Alle paar Jahre versucht die Akademie mit einem hippen Moderator, ein paar jüngere Zuschauer zurückzugewinnen. Diesmal kredenzte der stimmfeste Seth MacFarlane uns im insgesamt gelungenen Eröffnungsegment das gewiß nicht preisverdächtige Liedchen "Ich hab deine Titten gesehen". Obwohl ihn eigentlich der eigens aus der Zukunft hergebeamte Kapitän James T. Kirk 1.0 zurückgepfiffen hatte. Jawohl, Bill die Shatnersche Excellenz persönlich durfte zu Beginn per Videoleinwand ko-moderieren und einmal mehr seine komische Seite zeigen.
Hier ein Link zu einem Ausschnitt der Eröffnung.
Die Musik
Die Show stand angeblich unter dem Motto "Musicals". Leider fiel den Produzenten für die zugehörige Showeinlage neben dem aktuellen Beitrag "Les Misérables" und dem herausragenden Besten Film Chicago von 2003 (Catherine Zeta-Jones mit "All That Jazz") nur noch das sehr mittelmäßige Dreamgirls von 2006 ein. Eine erschlankte Jennifer Hudson schmetterte ihren Beitrag laut, aber nicht besonders schön. Wenn man sich schon auf das letzte Jahrzehnt beschränkt: Was ist mit dem mitreißenden The Producers, dem tollen Hairspray (immerhin mit kurzem Clip beim Auftreten von John Travolta) und vor allem dem super-erfolgreichen Mamma Mia!, dessen Hauptdarstellerinnen sogar beide anwesend waren? Musikalisch gebt es ansonsten zu vermelden, daß Norah Jones' Song zu Ted etwas unterging, während Adele ihren Bond-Hit souverän darbot und kurz darauf vor Glück übersprudelnd und so von ihren Emotionen überwältigt ihren Oscar in Empfang nahm, daß sie fast sofort das Wort an ihren Co-Komponisten Paul Epworth abgeben mußte:Klasse und bewegend war auch die Darbietung von "Goldfinger" durch die immer noch stimmkräftige 76jährige Shirley Bassey als Höhepunkt des Bond-Specials, das ansonsten zwar eine gute Montage, aber keinen der Hauptdarsteller zu bieten hatte.
Die Gewinner
Wie mehr oder weniger erwartet:- Christoph Waltz als bester Nebendarsteller: Nicht seine beste Dankesrede, aber er zitiert aus dem Drehbuch die Stelle, die Tarantino wiederum aus der Nibelungensaga entliehen hatte.
- Anne Hathaway als beste Nebendarstellerin. Sichtlich überwältigt, gelingt ihr doch noch eine zusammenhängende Danksagung.
- Jennifer Lawrence als beste Hauptdarstellerin: Zu Recht überwältigt, aber nach einem Sturz auf der Treppe gut improvisiert. Stehende Ovationen.
- Daniel Day-Lewis als bester Hauptdarsteller. Historisch, obwohl genaugenommen Katherine Hepburn mit vier Gewinnen immer noch den Rekord hält. Beste Dankesrede: sichtlich gerührt, aber trotzdem cool und mit dem besten Witz des Abends, nachdem Meryl Streep ihm seine Statuette überreicht hat (sehr frei übersetzt): Eigentlich sollte alles ganz anders kommen, aber vor drei Jahren haben Meryl und ich spontan die Rollen getauscht. An sich sollte ich Margaret Thatcher und sie Lincoln spielen.
- Bestes Originaldrehbuch: Quentin Tarantino. Wäre auch merkwürdig gewesen, wenn Waltz gewonnen hätte und die Vorlage zu dieser brillanten Figur nicht. QT supercool wie immer, erklärt 2012 zu einem Jahr toller Drehbücher.
- Bestes adaptiertes Drehbuch und bester Film: Argo. Was wohl passiert wäre, wenn Ben auch als Regisseur nominiert worden wäre?
- Amour als bester fremdsprachiger Film. Überraschend ist hier natürlich nur, daß es bei diesem Preis blieb. Viele hatten auch auf den Drehbuchpreis getippt, wenn nicht sogar auf Beste Regie.
- Merida als bester Trickfilm: Buh! Pixar genügen offenbar mittelmäßige Beiträge zum Gewinn. Bei den Golden Globes erklärt sich das durch die starverklärten Oldtimer, die dort die Preise vergeben. Die Akademie sollte eigentlich inzwischen im Schnitt klüger sein. Immerhin gewann Paperman für Disney.
- Ang Lee für die beste Regie: Darüber habe ich mich am meisten gefreut, es ist hochverdient, obwohl Spielberg das sicher sauer aufgestoßen ist.
Die Präsentatoren
Gleich zu Beginn glänzten zunächst Charlize Theron mit Channing Tatum und dann Daniel Radcliffe mit Joseph Gordon-Levitt gemeinsam mit Seth MacFarlane in gelungenen Tanzeinlagen.Bei den Präsentationen gerade in den "technischen" Kategorien ist aber weder den Produzenten der Show viel eingefallen, noch konnten sich viele Präsentatoren hervortun. Natürlich gab es Schönheit und Klasse zu bestaunen, z.B. Selma Hayek, Jane Fonda, Halle Berry, Meryl Streep, Hugh Jackman, Jack Nicholson, Jean Dujardin, Dustin Hoffman. Aber die Komiker fehlten oder enttäuschten (Paul Rudd und Melissa McCarthy!), und es gab einige verhaspelte oder gar peinliche Ansagen. Nicht einmal Ted selbst (der ja vom Host erfunden und gesprochen wurde) und Mark Wahlberg konnten richtig zünden.
Tiefpunkt war mal wieder die holprige, monotone Präsentation von Kristen Stewart, wofür weder ihr tolles Aussehen noch ihr smarter Co-Ansager Daniel Radcliffe entschädigen konnten.
Cool dagegen die aufgrund ihres Milliarden-Einspielergebnisses zähneknirschend eingeladenen Avengers:
Überraschung des Abends kam dann zum Höhepunkt und Prämierung des besten Films, als Jack Nicholson an Michelle Obama übergab, die per Videoübertragung aus dem Weißen Haus den Gewinner verlas. Damit wollte die Akademie wohl die Globes übertreffen, bei denen immerhin Bill Clinton "Argo" präsentiert hatte.
Beste Sprüche von Seth MacFarlane (frei übersetzt):
Und jetzt beginnt es - das Warten auf ein Lächeln von Tommy Lee Jones (dieses Bonmot knackt sofort TLJs grimmige Fassade)
Die Argo zugrunde liegende CIA-Mission war so geheim, daß der Akademie nicht einmal der Regisseur des Films bekannt war.
Sonntag abend, alle in den besten Kleidern. Eigentlich wie ein Kirchbesuch, nur mit mehr Betenden.
Quvenzhané Wallis, deren Name wie ein Sehtest aussieht, wird enttäuscht sein, wenn die alte Dame --- Jennifer Lawrence - gewinnt.Zum Abschluß gab es noch ein schönes Duett zu Ehren der Verlierer, präsentiert von MacFarlane und der wunderbaren Kristin Chenoweth (Pushing Daisies), deren Stimme so groß wie ihre Gestalt zierlich ist.







