren Filme warten wir noch, dann gern auch als UHD-Blu-rays!) Die Ergebnisse der Restauration sind tatsächlich augen- und ohrenöffnend. Das Bild wurde dankenswerterweise nicht künstlich auf 16:9 aufgeblasen, sondern (wie in der
BFI-Box von Herzog) im Originalformat 1,66:1 mit schmalen schwarzen Balken links und rechts präsentiert. Schon die 10 Jahre alten DVD-Editionen waren ordentlich aufbereitet, aber der Qualitätssprung zur Neuausgabe ist atemberaubend. Da sind viele kleine Wunder zu beobachten. Zum Beispiel beklagt Wenders im "historischen" Kommentar zu "Alice" die miserable Bildqualität einer bestimmten Szene (am Parkplatz), die inzwischen aber tadellos wiederhergestellt ist. Alles glänzt wie neu: Verschmutzungen fehlen komplett, Schärfe, Kontrast und (wo vorhanden) Farbe sind fabelhaft, nur gelegentlich zeigen sich die Grenzen des Ausgangsmaterials (wenn etwa grobkörniger 16mm-Film genutzt worden war).
Gleich die Existenz des ersten Films in der Box ist eine kleine Sensation für sich.
Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972) konnte jahrzehntelang aufgrund ungeklärter Musikrechte nicht gezeigt werden und war auch für mich neu - die übrigen Filme rotierten ja lange vor der DVD-Veröffentlichung noch in den 80ern und 90ern in diversen Programmkinos. Es ist ein kleiner Film, eher eine Vorübung für die folgende berühmte "Reisetrilogie", aber für sich durchaus sehenswert. Erwähnen sollte man noch, dass es Wenders' erste Zusammenarbeit mit Peter Handke war, was uns später den
Himmel über Berlin bescherte. Außerdem war es Rüdiger Voglers Kinodebut in einer kleinen Nebenrolle als Dorftrottel.
Rüdiger Vogler war natürlich der Hauptdarsteller der genannten Trilogie, die ich allerdings nur ungern als solche bezeichne. Der zweite Teil,
Falsche Bewegung (1975), hat einfach ein zu deutlich abweichendes Konzept. Es ist zwar ein Roadmovie, aber die von Goethes "Wilhelm Meister" inspirierte Geschichte ist für mich zu verkopft und fügt sich nicht zu einem Ganzen, was Wenders auch im als Bonus verfügbaren Interview mit Roger Willemsen durchklingen läßt. In Erinnerung bleibt leider nicht die hier blasse Hanna Schygulla, dafür eine entzückende 14jährige Nastassja Kinski (als stumme Mignon) und der fabelhafte, in einer einzigen langen Kamerafahrt aufgenommene Spaziergang am Rhein entlang (bei Boppard, Heimat von Wenders' Mutter). Was heute gar nicht mehr möglich wäre, ist die eher lustige kleine Nacktszene, als Mignon mit einem Trick versucht, Wilhelm zu verführen. Nastassja hat durch ihr Kichern wohl viele Takes ruiniert - das waren noch unschuldige Zeiten...
Nicht nur an diese einzelne Szene, sondern wohl an die komplette Handlung von
Alice in den Städten (1974) würde sich heute niemand mehr heranwagen. Rüdiger Voglers Phil Winter trifft in New York Lisa (Lisa Kreuzer) und ihre 11jährige Tochter Alice (Yella Rottländer), und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sitzt er plötzlich allein mit dem Kind im Flugzeug nach Amsterdam. Phil und Alice reisen auf der Suche nach der Mutter bzw. ersatzweise der Großmutter durch verschiedene Städte, von Wuppertal bis ins Ruhrgebiet. Durch die sich entwickelnde Freundschaft mit der munteren 11jährigen gewinnt der mürrische, mit Anfang 30 des Lebens bereits überdrüssige Journalist neuen Lebensmut. Wenders präsentiert diese einfache Geschichte mit umwerfendem Charme. Entsprechend dem Titel werden die städtischen Landschaften fast zu eigenen Charakteren, und natürlich ergibt sich beiläufig (wie in der kompletten Trilogie) auch ein Porträt des Deutschland der 70er Jahren. Im Zentrum steht aber die Chemie der beiden menschlichen Hauptdarsteller. Im 2002 aufgenommenen Kommentar erinnert sich Yella Rottländer mit Freude an die Dreharbeiten, die wohl allen viel Spaß gemacht hatten. Sie erwähnt eine nette Anekdote um Alices T-Shirt mit einer großen aufgedruckten Zwölf - die Kleine war sich nicht sicher, ob sie das mit 11 Jahren überhaupt schon tragen durfte...
Glänzender Abschluss der Trilogie war dann 1976 das fast dreistündige Epos
Im Lauf der Zeit. Diesmal geht es um eine Männerfreundschaft zwischen Rüdiger Voglers Bruno Winter und Hanns Zischlers Robert "Kamikaze" Lander. Winter reist mit einem kleinen LKW durch die Dörfer Norddeutschlands und wartet bzw. repariert Kinoprojektoren. Lander hat sich gerade von seiner Frau getrennt und seinen VW-Käfer in einen Baggersee gesteuert. Nach dieser Begegnung dauert es lange, bis die beiden überhaupt ein Wort miteinander wechseln oder sich gar namentlich vorstellen. So ist das halt unter Männern (Frauen kommen hier kaum vor, bis auf Lisa Kreuzer in einer kleinen Episode als Kinokassiererin). Überhaupt passiert äußerlich nicht viel im Lauf der Zeit. Die beiden trösten einen Mann, dessen Frau gerade einen tödlichen Unfall hatte (Marquard Bohm). Robert konfrontiert seinen seit vielen Jahren entfremdeten Vater, und Bruno macht sich im Kino mit der hübschen Kassiererin ein wenig nützlich. Das war's schon fast an Handlung, und doch wird's irgendwie nie langweilig. Einzig die Monologe und Dialoge sind gelegentlich holprig: ein Zeichen, dass Wenders unter diesem Aspekt besser mit anderen Drehbuchautoren zusammenarbeiten sollte. Aber die Kombination der exquisiten Schwarzweiss-Bilder und der sparsam eingesetzten Musik erzeugt einen fast hypnotischen Effekt.
Übrigens hat die FSK damals den Film erst ab 18 freigegeben - Vogler ist gelegentlich (auch frontal) nackt zu sehen, es gibt eine angedeutete Masturbationsszene, und - was die Zensoren damals bestimmt besonders erbost hat - Vogler entleert vor laufender Kamera seinen Darm (ob das eine Premiere im deutschen Kino war?) Heute wirkt das alles so harmlos, dass die Neuausgabe eine FSK12-Einstufung bekommen hat. Und die Wiederkehr des Namens "Winter" sollte man wohl eher als kleinen Scherz von Wenders verstehen. Im
Amerikanischen Freund taucht ein Mr. Winter auf, in "In weiter Ferne, so nah" (der schönen, wenngleich nicht weltbewegenden Fortsetzung von
Der Himmel über Berlin) und in
Lisbon Story, meinem Lieblings-Wenders aus den 90ern, taucht Rüdiger Vogler sogar als Phil Winter wieder auf. Jedenfalls ist
Im Lauf der Zeit neben Herzogs "Einer für sich, und Gott gegen alle" mein deutscher Lieblingsfilm der 70er, abgesehen von jenem Ausnahmewerk, für das ironischerweise nicht Wenders, nicht Herzog, und auch nicht Fassbinder 1980 den ersten Oscar für den Besten fremdsprachigen Film nach Deutschland brachte, sondern der ansonsten von mir nicht so geschätzte Volker Schlöndorff mit seinem (einzigen) Meisterwerk
Die Blechtrommel. Wenders hat zwar bis heute keinen Oscar gewonnen (er war dreimal für Dokumentationen nominiert), aber uns 1987 mit
Der Himmel über Berlin (im Rest der Welt als "Wings of Desire" bekannt) den für mich schönsten und wichtigsten deutschen Film überhaupt geschenkt. Nicht dass ich ansonsten viel vom deutschen Film verstehen würde...
Der fünfte Film der Box fällt ein wenig aus dem Rahmen, nicht nur weil er (wie der "Tormann") in Farbe gedreht wurde.
Der amerikanische Freund (1977) ist die (lose) Adaption des damals noch unveröffentlichten Romans von Patricia Highsmith, "Ripley's Game". Dennis Hopper verkörpert die Titelfigur, frisch vom Set von
Apocalypse Now eingeflogen. In der eigentlichen Hauptrolle überzeugt allerdings Bruno Ganz, zehn Jahre vor seinem Auftritt als Engel in Berlin (Lisa Kreuzer spielt seine Frau). In Hamburg, Paris und (kurz) München gedreht, sind wegen der amerikanischen und französischen Gäste etwa ein Drittel der Dialoge in Englisch. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, die Originalfassung (ggf. mit deutschen Untertiteln) anzuschauen, die auf der Blu-ray in atmosphärischem 5.1-Ton geboten wird. Wie Pauline Kael damals meiner Ansicht nach zutreffend feststellte, verlor Wenders leider vor lauter Atmosphäre die Geschichte aus dem Auge, die auch ich mir deutlich stimmiger gewünscht hätte. Der dramatische Soundtrack wirkt hier übertrieben, fast penetrant. Die beiden Attentatsszenen sind allerdings durchaus spannend inszeniert, und die aus mehr oder weniger berühmten Regisseuren rekrutierte Ganovengalerie (darunter Nicholas Ray und Samuel Fuller) bringt zumindest Cineasten zum Schmunzeln. Das Ergebnis ist zwar unterhaltsam, aber doch auch anstrengend.
Kommen wir abschließend zum Unerfreulichen. So toll die Auswahl und die technische Qualität der gebotenen Filme ist, so übel und lieblos sind die Extras zusammengestellt. Wenn ich mich recht entsinne, sind nicht mal alle Extras der DVD-Ausgaben rübergerettet worden. Es gibt ein paar geschnittene Szenen, zwei Studentenfilme von Wenders, die lieber im Archiv geblieben wären, und jeweils einen (älteren) Audiokommentar, bis auf den "Tormann", der dafür eine interessante Doku über die Restaurierung durch die Wim-Wenders-Stiftung enthält. Dafür ist das "Gespräch mit Roger Willemsen" zu
Falsche Bewegung zweimal vorhanden, nämlich auch noch als Bonus zu
Der amerikanische Freund - offensichtlich ein Authoring-Fehler. Das ist schlampig und mindert leider den Sammelwert der Box. Richtig wütend macht mich, dass die
amerikanische Criterion-Ausgabe der "Road Trilogy" NEUE Interviews in DEUTSCHER Sprache enthält sowie zusätzliche lange Dokumentationen. Da hat Studiocanal gepennt - die Tatsache, dass hierzulande bei Amazon zwei Monate nach der Veröffentlichung der Box noch keine Kundenrezension zu finden ist, zeugt allerdings vom mangelnden Interesse am Frühwerk des inzwischen 71jährigen deutschen Altmeisters.