Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 24. Februar 2018
Märchenhaft schön: Shape of Water (9/10)
Shape of Water ist ein altmodisches Märchen, und somit ist sofort klar, wer das Biest und wer der Prinz ist. Es ist doppelt nostalgisch, denn es spielt im bieder-bürgerlichen Amerika des Jahres 1962, aber Prinzessin Elisa (Sally Hawkins) und ihr väterlicher Freund und Nachbar Giles (Richard Jenkins) lieben die Musicals des alten Hollywood. Auf ihrem bierdeckelgroßen Schwarzweiss-Fernseher bewundern sie Bill "Bojangles" Robinson und Shirley Temple im berühmten Treppentanz aus The Little Colonel von 1935. Leider sieht man im Film nur einen winzigen Ausschnitt, aber es lohnt sich, die Szene in ihrer Gesamtheit zu bewundern (in der Dokumentation That's Dancing wird eine anderer, ähnlich knuffiger Ausschnitt gezeigt).
Dies ist nur eines der Details, die beiläufig den in den 60ern vorherrschenden Rassismus kommentieren. Deutlicher wird das durch die Rolle von Elisas Kollegin Zelda, in der Octavia Spencer eine Mischung des Dienstmädchens aus The Help und der Rechenmaschine aus Hidden Figures kredenzt. Shape of Water vermischt viele Zutaten, Genres und Vorbilder zu einem originellen neuen Cocktail. Am offensichtlichsten wird Der Schrecken vom Amazonas von 1954 zitiert, auch heute noch sehenswert allein wegen der unter Wasser gedrehten 3D-Sequenzen (in Schwarzweiss!). Aber hinzugemischt sind auch eine Spionagegeschichte um russische Agenten und einen arroganten amerikanischen General, ein Techtelmechtel zwischen Giles und einem jungen Konditoreiverkäufer, welches leider nur in seiner Fantasie stattfindet, ein Krimi mit David Hewlett (Stargate: Atlantis) als Werksdetektiv, eine veritable Song-and-Dance-Einlage und leider auch Folter und Machtmissbrauch. Dies verdeutlicht auch, dass es sich um ein Märchen für Erwachsene handelt, mit einer gerechtfertigten FSK16-Einstufung.
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Trotz allem steht im Zentrum die simple und doch nie naive Liebesgeschichte zwischen der seit ihrer Kindheit stummen Elisa und dem Meermann, der ebenfalls nicht akustisch kommunizieren kann. Aber Gebärden- und Körpersprache sind allemal ausreichend, um sich näherzukommen. Die Londonerin Sally Hawkins in der Hauptrolle ist absolut bewundernswert. Welch ein Kontrast zur geschwätzigen, ewigfröhlichen Lehrerin in Mike Leighs Happy Go Lucky, für welche sie 2009 einen Golden Globe gewann! Del Toro hat ihr den Part auf den Leib geschrieben, und sie erwies sich seines Vertraunes würdig und sprang mit vollem Körpereinsatz ins kalte Wasser, sozusagen. Auch ihre Szenen mit Richard Jenkins als Giles berühren (aber Katzenliebhaber Obacht: das wird nicht leicht für Euch!) Der 70jährige Veteran ist auf solche herzergreifende Nebenrollen spezialisiert, u.a. mehrfach für die Coen-Brüder, war 2008 aber für eine seltene Hauptrolle im anrührenden Drama Ein Sommer in New York erstmalig Oscar-nominiert. Jedenfalls läßt er vergessen, dass ursprünglich Ian McKellan für die Rolle vorgesehen war.
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Und das Monster? Michael Shannon ist mit seinem stechenden Blick und den leicht grimmigen Gesichtszügen auf überlebensgroße Rollen abonniert. Er war der kryptonische Bösewicht Zod im Man of Steel und zuletzt der verächtliche Cop im üblen Kritikerliebling Nocturnal Animals. Er spielte allerdings auch die Hauptrolle in meinem Lieblingsspielfilm von Werner Herzog der letzten zehn Jahre, Ein fürsorglicher Sohn (2009: "My Son, My Son, What Have You Done?") Als sein Gegenpol fungiert Michael Stuhlbarg als mitfühlender Doktor (mit heimlicher Agenda). Wie schon für die Coens als A Serious Man gelingt es ihm hier mit minimalen Mitteln, anrührend komisch zu sein.
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Guillermo Del Toro, 1964 in Mexiko geboren, war bislang vor allem für seine beiden Hellboy-Adaptionen (2004, 2008) bekannt. Die sind zwar nicht zuletzt wegen eines grandiosen Ron Perlman in der Titelrolle allemal sehenswert, fanden aber für Comic-Verfilmungen nur mäßiges Zuschauerinteresse. Ohne Zweifel ein Bilderzauberer und Meister der Ausstattung, steht sich Del Toro oft selbst im Wege, wenn er seine realistische Magie zwar dankenswert unsentimental, aber auch recht sperrig inszeniert. Schwer einzuschätzen, ob er mehr aus dem Hobbit gemacht hätte als Peter Jackson.
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Erzählfluss und emotionale Wirkung erzielt Del Toro eher mit seinen persönlichen Filmen, und in Shape of Water gelingt ihm das nun mindestens so gut wie in Pans Labyrinth von 2006, meinem bisherigen Lieblingswerk von ihm. Die Fabel aus dem spanischen Bürgerkrieg, in dem ein elfjähriges Mädchen die Schrecken der Realität in eine Fantasiewelt übersetzt, wurde mit Oscar-Nominierungen für den besten fremdsprachigen Film und das beste Originaldrehbuch gewürdigt. Ivana Baquero, die damals bravourös das kleine Mädchen spielte, fiel zuletzt in der albernen Fantasyserie Die Shannara-Chroniken mit untypischen darstellerischen Qualitäten auf. Und das Monster, der titelgebende Faun ("Pan" im deutschen Titel) wurde schon damals von Doug Jones verkörpert, so wie nun der Meermann in Shape of Water. Der 1,90 Meter große Amerikaner hat nicht nur eine bewundernswerte Toleranz für die Applikation komplexer Masken, sondern stattet seine Figuren trotz aller technischer Schwierigkeiten noch mit Persönlichkeit und Gefühlen aus.
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Vielleicht hat Del Toro in Vanessa Taylor auch eine ideale Mitautorin gefunden. Sie steuerte ein paar frühe Episoden von Game of Thrones bei und schrieb die hübsche romantische Komödie Wie beim ersten Mal ("Hope Springs"), 2012 von David Frankel mit Meryl Streep und Tommy Lee Jones inszeniert. Man kann wohl vermuten, dass sie für den emotionalen roten Faden verantwortlich ist. Beim Oscar für das Beste Originaldrehbuch stehen die beiden allerdings in direkter Konkurrenz zu Three Billboards, genau wie die nominierten Darsteller Sally Hawkins und Richard Jenkins. Octavia Spencer tritt gegen die gesetzte, immer fabelhafte Allison Jenney (I, Tonya) an. Schön wäre es, wenn wie bei den BAFTAs die Preise geteilt würden, also Guillermo Del Toro den Oscar für die beste Regie gewänne und Martin McDonagh für das Drehbuch. Wer dann Bester Film wird, ist fast egal - wie will man solch unterschiedliche Werke vergleichen? Beide sind in meinen Augen: Herausragend (9/10).
Samstag, 17. Februar 2018
Anger begets Anger: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri (9/10)
Die dümmste Figur in Three Billboards outside Ebbing, Missouri sagt den klügsten Satz, so abgegriffen er klingen mag: "Zorn erzeugt nur größeren Zorn". Mildred (Frances McDormand) hat allen Grund, zornig zu sein: Ihre 16jährige Tochter Angela wurde vor sieben Monaten vergewaltigt und umgebracht, und der Schuldige ist immer noch nicht ermittelt. So mietet sie also die titelgebenden drei Werbetafeln, mit weitreichenden Folgen für die Bewohner der Kleinstadt Ebbing in Missouri ...
Dies ist so ein Film, bei dem man vorher so wenig wie möglich über die Handlung wissen sollte. Eine reine Nacherzählung würde der Sache ohnehin nicht gerecht werden. Nur soviel sei verraten: Dies ist nicht die erbauliche Geschichte einer amerikanischen Bürgerin, die mit viel Courage und entgegen allen Widerständen der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Aber auch nicht die Rachegeschichte der unverstandenen Wutbürgerin, die den Täter eigenhändig der gerechten Strafe zuführt. Beide Klischees werden geschickt umschifft, und so ergibt sich ein wahrhaftiges Bild der braven Kleinstädter und damit eines durchaus repräsentativen Querschnitts der Menschheit.
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Autor und Regisseur Martin McDonagh, geboren 1970 in London, nimmt sich Zeit für seine Filme. 2006 gewann er einen Oscar für sein Kurzfilm-Debut Six Shooter. Es folgten 2008 Brügge sehen... und sterben?, urkomisch, unvorhersehbar und mit tiefschwarzem Humor duchsetzt, und 2012 7 Psychos, welches das gleiche Konzept ein wenig überfrachtet fortzusetzen versuchte. Im dritten Streich regelt McDonagh die Farce nun klug herunter. Three Billboards bleibt stets Tragödie - niemand macht sich über die tote Angela oder die Erkrankung von Polizeichef Willoughby lustig. Aber es ist kein Tränenfest - es gibt herrlich komische Szenen, und auch geschickte Übertreibungen und gut konstruierte Zufälle. Das Drama nimmt unerbittlich seinen Lauf, jede Handlung hat Konsequenzen, und doch ist das Kinoerlebnis keinesfalls deprimierend. Dieser traurig-komische Balanceakt ist eine echte Meisterleistung, und daher hätte ich Martin McDonagh lieber als Jordan Peele oder Christopher Nolan unter den fünf Kandidaten für den Regie-Oscar gesehen. So wird er womöglich leer ausgehen, denn beim Originaldrehbuch ist die Konkurrenz in diesem Jahr ungleich stärker als bei den Adaptionen.
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Punkten könnten wohl eher die Darsteller, allen voran Frances McDormand. Sie ist ohne Zweifel eine der großen Darstellerinnen des amerikanischen Kinos. Während Meryl Streep (in diesem Jahr ihre Konkurrentin mit den geringsten Siegeschancen) gern und mit verblüffender Mimikri in die Haut außergewöhnlicher Frauen schlüpft, verkörpert Frances McDormand gewöhnliche Frauen in außergewöhnlicher Weise. Dieses nicht greifbare Talent zeigte sie bereits 1984 in ihrem Debut Blood Simple. Gerade 26jährig, hatte sie bereits diese lakonische Qualität, unter der sie je nach Bedarf tiefe Empfindungen erkennbar machen konnte. Der Beginn der durchgeknallten Filmlaufbahn der Coen-Brüder ist gerade in perfekt restaurierter Fassung neu aufgelegt wurde. Er war auch der Startpunkt ihres privaten Glücks in der Ehe mit Joel Coen. Ihren ersten Oscar gewann sie dann passenderweise 1997 für die Rolle der schwangeren Polizistin in Fargo. Aber obwohl sie in den meisten Coen-Filmen auftaucht, kann sie auf eine weitgefächerte Karriere zurückblicken und war in wichtigen Nebenrollen u.a. zu sehen in Short Cuts (Robert Altman, 1993), Wonder Boys (Curtis Hanson, 2000), Almost Famous (Cameron Crowe, 2000) und Moonrise Kingdom (Wes Anderson, 2012). In Three Billboards kann man sich wieder nicht sattsehen an ihrem ausdrucksstarken Gesicht. Sie ist Identifikationsfigur, ohne um die Sympathie des Zuschauers zu buhlen, und sie macht Mildreds teilweise fragwürdige Entscheidungen nachvollziehbar, ohne sie zu entschuldigen.
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Um sie herum agiert ein brillantes Ensemble, welches in der Gesamtheit bereits von der Screen Actors Guild ausgezeichnet wurde, angeführt von den Oscar-Nominierten Woody Harrelson (Zombieland, Die Unfassbaren) als Polizeichef und Sam Rockwell (Galaxy Quest, Iron Man 2) als Deputy. Letzterer hat bei den Preisverleihungen nur deshalb die Nase vorn, weil er im Grunde die zweite Hauptrolle spielt und viel mehr Leinwandzeit als Harrelson hat, wodurch sich seine Figur stärker entwickeln kann (er nahm den Golden Globe mit nach Hause). Ansonsten gilt, dass gute Drehbücher auch gute Schauspieler anziehen, übrigens neben Harrelson und Rockwell noch weitere Wiederholungstäter aus McDonaghs ersten beiden Filmen. Darunter sind Abbie Cornish als Willoughbys patente jüngere Ehefrau und Zeljko Ivanek als Desk Sergeant. Erwähnenswert ebenfalls Caleb Landry Jones (Twin Peaks, Get Out), der differenzierter als sonst agiert, dessen Figurenname "Welby" für meine Ohren allerdings ähnlich klang wie "Willoughby", was mich einige Zeit irritiert hat; Lucas Hedges (Manchester by the Sea) als Mildreds verstörter Sohn, Clarke Peters (der korrupte Bürgermeister aus Person of Interest) als Willoughbys Nachfolger und in einer kleinen Rolle (sorry!) Peter Dinklage mit imposantem Schnäuzer (auf den Promo-Fotos allerdings schon wieder mit Tyrion-Bartpracht), der hier von Jordan Prentice (In Bruges) die Zwergenrolle übernimmt.
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Es sieht so aus, als ob dieses Jahr bei den Oscars mal ein paar würdige Filme ins Rennen gehen. Drei Werbetafeln ausserhalb Ebbing, Missouri erinnert mich in seiner wuchtigen Kommentierung der menschlichen Natur an No Country For Old Men, auch wenn es vielleicht nicht ganz die erschütternde Wirkung meines Lieblingsfilms der Coens hat. Herausragend (9/10).
Nächste Woche: der härteste Konkurrent um die Oscars - Guillermo del Toros Shape of Water.
Dies ist so ein Film, bei dem man vorher so wenig wie möglich über die Handlung wissen sollte. Eine reine Nacherzählung würde der Sache ohnehin nicht gerecht werden. Nur soviel sei verraten: Dies ist nicht die erbauliche Geschichte einer amerikanischen Bürgerin, die mit viel Courage und entgegen allen Widerständen der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft. Aber auch nicht die Rachegeschichte der unverstandenen Wutbürgerin, die den Täter eigenhändig der gerechten Strafe zuführt. Beide Klischees werden geschickt umschifft, und so ergibt sich ein wahrhaftiges Bild der braven Kleinstädter und damit eines durchaus repräsentativen Querschnitts der Menschheit.
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Autor und Regisseur Martin McDonagh, geboren 1970 in London, nimmt sich Zeit für seine Filme. 2006 gewann er einen Oscar für sein Kurzfilm-Debut Six Shooter. Es folgten 2008 Brügge sehen... und sterben?, urkomisch, unvorhersehbar und mit tiefschwarzem Humor duchsetzt, und 2012 7 Psychos, welches das gleiche Konzept ein wenig überfrachtet fortzusetzen versuchte. Im dritten Streich regelt McDonagh die Farce nun klug herunter. Three Billboards bleibt stets Tragödie - niemand macht sich über die tote Angela oder die Erkrankung von Polizeichef Willoughby lustig. Aber es ist kein Tränenfest - es gibt herrlich komische Szenen, und auch geschickte Übertreibungen und gut konstruierte Zufälle. Das Drama nimmt unerbittlich seinen Lauf, jede Handlung hat Konsequenzen, und doch ist das Kinoerlebnis keinesfalls deprimierend. Dieser traurig-komische Balanceakt ist eine echte Meisterleistung, und daher hätte ich Martin McDonagh lieber als Jordan Peele oder Christopher Nolan unter den fünf Kandidaten für den Regie-Oscar gesehen. So wird er womöglich leer ausgehen, denn beim Originaldrehbuch ist die Konkurrenz in diesem Jahr ungleich stärker als bei den Adaptionen.
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Punkten könnten wohl eher die Darsteller, allen voran Frances McDormand. Sie ist ohne Zweifel eine der großen Darstellerinnen des amerikanischen Kinos. Während Meryl Streep (in diesem Jahr ihre Konkurrentin mit den geringsten Siegeschancen) gern und mit verblüffender Mimikri in die Haut außergewöhnlicher Frauen schlüpft, verkörpert Frances McDormand gewöhnliche Frauen in außergewöhnlicher Weise. Dieses nicht greifbare Talent zeigte sie bereits 1984 in ihrem Debut Blood Simple. Gerade 26jährig, hatte sie bereits diese lakonische Qualität, unter der sie je nach Bedarf tiefe Empfindungen erkennbar machen konnte. Der Beginn der durchgeknallten Filmlaufbahn der Coen-Brüder ist gerade in perfekt restaurierter Fassung neu aufgelegt wurde. Er war auch der Startpunkt ihres privaten Glücks in der Ehe mit Joel Coen. Ihren ersten Oscar gewann sie dann passenderweise 1997 für die Rolle der schwangeren Polizistin in Fargo. Aber obwohl sie in den meisten Coen-Filmen auftaucht, kann sie auf eine weitgefächerte Karriere zurückblicken und war in wichtigen Nebenrollen u.a. zu sehen in Short Cuts (Robert Altman, 1993), Wonder Boys (Curtis Hanson, 2000), Almost Famous (Cameron Crowe, 2000) und Moonrise Kingdom (Wes Anderson, 2012). In Three Billboards kann man sich wieder nicht sattsehen an ihrem ausdrucksstarken Gesicht. Sie ist Identifikationsfigur, ohne um die Sympathie des Zuschauers zu buhlen, und sie macht Mildreds teilweise fragwürdige Entscheidungen nachvollziehbar, ohne sie zu entschuldigen.
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Um sie herum agiert ein brillantes Ensemble, welches in der Gesamtheit bereits von der Screen Actors Guild ausgezeichnet wurde, angeführt von den Oscar-Nominierten Woody Harrelson (Zombieland, Die Unfassbaren) als Polizeichef und Sam Rockwell (Galaxy Quest, Iron Man 2) als Deputy. Letzterer hat bei den Preisverleihungen nur deshalb die Nase vorn, weil er im Grunde die zweite Hauptrolle spielt und viel mehr Leinwandzeit als Harrelson hat, wodurch sich seine Figur stärker entwickeln kann (er nahm den Golden Globe mit nach Hause). Ansonsten gilt, dass gute Drehbücher auch gute Schauspieler anziehen, übrigens neben Harrelson und Rockwell noch weitere Wiederholungstäter aus McDonaghs ersten beiden Filmen. Darunter sind Abbie Cornish als Willoughbys patente jüngere Ehefrau und Zeljko Ivanek als Desk Sergeant. Erwähnenswert ebenfalls Caleb Landry Jones (Twin Peaks, Get Out), der differenzierter als sonst agiert, dessen Figurenname "Welby" für meine Ohren allerdings ähnlich klang wie "Willoughby", was mich einige Zeit irritiert hat; Lucas Hedges (Manchester by the Sea) als Mildreds verstörter Sohn, Clarke Peters (der korrupte Bürgermeister aus Person of Interest) als Willoughbys Nachfolger und in einer kleinen Rolle (sorry!) Peter Dinklage mit imposantem Schnäuzer (auf den Promo-Fotos allerdings schon wieder mit Tyrion-Bartpracht), der hier von Jordan Prentice (In Bruges) die Zwergenrolle übernimmt.
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Es sieht so aus, als ob dieses Jahr bei den Oscars mal ein paar würdige Filme ins Rennen gehen. Drei Werbetafeln ausserhalb Ebbing, Missouri erinnert mich in seiner wuchtigen Kommentierung der menschlichen Natur an No Country For Old Men, auch wenn es vielleicht nicht ganz die erschütternde Wirkung meines Lieblingsfilms der Coens hat. Herausragend (9/10).
Nächste Woche: der härteste Konkurrent um die Oscars - Guillermo del Toros Shape of Water.
Samstag, 10. Februar 2018
Dunnerlittchen: Dunkirk (7/10)
Dunkirk versucht den Zuschauer an der Gurgel zu packen und für 100 Minuten nicht mehr loszulassen. Ob der sich auf diese Achterbahnfahrt einlässt, ist allerdings Gechmackssache. Christopher Nolan versucht mit großformatigen Bildern, der rastlosen Musikuntermalung von Hans Zimmer und stetem Wechsel der Handlungsebene eine atemlose Spannung zu erzeugen. Im umfangreichen Making Of (zwei Stunden, welche ich nur überflogen habe) zieht er selbst Vergleiche zu Alfred Hitchcock. Dessen genialen Instinkt zur unterhaltsamen Manipulation des Zuschauers vermag Nolan (der das Drehbuch diesmal allein verfasste) nur seinen kühnen/kühlen Intellekt entgegenzusetzen. Die drei Handlungsstränge werden zwar in sich chronologisch erzählt, aber dann in raffinierter, kontraintuitiver Weise miteinander verquickt. Die Woche am Strand wird mehrfach vom Tag der Überfahrt und der Stunde des Überflugs überholt, so dass potentiell emotionale Höhepunkte oft in der Schnittkonstruktion verpuffen. Und die Entscheidung, mit so wenig Computer-Effekten wie möglich auszukommen, bedeutet leider, dass man nie mehr als ein paar Hundert der beteiligten 400.000 Soldaten gleichzeitig zu sehen bekommt. Trotzdem ist es erstaunlich, was Kamerachef Hoyte Van Hoytema mit den klobigen IMAX- und 64mm-Kameras auf die Leinwand (und via brillanter UHD-Blu-ray auf den Bildschirm) bringen kann - mit erstaunlichen praktischen Effekten, oft an den Originalschauplätzen zu Wasser, Luft und Land.
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Aufgrund seines Status als Kultregisseur und des kommerziellen Erfolgs (allein seine Dark-Knight-Trilogie spielte fast 2,5 Milliarden Dollar ein) vergisst man schnell, dass Nolan aus London stammt. Inzwischen wohnt er natürlich in Los Angeles, mit seiner Frau Emma Thomas, mit der er seine patriotische Rückkehr in die Heimat auch produzierte. Das Wunder von Dünkirchen - 1940 wurde die dort eingekesselte britische Armee mittels einer Armada von überwiegend zivilen Booten evakuiert - ist schon oft verfilmt worden. Es diente als Auftakt von Joe Wrights Atonement (mit einem berühmten Tracking-Shot, der mich trotzdem nicht für das Melodram begeistern konnte) und wird auch in der aktuellen Churchill-Biographie Die dunkelste Stunde aus anderer Perspektive beleuchtet.
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Nolan kommt mit wenig Dialogen aus. Bei der Besetzung konnte er aus einem reichhaltigen britischen Fundus schöpfen, hat klugerweise aber auf Stars aus der ersten Reihe verzichtet, die möglicherweise das Konstrukt aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Einen willkommenen Wiedererkennungswert bieten in den drei Handlungsebenen aber Kenneth Branagh als befehlshabender General in Dünkirchen, Oscar-Preisträger Mark Rylance (Bridge of Spies) als Kapitän eines kleinen Fischerboots und Tom Hardy als tollkühner Flieger. Die jungen Soldaten dagegen wurden absichtlich mit historisch korrekt sehr jungen Darstellern besetzt, deren Gesichter ich dann in der Hektik der Ereignisse aber auch nicht so recht auseinanderhalten konnte. In kleineren Rollen erkennt man Cillian Murphy (als "zitternder Seemann"), James D'Arcy (Der Wolkenatlas) als Branaghs Adjutant und John Nolan (Person of Interest) als blinder Helfer im englischen Heimathafen.
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Christopher Nolan ist in diesem Jahr zum ersten Mal auch als Regisseur für einen Oscar nominiert - nach Drehbuchnominierungen für Memento und Inception und neben der Nominierung für den Besten Film. Das ist nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Dunkirk, sein zehntes Werk, seit 15 Jahren das erste ohne fantastisches Element ist. SF und Fantasy werden bei der Akademie halt immer noch nicht ernstgenommen (ich nehme es ihr immer noch übel, dass mit Wonder Woman der schönste und in den USA auch erfolreichste Film des Jahres nicht eine einzige Nominierung verdient hat). Zumindest für den BAFTA, den "David Lean Award for Best Direction", geht Nolan als Favorit ins Rennen. Leider hat Dunkirk aber weder Hitchcocks Humor noch Leans Bildgewalt noch Kubricks Doppelbödigkeit zu bieten. Gefallen hat's mir schon, aber die artifizielle Konstruktion hat bei mir doch für eine gewisse Distanz gesorgt. So reicht es wie so häufig bei Nolans Extravaganzen wieder nur für Respekt statt Begeisterung. Gut (7/10).
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Aufgrund seines Status als Kultregisseur und des kommerziellen Erfolgs (allein seine Dark-Knight-Trilogie spielte fast 2,5 Milliarden Dollar ein) vergisst man schnell, dass Nolan aus London stammt. Inzwischen wohnt er natürlich in Los Angeles, mit seiner Frau Emma Thomas, mit der er seine patriotische Rückkehr in die Heimat auch produzierte. Das Wunder von Dünkirchen - 1940 wurde die dort eingekesselte britische Armee mittels einer Armada von überwiegend zivilen Booten evakuiert - ist schon oft verfilmt worden. Es diente als Auftakt von Joe Wrights Atonement (mit einem berühmten Tracking-Shot, der mich trotzdem nicht für das Melodram begeistern konnte) und wird auch in der aktuellen Churchill-Biographie Die dunkelste Stunde aus anderer Perspektive beleuchtet.
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Nolan kommt mit wenig Dialogen aus. Bei der Besetzung konnte er aus einem reichhaltigen britischen Fundus schöpfen, hat klugerweise aber auf Stars aus der ersten Reihe verzichtet, die möglicherweise das Konstrukt aus dem Gleichgewicht gebracht hätten. Einen willkommenen Wiedererkennungswert bieten in den drei Handlungsebenen aber Kenneth Branagh als befehlshabender General in Dünkirchen, Oscar-Preisträger Mark Rylance (Bridge of Spies) als Kapitän eines kleinen Fischerboots und Tom Hardy als tollkühner Flieger. Die jungen Soldaten dagegen wurden absichtlich mit historisch korrekt sehr jungen Darstellern besetzt, deren Gesichter ich dann in der Hektik der Ereignisse aber auch nicht so recht auseinanderhalten konnte. In kleineren Rollen erkennt man Cillian Murphy (als "zitternder Seemann"), James D'Arcy (Der Wolkenatlas) als Branaghs Adjutant und John Nolan (Person of Interest) als blinder Helfer im englischen Heimathafen.
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Christopher Nolan ist in diesem Jahr zum ersten Mal auch als Regisseur für einen Oscar nominiert - nach Drehbuchnominierungen für Memento und Inception und neben der Nominierung für den Besten Film. Das ist nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Dunkirk, sein zehntes Werk, seit 15 Jahren das erste ohne fantastisches Element ist. SF und Fantasy werden bei der Akademie halt immer noch nicht ernstgenommen (ich nehme es ihr immer noch übel, dass mit Wonder Woman der schönste und in den USA auch erfolreichste Film des Jahres nicht eine einzige Nominierung verdient hat). Zumindest für den BAFTA, den "David Lean Award for Best Direction", geht Nolan als Favorit ins Rennen. Leider hat Dunkirk aber weder Hitchcocks Humor noch Leans Bildgewalt noch Kubricks Doppelbödigkeit zu bieten. Gefallen hat's mir schon, aber die artifizielle Konstruktion hat bei mir doch für eine gewisse Distanz gesorgt. So reicht es wie so häufig bei Nolans Extravaganzen wieder nur für Respekt statt Begeisterung. Gut (7/10).
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