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Montag, 25. Februar 2013

Die 85. Academy Awards

Wie jedes Jahr stellt sich nach der anfänglichen Aufregung eine gewisse Ernüchterung ein. Die meisten Favoriten haben gewonnen, einige kleine, aber keine große Überraschung war dabei, und Seth MacFarlane hat sich nicht komplett blamiert. Was von einer trotz einiger Längen und Holprigkeiten unterhaltsamen und einigermaßen spannenden Show bleibt, sind ein paar herausragende und ein paar mittelmäßige Gewinner. Durch die kurzen Ausschnitte der nominierten Filme und die unabläßliche Beweihräucherung der durchaus sympathischen Mitwirkenden erscheint in der Erinnerung plötzlich alles viel besser und bereits nostalgiebehaftet. In Wahrheit wurde wie oft in letzter Zeit ein recht mittelmäßiges Jahr gefeiert.

Alle paar Jahre versucht die Akademie mit einem hippen Moderator, ein paar jüngere Zuschauer zurückzugewinnen. Diesmal kredenzte der stimmfeste Seth MacFarlane uns im insgesamt gelungenen Eröffnungsegment das gewiß nicht preisverdächtige Liedchen "Ich hab deine Titten gesehen". Obwohl ihn eigentlich der eigens aus der Zukunft hergebeamte Kapitän James T. Kirk 1.0 zurückgepfiffen hatte. Jawohl, Bill die Shatnersche Excellenz persönlich durfte zu Beginn per Videoleinwand ko-moderieren und einmal mehr seine komische Seite zeigen.

Hier ein Link zu einem Ausschnitt der Eröffnung.

Die Musik

Die Show stand angeblich unter dem Motto "Musicals". Leider fiel den Produzenten für die zugehörige Showeinlage neben dem aktuellen Beitrag "Les Misérables" und dem herausragenden Besten Film Chicago von 2003 (Catherine Zeta-Jones mit "All That Jazz")  nur noch das sehr mittelmäßige Dreamgirls von 2006 ein. Eine erschlankte Jennifer Hudson schmetterte ihren Beitrag laut, aber nicht besonders schön. Wenn man sich schon auf das letzte Jahrzehnt beschränkt: Was ist mit dem mitreißenden The Producers, dem tollen Hairspray (immerhin mit kurzem Clip beim Auftreten von John Travolta) und vor allem dem super-erfolgreichen Mamma Mia!, dessen Hauptdarstellerinnen sogar beide anwesend waren? Musikalisch gebt es ansonsten zu vermelden, daß Norah Jones' Song zu Ted etwas unterging, während Adele ihren Bond-Hit souverän darbot und kurz darauf vor Glück übersprudelnd und so von ihren Emotionen überwältigt ihren Oscar in Empfang nahm, daß sie fast sofort das Wort an ihren Co-Komponisten Paul Epworth abgeben mußte:

Klasse und bewegend war auch die Darbietung von "Goldfinger" durch die immer noch stimmkräftige 76jährige Shirley Bassey als Höhepunkt des Bond-Specials, das ansonsten zwar eine gute Montage, aber keinen der Hauptdarsteller zu bieten hatte.

Die Gewinner

Wie mehr oder weniger erwartet:
  • Christoph Waltz als bester Nebendarsteller: Nicht seine beste Dankesrede, aber er zitiert aus dem Drehbuch die Stelle, die Tarantino wiederum aus der Nibelungensaga entliehen hatte.
  • Anne Hathaway als beste Nebendarstellerin. Sichtlich überwältigt, gelingt ihr doch noch eine zusammenhängende Danksagung.
  • Jennifer Lawrence als beste Hauptdarstellerin: Zu Recht überwältigt, aber nach einem Sturz auf der Treppe gut improvisiert. Stehende Ovationen.
  • Daniel Day-Lewis als bester Hauptdarsteller. Historisch, obwohl genaugenommen Katherine Hepburn mit vier Gewinnen immer noch den Rekord hält. Beste Dankesrede: sichtlich gerührt, aber trotzdem cool und mit dem besten Witz des Abends, nachdem Meryl Streep ihm seine Statuette überreicht hat (sehr frei übersetzt): Eigentlich sollte alles ganz anders kommen, aber vor drei Jahren haben Meryl und ich spontan die Rollen getauscht. An sich sollte ich Margaret Thatcher und sie Lincoln spielen.
  • Bestes Originaldrehbuch: Quentin Tarantino. Wäre auch merkwürdig gewesen, wenn Waltz gewonnen hätte und die Vorlage zu dieser brillanten Figur nicht. QT supercool wie immer, erklärt 2012 zu einem Jahr toller Drehbücher.
  • Bestes adaptiertes Drehbuch und bester Film: Argo. Was wohl passiert wäre, wenn Ben auch als Regisseur nominiert worden wäre?
Überraschungen:
  • Amour als bester fremdsprachiger Film. Überraschend ist hier natürlich nur, daß es bei diesem Preis blieb. Viele hatten auch auf den Drehbuchpreis getippt, wenn nicht sogar auf Beste Regie.
  • Merida als bester Trickfilm: Buh! Pixar genügen offenbar mittelmäßige Beiträge zum Gewinn. Bei den Golden Globes erklärt sich das durch die starverklärten Oldtimer, die dort die Preise vergeben. Die Akademie sollte eigentlich inzwischen im Schnitt klüger sein. Immerhin gewann Paperman für Disney.
  • Ang Lee für die beste Regie: Darüber habe ich mich am meisten gefreut, es ist hochverdient, obwohl Spielberg das sicher sauer aufgestoßen ist.

Die Präsentatoren

Gleich zu Beginn glänzten zunächst Charlize Theron mit Channing Tatum und dann Daniel Radcliffe mit Joseph Gordon-Levitt gemeinsam mit Seth MacFarlane in gelungenen Tanzeinlagen.



Bei den Präsentationen gerade in den "technischen" Kategorien ist aber weder den Produzenten der Show viel eingefallen, noch konnten sich viele Präsentatoren hervortun. Natürlich gab es Schönheit und Klasse zu bestaunen, z.B. Selma Hayek, Jane Fonda, Halle Berry, Meryl Streep, Hugh Jackman, Jack Nicholson, Jean Dujardin, Dustin Hoffman. Aber die Komiker fehlten oder enttäuschten (Paul Rudd und Melissa McCarthy!), und es gab einige verhaspelte oder gar peinliche Ansagen. Nicht einmal Ted selbst (der ja vom Host erfunden und gesprochen wurde) und Mark Wahlberg konnten richtig zünden.


Tiefpunkt war mal wieder die holprige, monotone Präsentation von Kristen Stewart, wofür weder ihr tolles Aussehen noch ihr smarter Co-Ansager Daniel Radcliffe entschädigen konnten.
Cool dagegen die aufgrund ihres Milliarden-Einspielergebnisses zähneknirschend eingeladenen Avengers:

Überraschung des Abends kam dann zum Höhepunkt und Prämierung des besten Films, als Jack Nicholson an Michelle Obama übergab, die per Videoübertragung aus dem Weißen Haus den Gewinner verlas. Damit wollte die Akademie wohl die Globes übertreffen, bei denen immerhin Bill Clinton "Argo" präsentiert hatte.

Beste Sprüche von Seth MacFarlane (frei übersetzt):

Und jetzt beginnt es - das Warten auf ein Lächeln von Tommy Lee Jones (dieses Bonmot knackt sofort TLJs grimmige Fassade)
Die Argo zugrunde liegende CIA-Mission war so geheim, daß der Akademie nicht einmal der Regisseur des Films bekannt war.
Sonntag abend, alle in den besten Kleidern. Eigentlich wie ein Kirchbesuch, nur mit mehr Betenden.
Quvenzhané Wallis, deren Name wie ein Sehtest aussieht, wird enttäuscht sein, wenn die alte Dame --- Jennifer Lawrence - gewinnt.
 Zum Abschluß gab es noch ein schönes Duett zu Ehren der Verlierer, präsentiert von MacFarlane und der wunderbaren Kristin Chenoweth (Pushing Daisies), deren Stimme so groß wie ihre Gestalt zierlich ist.



Sonntag, 24. Februar 2013

Die Oscar-nominierten Darsteller 2013

Zunächst einmal ein paar Worte zu The Master (3/10):

Durch diesen hatte ich mich bereits im Januar in Luxembourg gequält. Regisseur Paul Thomas Anderson ist wirklich nicht mein Fall, am besten war für mich noch das immerhin unterhaltsame Magnolia (6/10) von 1999 mit einem durchgeknallten Tom Cruise. Ganz schrecklich fand ich das hochgelobte There Will Be Blood, für das Daniel Day-Lewis übrigens seinen zweiten Oscar gewann. "The Master" ist rätselhaft, inhaltsleer, überlang und in jeder Hinsicht unsympathisch, was die Akademie nicht daran hinderte, drei Darsteller zu nominieren. Gemäß der besten Erklärung, die ich zum Film gelesen habe, sollen diese die drei Aspekte des Meisters darstellen, und zwar das Es (Joaquin Phoenix), das Ich (Philip Seymour Hoffman) und das Über-Ich (Amy Adams). Erwähnenswert ist nur die Leistung von Phoenix, der zwar im Leerraum agiert, aber eine faszinierende, konsistente Figur erschafft, besonders, wenn man sie mit seiner brillanten Darstellung von Johnny Cash in Walk The Line vergleicht.

Die männlichen Hauptdarsteller 


Day-Lewis ist verdient haushoher Favorit, wobei Phoenix und Jackman noch gewisse Außenseiterchancen haben. Für Bradley Cooper ist die Nominierung sicher Auszeichnung genug, und Denzel Washington hat wie Day-Lewis bereits zwei Gewinne verbucht, für Glory und Training Day, wobei "Flight" bei der Akademie offenbar nicht gut angekommen ist.

Die weiblichen Hauptdarsteller 


Viele gehen von einem Zweikampf zwischen Jessica Chastain und Jennifer Lawrence aus. Möglich ist aber, daß sich viele nicht entscheiden können und Emmanuelle Riva den Vorzug geben. Für Naomi Watts wäre zwar einen Oscar überfällig, aber nicht unbedingt für diesen Film. Mein Favorit und Tip ist wohl Jennifer Lawrence.

Die weiblichen Nebendarsteller


Die sympathische Amy Adams in ihrer vierte Nominierung, die von mir nicht besonders geschätzte Sally Field, die bereits zweimal gewonnen hat, und Jacki Weaver mit der zweiten Nominierung sind in ihren diesjährigen Rollen recht unauffällig. Helen Hunt (gewann für Besser geht's nicht) habe ich in "The Sessions" noch nicht gesehen, es soll aber eine mutige Darstellung sein. Deutliche Favoritin ist nach ihrem verheulten Kurzauftritt in "Les Misérables" Anne Hathaway, die ich schon immer für überschätzt hielt und die ich z.B. als Catwoman in The Dark Knight Returns nicht besonders überzeugend fand. Davor war ihre bekannteste Rolle natürlich die von Meryls Streeps aufsässiger Praktikantin Andy in Der Teufel trägt Prada. Persönlich würde ich mich in dieser Kategorie wahrscheinlich für Jackie Weaver entscheiden.

Die männlichen Nebendarsteller

Alan Arkin for Argo (2012)
Christoph Waltz for Django Unchained (2012)

Seth MacFarlane und Emma Stone machten sich bei der Bekanntgabe der Nominierungen einen Spaß daraus, bei jeder Namensnennung hinzuzufügen: "Hat bereits gewonnen". De Niro hat natürlich bereits zwei Statuetten zu Hause, für Der Pate, Teil II und Wie ein wilder Stier. Gerade las ich, daß er als Favorit gilt. Seine Leistung in "Silver Linings" ist sicher kompetent, aber nicht zu vergleichen mit seinen früheren Glanzrollen . Christoph Waltz gewann vor drei Jahren für eine ähnliche Rolle in Inglorious Basterds, ebenfalls ein Tarantino-Film. Die Wiederholung dieses Triumphs wäre schon ungewöhnlich, auch wenn er bestimmt die beste Dankesrede parat hätte. Veteran Alan Arkin gewann nach zwei Nominierungen in den 60ern (!) schließlich 2006 für seine Darstellung des Großvaters von Little Miss Sunshine. Eine zweite Trophäe für seinen souveränen Kurzauftritt in "Argo" wäre wohl ebenfalls übertrieben, aber möglich, vor allem bei einem "Durchmarsch" dieses Favoriten für den Besten Film. Philip Seymour Hoffman gewann bereits 2006 für seine überragende Hauptrolle in Capote. Mein Favorit ist Tommy Lee Jones, der zwar unter seinen Kollegen nicht besonders angesehen ist, dessen Figur in "Lincoln" mich aber sehr berührt hat. Seit seinem Gewinn für Auf der Flucht vor 20 Jahren agierte er konsistent sehenswert in Blockbustern und kleineren Filmen wie Men in Black, Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada, Im Tal von Elah und natürlich No Country For Old Men  Seine Chancen hängen aber sehr daran, ob "Lincoln" insgesamt bei der Akademie gut ankommt.

Oscar-Favorit: Ralph reicht's (7/10)

Nachdem Shrek 2003 den ersten, neu eingeführten Oscar für den besten abendfüllenden Trickfilm gewann, bestimmte Pixar mit sechs Gewinnern diese Kategorie. Erschreckenderweise konnte Disney als traditionsreichstes amerikanisches Trickstudion diesen Preis noch nie einheimsen. Die typisch kapitalistische Reaktion war natürlich, daß Disney das Pixar-Studio übernahm und dessen Chef John Lasseter zum künstlerischen Direktor beider Abteilungen bestellte. Es mag Zufall sein, aber seitdem sind die Pixar-Beiträge deutlich schwächer geworden:  Bei Toy Story 3 stand ich da mit meiner Meinung vielleicht noch allein, bei Cars 2 und Merida ist das fast Konsens. Dagegen hatten Disneyfilme eine kleine Renaissance mit so charmanten Beiträgen wie Bolt, Küss den Frosch und Rapunzel. Dieses Jahr könnte es mit Ralph reicht's (Wreck-It Ralph) endlich einmal für den Oscar reichen.

Sicherlich inspiriert von Toy Story und der Monster-AG, aber trotzdem sehr eigenständig, wird die Welt hinter der Fassade einer Spielhalle gezeigt. Jeden Abend nach Türschluß treffen sich die Spielfiguren noch auf ein Bier, feiern Parties oder gehen wie Ralph zu einem Treffen der anonymen Schurken. Als der frustrierte Ralph nicht einmal zur 10jährigen Jubiläumsfeier seines eigenen Spiels eingeladen wird, schleicht er sich in ein fremdes Spiel ein, um eine Medaille zu gewinnen und seine Kollegen zu beeindrucken. Daraus entwickelt sich dann eine bunte Abenteuergeschichte mit sympathischen Charakteren und fantastischen Bildern, sicher mit bekannten Motiven, trotzdem sehenswert. Im Original hört man übrigens die Stimmen von John C. Reilly (Der Gott des Gemetzels), Jack McBrayer (Page Kenneth aus 30 Rock), den Komikerinnen Jane Lynch und Sarah Silverman sowie Alan Tudyk (Wash aus Firefly).

Für Kinder ist der Film mit 110 Minuten vielleicht etwas lang, die Kleinsten werden sich wohl bei manchen Szenen ziemlich gruseln; die FSK6-Zertifizierung sollte man schon bedenken. Der Spaß für Erwachsene liegt eher im Nostalgieeffekt und dem Auftritt von Pacman und anderen klassischen Spielfiguren (Ralph beschreibt zum Schluß sein eigenes Spiel als "Retro", also etwa "alt, aber cool"). Gestört hat mich mehrfach die aggressive Popmusik, besonders ein von Rihanna gesungener Schlager.

Alles in allem ein wohlverdientes Gut (7/10).

Im Vorprogramm läuft übrigens der schöne Kurzfilm Paperman, der Disney bei den Academy Awards einen doppelten Triumph verheißt. Die übrigen nominierten Langfilme:

ParaNorman (3/10)
Gute Idee, vollkommen mißlungene Ausführung.
Piraten (5/10)
Vorhersehbar und unkomisch.
Frankenweenie (6/10)
Nur für Burton-Fans.
Merida (6/10)
Technisch überragend, aber trotz erstmalig weiblicher Heldin überraschungslos und etwas zerfahren erzählt.


Donnerstag, 21. Februar 2013

Mäßiges Musical, mißlungenes Movie: Les Misérables (4/10)

Den Roman "Les Misérables" (deutsch auch "Die Elenden") von Victor Hugo, erschienen 1862, habe ich leider noch nicht gelesen. Typischerweise versucht der Aufbau-Verlag gerade, die deutsche Kindle-Version für unverschämte 6,99 EUR loszuwerden. Viel Glück dabei! Die englische Version dagegen ist frei erhältich. Der Klassiker ist oft verfilmt worden, niemals so recht zufriedenstellend. Am bekanntesten ist vielleicht die Fassung von 1935 mit Charles Laughton als übertrieben misantropischem, übellaunigen Inspektor Javert, die mir nicht besonders gefiel. Es ist bestimmt ein schwer umsetzbarer Stoff, der die Jahre von 1815 bis zur Julirevolution 1830 umspannt, in fünf Teilen jeweils überschrieben mit dem Namen einer Hauptfigur,: Fantine, Cosette, Marius, Saint-Denis (kommt im Film wohl nicht vor), Jean Valjean.

Der aktuelle Film setzt natürlich auf dem erfolgreichen, 1980 uraufgeführten Bühnenmusical von Claude-Michel Schönberg (Musik) und Alain Boublil (Libretto) auf, dessen Langfassung in zwei Akten wohl um die drei Stunden dauert.. Fürs Kino sind jetzt (angeblich heruntergeschnitten von einer Vierstundenfassung) 158 Minuten übrig geblieben, ebenfalls grob in zwei Akte geteilt. Im ersten Akt werden der entlassene Sträfling Valjean (Hugh Jackman), sein Widersacher Javert (Russell Crowe), die schwindsüchtige Fantine (Anne Hathaway) und ihre kleine Tochter Cosette eingeführt. Im zweiten (interessanteren) Akt entwickelt sich ein Liebesdreieck zwischen der inzwischen erwachsenen Cosette (Amanda Seyfried), dem jungen Revolutionär Marius (Eddie Redmayne) und dem Straßenmädchen Éponine (Samantha Barks).

Voranstellen muß ich, daß ich dieser Sorte Bühnenmusical nicht viel abgewinnen kann. Andrew Lloyd Webber z.B. ist überhaupt nicht mein Fall. Musikalisch gibt es nur wenig, was hängenbleibt, dafür viel Sprechgesang, der oft unfreiwillig komisch wirkt und jegliche dramatische Wirkung entkräftet. Einige schöne harmonische Wendungen sind mir in Fantines "I Dreamed a Dream" und Javerts "Stars" aufgefallen, eingängig sind sicher noch "Do You Hear The People Sing" und das "Liebes-Trio". Ansonsten viel nette Wegwerfmusik. Das von den Schöpfern des Musicals extra neu komponierte und sogar für einen Oscar nominierte "Suddenly" ist belanglos.

Dieses Urteil ist natürlich auch vom Konzept beeinflußt, nach dem die Schauspieler live beim Dreh aufgenommen wurden. Dieses Experiment halte ich für komplett gescheitert. Gängige Praxis ist selbst bei Profisängern, den Gesang vorher im Studio aufzuzeichnen, wo man auch bei unbedarften Sängern noch ein Optimum herausholen kann (siehe z.B. Mamma Mia!).  Auch mittelmäßige Musik kann durch schöne Stimmen zum Erlebnis werden. Am überzeugendsten sind hier noch einige Ensemblestücke (die vielleicht doch vorher eingespielt wurden?) Ansonsten schlagen sich Amanda Seyfried (die junge Hauptdarstellerin aus "Mamma Mia!") und (logisch, sie spielte die Rolle schon auf der Bühne) Samantha Barks am besten. Hugh Jackman hat eigentlich Bühnenerfahrung, schlägt sich tapfer, scheitert aber auf hohem Niveau. Anne Hathaway (Der Teufel trägt Prada) hat sich für ihren Kurzauftritt etliche Kilos abgehungert und wirkt dann so verzweifelt, daß ganze Passagen ihres Gesangs komplett in Tränen untergehen. Eddie Redmayne (My Week with Marilyn) zeigt passable Ansätze. Russell Crowe (Gladiator) singt für einen Laien ganz ordentlich, leider scheint er ansonsten in seiner allgemeinen Ausdruckslosigkeit ein Gegengewicht zur Laughtonschen Übertreibung zu suchen. Javert ist ja der eigentliche tragische Held der Geschichte, der am Widerspruch zwischen Gesetz und Menschlichkeit zerbricht.

Bei einer Bühnenshow sollen die Emotionen durch die Lieder vermittelt werden. Im Film sehen wir dazu meist Großaufnahmen der Darsteller, oft sogar nur der Gesichter, eine übliche Technik, um Emotionen auf die Leinwand zu bringen. Dazu kommt hier, daß die Lieder auch noch mit viel Emotion interpretiert werden. Der Zuschauer wird also dreifach überladen. Nicht von der Bühnenshow lösen kann sich dagegen die Ausstattung, die selten mehr als wie eine künstliche Kulisse wirkt. Regisseur Tom Hooper hat ja in Die Rede des Königs gezeigt, daß er Schauspieler zu Glanzleistungen führen kann. Hier scheint er einfach überfordert. Wenn Not und Elend, leidenschaftliches Aufbegehren gegen Willkür,  Habgier und Gleichgültigkeit nur als malerischer Hintergrund für eine dramatische Liebesgeschichte dienen, dann ist das weit von der sozialkritischen Vorlage entfernt. Und durch die Lieder werden die Gefühle der Beteiligten derart externalisiert, daß das Drama mit all seinen Nuancen im Kitsch untergeht.

Die erste Hälfte des Films wirkt gehetzt, manche Ereignisse, die ich von anderen Verfilmungen im Gedächtnis hatte, sind verkürzt auf eine einzige, ohne Vorkenntnisse kaum zu verstehende Szene (z.B. Valjeans Auftritt im Gerichtssaal, oder die Rolle des "Bischofs" bei der Läuterung Valjeans - sind jemand die silbernen Leuchter aufgefallen?) Zur Mitte hin wird es dann kurz recht lebhaft, und zwar mit dem Auftritt von Sacha Baron Cohen und Helena Bonham-Carter als die diebischen Wirtsleute und Eltern von Éponine, die die kleine Cosette (gegen Bezahlung) bei sich aufgenommen haben. Cohen (Borat) würzt seinen Gesang als einziger mit einem französischen Akzent, Helena Bonham-Carter (sie spielte die Queen Mum in "Die Rede des König") tendiert eher zu Cockney. Dieses gut orchestrierte Zwischenspiel soll wohl für ein wenig komische Erleichterung sorgen, was im Ton allerdings nicht zum Rest paßt. Der zweite Akt wirkt dann geschlossener, spielt ja auch binnen weniger Tage und kumuliert in einer auch eher nach Bühnenart ausstaffierten Actionszene, an der Barrikade der Revolutionäre. Valjean ist erst gegen die Liebesbeziehung seiner adoptierten Tochter, opfert dann aber sein eigenes Glück zugunsten des jungen Paares. Leider wirkt dieses Happy End dann wieder überhastet, und ein wichtiges Handlungsdetail (daß Marius nicht weiß, wer ihm das Leben gerettet hat) wird erst im Nachhinein klar. Das ganze endet in einer merkwürdigen Coda, die zeitlich nicht recht einzuordnen ist und von vagen religiösen Untertönen geprägt ist.

Schade um die Verschwendung so viel Aufwands und Talents (4/10).

Sonntag, 17. Februar 2013

Auf den zweiten Blick: Moonrise Kingdom (8/10)

Zu Wes Anderson habe ich ein etwas zwiespältiges Verhältnis. Nach einem Fehlstart mit dem Kultklassiker Rushmore, der mir trotz Bill Murray gar nichts gesagt hat, war ich von den Royal Tenenbaums begeistert. Für Die Tiefseetaucher hatte ich noch viel Bewunderung übrig, aber mit Darjeeling Limited schien mir das Rezept für skurille Ensemble-Filme aufgebraucht. Den Trickfilm Der fantastische Mr. Fox fand ich erzähltechnisch recht müde. Doch mit erfolgreichen Moonrise Kingdom hat Anderson jetzt gezeigt, daß er seinen phantastischen Ideen doch noch Leben einhauchen kann.

Trotz aller Stilisierung hat mich auch beim Wiedersehen nicht nur die Liebesgeschichte der beiden 12jährigen Sam und Suzy, sondern auch das Porträt so mancher Nebenfigur bewegt. Besonders Edward Norton als Pfadfinderleiter, Frances McDormand und Bill Murray als die Eltern von Suzy und Bruce Willis als abgehalfterter Polizist (im Gegensatz zu Kevin Smith kann Anderson mit dieser eigenwilligen Action-Diva wohl umgehen) haben mich überzeugt. Es ist schon ein Vorteil, wenn man seine vielen Nebenfiguren mit Stars besetzen kann, die diesen mit wenigen darstellerischen Pinselstrichen Charakter geben können.

Vielleicht geht beim zweiten Sehen das Konzept noch besser auf, in dem die Kinder den Erwachsenen einen Spiegel vorhalten. Es gibt eine solche liebevolle Detaildichte, die sich erst in der Wiederholung erschließen kann. Das beginnt schon mit dem musikalischen Scherz, den Film mit Brittens "Young Person's Guide to the Orchestra" beginnen zu lassen, das jungen Menschen etwas herablassend die Orchesterinstrumente erklärt. Im Abspann dann kommentiert der junge Hauptdarsteller dann die Filmmusik von Alexandre Desplat in ähnlicher Weise. Wundervoll auch die (erfundenen) Kinderbücher Suzys, ihr Hang zu melancholischen französischen Chansons ("Le temps de l'amour" gesungen von Françoise Hardy) und Sams kunstvolle Zeichnungen. Außerdem spielt die Handlung in meinem Geburtsjahr!

Daher korrigiere ich meine Bewertung gern zu einem Sehr gut (8/10).

Das Bild der Blu-ray wirkt manchmal etwas weich, fast unscharf, das scheint aber der Quelle geschuldet zu sein, denn Anderson hat wohl um des nostalgischen Effekts willen in 16mm gedreht. Ansonsten gibt es technisch nichts zu bemängeln, und es werden etliche informative Extras angeboten, hervorzuheben die allerdings nicht untertitelten Interviews, u.a. mit Wes Anderson und einem in Cannes aufgenommenen entspannten Bill Murray (jeweils ca. 10 Minuten). Dafür gibt es ein kurzes deutschsprachiges Making of, in dem auch Co-Autor Roman Coppola kurz zu Wort kommt.

Samstag, 16. Februar 2013

Zwischenruf an Emma Stone

Liebe Emma,

Nach Zombieland und Einfach zu haben hat sich eine komplette Generation älterer Herren (und hoffentlich auch einige jüngere) in Dein schiefes Lächeln und Deine dunkle Haarpracht verknallt. Jim Carrey wollte sogar pausbäckige, sommersprossige Kinder mit Dir machen. Jetzt kommst Du als Diva zur Berlinale, immer noch (ich weiß, natürlich) blond, mit streng hochgesteckter Frisur und extrem künstlichem Make-up. Spider Man hat Dich berühmt gemacht, aber laß Dich von Hollywood nicht für dumm verkaufen! Du bist eines der größten komischen Talente der letzten 50 Jahre, und hast zudem soviel natürlichen Charme wie zuletzt Audrey Hepburn.

Herzlichst - Paul Kahl (und verzeih, daß ich bei Gangster Squad auf die Blu-ray warte)

Stonemouth: Ein Roman von Iain Banks

Da mein Hauptinteresse beim Lesen Science Fiction & Fantasy ist, verfolge ich nur wenige zeitgenössische Autoren außerhalb des Genres. Solche Ausnahmen sind John Irving, Nick Hornby und Kazuo Ishiguro. Der 1954 geborene Iain Banks gehört auch in diese Liste, ist allerdings eine Kuriosität, denn als Iain M. Banks schreibt der Schotte parallel auch SF-Romane, zumeist in einer fernen Zukunft, mit galaxieumspannenden, von mächtigen künstlichen Intelligenzen geprägten Zivilisationen, der sogenannten "Kultur". "Stonemouth", erschienen 2012, ist sein 13. Roman als Iain Banks.

Der 26jährige Lichtdesigner Stewart kehrt anläßlich der Beerdigung des Großvaters seiner Ex-Freundin Ellie in seinen Heimatort, das fiktive Stonemouth zurück. Der Roman beschreibt in Ich-Form ausführlich dieses lange Wochenende, kunstvoll unterbrochen durch Rückblenden aus seiner Jugend und zu den Ereignissen, die fünf Jahre zuvor zu seiner überstürzten Flucht nach London geführt hatten. Stewart trifft alte Freunde, Bekannte, Widersacher. In der Erinnerung reflektiert er seine Beziehungen und muß dabei, auch unter Einbeziehung neuer Erkenntnisse, so manche Eindrücke revidieren. Zwischen allen Zeilen aber bewegt ihn die Frage, ob er seine große Liebe Ellie wiedersehen wird, und ob vielleicht eine zweite Chance auf ihn wartet?

Stonemouth ist nur auf den ersten Blick eine typische schottische Kleinstadt (jedenfalls hoffe ich das aufgrund meiner Sympathie für disen traditionsbewußten keltischen Volksstamm). Schon der ominöse Beginn bereitet uns darauf vor, als sich Stewart erst einmal heimlich mit dem Schulkameraden Powell trifft, um von ihm quasi die Erlaubnis zur offiziellen Rückkehr zu erwirken. Powell hat Stewart schon in der Schule drangsaliert, ein typischer "Bully", der inzwischen aber eine Art Machtposition im Ort zu haben scheint. Nach und nach stellt sich heraus, daß Stonemouth von zwei Gangsterfamilien kontrolliert wird, die sich seit langem untereinander und mit der Polizei arrangiert haben. Pflichtbewußt macht der verlorene Sohn seine Aufwartung bei beiden Bossen: Donald, Ellies Vater, und Mike, indirekt der Arbeitgeber von Stewarts Vater. Unterschwellige Drohungen stehen im Raum, vor allem von Seiten Ellies Familie, aber man kann hoffen, dass die anstehende Beerdigung einen versöhnenden Effekt haben wird, zumal Stewarts Anwesenheit offenbar vom Toten, Donalds Vater Joe, testamentarisch arrangiert wurde.

Die Figurenkonstellationen erinnern in all ihrer Originalität notwendigerweise an Mario Puzos Der Pate. Es gibt viele Parallelen, vor allem in Donalds Familie. Der Patriarch ist nach außen hin der seriöse Geschäftsmann und sorgende Vater. Intern aber schwelen die Machtkämpfe, und genau wie Vito Corleone hat auch Donald sehr unterschiedliche Kinder, wobei in unserer modernen Zeit auch die beiden Töchter potentielle Kartellgrößen sind (bei den Corleones war nur der Schwiegersohn am Geschäft beteiligt). Der selbst schon zum Jähzorn neigende Donald hat den Generationenkonflikt nur mühsam im Griff, denn seine drei Söhne sind alle fast vom Schlage eines Sonny Corleone, vor allem in Kombination mit schottischem Whiskey. Der vierte Sohn, Stewarts Schulfreund Callum, starb vor Jahren unter mysteriösen Umständen und scheint damit eher an die tragische Fredo-Rolle angelehnt zu sein. Damit sind die Mädchen eher in der Michael-Rolle, was Stewart zu Kay machen würde ;-) Aber das würde den Vergleich überstrapazieren.

Es folgen LEICHTE SPOILER

Donnerstag, 14. Februar 2013

Klassiker auf Blu-ray #2: Der Zirkus (Charles Chaplin 1928)

Nach seinem Langfilm-Debut Der Vagabund und as Kind (1921) und seinem ersten Meisterwerk Der Goldrausch (1925) war Der Zirkus (1928) Chaplins dritte und letzte "echte" Stummfilmkomödie. Die Nachfolger Lichter der Großstadt und vor allem das großartige Moderne Zeiten enthielten schon Toneffekte und eine feste Musikuntermalung. "Der Zirkus" bekam eine solche erst 1969, für die Wiederaufführung komponierte der 80jährige Meister den Soundtrack und sang selbst das Titellied ("Swing Little Girl"). Selbst wer die oft sentimentale Grundstimmung in seinen Werken nicht mag, müßte bei dieser reinen Komödie, die 70 Minuten lang fast ohne Unterlaß witzig und packend ist, eigentlich auf seine Kosten kommen. Trotzdem scheint dies ein wenig bekanntes Werk zu sein.

Die Grundsituation ist so einfach wie komödiantisch ergiebig. Der Tramp wird auf dem Jahrmarkt mit einem Taschendieb verwechselt. Auf der Flucht vor den Polizisten stolpert er in die Zirkusarena und wird zur unfreiwilligen Sensation, verliebt sich in die Tochter des Direktors und zeigt am Ende sein großes Herz, indem er sie mit dem soliden Trapezkünstler verkuppelt. Diese einfache Handlung ist voller witziger Kleinode, enthält aber auch erstaunliche Produktionsnummern. Gern erinnert man sich an das Spiegelkabinett, den Löwenkäfig und die abschließende atemberaubende Hochseilnummer, eine Idee, aus der Chaplin wohl den kompletten Film entwickelt hat und die möglicherweise eine Hommage an Harold Lloyds wagemutigen Stunts darstellt (siehe vor allem Ausgerechnet Wolkenkratzer). Aber da sind auch die kleinen Szenen, unvergeßliche Vignetten, manchmal fast zufällig hingeworfen: Der Tramp versucht durch ein Loch im Zelt in die Manege zu schauen, als bei einer Prügelei ein Requisiteur neben ihm ohnmächtig zu Boden geht. Beiläufig zieht der Tramp den Bewußtlosen mit seinem Stock zu sich her und stellt sich auf ihn, um seinen Ausguck zu erreichen. Oder, auf der Flucht, der Versuch, erst allein, dann mit dem Taschendieb im Duett, sich als automatische Jahrmarktsfigur zu tarnen. Oder, die Zubereitung des Frühstücks, beginnend mit der Verfolgung der eierlegenden Henne. Oder die Wilhelm-Tell-Probe, in der er den wurmstichigen Apfel durch eine Banane ersetzt. Oder der mißglückte Versuch, dem Pferd eine Pille in den Rachen zu pusten.

Zwei Jahre lang arbeitete Chaplin an seinem Werk, nicht nur aufgrund seines Perfektionismus, sondern auch wegen Rechtsstreitigkeiten, technischen Problemen und Zerstörungen und Diebstählen am Set. Geblieben ist ein weiteres Werk für die Ewigkeit. Wie immer sind die weiteren Mitwirkenden mehr Komparsen. Das Mädchen wird gespielt von der 20jährigen Debütantin Merna Kennedy, die sich später eher durch ihre Ehe und anschließende Scheidung vom Choreographen und Musical-Genie Busby Berkeley hervortat und mit 36 Jahren bereits an einem Herzinfarkt starb. Von Chaplins Stammmannschaft erkennt man vielleicht noch Henry Bergman als traurigen, sympathischen Clown.

Herausragend (9/10).

Die im UK von Park Circus/MK2 veröffentlichte Blu-ray/DVD-Combo ist technisch sicher noch nicht das letzte Wort zu diesem Film, bietet aber ein sauberes Bild und guten Ton, wahlweise in dts-MasterAudio und zweikanaligem PCM Mono. Leider gibt es keine deutschen Untertitel, aber die wenigen Zwischentitel sollten auch mit geringen Englischkenntnissen zu bewältigen sein. Auf der DVD gibt es die bereits bekannte Dokumentation aus der Reihe "Chaplin Today", hier mit Emir Kusturica.

Sonntag, 10. Februar 2013

Klassiker auf Blu-ray #1: Verbotene Spiele (Jeux Interdits, René Clément 1952)

Frankreich 1940. Die Eltern der fünfjährigen Paulette werden im Chaos der Flucht aus Paris bei einem Luftangriff auf eine Brücke getötet. Verzweifelt klammert sich das Mädchen an ihr Hündchen, das jedoch noch in ihren Armen verendet. Als die Hundeleiche unzeremoniell durch einen Wurf in den Fluß entsorgt wird, klettert Paulette ihr nach und trifft den 11jährigen Bauersjungen Michele, der ihr hilft, das Tier zu begraben, und seine Eltern dazu überredet, das Waisenkind aufzunehmen.

Eine bloße Inhaltsangabe vermag nur schwer den Zauber dieses mit einem Goldenen Löwen und einem Ehrenoscar ausgezeichneten bedeutendsten Werks von René Clément zu vermitteln. Während die "Realität" der Erwachsenen derb-komisch, fast grotesk präsentiert wird, scheinen die Kinder Teil einer anderen, sehr poetischen Welt zu sein. In der Verarbeitung ihrer schockierenden Erlebnisse ist Paulette darauf fixiert, ihrem Hündchen ein schönes Grab mit möglichst viel Gesellschaft zu bereiten: Bald kommen Gräber für einen Maulwurf, Küken, sogar  Insekten hinzu. Michele wiederum ist so vernarrt in seine neue Freundin, daß er beginnt, Kreuze vom Leichenwagen und vom Friedhof zu stehlen, um sie zu trösten, wohl auch um sich ihrer Dankbarkeit zu vergewissern. Diese Verbotenen Spiele in der Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Tod erklären also den Titel.

Das Aufeinanderprallen der Welten findet auf mehreren Ebenen statt. So muß sich das Stadtkind Paulette erst an das Landleben gewöhnen, ekelt sich zunächst vor einem Glas Milch, in dem eine Fliege schwimmt. Das tiefempfundenen Begräbnisritual der Kinder wird den Worthülsen des Pfaffen und ein vielfach nachgeplapperte Vaterunser gegenübergestellt. Die unschuldige Beziehung der Kinder entwickelt sich parallel zu einer handfesten Beziehung von Micheles älterer Schwester Berthe mit dem Nachbarssohn. Herrlich dabei die aufeinander folgenden Beichten der Geschwister beim erbosten Dorfpriester: er stiehlt Kreuze ("unseren Herrn"), sie hat "den Wagen vor den Ochsen gespannt". Natürlich gibt es keine Sünde, die Katholiken für ein paar Ave Marias nicht vergeben...

Die Darstellung der damals tatsächlich fünfjährige Brigitte Fossey war und ist schlicht atemberaubend: vollkommen natürlich und doch erfüllt von komplexer Emotion. Dagegen wirkt die aktuell oscarnominierte Quvenzhané Wallis wie eine Knallcharge. Eher schon fühle ich mich an die ersten Auftritte von Elle und Dakota Fanning erinnert, die schon früh ähnliche schauspielerische Intelligenz zeigten. Natürlich ist bei solchen Leistungen in gleichen Teilen der Regisseur zu loben, der gemeinsam mit Brigittes Eltern (die übrigens auch ihre Filmeltern spielten) eine Drehatmosphäre zwischen Spaß und Ehrgeiz geschaffen hat, übrigens in zwei Schüben, den Sommer- und den folgenden Osterferien der Kinder. Fossey war bis vor einigen Jahren noch als Schauspielerin aktiv und in vielen französchen Filmen zu sehen, während der als Michel ebenfalls hervorragende, im Jahr 2000 verstorbene Georges Poujouly als Erwachsener nur sporadisch Filmrollen annahm.

Berühmt ist "Jeux Interdits" auch durch seine Musik, die ausschließlich aus einigen klassischen Gitarrenstücken zusammengesetzt ist. Eingespielt wurde sie vom damals 25jährigen, nach Segovia und vielleicht Llobet berühmtesten spanischen Gitarristen Narciso Yepes, der nach heutiger Bewertung allerdings eher für  maschinenhafte Präzision und öffentlichkeitswirksame Auftritte mit seinem 10saitigen Instrument als durch hohe Musikalität auffiel. Für das Titelstück und Leitmotiv Paulettes, die notorisch berühmte Spanische Romanze, beanspruchte er anfangs sogar Autorrechte, obwohl zumindest die Melodie mindestens seit 1900 bekannt war. Das Stück selbst ist technisch gesehen eine Etude für fortgeschrittene Anfänger und damit praktisch jedem klassischen Gitarristen bekannt. In seiner musikalischen Schlichtheit paßt es aber perfekt zu den unschuldigen Gefühlen der Kinder. Neben der Romanze baute Yepes noch einige andere Repertoire-Klassiker ein, darunter ein Fragment der Llobet-Bearbeitung des katalanischen Volksliedes El Testament d’Amelia.

Ein lohnenswerter Klassiker des französischen Films, bewegend, ohne sentimental zu sein, ein zeitloses Thema mit einfachen Mitteln und hervorragenden Darstellern in 90 Minuten auf den Punkt gebracht. Herausragend (9/10).

Die Blu-ray ist in Deutschland gerade durch Arthaus/Studiocanal veröffentlicht worden. Sie bietet das hervorragend restauriertes Schwarzweißbild im Originalformat (4:3), wahlweise den französischen Originalton oder die deutsche Synchronisation und optionale Untertitel in Deutsch, Englisch und Französisch. Wie meist ist der deutlich atmosphärischere Originalton zu empfehlen. Die Tonqualität ist in beiden Spuren zufriedenstellend, leider ist der Gitarrenklang nach 60 Jahren in den Höhen doch etwas verzerrt. Als Extras gibt es die ursprünglich geplante, dann m.E. zum Glück komplett geschnittene Rahmenhandlung (ca. 5 Minuten), dazu eine informative 30minütige Dokumentation, die als Kernstück ein ausführliches aktuelles Interview mit Brigitte Fossey enthält.

Montag, 4. Februar 2013

The Impossible (2/10)

Schon im Vorspann wird darauf hingewiesen, daß es sich bei Das Unmögliche um eine wahre Geschichte handelt - mich läßt bereits das einen besonders verlogenen Film erwarten. Im Abspann dann schließt man aus den Namen der Vorbilder, daß hier sogar die ursprünglich spanische Familie von Überlebenden durch publikumswirksamere britische "Weiße" ersetzt wurde. Und deren Überlebenskampf wird hier zelebriert, vor dem Hintergrund einer unvorstellbaren Katastrophe; Tausende von thailändischen Opfern sieht man kaum mal in Totalen, einzig eine einheimische Krankenschwester hat gerade genug Szenen, um nicht nur als Komparsin gelistet zu werden. Zwar ist es immer schon üblich und im Sinne eines erträglichen Kinoerlebnisses auch notwendig, Katastrophen im Film aus Sicht von Überlebenden zu zeigen, wie etwa in den Holocaust-Meisterwerken Schindlers Liste und Der Pianist. Aber hier ist es schändlich, wie die Opfer im Hintergrund verschwinden und die Streicherchöre das Happy End für die Musterfamilie mit den drei niedlichen Kindern feiern. Mir tun Ewan McGregor und Naomi Watts leid, die sichtbar hart gearbeitet haben für dieses verkitschte, überflüssige Machwerk. Und so sehr ich Naomi Watts den Oscar gönnen würde, seit ihrem umwerfenden Durchbruch in Mulholland Drive, so brächte mir das dieses Jahr keine wirkliche Freude.

Uninteressant (2/10).

Samstag, 2. Februar 2013

CIA-Dramen: Zero Dark Thirty (4/10) und Argo (7/10)

Zero Dark Thirty: Zunächst einmal ist dies der dämlichste Titel des Jahres. Selbst als Anbiederung an Soldaten funktioniert das nicht, denn der korrekte Begriff wäre "0 Dark Thirty", analog zur militärischen Aussprache etwa von 03:30 ("Oh Three Thirty"), was einen unbestimmten Einsatzzeitpunkt nach Mitternacht bezeichnet. Nicht daß der Film sich mit einer Erklärung aufhält, das mußte ich selbst nachträglich recherchieren.

Ursprünglich vor dem Auffinden Bin Ladens konzipiert, ist ironischerweise die Inszenierung des Angriffs auf seine pakistanische Residenz in der letzten halben Stunde die beste Sequenz des Films. Zwar mit bekanntem Ausgang und mit patriotischen Untertönen, ist das wenigstens spannend aufbereitet. Bis dahin gibt es 120 Minuten unangenehme Folterungen, nichtssagende Dialoge, aus dem NIchts kommende aufbrausende Emotionen. Und eine naive (wenngleich sympathisch von Jennifer Ehle dargestellte) CIA-Agentin, die einen angeblichen Maulwurf mit einem selbstgebackenen Kuchen erwartet. Zumindest dieses tragische Ereignis scheint sich in der Realität etlichen Kommentaren zufolge deutlich anders abgespielt zu haben. Da dieser Ausgang im Film äußerst plump telegraphiert wurde, entschuldige ich mich hier auch nicht für diesen Spoiler.

Es ist kein Zufall, daß "Zero Dark Thirty" von verschiedenen Seiten unter (vorsichtigen) Beschuss geriet. Das Drehbuch vermeidet um jeden Preis, zu irgendetwas Stellung zu nehmen, und schildert alles mit einer gleichgültigen, ungenauen Haltung, die für jegliche Interpretationen offen bleibt. Ja, das vieldiskutierte Waterboarding wirkt unangenehm, aber dass der Gefangene tagelange in äußerster Demütigung nackt an den Armen aufgehängt in Dunkelheit mit aggressiver westlicher Musik beschallt aushalten muß, wirkt auf mich viel schlimmer...

Das alles soll ja angeblich auf Augenzeugenberichten beruhen, was mich ein wenig ratlos zurückläßt. Das war alles, was der CIA zum Auffinden des Staatsfeindes Nummer Eins heranzog? Ein winziges Team, eine Analystin, die zumindest in der Verfilmung weder Farsi noch Arabisch zu beherrschen scheint? Die 12 Jahre lang einem Phantom hinterherjagt, ohne ein einziges sichtbares Ergebnis, bis sie dann mit Glück, ein paar Bestechungsgeldern und ein wenig Kriminalarbeit dann doch den Jackpot knackt?

Es werden in den letzten Jahren immer wieder "Starke Frauengestalten" beschworen. Wenn man Jessica Chastain aber beobachtet, bedeutet das hier nur, daß sie kaum Emotionen zeigt und ab und zu mal in eine Schimpftirade ausbricht. In Gegenwart des CIA-Direktors das Wort "Motherfucker" zu benutzen macht aber noch keine starke Frau aus. Die sympathische wohl spätberufene 35jährige, die mir letztes Jahr in The Help in einer feinen Nebenrolle gut gefallen hat, wirkt hier nicht nur wegen des dünnen Materials einfach überfordert. Trotzdem scheint sie eine Favoritin für den Oscar zu sein. Immerhin ist Kathryn Bigelow nicht als beste Regisseurin nominiert; schon ihren Gewinner Tödliches Kommando hielt ich für überschätzt. Autor Mark Boal hat vor diesen beiden Büchern gemeinsam mit Paul Haggis die Story zum starken Im Tal von  Elah geliefert: ein sehr persönlicher Fokus auf globale Probleme, der mir in "Zero Dark Thirty" komplett gefehlt hat.

Erträglich (4/10).

Ganz anders das zweite CIA-Drama der diesjährigen Oscar-Nominierungen, Ben Afflecks dritte Regiearbeit Argo, mit 120 kurzweiligen Minuten übrigens der zweitkürzeste der neun Kandidaten. Beginnend als leichtfüßiges Drama mit komischen Untertönen, entwickelt sich "Argo" gegen Ende zum spannenden Thriller. Komik entsteht vor allem in den Hollywood-Szenen, wo Alan Arkin und John Goodman die Produktion für den fiktiven Science-Fiction-B-Film aufnehmen, um Ben Affleck als CIA-Agent einen plausiblen Hintergrund für seine Rettungsaktion im Iran zu geben, wo einige Amerikaner sich in der kanadische Botschaft verstecken. Abgesehen vielleicht vom kanadischen Botschafter (sympathisch: Alias-Veteran Victor Garber) sind die übrigen Nebenfiguren nur schwach skizziert. Ich hätte z.B. gern mehr über das iranische Dienstmädchen in der Botschaft erfahren.

Wenn man Affleck etwas vorwerfen kann, dann vielleicht, daß alles zu ausgewogen ist, im Ergebnis (nicht in der Ausführung!) etwas leidenschaftslos. Mehr Mut zum Risiko täte ihm gut, und trotz seiner gewachsenen Kompetenz gefällt mir sein rauher, unvorhersehbarer Erstling Gone Baby Gone immer noch am besten. Nun ja - willkommen im Mainstream! Nachdem Afflecks Karriere mit einem Oscar fürs Buch von Good Will Hunting begann, gab es ja mehr als das übliche Auf und Ab, bis der hochsympathische Mime jetzt seine Laufbahn stabilisiert hat, wohl nicht zuletzt wegen seiner bodenständigen Ehefrau Jennifer Garner (der Star aus Alias). Und daß Affleck nicht als bester Regisseur nominiert ist, kann durchaus in einem Kompensationsphänomen zum Oscar für den besten Film führen!

Gut (7/10).